28.05.2018 Kreta

Am 22. Mai verlassen wir Monemvasia und machen uns auf den Weg nach Kreta.

Bis zum gefürchteten Kap Maleas an der Fingerspitze des peleponnesischen Zeigefingers weht nur eine leichte Brise. Doch kaum haben wir das Kap umrundet und den Mönchen in ihrer Einsiedelei da oben zugewunken, sausen die Böen von hinten in unsere Segel, dass er nur so kracht.

Kap Maleas

Dann dreht der Wind immer mehr auf Süd, so dass wir es gerade noch schaffen, auf direktem Kurs Diakophti an der Ostseite der Insel Kythira anzulaufen.

An Backbord liegt die Insel Makronisos, die über einen Damm mit der Insel Kythira verbunden ist. Dort befindet sich auch der Fährkai, an dem wir ebenfalls festmachen dürften. Doch die Fähre hat dort gerade angelegt und wir sehen, dass ihre Abgasschwaden genau in unser Cockpit ziehen würden. Auf die vielen Autos und Menschen, die sich dort am Fähranleger drängen, haben wir ebenfalls keine Lust und da es in dieser geschützten Bucht kaum Wind und Welle gibt, werfen wir nach 30 anstrengenden Seemeilen lieber den Anker.

Bereits in der Antike spielte Kythira gemeinsam mit dem südlicher gelegenen Inselchen Antikythira als „Trittstein“ auf der Handelsroute zwischen Peleponnes und Ägäis eine bedeutende Rolle.

Da es hier reichlich Purpurschnecken gab, siedelten sich Phönizier auf Kythera an. Aus den begehrten Weichtieren stellten sie den berühmten roten Farbstoff her. Und wahrscheinlich waren es auch die Phönizier, die hier die Göttin der Liebe einführten, weshalb die Griechen, die später die „Schaumgeborene“ übernahmen, Kythira als deren Geburtsort ansahen.

Nun sind wir also zum zweiten Mal an einem Geburtsort der Göttin Aphrodite gelandet!

Als wir 2011 Osterurlaub auf Zypern machten, standen wir an den berühmten, bizarren Felsen, zwischen denen die Göttin aus den Fluten gestiegen sein soll. Nun liegen wir mit der Anima mea im friedlichen hellblauen Wasser vor Kythira, das mit seinen kahlen Bergen und der spärlichen Besiedelung allerdings einen etwas öden Eindruck auf uns macht. Wäre ich Aphrodite, ich hätte Zypern genommen!

Schon um 6:10 Uhr am nächsten Morgen gehen wir Anker auf. Der Wind weht aus der richtigen Richtung und verspricht eine schnelle Reise nach Kreta.

Wir passieren die kleine Insel Fidonisi, vor der das Wrack des Frachters „Nordland“ aus dem Wasser ragt.

 

Dann sehen wir noch einen Katamaran, der gerade aus einer Ankerbucht kommt, Segel setzt und dann aber einen anderen Kurs als wir einschlägt. So sind wir 55 Seemeilen lang völlig allein in der bewegten See und freuen uns, als plötzlich an Steuerbord eine Delphinshow beginnt. Mit hohen Sprüngen hechten die quirligen Geschöpfe auf uns zu, tauchen unter dem Bug durch, flitzen nebenher und wollen wohl beweisen, dass sie die Schnelleren sind.

Es ist sehr dunstig, und Kreta macht sich lange unsichtbar. Doch dann schälen sich endlich Kap Gramvousa an Steuerbord und Kap Rodopou an Backbord aus dem Dunstschleier. Als wir zwischen diesen beiden Kaps in den Golf von Kissamos einlaufen, liegen noch zehn Seemeilen vor uns.

Die steilen Wände der Halbinsel Gramvousa erinnern uns auch farblich an den Korinth- Kanal. Dicke Wolken steigen aus Westen herüber und einmal beginnt es kurz zu regnen. Gegen 16 Uhr erreichen wir den Fähr- und Fischerhafen Kissamos.

Hier hat sich offensichtlich einiges verändert!

In unserem Hafenplan sind im südlichen Hafenbereich Bauarbeiten vermerkt. Die sind nun wohl abgeschlossen, denn dort steht jetzt ein Kran auf einer Kaimauer, an der einige Charteryachten liegen. Keine Ahnung, ob wir dort anlegen dürfen!

Wir steuern daher zunächst die alten Kaimauern an, an denen wir laut Hafenhandbuch festmachen dürfen. Da fährt schon ein Polizeiauto heran und der Polizist gibt uns zu verstehen: „Hier nicht, aber dort beim Kran!“

Wir machen die Wende und steuern nun in Ufernähe zur neuen Kaimauer.

Während ich mit den Festmacherleinen beschäftigt bin, macht es plötzlich „Rums“ und wir sitzen fest. Ich schaue ins Wasser. Oh Gott! Überall Felsen!

Alle Versuche, vom Stein runterzukommen, sind zwecklos. Und die Kaimauer ist zum Greifen nah! Aber alles ist wie ausgestorben….

Da taucht am Ufer hinter dem Riff ein Mann mit Rucksack auf. Er wird auf uns aufmerksam, erkennt, was passiert ist und signalisiert uns, ob er uns helfen soll. „Ja, bitte!“

Er steigt in sein Power-Schlauchboot und kommt zu uns. Typisch griechisch: Er ist völlig relaxed, grüßt uns freundlich und beruhigt mich, denn ich bin inzwischen alles andere als relaxed.

Zuerst taucht er ab und schaut, wie es da unten aussieht. Mit einem breiten Lachen kommt er wieder hoch und verkündet: „Kein Schaden! Ihr seid wohl ganz langsam auf den Stein gelaufen. Ich hol euch da runter. Keine Bange!“ Dann machen wir die Abschleppleine klar und das Powerboot zieht uns rückwärts aus dem Riff, das sich bis zur Kaimauer hinzieht. Unbezeichnet!

Mit „Welcome to Greece!“ will sich unser junger Held verabschieden, doch natürlich bekommt er den verdienten Bergelohn. Ein Loch im Rumpf wäre teurer geworden….

Nun laufen wir die Kaimauer aus der anderen Richtung an und machen unter dem Kran längsseits fest.

Wenn ich vorne auf dem Deck stehe, schimmern mir die Felsen des Riffs bedrohlich entgegen. Aber das Schauspiel der Wolken, die sich über die Berge von Gramvousa wälzen, bringt mich auf andere Gedanken. Wenn das kommt, was sie versprechen, liegen wir hier wenigstens sicher vertäut!

Die letzten beiden Tage waren sehr anstrengend und wir müssen uns erstmal erholen.

Nach dem Nickerchen steht plötzlich ein Angler auf der Kaimauer. Er begrüßt uns freundlich auf Deutsch. Dann kommt ein weiterer Mann dazu, spricht mit dem Angler und dieser übersetzt, was jetzt anliegt. Wir sollen entweder „katholisch“ anlegen oder so weit wie möglich zum Ende der Mauer (Richtung Riff) verholen, weil der Mann sein Motorboot gleich unter den Kran legen will.

Es gruselt mich, noch näher an die Steine zu rücken, aber es bleibt uns keine Wahl. Alle helfen mit und Anima mea rückt ans äußerste Ende der Mauer, wo mangels Poller die Vorleine an einem dicken Stein am Ufer vertäut wird.

Kurz darauf liegt das Motorboot in der Lücke hinter uns. Passt gerade so!

Während der Motorbooteigner den alten Bootsnamen herunterkratzt und „VALENDI – Daily Cruises“ aufklebt (hier wurde offensichtlich ein neues Unternehmen gegründet), bekommen wir weiteren Besuch.

Es ist die Hafenpolizei, die uns zu einer Überprüfung der Bootspapiere in ihr Büro drüben hinter der Werft bittet. Es ist immerhin schon 21 Uhr, wir sind hundemüde und haben auch noch nicht zu Abend gegessen. Ich drücke der Polizistin kurzerhand die Mappe mit den Papieren in die Hand und sie verspricht, in einer Stunde alles wieder zurückzubringen.

Um 22 Uhr ist es stockdunkel. Wir wollen endlich in die Koje, aber die Polizei lässt auf sich warten. Also laufe ich zum Polizeigebäude, wo gerade eifrig gestempelt wird. Die Polizistin fragt erstaunt, warum ich doch noch komme. Sie wollte mir doch gerade die Papiere bringen!

Sicher ist sie noch nie zehn Stunden am Stück gesegelt, sonst wüsste sie, warum ich für heute gern Schluss machen möchte!

Nachdem sie noch wissen will, wo wir morgen hinwollen, sage ich „Chania Marina“, dann kann ich gehen.

Am nächsten Morgen checke ich zuerst den Wetterbericht auf dem Smartphone. „Windy“ macht seinem Namen alle Ehre: Viel Wind aus Norden ist angesagt. Das heißt: Nach Chania die ersten zehn Meilen gegenan, dann noch mal 20 Meilen in Richtung Osten, was den Rückweg nach Kythira entsprechend verlängern würde.

Und eigentlich ist es hier doch ganz schön. Das Riff vor uns tut uns nichts. Der Kai gehört der Port Authority of Chania (steht zumindest auf dem Kran) und die erhebt hier keine Hafengebühren. Ein Wasserschlauch ist auch vorhanden und in der drei Kilometer entfernten Stadt könnten wir ein Auto mieten.

Doch der Polizistin habe ich gesagt, dass wir heute abreisen. Also besser Bescheid sagen, dass wir unsere Pläne ändern wollen.

Wir laufen also zur Polizeistation. Es war offensichtlich Schichtwechsel, aber es sitzen wieder zwei Polizisten und eine Polizistin in ihren Büros. Der jüngere Polizist verweist uns an seinen älteren Kollegen. Wie lange wir bleiben wollen? Eine Woche? Das geht eigentlich gar nicht und höchstens, wenn wir „katholisch“ anlegen, weil wir sonst zu viel Platz wegnehmen. Wir erklären, wie schwierig das für uns ist und verweisen darauf, dass ja auch die einheimischen Boote teilweise längsseits liegen.

Die junge Polizistin zeigt mehr Verständnis. Sie diskutiert mit ihrem Kollegen. Wir verstehen kein Wort, aber ich merke: Sie lässt nicht locker und will uns unterstützen. Offensichtlich hat sie hier auch ein Wörtchen mitzureden, denn der Kollege verschwindet diskutierend in seinem Büro. Die Polizistin erklärt lächelnd, dass wir zunächst bleiben können. Sie notiert meine Handynummer, für den Fall, dass wir wegmüssen.

Ich hake nach. „Können wir denn jetzt für vier Tage ein Auto mieten?“ Endlich gibt sie grünes Licht! „Mieten Sie sich ein Auto und schauen Sie sich Kreta an! Wahrscheinlich wird hier nichts passieren.“

Wir haben es jetzt sehr eilig, hier wegzukommen!

Gleich marschieren wir die drei Kilometer zur Kissamos – Autovermietung und fahren um 11 Uhr mit einem Opel Corsa zum Boot zurück, um unsere frischen Einkäufe zu verstauen. Dann starten wir unsere erste Tour über die südlichste Insel Griechenlands.

Die Straße nach Elafonisi Island schlängelt sich entlang der Westküste durch eine bizarre Felslandschaft. Die dominierende Pflanze ist der Oleander, der überwiegend rosa blühend die Straße säumt, aber auch die Schluchten und den ausgetrockneten Fluss mit einem Blütenmeer überzieht.

Ein Fluss aus Oleander

Dazwischen meckert und klingelt es. Es sind die Ziegen, die überall umherstreifen und waghalsige Klettertouren unternehmen, um an das würzigste Blättchen zu gelangen.

Und davon gibt es reichlich, wie ich während eines kurzen Spaziergangs am ausgetrockneten Flussbett entlang feststelle, während der Käptn im Auto ein Nickerchen hält.

Salbei schmeckt Mensch und Tier

Kreta ist ein Paradies von Kräutern und aromatischen Pflanzen. Thymian, Bergminze, Wildlavendel, Salbei, Oregano, Kamille und Ladanum (eine Zistosenart) wachsen im Überfluss und dienen Bienen, Ziegen und Schafen als Nahrung.

Der berühmte Strand vor dem Inselchen Elafonisi ist mir allerdings kein Foto wert.

Schon jetzt ist der weiße Strand vor dem türkisblauen Wasser voller Menschen. Wir mögen da gar nicht erst hingehen. Sind ja auch mittlerweile durch viele einsame Buchten mit glasklarem Wasser verwöhnt. Und dann gibt es keinen einzigen Standort, wo nicht diese schrecklichen Strommasten mit ihrer Leitung zu sehen wären. Auch die Taverne scheint eine Touristenfalle mit „Best greek salad“ zu sein. Nix wie weg hier!

Auf dem Rückweg kommen wir an diversen Ständen mit Kreta-Spezialitäten vorbei. Den letzten Stand, wo kaum noch jemand anhält, wollen wir heute beglücken.

Der junge Mann lässt uns alles probieren: Thymianhonig und Raki pur, Raki mit Erdbeersaft und Raki mit Honig. Wir nehmen mehrere Gläser von dem köstlichen Honig und zwei Fläschchen Raki mit Honig. Dann gibt uns der Verkäufer noch eine Essensempfehlung mit auf den Weg. Es ist die „Milia Lodge“ bei Vlatos.

In Vlatos entdecken wir tatsächlich die etwas versteckten Hinweisschilder nach Milia.

Es geht steil bergan und plötzlich geht die schmale Asphaltstraße in einen Pistenweg über. Eigentlich dürfen wir mit unserem Mietwagen solche „Schotterwege“ nicht fahren. Aber wir versuchen es trotzdem. Und es zeigt sich, dass dieser Weg besser ist als so manche Asphaltstraße, die oft gefährliche Schlaglöcher und Bodenwellen haben.

Wir fahren 4 ½ Kilometer durch eine fantastische Berglandschaft voller Ginster und Oleander. Doch wenn ich rechts in die Abgründe schaue, bekomme ich Bauchkribbeln! Besonders, wenn uns hin und wieder ein Auto entgegenkommt und wir ausweichen müssen.

Aber dann sind wir am Parkplatz der Lodge angekommen und müssen noch ein kleines Stück zu Fuß laufen, bis die Natursteinhäuser der Anlage in Sicht kommen.

Es ist ein Paradies für Kletterkünstler, Wandervögel und Ruhesuchende, denn man kann hier auch Übernachten.


Die Gaststube ist sehr einladend, doch wir wollen noch lieber mit Blick auf die Berge, die mächtigen Platanen und Kastanienbäume und den blühenden Ginster an den Hängen essen. Deshalb setzen wir uns auf die Terrasse, wo uns ein köstliches Mal serviert wird:

Gemischter Salat mit Avocadocreme, Kapern und Nüssen; gemischte Waldpilze; das beste Tzatziki aller Zeiten und für den Käptn Hühnchenfilet mit Gemüse aus dem Backofen. Vom Haus gibt es noch eine Panacotta aus Ziegenmilch (man bedenke die würzigen Kräuter, dann ahnt man, wie gut die geschmeckt hat) und eingelegten Zitronenzesten. Alles aus eigener Produktion, ohne Zusatz- und Konservierungsstoffe. Und zu einem völlig normalen Preis.

Satt und zufrieden machen wir uns auf den Heimweg. Nun kommen uns die 4 ½ km Schotterweg gar nicht mehr so lang vor. Ein ereignisreicher Tag geht zu Ende und wir sind gespannt, welche Überraschungen Kreta noch für uns bereithält.

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