14.10.2019 Last lock forever

Der Morgen des 10. Oktober ist grau und unfreundlich. Trotzdem: Es wird Zeit, die letzten sieben Schleusen in Angriff zu nehmen! Je früher desto besser!

Also verlassen wir unseren Liegeplatz in der Marina Lauenburg ohne Frühstück um 9:00 Uhr morgens und sind kurz danach vor dem geschlossenen Schleusentor der Schleuse Lauenburg.

Ich rufe beim Schleusenwärter an und bekomme die Auskunft, dass er noch ein Frachtschiff erwartet, das talwärts will. Danach kommen wir dran.

Also erst mal an den Wartesteg!

Die Zeit vergeht, doch nichts tut sich. Statt Frühstück – es könnte ja jederzeit losgehen – plaudere ich während der Wartezeit aus dem „Schatzkästlein meiner Erfahrungen“.

Ich war ja viele Jahre als Lehrerin an einer Schule im Kreis Herzogtum Lauenburg tätig und habe unzähligen Viertklässlern im Heimat- und Sachunterricht Wissen über den Elbe-Lübeck-Kanal sowie das Prinzip der Schleuse vermittelt.

Zunächst lernten jedoch meine „Eleven“, dass Salz – heutzutage für ein paar Cent in jedem Supermarkt erhältlich – im Mittelalter ein kostbares Gut war. Mangels Tiefkühltruhe und Kühlhaus hatte man damals wenig Möglichkeiten der Konservierung von Lebensmitteln. Also legte man frischen Fisch in Salzlake ein und der Salzhering war geboren!

Während bereits einige „krüsche“ Kinder bei dem Gedanken an Salzhering unter Würgereiz litten, erklärte ich ihnen weiter, dass die Menschen im Mittelalter beileibe nicht so wählerisch wie Kinder heutzutage waren und wegen der vielen Fastentage auch gar nichts anderes als billiger Hering auf den Teller kam. Inzwischen ist Hering Mangelware und entsprechend teuer!

Die nächstgelegene „Salzquelle“ fand sich in unserer Gegend im schönen Städtchen Lüneburg, wo das „Weiße Gold“ in einer Saline gewonnen wurde. Danach musste es per Pferdewagen bzw. Ochsenkarren über die „Alte Salzstraße“ nach Lübeck transportiert werden, wo es in den gesamten Ostseeraum verschifft wurde.

Doch der Landweg war mühsam und gefährlich.

Bei schlechtem Wetter blieben die schweren Wagen im Morast stecken, was es den Wegelagerern noch leichter machte, die kostbaren Transporte zu überfallen.

Sicherer war der Transport über den Wasserweg, was zum Bau des 1398 fertiggestellten Stecknitzkanals führte, der etwa 500 Jahre in Betrieb blieb.

Als erster europäischer Wasserscheidekanal verband er die Flüsse Stecknitz und Delvenau, so dass die sogenannten „Stecknitzfahrer“ mit ihren Kähnen das „Weiße Gold“ von Lauenburg nach Lübeck transportieren konnten.

Erst 1900 wurde der heutige Elbe-Lübeck-Kanal daraus. Er war die Antwort der Lübecker Kaufleute auf dem fünf Jahre vorher gebauten Nord-Ostsee-Kanal, dessen Konkurrenz sie (zu Recht) fürchteten.

Zwei Schulstunden und eine lange Pause müssen wir warten, ehe sich endlich was tut in der Schleuse.

Um halb elf öffnet sich das Tor und ein Frachter aus Magdeburg schiebt sich vorsichtig rückwärts heraus. Um 10:55 Uhr haben auch wir grünes Licht und fahren als einziges Boot in die Schleusenkammer.

Hier gibt es natürlich keine Schwimmpoller, doch mit unserer bewährten „Dreileinen-Technik“ und dem moderaten Wassereinlass geht es ohne Probleme vier Meter in die Höhe.

Um 11:05 Uhr fahren wir durch die herbstbunte Landschaft 10 km weiter zur Schleuse Witzeeze.

Hier haben wir bereits Grün und steigen nochmals drei Meter bergauf.

Doch es ist bei der Ausfahrt bereits 12:25 Uhr und auf den verbleibenden 59 Kilometern erwarten uns noch fünf Schleusen. Das können wir heute unmöglich schaffen, denn um 17:45 Uhr machen die Schleusenwärter Feierabend.

Also entscheiden wir uns, auf dem Scheitelpunkt des Kanals im Möllner Ziegelsee zu übernachten.

Im verträumten Bootshafen des WSV Mölln finden wir einen geschützten Platz.

Die neuen Sanitäranlagen, das schöne Ambiente und der günstige Liegepreis (12 Euro alles inclusive) sowie die schlechten Wetteraussichten für die nächsten vier Tage veranlassen uns, bis Sonntag in diesem Vereinshafen zu bleiben.

Jetzt haben wir viel Zeit, die Dieselvorräte und den Proviant aufzufüllen sowie durch das mittelalterlich geprägte Eulenspiegel-Städtchen Mölln zu bummeln.

 Unterhalb der Nicoleikirche lässt sich Till Eulenspiegel von den Mölln-Besuchern Daumen und Fußspitzen blank reiben. Das soll Glück bringen! Zur Glücks-Verstärkung kann man dann noch zu seinem „Grabstein“ an der Kirchenmauer pilgern. Der steht inzwischen geschützt hinter einem Eisengitter, weil die Pilger in früherer Zeit „Erinnerungssplitter“ aus dem Stein schlugen. – Dabei handelt es sich hier nachweislich nur um einen „Erinnerungsstein“ aus dem 16. Jahrhundert. Till starb jedoch bereits 1350 im Heilig-Geist-Spital in Lübeck und wurde in Mölln begraben. Wie es sich für einen Narren gehört, machte er bis zum Schluss seine extravaganten Späße: Sein Sarg kippte nämlich senkrecht ins Grab und Till wurde stehend beigesetzt!

Am Samstag bekommen wir noch unerwarteten, aber lieben Besuch von unseren Nachbarn. Ein Grund, eines der Möllner Speiselokale unter die Lupe zu nehmen! Im Cafe Markt direkt neben dem Eulenspiegelmuseum finden wir auf der windschiefen Empore des Fachwerkhäuschens einen freien Tisch und genießen bodenständige Hausmannskost im kuscheligen Ambiente.

Am Sonntag ist der Himmel zwar noch grau, doch es regnet nicht mehr. Also werfen wir die Leinen los und nehmen die letzten fünf Schleusen in Angriff. Die sind ja einfach, denn ab jetzt geht es bergab!

Gemeinsam mit einem Motorboot fahren wir ohne Wartezeit in die Donnerschleuse. Der Schleusenwärter kommt hier sogar noch aus seinem Häuschen und hält einen kleinen „Klönschnack“, bis das letzte Boot – also wir – vertäut am Poller liegt. Ob er ein Nachfahre der Familie Donner ist, die für den Namen dieser ehemaligen Stecknitz-Kanal-Schleuse verantwortlich ist?

Nach zehn Minuten sind wir 4,20 m tiefer gesunken und fahren durch die liebliche Landschaft mit Wäldern, Feldern und Knicks (das sind norddeutsche Wallhecken). Einige Bauernhöfe haben hier noch ein Reetdach und neben dem großen Misthaufen steht manchmal ein Pfahl mit Storchennest. Damit der Storch nicht auf dem Haus baut und das Nistmaterial gleich aus dem Dach zupft!

Aber die Störche sind längst auf dem Weg in den Süden! Im Gegensatz zu einigen Schwalben, die doch tatsächlich noch im Tiefflug über dem Kanal kreisen und nach Mücken oder vielleicht auch nach den vielen Spinnchen schnappen, deren Fäden uns regelmäßig durchs Gesicht wehen.

Durch die Luft tönen die lauten Schreie der Wildgänse und Kraniche, die ebenfalls auf dem Weg in ihr Winterquartier sind. Immer wieder lassen sie sich auf den Feldern und Wiesen nieder um sich neue Energie für die anstrengende Reise anzufuttern.

Zwischendurch, so alle vier bis fünf Kilometer, haken wir die verbleibenden Schleusen ab:

Schleuse Behlendorf (1,7 m Hub), Schleuse Berkenthin (1,7 m Hub) und Schleuse Krummesse (2,9 m Hub).

In der Schleuse Büssau (1,5 m Hub) werden wir ganz andächtig, denn uns wird klar: Last lock forever!

(Es sei denn, wir machen nochmal den Göta – Kanal in Schweden.)

Nach sieben Kilometern erreichen wir die Hansestadt Lübeck.

Lübeck, die Stadt der sieben Türme ist erreicht. Rechts sieht man die beiden Türme des Lübecker Doms, links die beiden Türme der Marienkirche. Es fehlen noch die Türme der Jakobi-, St. Petri und Aegidienkirche. Links geht es in den „Stadtgraben“.

Als wir durch den Stadtgraben um die Trave-Insel mit der Lübecker Altstadt fahren, holt uns von hinten ein kleines Motorboot auf. Beim Überholen übergibt der Skipper das Steuerrad an seine Frau und schlüpft unter seiner Kuchenbude hervor. Er beginnt einen Plausch mit den Worten: „Wo kommt ihr denn jetzt her? Ich kenn euch nämlich aus Großenbroder Fähre!“

Als der Stadtgraben am Handelshafen endet, hat er genug erfahren und verabschiedet sich, um zu seinem Liegeplatz an der „Teerhofinsel“ zu fahren. Dort, wo auch wir vor fast vierzig Jahren unser erstes Boot (Folke-Junior „Hans Huckebein“) parkten.

Ausgerechnet hier kommt uns die erste OE 32 nach sechs Jahren Abwesenheit aus der Ostsee entgegen. Der Skipper auf der „Mollymauk“ winkt freundlich zu uns herüber. Dann heißt es wieder nach vorne schauen, denn es regnet inzwischen heftig, die Sicht ist schlecht und viel Schiffsverkehr bevölkert die letzten Flusskilometer der Trave zwischen Lübeck und Travemünde.

Während wir den Skandinavien-Kai passieren, rufe ich die Böbs-Werft in Travemünde an. Die Hafenmeisterin sagt, wir sollen uns einen Platz mit grünem Schild aussuchen.

Den finden wir an der Innenseite des Außenstegs, wo der Schwell, den die großen Fährschiffe verursachen, etwas gemildert wird.

In der Nacht werden wir trotzdem ordentlich durchgeschaukelt, denn neben den Fähren wühlen auch starke Windböen mit kräftigen Schauern das Wasser auf.

Doch heute Morgen begrüßt uns die Sonne am blauen Himmel! Eine Einladung, doch endlich die Strandpromenade hinunter zur Mole zu wandern. Es ist ein wohlbekannter Weg zu einer alten Liebe:

Die Ostsee!

Eher grau als blau breitet sie sich vor uns aus.

Am rechten Ufer der Priwall mit der Passat, einem der Wahrzeichen Travemündes. Anschließend die Küste von Mecklenburg-Vorpommern. – Links erhebt sich hinter dem Hotel Maritim das Brodtener Ufer, danach kommen Neustadt, Pelzerhaken und anschließend Grömitz. Dahinter, eher zu ahnen als zu sehen: Großenbrode und die Insel Fehmarn.

 Die Passat am Priwall. Vorne in der Mitte ein Folkeboot. So ein Schiffchen mit Namen „Mousehole“ kauften wir uns nach dem Folke Junior und segelten damit bis ins Kattegat.

Inzwischen ist der Himmel wieder grau und in den Masten heult leise ein kühler Ostwind. Der soll angeblich bis morgen früh die grauen Wolken vertreiben und ab 11 Uhr nur noch mäßig wehend auf Süden drehen. Von wo er uns dann hoffentlich mit ebenso mäßiger Welle die letzten 58 Kilometer nach Norden schiebt.

 

 

 

 

 

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