24.06.2019 Ein ganz besonderer Tag

Vorsichtig nähern wir uns dem „Mastenwald“ im Hafen von Marseille und passieren die Engstelle zwischen dem Fort St-Jean an Backbord und dem Fort St-Nicolas an Steuerbord, deren mächtige Mauern aus hellen Kalksteinquadern uns ein bisschen an Maltas Hauptstadt Valletta erinnern.

Danach lese ich rechts an einem kleinen Gebäude das Wort „Capitainerie„, das Rod Heikell in seinem nautischen Reiseführer „Französische Mittelmeerküste und Korsika“ jedoch gar nicht erwähnt. Er schreibt lediglich, dass die Schwimmstege von verschiedenen einheimischen Clubs verwaltet werden und dass es Gastliegeplätze beim Nautique du Lacidon (CNL) sowie beim Societe´ Nautique de Marseille (SNM) gibt. Und dass die meisten Yachten am schwimmenden Clubhaus des SNM festmachen, um sich dann einen Platz zuweisen zulassen.

Am CNL, der sich direkt hinter der „Capitainerie“ anschließt, sind wir bereits vorbei und ich halte Ausschau nach dem „schwimmenden Clubhaus“ des SNM.

Vor lauter Bäumen bzw. Masten kann ich jedoch den „Wald“ nicht sehen und: „Schwupps!“ sind wir schon fast am Ende des Vieux Port, wo die Fischhändler jeden Tag ihre Ware für die berühmte „Bouillabaisse“ anbieten.

Wir wenden und ich halte erneut Ausschau, während der Käptn alle Hände voll zu tun hat, den vielen überholenden bzw. entgegenkommenden Booten auszuweichen.

Endlich erkenne ich die drei Buchstaben an einem Gebäude! Ein „schwimmendes“ Clubhaus hatte ich mir jedoch anders vorgestellt und festmachen kann man dort auch nicht, weil der lange Steg, der vom Clubhaus ins Wasser ragt, voller Boote ist.

Der Eingang des „schwimmenden“ Clubhauses befindet sich an der Landseite. Auch hier liegen bereits  schöne Oldtimer, die an der Regatta in Marseille teilnehmen.  

Aber am Kopf des Steges wäre eine Möglichkeit, längsseits zu gehen.

Mit der Vorleine in der rechten Hand schwinge ich mich über die Reling und stelle mich „im Rückwärtsgang“ auf den Süllrand, um im richtigen Moment auf den Stegkopf zu springen und die Vorleine zu belegen.

Doch Strömung und Wind machen unserem Langkieler zu schaffen. Der erste Versuch klappt überhaupt nicht, beim zweiten sieht es schon besser aus. Doch gerade, als ich das rechte Bein in Richtung Steg strecke, dreht sich die Anima mea wieder weg. Ich hänge „im Spagat“ zwischen Steg und Boot und merke, dass ich so weder auf den Steg springen noch zurück aufs Boot kann.

In meiner Not mache ich das, was ich seit 40 Jahren Segelpraxis noch nie gemacht habe:

Ich lasse mich in voller Montur ins Wasser plumpsen!

Das Hafenwasser ist wohltemperiert und sehr salzig. Es blubbert und gurgelt um mich herum, als ich in die Tiefe stürze. Dann tauche ich wieder auf, kralle mich am Steg fest und sehe den Rumpf hinter mir. Der Käptn schaut über die Reling und ruft fassungslos: „Was machst du denn?“, obwohl er doch gesehen hat, dass ich „Kopp heister“ gegangen bin.

Wie komme ich jetzt wieder ins Schiff? Der Käptn kann ja mitten im Verkehrsgetümmel die Pinne nicht einfach loslassen, um die an Deck festgebundene Badeleiter runterzulassen.

Als ich mich umschaue, entdecke ich auf der Rückseite des Stegs eine eiserne Leiter. Ich tauche unter dem Steg durch, klettere hoch und stehe wie ein begossener Pudel oben.

Gott sei Dank! Die Brille hängt noch an ihrem Band um meinen Hals!

Da nähert sich auch schon die Anima mea!

Schnell, gib mir die Leinen!“, rufe ich. Der Käptn wirft, ich belege vorne, er springt raus und belegt hinten. Fest!

Nachdem ich mich notdürftig „entsalzt“ und trockene Sachen angezogen habe, gehe ich zum Clubhaus. Dort bekomme ich die enttäuschende Nachricht: Wegen Regatta ausverkauft! Mit dem Zusatz: „Das betrifft zur Zeit alle Clubs in Marseille. Aber fragen Sie doch mal in der Capitainerie nach!“ Und dann schiebt mir die junge Dame noch die Telefonnummer über den Schreibtisch. – Ich mache auf „alte, hilflose Frau“ und frage die junge Dame, ob sie für mich dort anfragen könnte. – Sie lässt sich breitschlagen, ruft an, gibt unsere Schiffsmaße und den Schiffsnamen durch und sagt dann:

Sie können kommen! Die haben noch einen einzigen Platz für Sie!“

Kurze Zeit später liegen wir in einer Lücke am Steg der Capitainerie und sind glücklich, hier einige Tage bleiben zu können.

Plötzlich nähert sich ein kleines Segelboot mit einem jungen Paar. Der Hafenmeister steht vor uns auf dem Steg und winkt es heran. Dann quetscht sich die „Iles & Ailes“ (Inseln & Flügel) neben uns, dass die Fender quietschen. War wohl doch nicht der allerletzte Platz im Hafen, den wir ergattert hatten!

Das Pärchen ist noch sehr jung. Vielleicht im gleichen Alter wie wir damals bei unserem ersten Besuch in Marseille. Sie heißen Laurent und Manon, sind umwerfend offen und freundlich und haben große Pläne! Zusammen mit ihrer Katze sind sie auf dem Weg zu den Balearen. Dann soll es über Gibraltar, Portugal, die Kanaren, Senegal und die Kapverden in die Karibik gehen, wo Laurent in seinem Beruf als Elektriker Arbeit in Aussicht hat.

Aber warum in den Senegal?“, fragen wir. – „Dort will ich ehemalige Arbeitskollegen besuchen,“ erklärt Laurent und knuddelt seine anhängliche Katze, die ihr Herrchen regelrecht anhimmelt.

 

Die nächsten beiden Tage schauen wir uns Marseille an.

Mon Dieu! Hat sich ganz schön verändert seit damals! Der Titel „Kulturhauptstadt 2013“ hat eindeutig zur Verschönerung beigetragen.

Am Quai de la Fraternite´, wo ich einst jung, blond und noch relativ blass auf einer Bank sitzend in die Kamera strahle, steht jetzt das „Ombriere„.

Es beschattet die Fußgängerzone und lässt die Besucher in seiner spiegelnden Unterseite Kopf stehen.

 

Der berühmte Stararchitekt Norman Foster – er entwarf z.B. die gläserne Reichstag-Kuppel in Berlin- hat sich für Marseille diese witzige Konstruktion ausgedacht.

Auch das Fort St-Jean hat sich verändert. Auf seinem mächtigen Turm prangt das Wort „MuCem„, die Abkürzung für Musee des Civilisations de l´Europe et de la Mediterranee´.

Ein 130 m langer Steg in luftiger Höhe verbindet dieses moderne, mit filigranem „Betonnetz“ ummantelte Gebäude (Entwurf Rudy Ricciotti) mit der 300 Jahre alten Befestigungsanlage Ludwigs des IV. und bietet spektakuläre Ausblicke auf die Umgebung.

Das MuCem, daneben das Kulturzentrum „Villa Mediterranee“

Überhaupt nicht verändert hat sich die Cathedrale de la Major, vor der ich den Käptn vor 40 Jahren abgelichtet habe. Sie wurde erst im 19. Jahrhundert gebaut und sollte den fremden Seeleuten aus dem Orient und Asien deutlich machen, dass sie hier christlichen Boden betreten.

 

Wir beschließen den ersten Sightseeing-Tag mit einem Bummel durch das Altstadtviertel „Le Panier“. Seit 2013 hat es sich ebenfalls herausgeputzt und ist längst nicht mehr das „Armenviertel“ für afrikanische Zuwanderer, die hier allerdings noch viele kleine Läden betreiben.

 

Am nächsten Tag wollen wir „hoch hinaus“.

Doch zu Fuß auf den 162 m hohen Hügel mit der Wallfahrtskirche „Notre-Dame de la Garde“ zu steigen ist in der Hitze selbst jüngeren Touristen zu anstrengend. Deshalb steigen wir in der Nähe der Ombriere in den Bus Nummer 60 und fahren für 2 Euro pro Kopf zur Basilika hinauf.

Schon Kurt Tucholsky schwärmte von dem überwältigenden Ausblick auf die Stadt, den Hafen sowie die Iles du Frioul und die Ile d´If. Die Wolkenkratzer in der Ferne hat er natürlich nie gesehen und auch für uns sind sie neu.

Auch im Innern ist die Basilika sehr schön gestaltet. Besonders die Deckenmosaike können es mit den prächtigen Exemplaren griechischer Kirchen und Klöster aufnehmen!

Nach den Stadtbesichtigungen genießen wir dann den Abend an Bord. Beim Abendessen im Cockpit tönt angenehme Lifemusik von der stimmungsvoll illuminierten Festungsmauer vor uns herunter. Um Mitternacht ist aber immer Schluss damit und einer erholsamen Nachtruhe steht nichts im Wege. In Italien und auf Korsika haben wir in der Beziehung leidvolle Erfahrungen machen müssen!

 

Am Freitagabend geht es allerdings etwas lebhafter zu!

Es ist die Mittsommernacht und ganz Marseille singt und tanzt. Abwechselnd oder auch durcheinander tönt es von der Mauer und vom Fort St-Jean auf der anderen Seite. Auch Manon und Laurent zieht es in die Stadt, während wir versprechen, ein Auge auf ihre Mieze zu haben. Doch die hat es sich wohl in der „sturmfreien Bude“ gemütlich gemacht und lässt sich nicht mehr blicken.

Am Sonntag verabschieden wir uns von Marseille und von Manon, Laurent und dem Kätzchen.

Wir drücken den Dreien alle Daumen, dass sie heil und gesund über den großen Teich kommen und in der Karibik ihr Glück finden.

 

Dann machen wir uns auf den Weg zur Rhone-Mündung. Für Anima mea die letzten Meilen durch das Salzwasser des Mittelmeers!

Bis zum Golfe de Fos ist es ja noch ganz hübsch. Aber im Golf präsentiert sich das Ufer mit Kraftwerken und Industrieanlagen von seiner abstoßenden Seite.

In Richtung Port Napoleon wird das Wasser durch die Ablagerungen der Rhone immer flacher. Eine ausgetonnte Fahrrinne leitet uns sicher zum Hafen, der von Salzwiesen umgeben ist.

 

Im Schilf zwitschern die Vögel und der Kuckuck ruft, dass er gleich dem Teichrohrsänger ein Ei ins Nest legen wird.

Abends beginnt das Froschkonzert und die Mückenarmee rückt uns auf den mit „Anti-Brumm“ präparierten Pelz.

Heute kriegen die Plagegeister Blut, das ordentlich mit Wein verdünnt ist. Denn heute ist ein ganz besonderer Tag.

Heute vor SECHS JAHREN brachen wir in Großenbroder Fähre auf, um in die Karibik zu segeln, dann aber doch lieber ins Mittelmeer abzubiegen. Es war eine gute Entscheidung, die wir nicht eine Sekunde bereut haben. Darauf stoßen wir heute an.

PROST, ANIMA MEA! Das hast du gut gemacht!

 

 

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