03.06.2018 Von Robotern, Ratten und Dieselpest

Der geniale Dädalos baute nicht nur die hölzerne Kuh für Königin Pasiphae. Er schuf auch den ehernen Giganten Talos, den er König Minos schenkte und der ihn zum Wächter Kretas bestimmte.

Dreimal am Tag umrundete dieser eherne Roboter die Insel, um jeden Fremden daran zu hindern, Kreta zu betreten, aber auch jeden Einheimischen, von ihr zu fliehen.

Vielleicht hält uns Talos inzwischen auch schon für Einheimische. Auch nach einer vollen Woche haben weder die Polizei noch irgendeiner unserer sporadisch auftauchenden Nachbarn Anstoß daran genommen, dass wir immer noch an der Kaimauer mit den dicken, schwarzen Autoreifen auf und ab tanzen. Zwar hat der Wind hier abgenommen, doch draußen auf dem offenen Meer weht es noch immer kräftig, weshalb ständig hohe Wellenberge die Bucht herunter bis an unsere Mauer rollen.

Wann hört dieser heftige Nordwind endlich auf?

Wir hoffen auf den Vollmond, mit dem meist ein Wetterwechsel verbunden ist. „Hey Mond, mach endlich deine Arbeit!“ rufe ich verzweifelt zu ihm hoch, und am 30. Mai hat er endlich ein Einsehen und lässt den Wind abklingen.

Schon um 5:45 Uhr schleichen wir uns vorsichtig von unserem Liegeplatz. Bloß nicht noch mal auflaufen!

Hinter der Hafeneinfahrt geht es in den zehn Meilen langen Golf von Kissamos, wo wir doch tatsächlich den lauernden Talos in einer Felswand von Gramvousa entdecken!

Talos lauert uns auf!

Doch schon haben wir das Kap der bizarren Halbinsel erreicht. Ab 7:30 Uhr verschwindet Kreta langsam aber sicher in unserem Kielwasser. Der Wind bläst mit drei bis vier Beaufort aus Norden und damit leider „auf die Nase“, was sich für die nächsten 44 Seemeilen nicht ändern wird. Aber die See behandelt uns heute sehr freundlich und Meile für Meile nähern wir uns zuerst Antikythira und schließlich Kythira.

Das einzige Schiff, dass wir unterwegs sehen, ist die Fähre, die zwischen Kissamos, Antikythira und Kythira pendelt. Ansonsten begegnet uns nur ein totes Schaf, das aufgebläht und übelriechend an uns vorbei nach Süden treibt.

 

Um 15:35 Uhr laufen wir in den menschenleeren Hafen von Diakofti auf Kythira ein. Wir werfen den Anker in das klare Wasser, wo er sich sofort zwischen den dicken Felsbrocken festkrallt.

Kein Lüftchen regt sich, kein Hund bellt, keine Kirchenglocke bimmelt und kein Mensch ist zu sehen. Man kann die Stille förmlich hören!

Wir sind todmüde und schlafen tief und fest. Als in der Nacht der Wind angeht, schaut der Käptn kurz nach dem Anker. Dann schlüpft er wieder in seine Koje und schläft weiter.

Am nächsten Morgen werden wir früh wach.

Als der Mond an der Westseite von Kythira hinter dem Bergrücken versinkt und gleichzeitig der rötliche Schein der aufgehenden Sonne hinter der Insel Makronisos aufflammt, verlassen wir Aphrodites Geburtsort und steuern das nächste griechische Eiland an.

 

Unser Ziel ist die Insel Elafonisos.

Sie liegt an der Nordseite der Meerenge Stenon Elaphonisos zwischen Kythira und dem Peleponnes und ist nach knapp 14 Seemeilen erreicht. Windstärke drei und ruhige See sorgen für eine angenehme Fahrt, während der wir die schöne Morgenstimmung genießen und die Frachter und Fähren beobachten, die sich von Ost nach West und andersherum durch die Meerenge schieben.

Um 10:30 Uhr erreichen wir Elaphanisos. Der Name bedeutet „Insel der Hirsche„, aber dass man dort wirklich auf Hirsche trifft, ist völlig unwahrscheinlich. In der Antike gab es auf dieser Insel einen Handelsposten und mehrere Schreine der Jagdgöttin Artemis. Das könnte die Hirsche erklären.

 

Artemis selbst war ja keine Jägerin sondern eher Beschützerin der Tiere. Ob das auch für Ratten gilt?

Jedenfalls war mir im Kanonis Boatyard zu Ohren gekommen, dass es auf ElaphanisosRatten, so groß wie Elefanten“ geben soll.

Eine dieser „Elefanten-Ratten“ hatte sich auf das Boot eines Kunden von Herrn Kanonis eingeschlichen und es geschafft, nicht entdeckt zu werden. Im Winterlager hatte die Ratte dann im Todeskampf das Bootsinnere verwüstet, was erst entdeckt wurde, als das Tier mumifiziert zwischen den Trümmern lag.

In der Sarakiniko Bucht von Elaphanisos schwimmt aber keine einige Ratte im karibisch blauen Wasser, und am schneeweißen Dünenstrand tummeln sich lediglich ein paar Baderatten. Wäre wirklich schade gewesen, wenn mich meine „Rattenphobie“ davon abgehalten hätte, in dieser wunderschönen Bucht zu ankern.

Karibik-Feeling

Einen Nachteil hat die Sarakiniko Bucht aber doch: Wenn abends der Wind nachlässt, drückt von Süden Schwell in die Bucht. Die Boote rollen daher die ganze Nacht in den Wellen, und die Schläfer in den Kojen rollen mit.

Am Freitagmorgen um 7:00 Uhr ziehen wir den Anker hoch und wollen quer über den Lakonischen Golf nach Porto Kayio.

Wir haben leichten Westwind, die hier vorherrschende Windrichtung und eine unangenehme „Hacksee“. Nach genau 2,71 Seemeilen beginnt plötzlich der Motor zu stottern und ehe er von selbst aussetzt, stoppen wir die Maschine.

Wir starten den Motor erneut, aber wieder das gleiche Ergebnis. Vermutlich bekommt er keinen Diesel. Der Käptn öffnet die Motorabdeckung und betätigt den kleinen, schwarzen Ball, mit dem man Kraftstoff in den Kraftstofffilter pumpen kann. Ergebnis: Der Ball klebt nach dem Zusammendrücken zusammen.

Wir drehen um und sind froh über den Westwind, der uns jetzt in die Sarakiniko Bucht zurückschiebt.

Dann fahren wir zum ersten Mal das Ankermanöver unter Segeln: Vorsegel bergen, unter Großsegel in den Wind gehen und warten, bis das Schiff keine Geschwindigkeit mehr läuft. Anker fallen lassen und zurücktreiben lassen.

Das Manöver glückt vortrefflich! Wir sind erstmal erleichtert, wieder „sicheren Boden“ unter den Füßen zu haben, aber wenn wir uns jetzt nicht selbst helfen können, hilft uns hier niemand.

Zuerst baut der Käptn den Filter aus. Auf dem Boden hat sich etwas Schmutz abgesetzt, ansonsten sieht der Diesel gut aus. Dann montiert er die Kraftstoffleitung mit dem Pumpball ab. Aus der Düse, die in die Leitung führt, puhle ich jede Menge braun-schwarzen Schleim. So sieht die sogenannte „Essigmutter“ bei schlecht vergorenem Essig aus, aber auch der Schlamm der „Dieselpest“. Die kann einem den ganzen Tank versauen und den Motor obendrein. Aber Heinz beugt bei jedem Tanken vor, indem er als „Medizin“ den Bakterienvernichter „Grotamar“ zufügt.

Wir versuchen alles Mögliche, aber der schwarze Ball „kneift“ im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Auf Elafonisos gibt es nur ein kleines Dorf. Und das ist weit entfernt von der Ankerbucht. Einen „Pannendienst zur See“ gibt es in Griechenland auch nicht und wenn man die Wasserschutzpolizei anruft, schleppen sie das defekte Schiff ab und geben es erst wieder frei, wenn ein teures Gutachten bestätigt, dass es wieder fahrtüchtig und verkehrssicher ist. Das ist griechisches Gesetz!

Der Käptn muss es also selbst wieder hinkriegen! Aber er braucht entsprechende Beratung!

Ich rufe OSCAR in Spanien an und atme auf, als ich sofort seine vertraute, freundliche Stimme mit dem niederländischen Akzent höre. Dann übergebe ich Heinz das Smartphone und nach Schilderung des Problems erklärt Oscar: „Die schwarze Pumpe ist bestimmt kaputt. Aber die brauchst du nicht unbedingt. Verbinde den Filter mit einer neuen Leitung direkt mit dem Dieseltank. Dann musst du das System entlüften und es sollte wieder gehen. Falls nicht, ruf´ mich wieder an.“

Welche göttliche Eingebung hatte Heinz irgendwann vor langer Zeit dazu veranlasst, eine Ersatz-Kraftstoffleitung mitzunehmen? – Jedenfalls haben wir die „zufällig“ an Bord.

Als alles neu montiert ist, springt der Motor noch immer nicht an. Aber das Geräusch ist anders. Es verrät: Die Starterbatterie ist leer!

Natürlich hat Heinz auch ein Überbrückungskabel dabei und verbindet es mit einer unserer Versorgungsbatterien und der Starterbatterie.

 

„Rumms“! Der Motor springt sofort an und läuft ohne zu stottern!

Schweißgetränkt (im Salon ist es so um die 30°C) grinsen wir uns glücklich an. Dann übermitteln wir OSCAR die frohe Nachricht. Wie schön, dass der so gut wie immer erreichbar ist.

Am nächsten Morgen machen wir einen neuen Anlauf und brechen auf nach Porto Kayio.

Die schöne „Buona Vista“ – eine Hallberg – Rassy – aus den Niederlanden segelt die gesamten 23,5 Meilen neben uns her, dann schnappt sie uns in der herrlichen Ankerbucht doch noch den besten Platz vor der Nase weg und legt sich rechts neben die belgische „Dumpy“.

Die Buona Vista

Wir versuchen es in der Süd-Ost-Ecke links vom Belgier. Doch als der Käptn mehr Kette steckt, kommen wir dem Ufer zu nahe. Also Anker wieder hoch!

Nach dem Problem (Pumpe) ist vor dem Problem!

Wir haben mit dem Anker eine schwere Kette vom Meeresboden eingefangen und die werden wir nun nicht mehr los!

Der belgische Skipper beobachtet das Trauerspiel, steigt in sein Dinghy und eilt uns zur Hilfe. Gemeinsam schaffen es die beiden starken Männer, die Kette vom Anker zu heben.

Es kostet uns noch ein paar Extranerven, bis der Anker rechts neben der „Buona Vista“ endlich fasst. Dann können wir diesen einmalig schönen Platz in vollen Zügen genießen.

In der Antike hieß diese Bucht „Psamathous“. Sie wurde später von den Venezianern genutzt, die ihr den Namen „Porto Quaglio“ gaben. „Quaglio“ bedeutet „Wachtel“, die hier wohl massenweise lebten. Die niedlichen Vögel wurden gefangen und nach dem Schlachten für den Export eingesalzen!

So viel für die Feinschmecker. Und nun etwas für die Kinder: In dieser Bucht hielt sich auch der Pirat Katsonis mit seinen Kumpanen versteckt. Er war im Zweitberuf Freiheitskämpfer und wurde deshalb in einem Standbild am Südwest-Kai verewigt.

Ankerbucht Porto Kayio

Der winzige Ort liegt an der Ostseite des peleponnesischen Zeigefingers in der Mani, die sich von Kalamata bis zum Kap Tainaron hinzieht. Die Mani ist mit den Ausläufern des Taigetos-Gebirges bedeckt, die sich über Kalamata bis auf 2307 m Höhe erheben. Es ist eine unwirkliche wilde Landschaft von herber Schönheit. Die merkwürdigen Mani – Wohntürme der streitbaren Mani-Geschlechter passen wie die Faust aufs Auge in dieses „Lands End“ von Griechenland.

Bis zum späten Abend rauschen Fallböen auf uns herunter, aber das Wasser in der geschützten Bucht ist ganz ruhig. Nach einer friedlichen Nacht machen wir uns früh auf den Weg in den Messenischen Golf.

 

Ak Kisternes

Zwischen Ak Kisternes und Ak Tainaron

Es regt sich kaum ein Lüftchen und wir umfahren das gefürchtete Kap Tainaron bei fast glatter See. Es trägt den Zweitnamen „Matapan“, hieß aber in der Antike Tenaron. Für die Menschen der damaligen Zeit war hier der Eingang in die Unterwelt.

Das langgezogene Ak Tainaron

Für uns ist es der zweitsüdlichste Punkt Europas! Den südlichsten Punkt bei Tarifa in der Straße von Gibraltar haben wir ja auch schon auf eigenem Kiel befahren. (Tarifa liegt nur 14 Seemeilen südlicher als Kap Tainaron.)

Leuchtturm Ak Tainaron

Nun haben wir noch 45 Seemeilen bis zur Marina Kalamata vor uns. Es ist die erste richtige Marina in diesem Jahr, und wir freuen uns neben der Aussicht auf die berühmten dicken Kalamata-Oliven vor allem auf frisch gewaschene Bettwäsche und eine richtige Dusche.

Kalamata

 

 

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