28.04.2017 Viertausend!

Nein, wir haben nicht im Lotto gewonnen. Wir meiden Glücksspiele und gehen stattdessen lieber in eine der (geschätzt) 4000 Kirchen in Rom. Den Ehrgeiz, alle zu besuchen, haben wir nicht. Irgendwann wollen wir ja auch weiterziehen, aber das Wetter hier verdient momentan den norddeutschen Ausdruck „Schietwedder„: Stürmisch, regnerisch und kalt. Hinter der Hafenmole tobt das aufgewühlte Meer, der Heizlüfter surrt Tag und Nacht und Anima mea ruckt heftig an den Leinen.

Der Käptn „kindelt“ auf der Salonbank und ich sitze unter der Kuchenbude und schreibe. Heute möchte ich die letzten drei Kirchen vorstellen, die wir mehr oder weniger zufällig am Wegesrand fanden.

  1. San Bartolomeo all´Isola

fanden wir, als wir vom jüdischen Viertel zur Tiberinsel wanderten.

San Bartolomeo

In der Antike stand hier ein Tempel, der Äskulap geweiht war. Um das Jahr 1000 herum wurde die Kirche und ein Kloster im Auftrag Kaiser Ottos III. errichtet. Der Sarkophak mit den Gebeinen des Heiligen Bartholomäus bildet den Altar der Kirche. Allerdings fehlt darin die Hirnschale des Heiligen, denn die ruht seit dem 13. Jahrhundert im Kaiserdom zu Frankfurt.

Der Altarraum

2002 weihte Papst Johannes Paul II. die Kirche den neuen Märtyrern des 20. Jahrhunderts. In den sechs Seitenkapellen sind dazu Reliquien und Erinnerungsstücke ausgestellt.

Zwei dieser neuen Märtyrer will ich namentlich erwähnen, weil mich ihr Lebenslauf und ihr Handeln besonders beeindrucken. Zwei mutige und aufrechte Menschen, die beide in Deutschlands dunkelster Vergangenheit lebten. Bei Wikipedia kann man mehr über ihr Leben und Wirken erfahren.

FRANZ JÄGERSTÄTTER: geb. am 20.05.1907 in St. Radegrund, Oberösterreich, hingerichtet am 09.08.1943 im Zuchthaus Brandenburg. Sein „Verbrechen“: Wehrkraftzersetzung im Zweiten Weltkrieg. Sein überlieferter Ausspruch: „Besser die Hände gefesselt als der Wille.“

HEINRICH RUSTER: geb. am 14.10.1884 in Kuchenheim/Euskirchen, verstorben (wahrscheinlich ermordet) am 23.10.1942 im KZ Sachsenhausen. Er arbeitete als Schriftsteller und war Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.

  1. Santo Stefano Rotondo sul Celio

Der Name verrät: Wir haben inzwischen auch den siebten Hügel, den Monte Celio, bestiegen! Der eigentliche Grund dafür war die Villa Celimontana, ein Park on top of the hill. War mal wieder enttäuschend: Wild-wucherndes Grün und staubige Wege, marodes Mauerwerk und leere Blumenkübel.

Aber an der Via di S. Stefano Rotondo fanden wir die unscheinbare Kirche gleichen Namens. Eigentlich war es das Schild an der Kirchenmauer, das uns auf das Kleinod aufmerksam machte:

Beim Eintreten wurden wir sofort an das Pantheon erinnert, denn was man von außen nicht sieht: Der Innenraum ist rund. An den Wänden die reinste Horrorshow! 32 Fresken mit den schauerlichsten Folterdarstellungen frühchristlicher Märtyrer. Von 1582 bis 1583 ließen hier die berühmten Maler Niccolo Circignani, genannt il Pomarancio, und Matteo di Giovanni, genannt Matteo da Siena, ihrer Fantasie freien Lauf.

Folterszene

In der Apsis findet sich noch eine Besonderheit: Im Mosaik sind die Märtyrer-Brüder Primus und Felicianus dargestellt. Ihre Reliquien – es sind die ersten, die in eine Kirche überführt wurden – ließ Papst Theodor I. (642-649) aus den Katakomben hierherbringen.

 

  1. Basilica di Porta S. Giovanni – „Haupt und Mutter aller Kirchen Roms und des Erdkreises“

Vorab: Für uns die prächtigste, edelste und beeindruckendste Kirche von allen! Ja, auch vor dem Petersdom!

Nach dem Sieg über Maxentius (312) ließ Kaiser Konstantin I. die Basilika und das angrenzende Baptisterium erbauen. Neben der Kirche befand sich bis zur Übersiedelung der Päpste in den Vatikan der Papstpalast. Bis heute ist die Kirche die Bischofskirche des Bischofs von Rom, dem Papst.

Die Fassade ist klassizistisch, das mächtige Hauptportal stammt aus der antiken Kurie (Versammlungsgebäude des Senats) auf dem Forum Romanum.

Beim Eintreten in die fünfschiffige Kirche wird der Blick sofort von den kunstvollen Kosmatenböden gefangen. (Kosmatendekorateure fertigten zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert diese kostbaren Einlegearbeiten aus wertvollem Gestein. Ihr Name kommt von Kosmas, dem Stammvater der Familie.)

Kosmatenboden

Auch im Kreuzgang sollen diese einzigartigen „Inkrustationen“ zu bewundern sein, aber 5 Euro Eintritt pro Person erschien uns etwas unverschämt, zumal in allen Reiseführern 2 Euro stand!

Über diesen wunderschönen Steinteppich, links und rechts das Spalier der überlebensgroßen Barockstatuen, gemeißelt von Schülern Berninis, nähert man sich dem Hauptaltar. Darüber das Ziborium (1367) mit den Reliquien der Häupter der Apostel Petrus und Paulus.

Ziborium über dem Hauptaltar

Dahinter der Chor mit kunstvollen Mosaiken aus dem Mittelalter.

 

Darunter sehr würdevoll und edel: Der Bischofssitz, ebenfalls ein Meisterwerk der Kosmatenkunst.

 

Auch das Baptisterium, das sich an der Rückseite der Kirche befindet, wurde von Konstantin erbaut. Die achteckige Form erhielt der „Prototyp“ aller Taufkapellen allerdings erst zwischen 432 und 440 unter Papst Sixtus II.

Die Säulen des Baptisteriums sind aus kostbarem ägyptischen Porphyr

 

Mein Text ist fertig und gerade versinkt im Westen die glühende Sonne im Meer.

Sie zaubert einen makellosen Regenbogen an den Himmel, während die letzten Regentropfen aufs Kuchenbudendach klopfen.

Wer könnte schönere Kunstwerke zaubern als Baumeister Natur?

 

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