09.09.2019 Au revoir!

Freitag, der 06. September:

Neben meinem rechten Ohr kreischt der Wecker. Halb Vier! Wann bin ich zum letzten Mal um diese Zeit aufgestanden? – Aber obwohl ich maximal vier Stunden geschlafen habe, bin ich hellwach. Ich nehme an, das ist der Muntermacher Adrenalin. Und der Gedanke an die Anima mea, die in Deluz auf uns wartet.

Bleib noch ein bisschen liegen,“ sage ich zum Käptn, der offensichtlich auch wach geworden ist.

Dann husche ich ins Bad und stelle mich unter die Dusche. Nun kann auch schon der Käptn aufstehen und ich mache die Betten. In der Küche packe ich die Rucksäcke mit Esswaren aus dem Tiefkühlgerät und dem Kühlschrank so voll, dass sich die Reißverschlüsse tatsächlich nur mit Reißen verschließen lassen. Schnell noch die Kulturtaschen in den Koffer gezwängt und ab geht die Post Richtung U-Bahn Berne.

Es ist um 4: 45 Uhr noch völlig dunkel, aber schon viele Menschen machen sich mit uns auf den Weg zur U-Bahn-Haltestelle. Wahrscheinlich müssen sie alle früh zur Arbeit. Nur wir beenden heute unseren unfreiwilligen „Holiday-Break“, haben noch 13 Stunden Reisezeit vor uns, bevor wir unser Schiff wieder in die Arme schließen können.

Im Hamburger Hauptbahnhof ist wie immer großes Gewusel!

Wir haben noch Zeit, einen „Kaffee to go“ zu kaufen. Machen wir sonst nie! Denn erstens trinken wir beim Laufen normalerweise keinen Kaffee und zweitens stört mich der Plastikdeckel auf dem Becher. Unnötiger Müll! Denn der Deckel platzt beim Laufen ständig ab und bald sind die Hände mit brühheißem Kaffee gebadet.

Pünktlich um 6:01 Uhr verlassen wir mit dem ICE 71 in Richtung Chur/Schweiz den Hamburger Hauptbahnhof. Es dauert etwa bis Hannover, ehe wir die vorbeihuschende Landschaft betrachten können.

Hinter Göttingen wird es immer hügeliger. Wir packen unsere Frühstücksbrote aus und genießen den Ausblick. Wie entspannt doch Bahnfahren ist!

Um 11:08 Uhr sind wir in Karlsruhe. 24 Minuten Umstiegszeit! Dann geht es mit dem ICE 9574 weiter in Richtung Paris Est. Leider nur bis ins altbekannte Straßburg. Aber demnächst reisen wir – statt mit einem Taxi – bestimmt auch mal mit der Bahn nach Paris!

In Straßburg haben wir fast drei Stunden Pause.

Wir verlassen das Bahnhofsgebäude und setzen uns draußen auf dem Place de la Gare auf eine Mauer. Während wir im Sonnenschein unsere Mittagsbrote vertilgen, beobachten wir die Menschen um uns herum. Ein buntes Gemisch aus Neuankömmlingen und Dauerbewohnern. Die Neuankömmlinge rollen mit ihren Koffern an uns vorbei, den Stadtplan oder das Smartphone mit Google Maps in der Hand. Stopp! „Wo ist unser Hotel? – Ah, da!“

Das „Le Grand„, das „Ibis„, das „Mercure“ und – last but not least – das „Arok„! „Unser“ schönes Hotel beim ersten Straßburg-Besuch!

Dafür haben die jungen Mädels in engen Jeans und knappen T-Shirts keinen Blick mehr. Sie schnattern lustig um die Wette, während sie auf eine Freundin warten. Da kommt sie ja! Strahlend umarmt sie die anderen. „Salut!“ Küsschen links, Küsschen rechts. Und schon geht´s in die Stadt zum Kaffeetrinken oder Shoppen.

Und dann sind da auch diejenigen, die uns aus dem Augenwinkel beäugen. Dralle Damen in aufreizender, enger Kleidung und hochhackigen Schuhen, die mir schon beim Hinschauen Schmerzen bereiten. – Und Obdachlose aller Couleur. „Bonjour, Monsieur, Madame!“ rufen sie den Vorbeigehenden zu, um deren Aufmerksamkeit zu erregen und vielleicht ein paar Cent abzukupfern.

Einer von ihnen verlässt nach einiger Zeit die Sitz-Mauer und zieht mit seinem Rolli voller Bierflaschen an uns vorbei. „Bon Appetit! Ein gesundes Frühstück ist was Gutes!“ sagt er zu uns auf Französisch und erleichtert seine Blase mitten auf dem Platz hinter einem „schützenden“ Podest. Bahnhofsviertel halt….in Hamburg ist es schlimmer.

Um 14:51 Uhr geht es endlich weiter!

Ein knappe Stunde brauchen wir mit dem Zug nach Basel bis Mulhouse, dann noch 40 Minuten bis Belfort und schließlich noch eine gute Stunde mit dem Zug nach Besancon bis Deluz. Die meiste Zeit blicken wir dabei auf den Canal du Rhone au Rhin, der hier beängstigend schmal aussieht. Dann erreichen wir das malerische Doub-Tal. Sehr schade, dass wir das nicht in Muße mit dem Schiff durchfahren können!

In Deluz sind wir die Einzigen, die aussteigen. Wir sind wieder einmal „zu Hause“ angekommen! „Zu Hause“ wie vorher in Plymouth, Lagos, Torrevieja, Aegina und – ganz besonders – in Lido di Ostia/Rom.

So unterschiedlich alle diese Orte auch sind. Sie haben für uns etwas gemeinsam: Sie gaben uns und unserem braven Schiff einen sicheren Hafenplatz, ein Zuhause für eine begrenzte Zeit und einen bleibenden Platz in unserem Herzen.

Wir wandern hinunter zur Kirche, vorbei an Häusern mit Gärten, in denen die Obstbäume voller Äpfel, Birnen und Pfirsiche hängen. An einer Mauer ranken sich Reben mit kleinen, blauen Trauben. Ich muss einfach davon probieren! Zuckersüß sind sie. Die ganze geballte Sonnenladung des Sommers haben sie aufgesogen!

Dann sind wir auch schon im Port de Plaisance.

Wir melden uns an der Rezeption zurück. Dort weiß man schon, dass Anima mea am Montag gekrant und nach Allemagne transportiert wird.

Und endlich tippen wir die 2017 auf der Tastatur am Tor ein und stehen auch schon vor ihr.

Hallo, altes Mädchen! Gut siehst du aus in deinem Spinnwebenkleid!“ – Ich glaube ja immer fest: Die Wiedersehensfreude ist auf beiden Seiten.

Wir sind jetzt seit 14 Stunden auf den Beinen und hundemüde. Doch es liegt nicht nur daran, dass wir in unserer Vorschiffkoje in einen tiefen, erholsamen Schlaf fallen. Wir sind einfach glücklich, wieder auf unserem schwimmenden Zuhause zu sein!

Der Samstag ist ein strahlender Herbsttag. Genau richtig für die anstehenden Arbeiten.

Zunächst muss die Kuchenbude von Vogel- und Insektenschiet befreit und neu imprägniert werden.

Danach dauert es Stunden, bis der Geräteträger sich endlich aus seinen Halterungen löst und dann mit einem Rumms nach achtern abkippt. Haarscharf am Kopf des Käptn vorbei!

Nach der kräftezehrenden Bergungsaktion müssen die offenen Verbindungen an der Reling wieder geschlossen werden. Dazu kommen die vorbereiteten Metallstücke zum Einsatz, die uns Mauro in Lido di Ostia „geschnitzt“ hatte. So einige dieser Teile und so manche Schraube oder Mutter werden dabei dem Flussgott zum Fraß vorgeworfen! Doch irgendwann steht der „Zaun“, wenn auch nicht so belastbar wie sein Vorgänger.

Am Abend laben wir uns an mitgeschlepptem Fetakäse, Aufback-Baguette und Gurkensalat. Dann fallen wir müde in die Koje, schlafen jedoch unruhig, denn es gibt ja noch viel zu tun am letzten Tag vor dem Kranen!

Der Sonntag begrüßt uns mit wolkenverhangenem Himmel und Regen.

Trotzdem geht es nach dem Frühstück unter der Kuchenbude ans Werk!

An Deck schraubt der Käptn die beiden Solarzellen vom Geräteträger ab, während ich unter Deck Ordnung schaffe. Dann können wir den „erleichterten“ Geräteträger vernünftig platzieren und befestigen. Die Solarzellen werden gesäubert und in der Hundekoje bzw. hinter der Rückenlehne einer Sitzbank verstaut. Die verdreckten Fender werden vom Algenschleim befreit und aufs Deck gelegt. Nun sieht alles aufgeräumt und ordentlich aus!

Dann begleiche ich unsere „Schulden“. Inclusive Kurtaxe bezahle ich 365,40 Euro Hafengeld und werde sogar die Fernbedienung los! Denn Christoph an der Rezeption telefoniert sich die Finger wund nach einer Lösung des Problems. Schließlich erlaubt der VNF, dass Christoph, der in Besancon wohnt, die Fernbedienung bei der Schleuse 50 in Besancon abliefern darf.

Das Abendbrot besteht heute aus (mitgeschleppten) Bratkartoffeln und Würstchen. Dazu eine Flasche Bordeaux aus „Altbeständen“. Unsere Henkersmalzeit in Deluz.

Aber nur, wenn morgen tatsächlich der Kran und der Transporter aufschlagen….

In der Nacht klart der Himmel auf und die Temperaturen fallen unter die 10-Grad-Marke.

Wir stehen früh auf und sind gerade mit dem Frühstück fertig, da hören wir ein Gebrumme. Ist der Tieflader etwa schon da? Der Käptn schaut nach. „Es ist der Kran!“ ruft er.

Noch nicht mal neun Uhr und schon da? Super!!!

Nun geht alles sehr fix.

Monsieur Laurent kommt mit seinen Helfern zu uns. Dann fährt er zusammen mit dem Käptn zu der Stelle, wo der Kran die Anima mea aus dem Wasser heben soll. Die Helfer stehen an Land und nehmen die Leinen an. Eine richtige Anlegestelle gibt es nicht. So werden die Gurte mitten auf dem Wasser um den Rumpf gelegt. Gar nicht so einfach, den richtigen Punkt dafür zu finden! Und so sehen die ersten Kranversuche sehr bedrohlich aus. Einmal rutscht der Rumpf fast nach hinten aus den Gurten, dann kippt er wieder nach vorne. Doch Monsieur Laurent und der Kranführer sind sehr geduldig und finden schließlich die richtige Stellung für die Gurte.

 Kippelig!

In diesem Moment rollt auch schon der Tieflader über die kleine Kanalbrücke und fährt rückwärts an den Kran heran, wo die Anima mea auf die Ladefläche gesetzt wird.

Auch das dauert eine ganze Weile. Dann ist alles zur Zufriedenheit des LKW-Fahrers gelöst und er fährt das Gespann auf den Parkplatz vor der alten Papierfabrik.

Gegen 11:30 Uhr verlässt der Tieflader Deluz und wir winken hinterher.

 

Noch eine Cola und ein Sprite auf der sonnigen Sitzbank am Ufer des Doub, dann machen wir uns auf den Weg zur Bahnstation. Wir treffen noch einen der neugierigen Zaungäste vom Morgen, der stehen bleibt und seine Bewunderung für unser Schiff ausdrückt. Dann reicht er uns die Hand zum letzten „Au revoir!“

Wieder einmal stehen wir mutterseelenallein auf dem Bahnsteig. Pünktlich um 13:13 Uhr steigen wir in den Zug nach Besancon, dort wechseln wir in den Shuttle zum TGV-Bahnhof Franche-Comte´. Der TGV hat fünf Minuten Verspätung. Kann man verschmerzen!

Um 14:18 Uhr sitzen wir im TGV 9899 nach Luxemburg und rasen mit Höchstgeschwindigkeit – der Zug kann bis zu 315 km/h erreichen – nach Straßburg, wo wir um 16:00 Uhr ankommen.

Nun haben wir gut eine Stunde Zeit, im Straßburger Hauptbahnhof bei „Paul“ ein Blaubeer- und ein Rhabarbertörtchen zu genießen und dann für 90 Cent! die Bahnhofstoilette zu besuchen.

Um 17:15 Uhr steigen wir in den ICE 9563 von Paris-Est nach Frankfurt/Main. Irgendwo auf dieser Strecke fahren wir über die deutsch-französische Grenze und nehmen Abschied von Frankreich.

Schade! Denn trotz aller Probleme habe ich ein neues Lieblingsland entdeckt, von dem ich in Zukunft unbedingt mehr sehen möchte!

Um 19:05 Uhr sind wir im Frankfurter Hauptbahnhof und gehen ins Tiefgeschoss, wo die S-Bahnen abfahren.

Oh, Schreck, was für Menschenmassen! Schlimmer als in Roms Station „Termini“!

Wir stellen uns in der fünften Reihe an und erfahren, dass um 20 Uhr ein Grönemeyer-Konzert stattfindet. Wie passend zum Tour-Titel: TUMULT.

Die S2, die gerade einläuft, fährt allerdings nicht zur Commerzbank-Arena sondern geradewegs nach Frankfurt-Höchst, mir bisher nur bekannt durch die Farbwerke. Sogar einen Sitzplatz bekommen wir und sind schließlich nach einem kurzen Fußweg um 19:40 Uhr in unserem koreanischen Hotel „Parkside“. Mittlerweile genieße ich bei www.booking.com den Status „ Genius+“. Das bedeutet oft ein Upgrade des gebuchten Zimmers. So auch im Parkside, wo wir statt eines Doppelzimmers eine ganze Suite mit Schlaf- und Wohnzimmer sowie Küchenzeile beziehen dürfen.

Nach dem koreanischen Abendessen im Restaurant schaut sich der Käptn das Fußballspiel Deutschland-Irland vom Bett aus an, während ich im Wohnzimmer bestes WLAN genieße.

Morgen früh müssen wir wieder früh aus den Federn, denn um 9:00 Uhr wird die Anima mea in den Main gekrant. Dann hat sie nach sechs Jahren wieder deutsches Wasser unter dem Kiel. Mit Main-Wasser hätten wir damals allerdings nicht in unseren wildesten Träumen gerechnet!

Aber: „Erstens kommt es anders. Und zweitens als man denkt.“

Mal sehen, was noch so passiert auf unserer Reise durch die deutschen Binnenwasserstraßen!

 

    • Danke! Vor uns liegen nur 25 Main-Kilometer und 2 Schleusen, dann sind wir schon im Rhein. Mal sehen, wie das mit der Berufsschifffahrt weitergeht! Wird bestimmt noch spannend! Liebe Grüße aus Frankfurt Christine und Heinz

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