18.07.2019 La Saone

Tag 15-17

Wir wollen heute gut 80 Flusskilometer weiterkommen und stehen deshalb früh auf.

Auf dem Weg zum Sanitärgebäude treffe ich die Crew der ELA. Das deutsche Paar hat sich das Segelboot in Port-Saint-Louis gekauft und fährt jetzt mit gelegtem Mast in die Ostsee.

Auch sie haben heute das gleiche Ziel wie wir und wollen gleich los.

Um 6:50 Uhr starten wir den Motor. Nun müssen wir nur noch heil aus diesem verdammt knappen Liegeplatz direkt an der Hafenmauer herauskommen!

Beim Zurücksetzen ziehe ich uns mit dem Enterhaken an unsere Schweizer Nachbarn heran, doch es reicht nicht, mit dem Bug an ihrem Anker vorbei zu kommen. Also noch weiter zurück! Doch da stoßen wir fast schon an das Schlauchboot am Heck des englischen Motorboots hinter uns. Also wieder vorwärts. Doch es reicht auch diesmal nicht, um am Schweizer Bug vorbeizukommen.

Wir sitzen regelrecht in der Falle….

Endlich werden unsere Nachbarn wach!

Zuerst stellt sich der Engländer auf die Hafenmauer und zieht uns mit seinem Enterhaken in die kleine Lücke zwischen seinem Boot und der Mauer. Dann gibt der Käptn wieder vorwärts, wo der Schweizer inzwischen auf seinem Deck steht.

Ich strecke ihm die Spitze meines Enterhakens entgegen und er zieht uns zu sich heran. Stück für Stück arbeiten wir uns so an seinem Anker vorbei und sind endlich frei!

Allein hätten wir es nie geschafft, die bisher knappste „Parklücke“ unseres Seglerlebens zu verlassen.

Als wir durch die Gasse hinausfahren, steht John auf seinem Katamaran und winkt uns hinterher. Ob wir ihn irgendwo auf der Saone wiedersehen werden?

Es ist kurz nach sieben Uhr und Lyon ist noch nicht erwacht. Das heißt: Zumindest unter den Brücken schlafen noch die Obdachlosen. Nur die fleißigen Müllwerker kehren schon den Abfall zusammen.

An der malerischen Ile Barbe lassen wir die schöne Stadt endgültig hinter uns und sind bald in Collonges-au-Mont-d´Or. Hier könnten wir in Paul Bocuse ´Restaurant Sterneküche genießen, doch muss man eine Woche vorher anrufen, wollte man an einem Wochentag hier essen. Für ´s Wochenende  muss man dagegen mindestens drei Wochen vorher einen Tisch reservieren. So hat man dann auch genug Zeit, das nötige Kleingeld für das Menü zusammenzusparen!

Die Ile Barbe

Der Käptn meint, dass ihm die Sterneküche an Bord der Anima mea völlig ausreicht und so geht es weiter zur Schleuse Couzon, wo schon ein Handelsschiff auf Grün wartet.

Diese und die nächsten vier Schleusen haben die Abmessungen 185 X 12 m und können daher auf den 216 km zwischen Lyon und Auxonne auch von der Großschifffahrt genutzt werden.

Ob uns der Schleusenwärter noch mitschleust?

Ich rufe auf Kanal 22 an. Ein lauter Wortschwall ertönt aus dem UKW-Gerät. Ich glaube, dass wir hineindürfen, doch es gibt ein „ABER“, das ich nicht deuten kann.

Aber die Ampel bleibt grün, obwohl das Handelsschiff schon in der Kammer verschwunden ist. Wir also hinterher!

Da krächzt es ganz aufgeregt aus dem Lautsprecher. Wohlgemerkt: Ich stehe schon an Deck mit den Leinen in der Hand, der Käptn steht natürlich an der Pinne.

Ich lasse die Leinen fallen, stürze ans Sprechfunkgerät und melde mich. Die Stimme des Schleusenwärters überschlägt sich fast, aber ich weiß partout nicht, was er will. Ich frage ihn, ob er es mir auf Englisch erklären kann, aber er kann nur Französisch.

Ich springe wieder an Deck. Jetzt steht der gute Mann auf der Schleusenbrücke und hält uns ein rotes, viereckiges Gebilde entgegen. Was ist das denn? Gefahr in Verzug?

Inzwischen müssen wir dringend irgendwo festmachen.

Ich lege die Leinen über den nächsterreichbaren Poller in der Schleusenwand und der Käptn stoppt ab.

Da steht der Schleusenwärter auch schon auf der gegenüberliegenden Seite mit dem viereckigen Ding in der Hand auf der Mauer und schimpft uns aus.

Oh Gott!

Das rote Ding ist eine Schwimmweste und wir haben in der Eile ganz vergessen, unsere Schwimmwesten anzuziehen. Das ist jedoch Pflicht und der Schleusenwärter kontrolliert per Fernglas bereits beim Einfahren der Boote, ob die Crew die „Gilets de sauvetage“ angelegt hat. Aber ich hab´s einfach nicht verstanden, weil sowohl ich als auch der Schleusenwärter so aufgeregt waren. Wenn ich also demnächst den Satz: „Vous devez mettre vos gilets de sauvetage!“ an den Kopf geworfen bekomme, weiß ich Bescheid. Doch ich glaube, das wird so schnell nicht mehr passieren!

In den Saone-Schleusen läuft es etwas anders als in der Rhone.

Die Poller wandern beim Schleusen nicht mehr mit, sondern die Leinen müssen auf den nächsthöheren Poller umgelegt werden, wenn der Wasserstand steigt. Da die Schleusen hier nicht so hoch sind – Couzon hat nur vier Meter Hub – passiert das dreimal. Dann sind wir oben und können um 9:30 Uhr die Schleuse verlassen.

Artig bedanke ich mich beim Schleusenwärter und entschuldige mich für das Missgeschick. Er antwortet mit: „Gute Fahrt, einen schönen Tag noch und bis demnächst!“ – „Mit Sicherheit nicht!“ denke ich und merke jetzt erst, dass ich schon wieder „fix und foxi“ bin.

Der folgende Flussabschnitt ist wie geschaffen, um wieder „runterzukommen“.

Die Saone fließt ruhig und hat kaum Strömung. Dichtes Grün säumt die Ufer der parkähnlichen Landschaft, in der kleine Ortschaften verstreut sind.

Um die Inselchen im Fluss ranken sich Seerosenfelder, in denen die Graureiher reglos auf ihr Opfer lauern. Wie ferngesteuert gleiten Schwanenfamilien am Ufer entlang und sogar der erste Storch seit vielen, vielen Monaten wird am blauen Himmel gesichtet.

 

Vereinzelt begegnen uns Sportboote oder Handelsschiffe und als wir um 14:00 Uhr die Schleuse „Drace´“ (Hub 2,90 m) erreichen, will gerade ein langer Schubverband in die Kammer fahren.

Als er drin ist, springt die Ampel auf Rot und wir gehen erstmal an den Wartesteg. Eine kleine Pause tut uns beiden jetzt gut!

Es dauert nicht lange, da öffnet sich das Schleusentor wieder und zwei kleine Sportboote verlassen die Kammer. Die Ampel wird grün und kein Handelsschiff ist in Sicht. Also sind wir wohl gemeint. Schwimmweste an, Motor starten, Leinen los und schnell rein!

Alles läuft ohne Probleme und nach einer halben Stunde verlassen wir die Schleuse. Für heute die letzte!

Um 17:10 Uhr erreichen wir die Tankstelle im Sportboothafen Macon. Gleich daneben ist ein Platz am Schwimmsteg frei. Es ist ein herrlich ruhiger Hafen mit guten Sanitäreinrichtungen, WIFI (pro Übernachtung 19 Euro) und einem kleinen Restaurant. Doch wir haben keine Lust, uns noch mal „aufzubrezeln“ und genießen das Abendbrot lieber an Bord.

Am nächsten Morgen verlassen wir noch vor der ELA, die bereits vor uns in Macon eingetroffen war, den Hafen, um unsere Reise auf der Saone fortzusetzen.

Macon achteraus

Es ist herrlich, in der frischen Morgenluft an Deck zu stehen und die Tiere zu beobachten.

Die Graureiher sind Einzelgänger. Sie stehen wie erstarrt im Wasser oder auf einem Baumstumpf am Ufer und lauern auf Beute während ihre kleinen, weißen Vettern in Gruppen in den Büschen am Ufer hocken und ebenfalls auf Raubzug sind.

 

In einem abgestorbenen Baum entdecken wir sogar ein Storchennest. Der Storch selbst dreht majestätisch über uns seine Kreise. Auch ein Kormoran steckt seinen schwarz-glänzenden Kopf aus dem Wasser. Für alle gibt es in diesem fisch- und froschreichen Gewässer reichlich Nahrung, wobei die vielen Schwäne keine Konkurrenz bedeuten, da sie sich von Grünzeug ernähren.

Aber auch die Vierbeiner lassen es sich hier gut gehen!

Die weißen Kühe liegen mit ihren Kälbern am Strand oder kühlen ihre Beine im Wasser. Bis sie auf dem Teller landen, haben sie ein glückliches Leben verbracht.

 

Auch den Pferden gefällt es offensichtlich, an diesem heißen Tag zum Flusspferd zu mutieren und die meisten Hunde können ohnehin nicht genug davon bekommen, im Wasser herumzutoben.

 

Um 11:20 Uhr erreichen wir die Schleuse Ormes.

Ein Motorboot dümpelt bereits vor dem Schleusentor, doch dann wendet es und kommt uns entgegen. Ist etwa die Schleuse kaputt?

Ich rufe mit meinem üblichen Spruch beim Schleusenwärter an und bekomme eine klar verständliche Antwort. Allerdings fragt er nach, ob wir „montent“ wollen. Montent? Klingt irgendwie nach Berg. „Amont!“ antworte ich und klettere wieder an Deck, denn wir steuern bereits in die Schleusenkammer. Der Schleusenwärter schaut aus dem geöffneten Fenster seiner Kabine, zeigt in unsere Fahrtrichtung und wiederholt bedeutungsvoll: „Montent!“ – Mon dieu! Ob montent (steigen) oder amont (bergauf), er sieht doch, dass wir bergauf schleusen wollen!

Wir sind ganz allein in der Schleuse und werden genau beobachtet. Doch es gibt nichts zu meckern an unserem Schleusenmanöver. „Merci!“ rufe ich hinauf. Dann geht das Fenster wieder zu und wir fahren aus der Kammer hinaus. Für heute war es die einzige Schleuse.

Wir sind ja hier nun in Burgund (Bourgogne), das man vor allem vom köstlichen Rot- und Weißwein kennt. Hähnchen in Burgundersoße (Coq au Vin) zählt übrigens zu den Lieblingsgerichten des Käptn!

Doch es gibt auch nette Städtchen hier. Leider ist der Port de Plaisance in Chalon-sur-Saone schon voll und wir fahren weiter zum Anleger in Gergy.

  

Blumenbeet an der Hafeneinfahrt zum Port de Plaisance in Chalon-sur-Saone

Der Anlegesteg in Gergy gehört zu einem Campingplatz und kann kostenlos genutzt werden. Doch auch er ist schon mit vier großen Motorbooten besetzt.

Wir fahren trotzdem mal ran und bekommen vom Eigner eines französischen Bootes die Einladung, bei ihm festzumachen.

Da die „Dame des Hauses“ deutsch spricht (ihre Mutter war Düsseldorferin), kommen wir schnell ins Gespräch. Wir erzählen von unseren Plänen, nach der Saone in den Canal de Vosges zu gehen.

Ich glaube, der ist schon wegen Wassermangel geschlossen!“ meint die Dame.

Ich kann das nicht recht glauben, denn auf der Homepage des VNF stand „navigierbar bis zu einem Tiefgang von 1,80 m“.

Die Dame ruft jetzt beim VNF an und kommt mit der Nachricht zurück: „Der Kanal ist zwar nicht geschlossen, aber nur noch für Boote bis 1,40 m Tiefgang befahrbar.“

Aus der Traum vom schönen Vogesen-Kanal! Mit 1,50 m Tiefgang können wir dort nicht hinein.

Doch es gibt eine Alternative: Der Kanal du Rhone au Rhin!

Er zweigt hinter St.-Jean-de-Losne von der Saone ab. Leider entgeht uns dadurch der schönste Teil der Saone, der ab dort „Petit Saone“ genannt wird sowie der malerische Canal de Vosges und die Mosel. Dafür bekommen wir aber einen anderen schönen Kanal und erreichen am Ende über den Rhein die Stadt Straßburg, die wir schon immer einmal besuchen wollten.

Um der Mittagshitze zu entgehen – im Laufe des Tages steigt das Thermometer immer noch bis mindestens 30 Grad – wollen unsere Nachbarn am nächsten Morgen mit ihrem schönen Motorboot „Paradoxe“ bereits um 7:00 Uhr starten. Also stehen auch wir früh auf und fahren gemeinsam mit ihnen und einem weiteren Motorboot zur Schleuse Ecuelles.

Wieder genießen wir 16 Kilometer friedliche Flusslandschaft in allen erdenklichen Grüntönen. Die Reiher stehen am Ufersaum Spalier und Störche und Raubvögel kreisen über uns.

Um 8:20 Uhr sind wir vor der Schleuse. Gerade verlässt ein Handelsschiff die Kammer und wir dürfen gleich anschließend hinein. Dann kommt die frohe Botschaft von Bord der Paradoxe:

„Wir haben uns beim VNF erkundigt. Der Canal du Rhone au Rhin hat zur Zeit genug Wasser für Boote bis 1,90 m Tiefgang. Aber immer schön in der Mitte des Fahrwassers bleiben!“

Uns fällt ein Stein vom Herzen! Und freuen uns wieder einmal über die Franzosen, die sich so nett um uns kümmern.

Nun geht es zur Schleuse Seurre. Es ist für uns die letzte in der Saone und auch die letzte, die von der Großschifffahrt genutzt werden kann.

Das grüne Licht leuchtet schon und zwei Schiffe haben bereits in der Schleusenkammer festgemacht. Der Schleusenmeister in seinem blauen Outfit steht oben am Schleusentor und grüßt zu uns herunter. Inzwischen haben wir schon Routine beim Schleusen und sind nicht mehr so aufgeregt, dass etwas schiefgehen könnte.

So ein Motorboot könnte uns auch schon gefallen!

Nun sind es nur noch 15 Kilometer bis Saint-Jean-de-Losne. Dort gibt es eine Tankstelle, einen schönen Stadtkai und ein Hafenbecken, in dem die Societe H2O und Ets Blanquart Liegeplätze vermieten.

Die Paradoxe steuert sofort den Stadtkai an. Wir müssen aber erstmal tanken, dann rufe ich bei H2O an, denn deren Plätze liegen nahe an der Stadt und damit auch nah am Supermarkt. Bei H2O ist gerade Mittagspause, aber wir können uns an Ponton 2 einen Platz aussuchen.

Bei der Ansteuerung des Hafenbeckens kommen uns einige Boote aus der Schleusenkammer des Canal de Bourgogne entgegen. Dann geht es scharf rechts ab unter einer Brücke durch in das Hafenbecken, in dem wir zwischen zwei Inseln den Weg zum Ponton 2 suchen müssen.

Der Tiefenmesser bringt uns zeitweise ins Schwitzen, so flach ist es hier und das viele Kraut und der grüne Algenteppich machen uns Angst und Bange. Wenn das Zeug in den Wasserfilter kommt ist Holland in Not!

Im Schneckentempo schleichen wir den Ponton 2 entlang, immer auf der Suche nach einem Platz mit wenig Algendeko. Doch alle Plätze sehen mehr oder weniger grün aus. Am letzten machen wir schließlich fest. Wenn dieser Mist morgen früh beim Starten angesaugt wird, dann Gute Nacht!

Um zwei ist das Hafenbüro (in Kombi mit einem Schiffsausrüstungs-Laden) wieder geöffnet. Man spricht sehr gut Englisch und auch Deutsch. Der Preis ist erstmal Klasse:

11 Euro incl. Strom für eine Nacht. Und bestes Wifi! 

Dann äußere ich unsere Sorgen mit dem Algenteppich.

Der junge Mann entschuldigt sich dafür, aber man kommt ja nicht dagegen an. Aber morgen früh um acht Uhr zieht uns ein kleines Boot ins klare Wasser. Dort können wir dann den Motor starten.

Noch ist der Wasserfilter okay. Der Käptn hat extra nachgeguckt. Hoffen wir, dass wir morgen ins klare Wasser gelangen und dann zum Eingang des Canal du Rhone au Rhin fahren können, um in der ersten Schleuse die Fernbedienung für die 112 Schleusen zu erhalten. Dann sind wir unsere eigenen Schleusenmeister. Ob das klappt? – Madame von der Paradoxe sagte dazu nur lakonisch:

„Das macht immer mal Probleme!“

 

 

 

 

 

  1. Jetzt wird’s richtig gemütlich, oder? Als wir auf dem Landweg an den Schleusen vorbeikamen, stand da immer jemand, der für ein paar France, nun wahrscheinlich Euros, irgendwie behilflich war. Noch eine beschauliche Reise

    • Gemütlich? Wir sind seit heute auf dem Canal du Rhone au Rhin. Haben heute 16 Schleusen bzw 43 km geschafft. Aber das Schleusen in „Eigenregie“ macht fast schon Spaß. Helfen kommt vor, aber selten, da in der Einsamkeit keiner ist.
      Liebe Grüße aus Ranchot!

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