17.06.2019 Zwischen Schickimicki und Natur

Am Pfingstsonntag lassen wir alle Viere gerade sein und schauen von Bord aus den Menschenmassen zu, die sich im Hafen tummeln.

Auf dem grauen Aluboot vom „Club de Plongee“ drängen sich die Taucher, um ihr Pfingstvergnügen unter Wasser zu suchen und die „Bateaux verts“ starten in kurzen Abständen zum „Schöne und Reiche gucken“ und Shoppen nach Saint Tropez.

Das bringt wohl eher den erwachsenen Touristen Spaß, während es die kleinen Gäste an die Promenade von Sainte Maxime zieht. Hier vergnügen sie sich „Gratuit„, also umsonst, schon seit Samstag zwischen 14 und 18:30 Uhr in der Hüpfburg, im Labyrinth und bei „Hip Hop-“ und „Break Dance-Shows“.

Sainte Maxime ist ein beliebtes Ziel für Familien, denn der Ort – man sieht es an den drei Tage dauernden „Journees Recreatives„- hat sich „Familienfreundlichkeit“ auf die Fahnen geschrieben.

Das scheint auch vielen deutschen Familien zu gefallen, zumal gerade die Pfingstferien in Baden-Württemberg und Bayern begonnen haben. Schon lange haben wir nicht mehr so wenig Englisch und so viel Deutsch auf der Straße gehört!

Am Abend verlassen wir ein bisschen schick gemacht unser schwimmendes Zuhause und gehen in die Kirche „Sainte Maxime„, deren Glockenspiel uns jeden Tag um 12 und 19 Uhr mit einem schlichten Kirchenlied erfreut.

Die Heilige Maxime in einem schönen Glasfenster über dem Altar.

Im Rahmen des Festivals „La Magie des Orgues“ wird heute das zweite von insgesamt fünf Orgelkonzerten dargeboten. Der Organist Jean-Cyrille Gandillet, 1971 in Cannes geboren, hat schon mehrere Preise und Medaillen gewonnen und spielt heute Abend um 21 Uhr Werke von Johann Sebastian Bach, Jean-Philippe Rameau und Alexandre Guilmant. Alles „Gratuit„!

Obwohl ich ein großer Bach-Fan bin – immerhin hat unser Schiff einem Bach-Magnificat seinen Namen zu verdanken – beeindrucken mich und den Käptn die virtuos gespielten „5 pieces extrait des ,Indes galantes´-Transcription für Orgel von Yves Reichsteiner am stärksten.

Prunk und Pracht des Französischen Barock erfüllen den Raum. Fehlt nur noch, dass Ludwig XIV mit seinem Gefolge zwischen den vollbesetzten Bankreihen zum Altar schreitet und mit blasiertem Gesicht zur Orgel hinauf applaudiert!

Auch am Pfingstmontag – in Frankreich ebenfalls frei – lassen wir die Seele baumeln, lesen und schreiben (Blog) und meiden die Menschenmassen.

Am Dienstag sind die werktätigen Franzosen wieder an ihrem Arbeitsplatz und nach Sainte Maxime kehrt genau die richtige Mischung von Ruhe und Lebendigkeit zurück, die man sich für so einen französischen Ort an der Cote Azur wünscht. Was wir uns auch von Saint Tropez erhoffen, denn da müssen wir doch unbedingt noch hin, bevor es am Donnerstag weitergeht!

Für die Hinfahrt wählen wir die kostengünstigste Möglichkeit und nehmen für drei Euro pro Person den Bus, der auch relativ pünktlich um kurz nach 10 Uhr aus Saint Raphael kommend an der Bushaltestelle gegenüber dem Touristenbüro eintrifft.

Welch ein Unterschied zu den italienischen Rappelkisten, die unsere Bandscheiben fast zum Bersten brachten, wenn sie in Lido di Ostia über die Schlaglochpiste donnerten! – Und auch ein Unterschied zu unseren HVV-Bussen in Hamburg, die weder so angenehm klimatisiert noch mit solch bequem gepolsterten Sitzen daherkommen. Und alles ohne Kratzgraffitis an den Fensterscheiben oder zusammengeknüllten Franzbrötchentüten in den Ecken! – Chapeau!

Diesen Komfort genießen wir allerdings während der nächsten beiden Stunden länger als erwünscht. Denn so lange dauert die gerade mal 15 Kilometer lange Busfahrt zwischen Ste Maxime und St Tropez  im Dauerstau!

Der Hafen von Saint Tropez teilt sich in zwei Becken (Port Nouveau und Vieux-Port), die über eine gemeinsame Einfahrt zugänglich sind.

Hier hätten wir zu dieser Zeit wohl keinen Platz mehr bekommen, denn es findet gerade der 67. Giraglia Rolex Cup statt, einer der größten Kreuzer-/Rennwettbewerbe im Mittelmeer, der vom Yacht Club Italiano und der Societe Nautique de Saint Tropez organisiert und von Rolex gesponsert wird.

Über 200 Boote aus 10 Ländern nehmen an diesem prestigeträchtigen Segelwettbewerb teil, bei dem verschiedene Inshore- und Offshore-Rennen ausgetragen werden.

Das berühmteste Offshore-Rennen beginnt in Saint Tropez und führt zunächst über die Iles des Hyeres, bevor es zu der einsamen Felseninsel vor Nordkorsika geht (241 Seemeilen), nach der die Giraglia-Regatta benannt ist.

Start: Mittwoch, 12. Juni in Saint Tropez.

Ziel : Monaco, spätestens Samstag, 15. Juni. Denn dann findet dort im Yacht-Club de Monaco die Preisverleihung statt.

Am 20.07.16 passierten wir um 8:59 Uhr Giraglia, ohne zu wissen, dass die Insel nicht nur ein beeindruckender Felsklotz am Cap Corse sondern auch der Wendepunkt der Giraglia-Regatta ist.

Wir schlendern durch den Hafen von Saint Tropez und bestaunen die großen, modernen „Rennziegen“, aber vor allem die edlen Oldtimer. So müsste der Lack auf der Anima mea auch mal wieder aussehen! Die Sonne und das Salzwasser haben ihm arg zugesetzt, und im nächsten Winterlager an der Ostsee wird es für den Käptn viel zu tun geben.

„The Magic Carpet“ landete in seiner Klasse nur auf dem vierten Platz.

Edle Oldtimer aus Monaco.

Rund um die Hafenmeile tobt das touristische Leben. Straßenmusikanten ziehen an den vollbesetzten Restaurants und Cafes vorbei und behindern den Autoverkehr, der nur im Schritttempo vorwärts kommt. Eine Luxuslimousine mit abgedunkelten Scheiben hält vor der Apotheke. Der Chauffeur im schwarzen Anzug steigt aus, verschwindet in der Apotheke und kehrt mit einem edlen Tragetäschchen zurück.

Saß da vielleicht Brigitte Bardot drin? Sie besitzt ja in der Nähe von Saint Tropez zwei Villen, in denen sie sich um „die Rettung der Tiere in aller Welt“ kümmert, wie es im Statut ihrer Stiftung heißt.

Ansonsten meiden die „Schönen und Reichen“ mittlerweile Saint Tropez und über dem einstigen Fischerdorf hängt nur noch der Glamour vergangener Zeiten.

In einer kleinen Bucht hinter dem Hafen ist es etwas stiller.

In den schattigen Ecken sitzen Familien und junge Paare beim Mittagsimbiss und genießen den Blick auf das klare Wasser und die pastellfarbenen Häuser.

 

Dort draußen ankert vielleicht noch der eine oder andere Millionär oder gar Milliardär, der sogar einen eigenen Hubschrauber an Deck seiner Megayacht geparkt hat.

 

Wir bummeln noch ein bisschen durch die engen Gassen, in denen sich ein teurer Laden an den anderen reiht. Ich suche jedoch weder Gold noch Geschmeide sondern ein Cafe´mit Wifi! Der neue Blog soll endlich eingestellt werden, aber in Sainte Maxime ist Internet ein echtes Problem.

Endlich finde ich auf dem Schild eines kleinen Imbissrestaurants den ersehnten Hinweis „Wifi“. Es dauert zwei Gläser Rose´, dann sind alle Fotos hochgeladen und der Blog kann abgeschickt werden.

Danach geht es zum Anleger der „Bateaux verts“. Zum doppelten Fahrpreis, aber in gerade mal 20 Minuten sind wir wieder in Sainte Maxime.

Am Mittwoch bleiben wir noch in Sainte Maxime, um einzukaufen und nochmals bei der Bank mit dem „Unglücksgeldautomaten“ vorstellig zu werden. Leider ist noch nichts passiert. Aber Mademoiselle versichert mir, dass ich mein Geld ganz bestimmt zurückbekomme. „Es dauert in Frankreich einfach alles lange!“, sagt sie beim Abschied. Aber immerhin hat das Protokoll des Bankautomaten mittlerweile den Beweis erbracht, dass 300 Euro einbehalten wurden.

Am Donnerstag (13.06.) sind nur leichte Winde angekündigt und wir machen uns auf den Weg zur Ile de Porquerolles. Dort sind wir mit unseren französischen Freunden Jean Francois und Michele verabredet. Die beiden haben wir letztes Jahr auf Gozo kennengelernt und dann auf Malta wiedergetroffen. Sie haben uns per Email die Treue gehalten und sind sogar unserem Blog gefolgt. So wissen sie auch, dass wir ganz in ihrer Nähe sein müssen. Momentan warten sie in La Ciutat noch auf ein neues Funkgerät. Danach wollen sie uns besuchen.

Vier Caps – Cap Camarat, Cap Taillat, Cap Lardier und Cap Benat – müssen gerundet werden. Dann liegen die Iles d´Hyeres an Backbord. Zuerst kommt die Ile du Levant, dann die Ile de Port-Cros, anschließend die kleine Ile de Bagaud und zuletzt die Ile de Porquerolles.

Alle Inseln gehören zum Nationalpark Port-Cros und sind ein Wanderparadies mit Myrten, Kork- und Steineichen, Kastanien, Pinien und Eukalyptusbäumen.

Porquerolles ist mit 1254 Hektar bzw. 7 km Länge und knapp 2 km Breite die größte Insel des Archipels. Auf dem höchsten Punkt (142 m) steht ein Leuchtturm. Es gibt ein Dorf und den Hafen für die Fischer, Fähren und Freizeitboote.

Blick auf den Hafen, der 200 seiner insgesamt 500 Plätze für Gäste reserviert. Zum Tagespreis von 30 Euro liegen wir hier gut geschützt am Steg F.

Über dem Ort steht auf einem Hügel das Fort Ste-Agathe. Von dort hat man einen wunderbaren Blick über die Insel mit ihren Weingärten, Wäldern und auf das türkisblaue Meer.

Blick vom Fort Ste-Agathe auf die Bucht am „Plage de la Courtade

Malerische Buchten mit glasklarem Wasser und sauberen Sandstränden laden hier zum Ankern, Baden und Schnorcheln ein.

Es gibt nur unbefestigte Wege, auf denen man Wandern oder Radfahren kann. Schilder helfen, die „Attraktionen“ – Fort Ste-Agathe, Fort Grand und Fort Petit Langoustier, die Mühle und die Villa Carmignac zu finden. Der Autoverkehr beschränkt sich auf einen Kleinbus und wenige Fahrzeuge der Inselbewohner, die meisten davon sogar mit Elektroantrieb.

Aber zunächst müssen wir abwarten, bis am Freitag der schwere Sturm abgezogen ist.

Mit acht bis neun Beaufort fegt er den ganzen Tag über die Insel. Braune Staubwolken pudern die unverdrossenen Wanderer. Und im Hafen legt sich die schöne Oldtimerversammlung im Hafen in den Böen auf die Backe.Auch im Hafen zeigt der Windmesser die 8.

In der Bucht am Plage de la Courtade tanzen die Ankerlieger, und die Fähren kämpfen sich durch die aufgewühlte See. Drinnen wird auf den Toiletten bestimmt ordentlich Neptun geopfert!

Am Strand beobachte ich, wie der Sturm Wasser in die Luft wirbelt. Wie ein dünner Schleier fliegt es über die Schaumkronen bis an den Strand! Und sogar die Möwen haben „Startschwierigkeiten“!

 

Der Käptn lässt unser Schiff nicht allein und bleibt an Bord. Erst am nächsten Tag gehen wir gemeinsam auf Erkundungstour. Unser „Programm“:

Fort Ste-Agathe, die Mühle und die Villa Carmignac, die eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst, einen Skulpturengarten und ein Kulturprogramm bietet.

Das moderne Gebäude verschmilzt regelrecht mit seiner Umgebung aus Pinienwald, Weingärten, Olivenhainen und einem großen Garten, der vom Landschaftsarchiteken Louis Benech entworfen wurde.

Im Mittelmeer an der Wand spiegelt sich die Landschaft.

Natürliches Licht, gefiltert durch eine Wasserdecke, beleuchtet die unter der Oberfläche verborgenen Räume, die der Besucher barfuß entdeckt. Da jede halbe Stunde nur 50 Besucher Einlass finden, bietet sich „viel Raum“, dieses Gesamtkunstwerk mit Muße zu erleben.

Barfuß an Beethoven´s Ohr: Beethoven´s Trumpet (with Ear) Opus #133, 2007 von John Baldessari, geboren 1931 in National City, USA

Sickle-Billed Rail, 2019 von Cyprien Gaillard, geboren 1980 in Paris

Blema, 2006 von El Anatsui, geboren 1944 in Anyako, Ghana

Swan´s Way, 2006 von Sarah Lucas, geboren 1962 in London

Im schattigen Freiluft-Restaurant genießen wir zuletzt noch die Produkte der Insel.

Wein und Bier von Porquerolles zu einem saftigen Focaccia.

Als wir zum Hafen zurückkehren, kommt eine E-Mail von Jean Francois. „Wir ankern vor Porquerolle. Wann wollen wir uns heute Abend treffen?“

Wir kaufen schnell noch ein paar Leckereien für das gemeinsame Abendessen an Bord, dann wird der Tisch gedeckt und die Gäste können kommen.

Als wir am Cockpittisch zusammensitzen, ist es, als hätten wir uns gestern zum letzten Mal gesehen.

Für den nächsten Tag verabreden wir uns zu einer gemeinsamen Wanderung. Jean Francois ist unser Guide. Die 10 Kilometer in schönster Natur sind angefüllt mit lustigen Gesprächen aus einem Mix aus Deutsch, Französisch und Englisch.

Aus dem Hinweisschild „Breganconnet“ auf Porquerolle macht Jean Francois „Bregancon“ an der Cote Azur. Letzteres ist der Sommersitz von Staatspräsident Macron, den die Franzosen scherzhaft „Jupiter“ (sprich „Schüpiter“) nennen.

Am Schluss sind wir alle durchgeschwitzt, müde und fest entschlossen, uns in Hamburg und/oder Beziers wiederzusehen.

Gruppenbild mit Dame – Ich bin der Schatten!

 

 

 

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