27.04.2017 – Mendel Bukowiecki

wurde 1909 in Polen geboren und verließ sein Heimatland freiwillig 1929, um nach Frankreich zu gehen.

Im Jahre 1943 wurde er in Nizza von der Gestapo verhaftet, denn Mendel Bukowiecki war Jude.

Zuerst kam Bukowiecki nach Auschwitz-Birkenau. Dann wurde er nach Buchenwald und schließlich in dessen Außenlager  Langenstein-Zwieberge verlegt.

Dieses Außenlager wurde am 21.04.44 mit 18 Häftlingen eröffnet und war für 2000 zur „Vernichtung durch Arbeit“ gefangene Juden geplant. Schließlich schufteten sich dort aber bis zu 5000 Menschen unter schrecklichsten Bedingungen zu Tode. Sie mussten ein Stollensystem für die Untertageverlagerung der Rüstungsproduktion in den Untergrund treiben.

 

Am 11.04.1945 befreiten Einheiten der 8th US. Armored Division und des 3rd Armored Division 32nd regiment  das Lager.

Auf dem Gelände fanden die Soldaten offene Massengräber mit kreuz und quer gestapelten Leichen.

Als die Soldaten die Baracken betraten, fanden sie sich in einer stinkenden Hölle mit 1500 teils lebendigen, teils toten Gefangenen wieder, die inmitten ihrer eigenen Notdurft auf den Pritschen lagen. Sie waren einfach zu schwach und zu krank, um eine Toilette aufzusuchen.

Ein einziger Arzt aus Tschechien, selbst Häftling, stand diesem Elend hilflos gegenüber.

Auch Mendel Bukowiecki lag in einer der Baracken. Er hatte überlebt.

Bis zum 12.03.1989 lebte er in Frankreich. Sein Sohn Gerard schenkte dem Jüdischen Museum der Stadt Rom die KZ-Uniform seines Vaters, auf der auch noch der verblasste Judenstern erkennbar ist. Doch:

NIEMAND HAT DAS RECHT ZU VERGESSEN-

UND NIEMAND DARF VERGESSEN-

UM DES LEBENS UND DER MENSCHHEIT WILLEN

so lautet eine Inschrift an der Gedenkstätte für die Opfer von Langenstein-Zwieberge in Sachsen-Anhalt/Deutschland.

Am vergangenen Montag besuchten wir dieses Museum im Untergeschoss der Großen Synagoge von Rom.

In der Synagoge wird die Tora aufbewahrt. Tora bedeutet „Weisung“ und bezeichnet die fünf Bücher Mose, die das Volk Israel am Berg Sinai erhalten hat.

Mit dem „Jad“ – es gibt nur noch ein einziges weiteres Exemplar dieses kostbaren Zeigestocks hier, wird die Tora in Hebräisch im Gottesdienst vorgelesen. Die heilige Schrift soll nämlich nicht direkt berührt, beschmutzt oder beschädigt werden.

Nach einem Anschlag palästinensischer Terroristen am 9.Oktober 1982 gleicht das Gelände um die Synagoge einem Hochsicherheitstrakt, den man nur nach einem Sicherheitscheck betreten kann. Für 11 Euro Eintritt erhalten wir einen sehr informativen Audioguide für das Museum und eine Führung durch die Große Synagoge in englischer Sprache.

Im Vergleich zum Jüdischen Museum in Berlin ist dieses hier sehr überschaubar. Doch sind die jüdische Religion, die Kultur und die Traditionen so vielfältig, dass die Erklärungen, die anhand der Exponate gemacht werden, einige Zeit in Anspruch nehmen.

So lauschen wir also dem Audioführer und erfahren viel über die jüdischen Feste Sukkot (Laubhüttenfest), Jom Kippur (heiligstes Fest im Jahr), Rosch Haschana (Neujahrsfest, von dessen Name sich der „Gute Rutsch“ ableitet).

Zu Rosch Haschana wird der „Schofar“, das Widderhorn, geblasen. Es liegt auf dem Blatt mit den Noten.

Beim Pessach-Fest feiern die Juden die Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei und den Auszug aus Ägypten. Genau zu diesem Anlass kam ja Jesus nach Jerusalem, um dort das Pessach-Fest im Tempel zu feiern. Heute erinnern sich die Christen zu Palmsonntag an dieses Ereignis.

Während  Jesus an diesem Tag noch als Heilsbringer gefeiert wurde, nagelte man ihn auf Wunsch des jüdischen Volkes ein paar Tage später ans Kreuz. Und genau das wurde dem jüdischen Volk später von der christlichen Kirche vorgeworfen!

Nicht die gemeinsamen biblischen Wurzeln, nicht der eine gemeinsame Gott zählten, sondern lediglich die Tatsache, dass Juden den Sohn Gottes ermordet hatten. Damit kamen sie für alle Schlechtigkeiten dieser Welt in Betracht: Lügen, betrügen, stehlen und sogar Kindesmord.

Aber wie kamen jüdische Menschen nach Italien? – Antwort: Als Sklaven aus der römischen Provinz Judäa. Ihnen folgten aber auch freie Handwerker und Händler nach Rom, wo sie im heutigen Stadtteil Trastevere ihre erste Gemeinde gründeten.

Lange Zeit lebten Juden und Christen friedlich miteinander. Juden waren oft sehr erfolgreich und wohnten in vornehmen Stadtgebieten. Sie konnten sich christliche Ammen und Krankenpfleger leisten und nicht selten standen christliche Bürger, denen sie Geld geliehen hatten, bei ihnen in der Kreide. Das erzeugte sicher auch Neid und Missgunst!

Auch ein Papst war gar nicht gut auf die Juden zu sprechen. Gian Pietro Carafa, Spross einer neapolitanischen Adelsfamilie, gelang es, auf der Karriereleiter zum Erzbischof, dann zum Kardinal, zum Kardinalbischof und schließlich im Jahre 1555 zum Papst aufzusteigen. Er nannte sich jetzt Paul IV. und leitete die Inquisition mit unnachgiebiger Härte. Sein überlieferter Ausspruch: „Selbst wenn mein eigener Vater Häretiker wäre, würde ich das Holz zusammentragen, um ihn verbrennen zu lassen.“ sagt alles über diese Persönlichkeit.

Er witterte angesichts des anziehenden Protestantismus überall „Ketzerei“ und sah die Juden als Drahtzieher. Dabei entwickelte sich auch Martin Luther vom anfänglichen Judenfreund zum ausgewachsenen Judenhasser, was er in seiner drastischen Sprache zum Ausdruck brachte.

Um die sozial aufstrebenden Juden an ihrer Entfaltung zu hindern und sie zu erniedrigen, erließ Papst Paul IV. am 14.06.1555 die päpstliche Bulle „Cum mimis absurdum„, was in der Übersetzung bedeutet, dass es überaus unangebracht und unpassend ist, dass die Juden, die ihr eigenes Vergehen zu ewiger Knechtschaft verdammt hat (…), na ja, dass diese Juden mit Christen zusammen leben, sie als Dienstboten einstellen, von ihnen mit „Herr“ angeredet und womöglich noch in ihrer Schuld stehen…..

Ab sofort mussten alle Juden in Rom im Ghetto leben. Dieses Gebiet am Tiber wurde von einer Mauer umgeben, die von den Juden selbst bezahlt werden musste (Hat Mr. Trump hier eventuell seine Idee von der Finanzierung der Mauer zu Mexiko geklaut?). Die Tore in dieser Mauer wurden nachts selbstverständlich verschlossen!

Der Begriff Ghetto entstand ursprünglich in Venedig, wo das erste jüdische Ghetto in Europa angelegt wurde. Der Name leitet sich von dem Begriff Gießerei ab, die wegen der Brandgefahr auch mit Schutzmauern umgeben war.

Immer wieder wurde das zugewiesene Wohngebiet vom Hochwasser überflutet, was zu ungesunden Wohnbedingungen führte. 15 schikanöse Anordnungen mussten von der jüdischen Bevölkerung befolgt werden, z.B. eine Kleiderregel, Einschränkungen in der Berufsausübung, Arbeitsverbot an christlichen Feiertagen und Sonntagen usw. und sofort. Erst 1870 wurde dieses letzte westeuropäische Ghetto aufgelöst, als die gegen den Kirchenstaat kämpfenden Truppen die Stadt Rom besetzten.

Als Mussolini an die Macht kam, mussten die Juden wieder zurück ins Ghetto.

In der Nacht des 16. Oktober 1943 wurde es von der Gestapo gestürmt. Die Menschen wurden aus dem Schlaf gerissen und hatten 20 Minuten Zeit, leichtes Gepäck und Marschverpflegung für eine Woche zusammenzuraffen. Über 1000 Juden vom Neugeborenen bis zum Greis wurden nach Auschwitz deportiert. Nur eine Handvoll überlebten.

So, wie Mendel Bukowiecki, dessen gestreifte Uniform bis heute an dieses UN-HEIL erinnert.

Obwohl sich das Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum gewandelt hatte, ließ Papst Pius XII. sie gewähren. Ein eindrucksvoller Spiegel-Artikel veranschaulicht dieses Drama (www.spiegel.de/einestages/judenrazzia-1943-in-rom-retten-sie-uns-eure-heiligkeit-a-951284.html ).

Nach dem Besuch des Museums und der Synagoge spazieren wir noch durch die engen Gassen des jüdischen Viertels, in dem heute wieder etwa 500 jüdische Familien leben, wo die Touristen am Schildkrötenbrunnen Pause machen oder sich in den koscheren Restaurants das jüdische Essen schmecken lassen.

Doch hier ist es uns zu voll. Auf einer der vielen Treppen, die zum Tiberufer hinunterführen, setzen wir uns im Schatten der Platanen auf eine Mauer und genießen die köstlichen koscheren Makronenkekse aus dem kleinen Laden „Kosher Cakes“ an der Piazza Costaguti.

 

  1. Merci beaucoup d’avoir évoqué la mémoire de mon père.
    Je suis très touché.

    Gérard BUKOWIECKI

    • Cher Monsieur Bukowiecki! Je suis tres heureux que vous ayez lu mon histoire et je vous remercie beaucoup pour votre commentaire, qui a`mon tour m´a profondement touche´. Cordialement et restez en bonne sante´! Christine Kohnen

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