29.05.2018 Irrungen und Wirrungen

In Reiseführern werden am Anfang meist die „Highlights“ des Reiseziels aufgeführt. Würden wir einen solchen Führer für Kreta besitzen, wäre dort sicher auch die „Samaria-Schlucht“ aufgelistet.

Sie ist das Ziel unserer zweiten Autotour am Freitag. Und weil für uns immer „DER WEG IST DAS ZIEL“ gilt, fahren wir nicht direkt dorthin sondern nehmen ab Chania zunächst die Straße nach Sougia (Südküste).

Auf der kurvenreichen Strecke kommen wir durch ein enges Tal. Schafe und Ziegen grasen zwischen Geröll und niedrigen Polsterpflanzen. Dazwischen sprießen auffällige Pflanzen mit dunkelroten Blüten, die die Tiere nicht anrühren.

Bei den beeindruckenden Aronstabgewächsen handelt es sich um die Drachenwurz (lat. Dracunculus vulgaris). Der kräftige, gemusterte Stängel wächst aus einer unterirdischen Zwiebel heraus. Auch die Laubblätter sind fein gezeichnet. Aus dem samtig schimmernden, dunkelroten Hüllblatt erhebt sich ein braun-schwarzer Kolben. Mit dem speziellen Duft der Aaspflanzen lockt die Blüte Insekten an, die sie auf der Suche nach dem „Stinkefleisch“ befruchten.

Obwohl die Drachenwurz auch in anderen Mittelmeerländern vorkommt, sehe ich sie hier zum ersten Mal.

Der Olivenbaum dagegen begleitet uns schon seit Portugal. Auch hier in Griechenland gibt es unzählige meiner Lieblingsbäume in allen Formen und Größen. Sie wachsen auf den terrassierten Abhängen, auf ebenen Feldern oder unzugänglichen Steilhängen. Für Griechen ist Olivenöl ein Grundnahrungsmittel, für mich schon lange das wichtigste Speiseöl. Natürlich kaltgepresst und in bester Qualität! Aber muss es – zumindest in Deutschland – dann auch so teuer sein?

Ja! Wenn man sich einmal vor Augen führt, wie mühsam die Olivenernte ist, gönnt man den Bauern einen guten Preis (Obwohl der Zwischenhandel wahrscheinlich den größten Reibach macht).

Die reifen Oliven werden entweder mit Stöcken von den Zweigen geschlagen und dann aufgesammelt oder es werden Netze auf den Boden gelegt, auf die die Früchte „herunterregnen“.

Jetzt sind die Oliven noch klein und grün. Deshalb sind die Netze zusammengerollt und wie Hängematten zwischen den Bäumen befestigt.

Etwa auf halbem Wege nach Sougia zweigt die Straße in Dimitriana nach Omalos ab. Dort erreichen wir die „Weißen Berge“( Levka Ori), ein Gebirgszug, der bis zu 2452 m Höhe erreicht. Spätestens hier sind wir der Meinung, mit Kreta die schönste Mittelmeerinsel erreicht zu haben! (Aber das haben wir auch schon von Korsika, Elba und Sardinien gesagt).

Die Straße im Nationalpark Samaria führt zu den beeindruckenden hellgrauen Bergklötzen in Xyloskalo.

Der Eingang zur Samaria-Schlucht liegt in Xyloskalo, das 1.230 m über dem Meeresspiegel liegt.

Am Wärterhäuschen muss man für 5 Euro ein Ticket erstehen, dann darf man in diese berühmteste der 100 kretischen Schluchten hinuntersteigen. Ein 16 km langer Wanderweg über Stock und Stein führt über acht mögliche Stopps nach Agia Roumeli an der Südküste.

Drei Klöster bzw. Kirchen sowie das verfallene Dorf Samaria (bewohnt bis 1962) liegen in der spektakulären Schlucht. Seltene Tiere und Pflanzen leben dort, doch für uns ist das leider nicht mehr machbar. Einfach zu anstrengend für uns alte Wasserratten!

Mit einem Blick in die unergründlichen Tiefen der Schlucht und dem Foto einer kleinen Orchidee am Wegesrand muss ich mich begnügen.

Doch auf dem Rückweg ergibt sich in Fournes die Möglichkeit, über Meskla durch die Theresiho-Schlucht zu fahren.

Sie ist der krönende Abschluss einer Fahrt durch eine grandiose Bergwelt.

Die bunte Kirche in Meskla

Es summt und brummt im Blütenmeer

Bienenkästen

Die Theresiho-Schlucht

Am Samstag gibt sich Kretas Himmel bedeckt. Sogar Regen ist angesagt, doch darauf können wir keine Rücksicht nehmen und fahren mit Regenjacke und Knirps bewaffnet nach Knossos.

Wahrscheinlich stünde in meinem „imaginären Reiseführer“ unter „Highlights“ Knossos noch vor der Samaria-Schlucht, denn der Palast des Königs Minos und seiner Gemahlin Pasiphae gilt als Hauptsehenswürdigkeit Kretas.

Der Palast von Knossos wurde 2000 v. Chr. gegründet. Der britische Archäologe Arthur Evans begann 1900 mit den Ausgrabungen und ermöglichte damit einen anschaulichen Einblick in die Architektur dieser Zeit. (Mal abgesehen davon, dass es damals noch keinen Beton gab!)

Hier und in weiteren Palästen auf Kreta konzentrierten sich Macht und Reichtum im Einverständnis mit der damaligen Gesellschaft. Die Herrscher der neuen Zentren stammten von den mächtigen lokalen Herrschern ab, die sich bereits in der vorhergehenden Periode durch ihre wirtschaftliche Macht in den großen Siedlungen hervorgehoben hatten. Von hier aus nahm eine noch nie dagewesene kulturelle Entwicklung ihren Lauf, denn die minoischen Paläste waren Zentren des politischen, sozialen, wirtschaftlichen und religiösen Lebens.

So viel zur Geschichte!

Als ich meinen Töchtern per WhatsApp mitteile, dass wir gerade im Palast von Knossos sind, fragt Silke, die gerade das geschichtsträchtige Rom per Vespa erkundet: „Ist das der Minotauros? Der mit den Jungfrauen?“ – „Ja, und der Sitz von König Minos, dem ersten König von Kreta.“ antworte ich, ohne den Unterschied zwischen Mythologie und Geschichte zu klären.

Dieser König Minos ist nämlich der zentrale Hauptdarsteller der kretischen Mythen.

Seine Eltern waren Göttervater Zeus und Nymphe Europa. In den Werken von Platon ist er sowohl bei den Göttern als auch bei den Menschen als weiser und gerechter Herrscher ausgesprochen beliebt.

Über diesen Fußboden schritt wohl schon König Minos

Der Thronsaal mit dem Alabasterthron und der Opferschale aus Porphyr

Königin Pasiphae war ebenfalls göttlicher Herkunft. Ihr Vater war Gott Helios und ihre Mutter die Nymphe Krete.

Minoische Schönheiten. Sah so ähnlich auch Pasiphae aus?

Das Bad der Königin. Sie benutzte bereits ein „Wasserklosett“ (WC)

Als die beiden im Palast von Knossos heiraten, erhält König Minos von Gott Poseidon einen weißen Stier als Hochzeitsgeschenk. Ein König ist kein Bauer und so ein Stier hat für ihn keinen wirtschaftlichen Nutzen. Aber mit einem Opfer könnte er die Götter freundlich stimmen!

Also verspricht Minos spontan, Poseidon den Stier als Opfer darzubringen, überlegt es sich aber dann doch anders und verärgert damit ordentlich den Meeresgott.

Zur Strafe flößt Poseidon der Königin eine heftige Liebe zu dem Stier ein, die auch eine starke sexuelle Komponente hat. Doch eine Königin kann sich ja nicht einfach zu einem Stier ins Stroh legen!

Sie sucht Rat bei Dädalos, der Vater des Ikaros und Enkel des attischen Königs Erechtheus.

Dädalos ist ein genialer Erfinder. Er hatte ursprünglich eine Werkstatt in Athen, doch musste er Attika verlassen, nachdem er seinen ebenfalls erfinderisch begabten Neffen Perdix aus Neid von der Akropolis gestoßen hatte. Nur Athene höchstpersönlich ist es zu verdanken, dass Perdix den Sturz überlebte, indem er als Rebhuhn landete und seither unter Höhenangst leidet (Rebhühner, lat. Perdix perdix sind Bodenbrüter).

Dädalos, der anscheinend nicht immer Gut und Böse auseinanderhalten kann, hilft der Königin, indem er eine hölzerne Kuhattrappe für sie zimmert. Die Königin schlüpft hinein und …..(der Rest ist nicht jugendfrei).

Die unzüchtige Liebe bleibt nicht ohne Folgen!

Das Kind-halb Mensch, halb Stier- ist eine blutrünstige Bestie und heißt Minotauros.

Damit er kein Unheil im Palast anrichten kann, erbaut ihm Dädalos ein geräumiges Labyrinth.

Ganz anders geraten als dieses Ungeheuer ist Androgeos, der gemeinsame Sohn von Minos und Pasiphae.

Als er sehr erfolgreich an den Athener Wettkämpfen teilnimmt, wird er von den neidischen Athenern ermordet. Sein Vater versucht den Tod des Sohnes zunächst durch einen Angriff auf Athen zu rächen. Als das keinen Erfolg bringt, greift Großvater Zeus ein, indem er den Athenern eine Epidemie auf den Hals hetzt, die erst beendet wird, als diese in die „Blutsteuer“ einwilligen.

Sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen müssen als Nahrung für Minotauros an Kreta geliefert werden!

Doch die Geschichte geht gut aus.

Der Athener Königssohn Theseus stellt sich freiwillig als Bestienfutter zur Verfügung. Als er am Königshof Minos´ Tochter Ariadne trifft, verliebt sich die Prinzessin in den Prinzen.

Dädalos, der noch etwas gut zu machen hat, hilft den beiden, ins Labyrinth einzudringen und den Minotauros zu töten. Gut, dass Ariadne ihrem Liebsten ein Garnknäuel in die Tasche gesteckt hat, das der junge Held bei seiner Suche abwickelt. So kann er sich nach vollbrachter Tat am Faden aus dem Labyrinth hinausretten.

Auf unserer Rücktour von Knossos verlieren wir leider sehr schnell den Faden und kämpfen uns bis in die Nacht hinein zurück durch den griechischen Schilderwald (das erste Schild ist immer griechisch beschriftet, das zweite in lateinischer Schrift, aber oft zugewachsen oder mit Graffiti übersprüht) und über die katastrophal schlechten Straßen. Über 400 Kilometer haben wir heute zurückgelegt und sind mindestens so geschafft wie nach unserer Ankunft auf Kreta.

Am Sonntag erfüllt sich die Wetterprophezeiung! Es regnet teilweise kräftig, doch wir lassen uns von einer letzten „Spritztour“ nicht abhalten.

Als wir uns durch die Wolken in den Bergen bis zur Südküste nach Chora Sfakion durchgekämpft haben, scheint dort wieder die Sonne. Aber das Lybische Meer ist durch die heftigen Fallböen, die von den hohen Felsabstürzen hinuntersausen, so aufgewühlt, dass der Käptn nur noch zum Schiff zurück will, weil er fürchtet, dass die Leinen reißen.

Damit fällt für heute der Tavernenbesuch aus.

Im Norden hat es mittlerweile auch aufgehört zu regnen und der Wind hat etwas nachgelassen. Aber es steht ein gewaltiger Schwell in den Hafen und Anima mea tanzt wie ein wilder Minotauros auf und ab.

Als wir trotz Gequietsche und Geknarrze endlich eingeschlafen sind, reißt uns ein lauter Knall aus dem Schlaf. Eine Leine – die Spring, die uns von dem Riff vor uns abhält – ist durchgescheuert und gerissen. Gut, dass wir an Bord sind!

In meinem vor Ort erstandenen Kreta-Führer von Antonis Vasilakis steht:

Kreta ist eine windgeplagte Region, da der Wind Steine bewegt und sogar Menschen umwirft.“

Wir warten darauf, dass die einzige Plage auf dieser schönen Insel endlich nachlässt und uns möglichst bald unsere Reise fortsetzen lässt.

Da wollen wir wieder hin!

  1. Danke für die schönen Fotos und die interessanten Reiseberichte.
    Mir gefällt es „mit euch zu reisen“, Geschichte aufzufrischen, Neues zu sehen und zu erfahren.

    Ich wünsche euch weiterhin eine gute Reise!

    Liebe Grüße von Ingrid

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