29.09.2019 Schlackerwetter

29.09.2019 Schlackerwetter

Das Wetter hält sich – leider zuverlässig – an den Wetterbericht.

Am Freitag ballen sich graue Wolken am Himmel und entlassen hin und wieder einen kleinen Schauer auf den blauen Südwester des Käptn, der die Anima mea um 9:40 Uhr aus der Marina Alte Fahrt Fuestrup heraus in den Dortmund-Ems-Kanal steuert.

Nach zwei Stunden sind wir bei Kilometer 108 am „Nassen Dreieck“ angelangt. Hier zweigt der Dortmund-Ems-Kanal bei der Ortschaft Hörstel nach links ab, während wir nach rechts in den Mittellandkanal einfahren.

Mit 325 km ist der Mittellandkanal Deutschlands längste künstliche Wasserstraße und verläuft nördlich der Mittelgebirge am südlichen Rand des Norddeutschen Tieflands. Bis Magdeburg könnten wir auf dieser Wasserstraße weiterfahren, doch uns reichen schon die 234 bevorstehenden Kilometer bis kurz vor Wolfsburg, wo wir demnächst in den Elbe-Seitenkanal abbiegen werden.

Für heute haben wir uns die ersten 30 Kilometer des Mittellandkanals vorgenommen.

Rechts des Kanals erkennen wir einen bewaldeten Höhenzug. Es ist der Ausläufer des Teutoburger Waldes, der zwischen den bewaldeten Ufern des Mittellandkanals durchblitzt. Auffällig sind die vielen riesigen Holzstapel, von denen stets einer mit den verwertbaren Fichten-Stämmen neben einem ebenso großen mit dem Abfallholz aufgeschichtet ist. Traurige Opfer der Sommerdürre und der einhergehenden Borkenkäferplage!

Inmitten dieser geschundenen Wälder verläuft bei Kilometer 26 die Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Nun sind wir also in Norddeutschland angekommen!

Der Ruhrpott mit seinen industriellen Ballungszentren rückt inmitten dieser weiten, landwirtschaftlich geprägten Landschaft mit den weißen Fachwerkhäusern schon wieder ganz weit in den Hintergrund.

Zusätzlich zu den herbstlich bunten Bäumen setzen die gelb-blühenden Senffelder leuchtende Akzente zwischen die gepflügten Äcker. Nur der Mais hält noch die Stellung. Erneut fällt mir auf, wie klein und kümmerlich die Pflanzen in diesem trockenen Jahr geblieben sind.

Oft liegt der „Duft“ nach Schwein, Kuh und Pferd in der Luft. Große Ställe mit hohen Lüftern verraten, welch arme Sau dort ihr kurzes Leben fristet.

Dann sind wir an der Abzweigung zum Stichkanal Osnabrück angelangt.

Wie der Name schon sagt, endet dieser 13 Kilometer lange Kanal in der Stadt Osnabrück, die allerdings keinen Sportboothafen besitzt. Stattdessen finden wir bei Kilometer 6 beim Osnabrücker Motor-Yacht-Club einen schönen Liegeplatz auf zwei Metern Wassertiefe. Schwierig ist nur das Anlanden, denn beim Abspringen auf den Steg ist es fast unmöglich, nicht in einen Entenköttel zu treten. Denn hier ist ein wahres Paradies für die zahlreichen Stockenten und Nilgänse, die nur „Halbgänse“ sind und zur Familie der Entenvögel gehören. Schön anzusehen sind diese Vögel mit ihrem grau-braunen Federkleid und dem braunen Augenring, der wie eine Brille aussieht.

Für 16 Euro finden wir hier einen schönen Platz mit guten Sanitäreinrichtungen und einem Clubhaus mit Restaurationsbetrieb. Im Kreise einiger Clubmitglieder, die viel Interesse an unseren Reiseabenteuern zeigen, genießen wir am Abend deftige Hausmannskost zu kleinen Preisen.

In der Nähe gibt es auch eine Bahnstation, von wo aus wir nach Osnabrück gelangen könnten. Doch der Wetterbericht verspricht echt norddeutsches „Schlackerwetter„, so dass wir am nächsten Morgen um 9:50 Uhr wieder die sechs Kilometer im Stichkanal zurückfahren und dann die nächsten 67 Mittellandkanal-Kilometer in Angriff nehmen.

Unser Ziel ist der Mindener Yacht-Club, wo es laut Binnenkarten-Atlas 1,80 m Wassertiefe und eine Tankstelle geben soll.

Zwar ist der Mittellandkanal 2,80 m tief und meist auch ziemlich breit, doch die Wassersporthäfen kommen bis Hannover nicht über 1,80 m hinaus.

Um sicher zu gehen, rufe ich im Yachtclub an und erkundige mich nach der Wassertiefe. Die Dame am Telefon gibt für unsere 1,60 m Tiefgang grünes Licht. Bei der Tankstelle muss ich extra anrufen um Diesel vorzubestellen.

Der Käptn hat heute seine dicke Ostseejacke angezogen, denn es bläst ein frischer Wind mit stürmischen Böen aus Südwest. Die bunten Blätter wirbeln von den Bäumen und schwimmen mit den aufgeschreckten Enten um die Wette. Die haben nämlich ihre liebe Not, uns und den vielen dicken Frachtschiffen zu entkommen, die neben ihnen den Mittellandkanal bevölkern.

Auch der Südwester wird heute noch häufiger aufgesetzt, denn Schauer und Sonnenschein wechseln sich munter ab.

Während der Käptn steuert, verfolge ich unseren Weg auf der Karte.

Bei Kilometer 40 taucht der Name Kalkriese auf. In meinem Kopf klingelt es! Mal sehen, was Google dazu ausspuckt!

Und tatsächlich: Neuerliche Grabungen haben ergeben, dass hier vor 2000 Jahren die Römer ein provisorisches Marschlager errichteten, das mit der berühmten Varus-Schlacht in Zusammenhang stehen könnte.

Quintilius Varus, das war der Stadthalter dieser römischen Provinz in Germanien. Er war ein Vertrauter von Kaiser Augustus und hatte bewiesen, dass er ein versierter Diplomat und ein guter Stratege war, der hart durchgreifen konnte.

Sein Schicksal war der Cherusker Arminius, der – selbst von den Römern ausgebildet – die Stärken und Schwächen der römischen Armee genau kannte und diese in einen Hinterhalt lockte.

Drei Legionen (das waren zwischen 9000 und 18 000 Mann) wurden im Gebiet um den Kalkrieser Berg vernichtend geschlagen!

Den berühmten Ausruf des Kaisers: „Quintilius Varus, gib mir meine Legionen wieder!“ musste sich Varus nicht mehr anhören, denn er hatte sich in seiner Verzweiflung über die Niederlage das Leben genommen.

 Landschaft in der Gegend um Kalkriese

Schade, dass wir keine Möglichkeit haben, diese Geschichte im Archäologischen Park Kalkriese näher zu betrachten, denn es gibt leider keine Anlegemöglichkeit.

Auch in Bad Essen sind die Häfen für uns zu flach und so geht es weiter, bis wir um 14:00 Uhr zwischen Kilometer 68 und 69 erneut die Landesgrenze überfahren und jetzt wieder in Nordrhein-Westfalen sind, denn rund um Osnabrück schiebt sich Niedersachsen nur ein kleines Stück in dieses viertgrößte Bundesland hinein.

Während es wieder mal schauert, google ich gleich nochmal den Sportboothafen in Minden und stoße auf der Website auf einen Hafenplan. Was steht da? Nur für Sportboote bis 1,40 m Tiefgang!

Ich rufe sofort dort an und habe wieder die weibliche Stimme am Apparat. Offensichtlich werde ich gleich wiedererkannt und erhalte die Auskunft: „Nein, nein! Ist schon richtig, Sie können ruhig kommen.“

Eine andere Möglichkeit haben wir mittlerweile auch nicht mehr. Es gibt in den Kanälen zwar immer wieder Anlegestellen für Kleinfahrzeuge, doch dort ist man dem starken Schwell, den die Berufsschifffahrt verursacht, schutzlos ausgeliefert, und wir hätten keinen Strom für Kühlbox und Heizlüfter.

Ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass der Hafenplan vielleicht veraltet ist und bin völlig perplex, als hinter der engen Hafeneinfahrt zwischen den hohen, schützenden Spundwänden plötzlich ein Schild auftaucht: „Einfahrt nur für Boote mit maximal 1,40 m Tiefgang!

Jetzt sind wir aber schon drin und steuern auf den sogenannten „Meldesteg für Gäste“ zu, auf dem  ein Mann auftaucht und fragt, welchen Tiefgang wir haben und wie lange wir bleiben wollen. Dann ruft er aufgeregt, dass wir eigentlich im ganzen Hafen nirgendwo anlegen können. Ich bemerke, dass ich deshalb extra angerufen hätte, worauf der Herr wissen will, von wem ich das habe.

Es war eine Frau“, verrate ich.

Also wenn schon, dann geht direkt an den Steg neben der Hafeneinfahrt!“ kommandiert der Mann und verschwindet wieder.

Der einzig mögliche Platz für uns ist zwar flächendeckend mit Entenschiss gepflastert, aber wir schwimmen noch!

Bevor ich zum Hafenbüro gehe, schnappt sich der Käptn den Wasserschlauch und den bereitstehenden Straßenbesen und macht den Weg für mich frei. Derweil dringt von Land lautes Diskutieren an unser Ohr. Ob da wohl die unterschiedlichen Ansichten über die Wassertiefe thematisiert werden?

Das Hafenbüro befindet sich in der Hafenkneipe und die Kneipenwirtin ist diejenige, die uns in den Hafen gelotst hat.

„Ist schon in Ordnung“, sagt sie, „hier sind schon Boote bis 1,60 m Tiefgang rein gekommen, das wusste ich.“

Dann kassiert sie das Hafengeld für zwei Nächte, denn morgen soll das „Schlackerwetter“ so richtig abgehen.

Was man sich unter „Schlackerwetter“ vorzustellen hat, erklärt am besten das Gedicht „November“ von Heinrich Seidel (1842-1906), das ich früher jedes Jahr für den Deutschunterricht auswählte, wenn sich der norddeutsche Herbst von seiner fiesen Seite zeigte.

Hier die 3. Strophe:

Seht das schöne Schlackerwetter:

Und die armen, welken Blätter,

wie sie tanzen in dem Wind

und so ganz verloren sind!

 Herbst am Mittellandkanal

Was man in unseren gut isolierten Häusern heutzutage kaum noch wahrnimmt, aber deutlich unter der schützenden Kuchenbude mitkriegt, steht in der 6. Strophe:

Auf dem Dach die Regentropfen:

wie sie pochen, wie sie klopfen!

Schimmernd hängt´s an jedem Zweig,

einer dicken Träne gleich.

Und unsere Stimmungslage im sicheren Hafen an Bord der Anima mea bringen die 7. und 8. Strophe treffend zum Ausdruck:

Oh wie ist der Mann zu loben

der solch unvernünft´ges Toben

schon im Voraus hat bedacht

und die Häuser hohl gemacht:

 

so, dass wir im Trocknen hausen

und mit stillvergnügtem Grausen

und in wohlgeborgner Ruh

solchem Greuel schauen zu.

  1. Das ist aber ein hübsches Gedicht! Wie immer ein wunderbarer Bericht mit Fotos! Gibt es ein Foto von den Nilgänsen? Die Nilgänse sind in Deutschland nicht beliebt, mir gefallen sie aber. 😀 Leider lassen sie sich in Thüringen selten sehen.

    Bei uns stürmt es heute. Ich hoffe, Ihr liegt wohlbehalten in einem sicheren Hafen.

    Liebe Grüße! Ingrid

    • Danke für den netten Kommentar! Leider muss ich mit den Fotos sparsam umgehen, da mein Speicherplatz fast aufgebraucht ist. Die nächste Nilgans werde ich jedoch ablichten und speziell für dich im Blog einbauen. Ich habe heute auch gehört, dass die Nilgänse die Stockenten angreifen und umbringen. Komisch, wenn ich sie gesehen habe saßen beide Sorten immer einträchtig zusammen. Liebe Grüße aus Hannover, wo es sehr stürmisch war!

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  2. Herzlichen Dank Christine und Heinz für Euren anschaulichen Bericht. Während zu Hause ein Sturmtief über die Lande zieht, herrscht hier in Korsika an Land Flaute, Dady Meer ist ganz ruhig und einige wenige Segler ankern in dem malerischen Buchten. Liebe Grüße nach Deutschland

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