15.09.2019 Über den Reben schweben

Es gibt mal wieder einen Freitag, den dreizehnten!

Ob die Sonne abergläubig ist? Denn ausgerechnet heute hat sie wohl beschlossen, nicht auf die Himmelsstraße zu gehen, sondern sich in einem dicken Wolkenbett zu verstecken.

Für uns ist das kein Unglück! Wir haben beschlossen, bis Montag in diesem gemütlichen Hafen zu bleiben und nutzen den grauen Tag fürs Einkaufen, Diesel-Bunkern, Wäsche waschen und rein-Schiff-machen.

Zum Abendessen gibt es „Grüne Soße“ aus Frankfurt, stilecht serviert zu gekochten Eiern und Salzkartoffeln. Köstlich! Und zum Nachtisch genießen wir seit langem mal wieder aktuelle deutsche Lektüre: Die „Süddeutsche Zeitung“ und den „Spiegel“ mit „King Boris“ auf dem Titelblatt.

Am Samstag ist wieder strahlend blauer Himmel und Sonnenschein. 24 Grad soll es werden!

In kurzer Hose und T-Shirt machen wir uns früh morgens auf den Weg zur Seilbahn Station in Rüdesheim und kaufen für 15 Euro pro Nase Tickets für die „Ringtour“.

Unter dem Motto „Über den Reben schweben“ geht es mit der Seilbahn über die Rüdesheimer Weingärten 200 m hinauf zum Niederwald-Denkmal mit der weithin sichtbaren „Germania“-Statue.

Hinauf zur Germania, die hinten links ganz klein zu erkennen ist.

Dieses kolossale Bauwerk wurde zwischen 1877 und 1883 als Andenken an den deutsch-französischen Krieg 1870/71 errichtet, dem die Gründung des Deutschen Kaiserreichs am 18.01.1871 folgte.

Viel besser als das heroische Denkmal gefällt uns eigentlich der runde, weiße Tempel daneben, der schon vor der Germania im Niederwald stand. Per Droschke kamen damals die Besucher hier herauf, um den herrlichen Rheinblick zu genießen. Ein türkisches Hochzeitspaar allerdings haben sie zu damaliger Zeit sicher nicht zu Gesicht bekommen!

Tempel mit türkischem Hochzeitspaar

Unter schattigen Buchen und Eichen wandern wir anschließend durch den Niederwald, der immer wieder Ausblicke auf den Rhein, den Hundsrück und das Städtchen Bingen freigibt. Der Waldboden ist knochentrocken und man fragt sich, wie lange die Bäume das noch aushalten können.

Da haben wir es besser; denn schon kommt das Jagdschloss in Sicht!

Dieses „Herrschaftliche Haus“ entstand ab 1764 und gehörte einst dem Grafen von Ostein, der im Niederwald ein Gartenkunstwerk mit Parkarchitekturen und malerischen Wegen schuf, über die wir bis hierher gewandert sind.

Heute befindet sich in dem Gebäude ein Hotel mit Restaurant. Unter der von Platanen beschatteten Terrasse setzen wir uns an einen Tisch und genießen das erste Glas Riesling aus dem Rheingau.

Im Wildgehege neben dem Jagdschloss drücken sich die Damhirsche ihre Nasen am Zaun platt, um an das Futter zu kommen, das die Besucher aus dem Automaten gezogen haben.

Ein kleiner Steppke, der aus Asien an den Rhein gereist ist, steht ganz allein vor einem dieser Hirsche, hält ein Futterkörnchen zwischen Daumen und Zeigefinger, traut sich aber aus Angst um sein Fingerchen nicht, es dem Tier zu geben. Ich spreche den Kleinen an und breite meine Hand vor dem Maul des Tieres aus. Da legt der Junge das Körnchen auf meine Handfläche und der Hirsch saugt es mit seinen weichen Lippen ins Maul.

Mit Staunen schaut der Junge zu und gibt mir gleich noch ein Körnchen. Jetzt breite ich seine Hand aus, lege das Körnchen darauf und der Kleine hält es – wie von mir vorgemacht – dem Hirsch unters Maul. Zack, ist das Körnchen weg, ohne dass ein Finger fehlt! – Stolz läuft der Kleine zu seinem Papa und berichtet von seiner Heldentat. Zu schön!

Gleich hinter dem Gehege befindet sich die Sesselbahn, mit der wir hinunter nach Assmannshausen fahren. Wieder schweben wir über Reben, diesmal voller roter Trauben. Denn hier wird einer der besten deutschen Rotweine gekeltert!

Mit der Sesselbahn geht es hinunter nach Assmannshausen. Auf der anderen Rheinseite sieht man die Burg Reichenstein.

Kein Wunder, dass dieser Ort im späten 18. Jahrhundert bereits ein „Hotspot“ der Romantiker war.

Clemens Brentano, Ferdinand Freiligrath, Hoffmann von Fallersleben und Robert Schumann waren hier zu Gast.

Aber auch dem Adel gefiel es hier: Wilhelm I und der II, Otto von Bismarck und sogar „Sissi“ genossen die schöne Landschaft des Mittelrheintals, das heute zum UNESCO Welterbe gehört.

In Assmannshausen steigen wir auf ein Schiff der Bingen-Rüdesheimer Schifffahrtsgesellschaft und setzen über den Rhein nach Bingen.

Die Stadt mit dem berühmten Mäuseturm auf einer kleinen Insel im Rhein wurde im Krieg stark zerstört und hat nicht ganz so viele alte, malerische Häuser zu bieten wie Rüdesheim und Assmannshausen. Doch die Burg Klopp – heute Rathaus – ist schön anzusehen und die Sage, die sich um den Mäuseturm rankt, wäre ein guter Stoff für einen Horrorfilm.

Erzbischof Hatto II. aus Mainz ließ demnach im 10. Jahrhundert den Wehr- und Wachturm erbauen. Als eine schwere Hungersnot ausbrach, forderten die Binger Bürger, dass der Bischof seine Kornkammern öffne, wozu er aber nicht bereit war. Als die Menschen ihn massiv bedrängten, ließ er sie von seinen Schergen in eine Scheune sperren und diese anzünden. Als die Todesschreie herausdrangen, sagte der hartherzige Bischof höhnisch:“ Hört ihr, wie die Kornmäuslein pfeifen?“ – Wie auf ein Stichwort, kamen da plötzlich tausende Mäuse aus allen Ecken und überrannten das Haus des Bischofs, so dass seine Bediensteten die Flucht ergriffen. Der Bischof rettete sich auf ein Schiff und fuhr zum Mäuseturm, weil er sich dort in Sicherheit wähnte. Aber die Mäuse drangen auch dort ein und fraßen ihn bei lebendigem Leibe auf.

Auch wir steigen jetzt wieder auf´s Schiff und fahren an der Burgruine Ehrenfels vorbei nach Rüdesheim zurück.

Im Kielwasser liegen links der Mäuseturm und rechts die Burgruine Ehrenfels.

Auf dem Clubschiff Dorothea im Hafen des YC Rüdesheim gibt es heute leckere Hausmannskost, gekocht von einem Clubmitglied. Dazu genehmigen wir uns eine gute Flasche Riesling aus dem Weinkeller der Hamburger Dorothea, die hier nach ihrer letzten Frachtreise ein neues Zuhause fand.

Wir versichern den freundlichen Clubmitgliedern, dass sie nach Großenbroder Fähre den schönsten Hafen, den wir kennen, ihr Eigen nennen dürfen.

Heute sind wir dann noch einmal über die Reben geschwebt. Allerdings nur „one way“ mit der Seilbahn hoch zum Niederwald. Dort suchen wir den „Rheinsteig“, einen Wanderweg, der zur Benediktinerinnenabtei St. Hildegard führt.

Leider lässt hier oft die Beschilderung zu wünschen übrig und in der Seilbahnstation weiß man offensichtlich auch nicht genau Bescheid. So verirren wir uns erstmal ein bisschen im Wald und auch Google Maps kann uns Mangels Empfang nicht aus der Patsche helfen. Irgendwann sind wir dann aber doch auf dem rechten Pfad und wandern durch die Weingärten dem Kloster entgegen.

 

Die Temperatur steigt im Laufe des Tages auf 28 Grad. Die Erde zwischen den Rebstöcken ist staubtrocken und das Laub an den Rebstöcken färbt sich stellenweise schon gelb und rot. Die roten und weißen Trauben – hier wachsen Burgunder und Riesling – glänzen prall in der Sonne. Ich probiere jeweils ein Träubchen. Zuckersüß und saftig sind sie. Das wird wieder ein guter Jahrgang mit reichlich Öchsle!

In einem der Gärten hat bereits die Lese begonnen. Der große Anhänger hinter dem Traktor steht auf dem Wirtschaftsweg und ist schon voller Trauben. Die Arbeiter sitzen am Wegesrand und löffeln eine appetitlich duftende Suppe mit kleingeschnittenen Würstchen. Die meisten Männer sehen fremdländisch aus und unterhalten sich in Sprachen, die ich nicht verstehe. Es ist wohl wie bei der Spargel- und Erdbeerernte: Deutsche Arbeitskräfte sind für die schwere Arbeit in den Steillagen anscheinend nicht zu bekommen.

Dann erreichen wir das Nonnenkloster der Benediktinerinnen, die Abtei St. Hildegard.

Es ist das offizielle Nachfolgekloster der Klöster auf dem Rupertsberg und in Eibingen, beide gegründet von der berühmten Hildegard von Bingen.

 

Hildegard wurde 1098 als 10. Kind einer adeligen Familie in Rheinhessen geboren und schon mit acht Jahren in die Obhut des Klosters gegeben. Das klingt zunächst einmal schrecklich. Ein so kleines Kind wird von der Familie getrennt und muss sich den strengen Regeln eines Klosters unterwerfen!

Doch mit dem Eintritt ins Kloster eröffneten sich für ein Mädchen im Mittelalter ungeahnte Möglichkeiten der Bildung und Ausbildung. Und das wusste die hoch intelligente, wissbegierige Hildegard zu nutzen. Sie lernte nicht nur Schreiben und Lesen, sondern sie dichtete und komponierte auch und erwarb medizinische Kenntnisse, denn sie kannte sich vorzüglich aus mit den Heilkräutern, die von jeher in den Klostergärten kultiviert wurden.

Was auch völlig ungewöhnlich war in der damaligen Zeit: Sie hielt Reden und Vorträge und scheute auch nicht die Diskussion mit mächtigen Männern, nämlich den Kirchenfürsten und sogar dem Kaiser Barbarossa.

Mit ihrer ausgeprägten Liebe zur Schöpfung wäre sie in der heutigen Zeit wahrscheinlich eine Umweltaktivistin geworden oder eine Mutter Theresa.

Hildegard von Bingen wird auch „Die Seherin vom Rhein“ genannt.

Ihre „Visionen“ schrieb sie in ihrem Hauptwerk „Scivias“ („Wisse die Wege“) nieder. Zu ihren theologischen und geistlichen Erkenntnissen gelangte sie durch den täglichen Umgang mit der heiligen Schrift und auf dem Hintergrund ihrer universellen Bildung.

Für mich ist Hildegard von Bingen eine faszinierende, bemerkenswerte Frau, die es mit ihren Führungsqualitäten, ihrem Charisma und ihrem Wissen auch in der heutigen Zeit weit gebracht hätte. Und ich bin sicher: Sie würde sich zum Wohle der Natur und der Menschheit einsetzen. Insofern:

Eine starke Frau mit Vorbildcharakter!

Bevor wir das Kloster verlassen, nehmen wir uns noch einen Wahlspruch Hildegards zu Herzen:

Der Wein – maßvoll genossen – heilt und erfreut den Menschen durch seine große Kraft und Wärme…“

Im Klosterladen gibt es nämlich ein reiches Angebot aus den klösterlichen Weingärten. Nach einer kleinen Weinprobe entscheiden wir uns für eine Flasche „Benedictus“, einem Rheingau Riesling Spätlese feinherb aus dem vorigen Jahr. Den werden wir zu einem besonderen Anlass trinken und auf Hildegard anstoßen!

Nun wandern wir hinunter nach Eibingen. In der katholischen Kirche „St. Johannes der Täufer“ steht hinter dem Hochaltar der goldene Schrein mit den Gebeinen der Heiligen Hildegard, die erst im Jahre 2012 von Papst Benedikt XVI (vorher Kardinal Ratzinger) heilig gesprochen wurde, nachdem sie 850 Jahre lang vom Volk wie eine Heilige verehrt wurde.

In der Kirche sind die ersten Bänke mit einer Personengruppe besetzt, die andächtig dem leidenschaftlichen Vortrag einer Benediktinerin lauschen. Dann stellen sich die Personen vor dem Altar auf. Ein Kirchenchor also!

Zu unserer Freude stimmen sie drei Lieder an: Ein „Halleluja“, „Lascia Chio pianga“ von Händel und „Denn er hat seinen Engeln befohlen…“ von Mendelssohn.

Am 17. September wird Hildegard von Bingen in Eibingen ganz groß gefeiert werden.

Anlässlich ihres Todestages wird der goldene Schrein in einer Prozession durch die Straßen getragen.

Wir werden dann ganz sicher nicht mehr hier im schönen Rheingau sein. Denn morgen geht es weiter Richtung Heimat. Wahrscheinlich ins Rheinland in die Nähe von Bonn. Bis dahin:

Kiek mol wedder in!

 

 

 

 

 

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