26.09.2019 Zur lebenswertesten Stadt der Welt

Es ist Samstag, der 21. September. Der Wetterbericht verspricht uns ein letztes schönes Herbstwochenende. Danach soll es regnen. Also brauchen wir einen guten Platz für die bevorstehenden Schlechtwettertage.

Nach dem Kartenstudium fällt unsere Wahl auf den YC Dortmund-Ems in der Nähe von Olfen.

Der ist zwar nur 22 km entfernt, verspricht jedoch 2,50 m Wassertiefe in einem gut ausgestatteten Hafen. In gut zwei Stunden könnten wir dort sein. Also wird erstmal gemütlich gefrühstückt.

Um 10:45 Uhr sind wir dann so weit und werfen die Leinen los. Dortmund-Ems-Kanal, wir kommen!

Etwa eine Stunde später sind wir bei Kilometer 45 am Ende des Rhein-Herne-Kanals angekommen. Hier zweigt der Stichkanal nach Dortmund ab. Gut, dass wir dort nicht hinmüssen, sonst würde gleich eine Schleusung fällig. Früher gelangte man dort über ein Hebewerk hinein, doch sowohl das alte als auch das neue Schiffshebewerk Henrichenburg sind außer Betrieb.

Während wir jetzt nahtlos vom Rhein-Herne-Kanal in den Dortmund-Ems-Kanal wechseln, rufe ich beim Yachtclub Dortmund-Ems an. Es tutet und tutet, dann springt der Anrufbeantworter an. Ich bitte um einen schnellen Rückruf, der mir die versprochene Wassertiefe bestätigen soll. Wir haben nämlich festgestellt, dass wir zwar neue Karten gekauft haben, diese allerdings seit mindestens sechs Jahren nicht mehr vom Verlag Kartenwerft berichtigt wurden. Besonders Telefonnummern haben sich inzwischen oft geändert, aber auch die Wassertiefen stimmen nicht mehr überall, wie es ja z.B. in Oberhausen der Fall war.

Da der Stichkanal Dortmund offensichtlich als „Anfang“ des Dortmund-Ems-Kanals gilt, sind wir in Henrichenburg bereits bei Kanal-Kilometer 16. Drei Kilometer weiter zweigt rechts der Datteln-Hamm-Kanal und zwei weitere Kilometer links der Wesel-Datteln-Kanal ab. Bei so viel „Datteln“ ist es kein Zufall, dass diese Gegend offiziell als „Kanalkreuz Datteln“, inoffiziell als „Dattelner Meer“ bezeichnet wird.

Während ich auf einen Rückruf des Anrufbeantworter-Besitzers warte, vollenden wir einen Kilometer vor der Abzweigung ins Fahrwasser zum YC Dortmund-Ems bei Kanalkilometer 28 unseren tausendsten  Binnenfahrwasser-Kilometer seit unserem Start in Port St. Louis am 02.Juli, die 431 km Landtransport von Deluz nach Frankfurt /Main nicht mitgerechnet.

In Gedanken an das Auflauf-Desaster im Rhein-Rhone-Kanal fahren wir lieber weiter, als kein Rückruf erfolgt und beschließen, bis Münster weiterzufahren. Das Problem: Es ist bereits 12:30 Uhr und es liegen noch um die 50 km bis zur Schleuse Münster vor uns. Danach wären es dann nochmals acht Kilometer bis zur Marina Alte Fahrt Fuestrup, die uns jetzt alternativ zum YC Dortmund-Ems die bevorstehende Schlechtwetterperiode versüßen soll.

Wir legen einen Zahn zu und sind um 17:30 Uhr in Münster. Als die Schleuse in Sicht kommt, rufe ich dort an. Auf meine Frage: „Wann können wir talwärts schleusen?“ kommt die Gegenfrage: „Ja, wo seid ihr denn gerade?“ – „Vor der drittletzten Brücke! Ich kann das grüne Licht am Tor schon sehen!“ – „Dann gebt mal Gas!“ und wir tun wie befohlen, machen am SCHWIMMPOLLER hinter einem Frachtschiff fest und sinken sanft sechs Meter zu Tal.

Um 18:00 Uhr fahren wir aus der Schleuse heraus und müssen hinter dem Frachtschiff herschleichen, weil wir uns einer „Engstelle“ nähern.

Die Engstelle ist ein sogenannter Brückentrog, der in den Kanal hineingebaut wurde, um das Flüsschen Ems zu überbrücken. Diese „riesige Badewanne für Schiffe“ ist aber zu schmal, als dass sich darin zwei Schiffe gleichzeitig begegnen können. Deshalb wird hier gerade eine neue Umgehung mit einem weiteren Trog gebaut, so dass der Schiffsverkehr in Zukunft über zwei Brücken fahren kann.

Im Bildhintergrund erkennt man den alten Brückentrog, durch den wir gefahren sind. Der neue Brückentrog am linken Bildrand wiegt 2000 Tonnen und muss mit pingeliger Genauigkeit und Spezialgeräten über die Ems geschoben werden.

Der Bau der ersten Kanalüberquerung erfolgte bereits zwischen 1893 und 1897 beim Bau des Dortmund-Ems-Kanals. Diese Streckenführung wurde schon 1939 durch eine „Neue Fahrt“ ersetzt. Seit 2015 wird diese „Neue Fahrt“ erneut ausgebaut, um für Schubverbände bis 185 Metern durchlässig zu werden.

Nachdem wir in luftiger Höhe das Tal der Ems überquert haben, geht es kurz vor dem Kanal-Kilometer 80  rechts ab in die „Alte Fahrt“, die hier erhalten und dazu genutzt wurde, einen schönen, 2,50 m tiefen Hafen mit Wohnmobilstellplatz anzulegen.

Um 19:15 Uhr können wir in dieser gepflegten Naturidylle festmachen, dann wird es auch schon dunkel.

Am nächsten Morgen melden wir uns beim Hafenmeister an. Wir können bleiben, solange wir wollen. Pro Schiffsmeter kostet es wie bisher einen Euro, dazu eine Pauschale für Wasser und Strom sowie ein Euro für die Dusche. Das gute WLAN an Bord ist im Preis inbegriffen. Am Ende zahlen wir für sechs Übernachtungen 87 Euro (14,50 Euro pro Nacht).

Ich lasse mir diese Preise immer auf der Zunge zergehen und denke dabei an die unverschämten Hafengebühren in Italien!

Im Hafen gibt es auch ein einladendes Restaurant, wo sogar noch „Zigeunerschnitzel“ auf der Speisekarte stehen. Ha, ha! Mit der „diskriminierungssensiblen Sprache“ im Bezug auf ethnische Gruppen nimmt man es hier im Münsterland anscheinend noch nicht so genau. Womöglich werden zum Nachtisch auch noch „Negerküsse“ serviert!

Doch wer lieber selbst kochen will, kann beim rollenden Laden „Max und Moritz“, der fast täglich morgens und abends mit lautem „Klingeling“ und „Kikeriki“ auf den Vorplatz fährt, Münsterländer Spezialitäten einkaufen.

Außerdem kann man auch frische Brötchen beim Hafenmeister bestellen oder im 2 1/2 km entfernten Dorf Gelmer im kleinen, gut sortierten Supermarkt einkaufen und am Bankautomaten der Sparkasse Geld ziehen.

Dort gibt es auch eine Kirche, Kitas, Bauernhöfe mit Hofläden und vieles mehr. Ein Dorf also, in dem auch ältere Menschen noch autark leben können.

Gott sei Dank verschandelt hier kein Industriegebiet mit Supermarktketten die Landschaft zwischen Spargel-, Kartoffel- und Erdbeerfeldern! Zum nächsten Aldi z.B. müsste man schon nach Münster fahren, was sogar im Stundentakt mit öffentlichen Verkehrsmitteln möglich ist.

Sogar heute, am Sonntag, fährt der Bus regelmäßig! Also ergreifen wir die Gelegenheit, der Stadt Münster einen Besuch abzustatten.

Münster kannten wir bisher ja nur durch den „Tatort“! Wir lesen nämlich nicht nur gerne Zons- und andere Krimis, sondern gucken regelmäßig den Tatort-Krimi am Sonntagabend, wenn wir zu Hause in Hamburg sind.

Mal sehen, ob Hauptkommissar Frank Thiel und Prof. Karl-Friedrich Boerne heute auch wieder einen Fall klären müssen! Oder wir treffen gar auf Privatdetektiv Georg Wilsberg, der ebenfalls in Münster ermittelt….

Am Hauptbahnhof steigen wir aus und wandern am „Lackmuseum“ vorbei in Richtung Altstadt.

Was sofort auffällt: Unzählige Radfahrer schwirren um uns herum. Ob alt oder jung, ganz Münster scheint sich auf Drahteseln zu bewegen. Dafür ist die Innenstadt fast autofrei. Nur Busse fahren dort und diese natürlich mit umweltfreundlichem Antrieb.

 Familienkutsche auf zwei Rädern

Für diesen Umstand sind natürlich nicht nur die umweltbewussten Münsteraner verantwortlich, sondern auch ein entsprechendes Verkehrskonzept der Stadt, das es den Radfahrern ermöglicht, bequem und sicher von A nach B zu gelangen. Das führte unter anderem dazu, dass Münster beim LivCom-Award in Niagara/Kanada 2004 zur lebenswertesten Stadt der Welt gewählt wurde.

Eine Stadt, die viel zu bieten hat!

Zunächst wäre da das schöne, alte Rathaus, in dem der Westfälische Friede geschlossen wurde. Er beendete am 24. Oktober 1648 den Dreißigjährigen Krieg und die konfessionellen Auseinandersetzungen, die seit der Reformation die abendländische Christenheit gespalten hatten.

Außerdem wurde am 15. Mai 1648 der Aufstand der calvinistischen Nordprovinzen der Niederlande gegen die spanischen Habsburger beendet, der schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts begonnen hatte („Achtzigjähriger Krieg“).

Dann sind da noch die hübschen Häuser mit den unterschiedlichen Treppengiebeln, die in Reih und Glied entlang der engen Straßen mit stilvollen Geschäften und gemütlichen Cafes und Restaurants stehen.

 

Dazwischen die Kirchen, von denen wir St. Lamberti und der Liebfrauen-Überwasserkirche einen Besuch abstatten. Und natürlich Sankt Paulus, die hier nicht etwa „Münster“ sondern „Dom“ heißt, weil es sich um eine Bischofskirche und keine klösterliche Niederlassung handelt.

Wie oft erlebt man, dass die Innenstädte am Sonntag verwaist sind. Doch nicht in Münster!

In den Cafes sitzen die Menschen gemütlich zusammen, schlecken ein Eis, essen Kuchen oder trinken einen Aperol Spritz. „Verkasematuckeln“ nennt sich das in dem Münsteraner DialektMasematte“.

Viele junge Menschen leben hier! Kein Wunder: Münster ist ja auch eine Universitätsstadt. Wo sonst sollte auch Professor Boerne die armen Opfer sezieren?

Es gibt natürlich auch Touristen in Münster! Aber die fallen hier nicht besonders auf. Es ist genau die richtige Mischung aus Einheimischen und Besuchern, denen es hier offensichtlich genauso gut gefällt wie uns.

Doch, Münster war einen Besuch wert!

Zufrieden steigen wir wieder in den Bus und fahren zurück nach Gelmer. Dann wandern wir am Kanal entlang zurück zur Marina Alte Fahrt Fuestrup, wo wir es uns bei Münsterländer Spezialitäten und „Zigeunerschnitzel“ bis heute gut gehen lassen, während der dringend nötige Regen auf die Kuchenbude trommelt.

Morgen soll es aber wieder trocken werden. Da geht es auf der Suche nach einem Hafen mit tiefem Wasser weiter ins Osnabrücker Land.

 

 

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