01.06.2019 Wir schwimmen im Reichtum

Am Dienstag, den 28.Mai, verlassen wir Alassio mit dem Ziel San Remo.

Dieser feine Badeort mit dem berühmten Spielkasino und dem mondänen San Remo Schlagerfestival soll als letzter Hafen in Italien einen glänzenden Schlusspunkt setzen.

Doch weder Spiel noch Gesang ziehen mich nach San Remo. Ich möchte vor allem auf den berühmten Blumenmarkt, denn San Remo ist ja auch bekannt für seine Blumenzucht.

Wer schon einmal das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker am Bildschirm erlebt hat, wird sich vielleicht an die andächtigen Worte des Kommentators erinnern, wenn er auf den Blumenschmuck im Konzertsaal hinwies. 30 000 Blüten wurden stets dafür verarbeitet, von 1980 bis 2013 von der Stadt San Remo gesponsert!

Schon auf dem Weg nach San Remo tauchen überall zwischen den Häusern auf den Hügeln der lieblichen Landschaft die Gewächshäuser auf. Sie erinnern uns ein bisschen an das „Mare plastico“ in der Gegend rund um Almerimar, sind aber offenbar aus Glas und nicht ganz so hässlich anzusehen wie die spanischen Plastik-Gewächshäuser.

Um 15 Uhr haben wir die 24 Seemeilen geschafft und machen in der Marina Portosole am Steg B fest. Auf dem Weg zum Tower, in dem sich auch das Büro befindet, laufe ich durch ein Spalier von Megayachten aus aller Welt. Allein an unserem Steg mit den mittelgroßen Schiffen sind unter anderem die Heimathäfen Amsterdam, Guernsey, Jersey, London, Frankfurt, Singapur, Basel, Malta und Monaco vertreten.

Unser Steg

Wenn ich nicht wüsste, in welcher Richtung der Tower liegt, ich würde ihn nicht finden, denn er wird gänzlich durch die oft mehrstöckigen Megayachten verdeckt.

Als ich das Büro betrete, schauen die drei Mitarbeiter gerade gebannt aus dem geöffneten Fenster. Die riesige Motoryacht „Roma“ parkt gerade ein und meldet Probleme mit den Leinen. Um sie herum düsen die kleinen Boote der Marineros wie aufgeregte Hummeln und leisten Hilfestellung, bis das Ungetüm an seinem Platz ist.

Was für ein Reichtum!“ sage ich zu den Dreien, als sie sich mir zuwenden und zustimmend mit dem Kopf nicken. Dann nenne ich unseren Schiffsnamen und bemerke: „Und wir mit unserem kleinen Boot mittendrin.“ Die Drei lächeln freundlich und die Registrierungsprozedur beginnt.

Nachdem raus ist, dass ich Deutsche bin, beginnt eine der Mitarbeiterinnen deutsch zu reden. Sie hat früher als Reiseleiterin gearbeitet und gibt mir einige Tipps für San Remo.

Den Blumenmarkt kann ich mir allerdings abschminken. Die meisten Gewächshäuser stehen schon lange leer oder werden zum Anbau von Gemüse genutzt. Schnittblumen werden längst viel billiger in Afrika gezüchtet und fluten die deutschen Supermärkte mit billigen Rosen und Nelken. Im Netz kann man nachlesen, unter welch katastrophalen Arbeitsbedingungen die Menschen z.B. in Kenia an ihrem Arbeitsplatz im Gewächshaus leiden müssen. Von den Umweltbelastungen durch Pflanzenschutzmittel ganz zu schweigen!

Da also dieser Wirtschaftszweig, der übrigens von dem deutschen Landschaftsarchitekten und Pionier der Blumenkultivierung Ludwig „Ludovico“ Winter (1846-1912) ins Leben gerufen wurde, im Zuge der Globalisierung wegbricht, ist man in San Remo ganz froh über die vielen Superyachten, die vor allem hierher kommen, um für die bestehende Sommersaison in Monaco, Sardinien und an der Cote Azur aufgehübscht zu werden.

Auf fast allen Schiffen sind die Putzkolonnen damit beschäftigt, die Außenhaut und den Edelstahl zu polieren oder Teppiche und Polster zur Reinigung zu transportieren. In der Lavanderia läuft die Waschmaschine heiß, weil ununterbrochen weiße Handtücher und Badvorleger von der „Roma“ oder der „Only Fun“ in sie hineingestopft werden. „Das bringt Geld und Arbeit“, sagt die ehemalige Reiseleiterin, „aber nicht nur durch die Großen, sondern auch durch die Kleinen“, womit sie eindeutig uns und die Anima mea meint.

Kleinvieh macht eben auch Mist!

Na ja, 51,70 Euro pro Nacht sind ja auch schon ein stattlicher Preis für ein 10-Meter-Boot in dieser großen Marina mit den weiten Wegen, wo das nächst liegende Klo 10 flotte Gehminuten entfernt liegt!

Kaum bin ich an Bord zurück, zieht ein Gewitter auf. Dann folgt eine kurze Pause, in der wir den dringenden Einkauf im nächsten „Carrefour“ erledigen. Danach geht es wieder los und es blitzt, donnert und regnet bis Mitternacht.

Am nächsten Morgen scheint die Sonne vom wolkengetupften Himmel. Bei 24° C macht es richtig Spaß, über die Promenade zu den alten Villen zu schlendern.

Die „Villa Nobel“ können wir leider nur durch das verschlossene Torgitter bewundern, denn sie wird gerade restauriert. Alfred Nobel, der schwedische Industrielle, Chemiker und Erfinder des Dynamits, erwarb die Villa 1891 und ließ im Untergeschoss ein Laboratorium für seine chemischen Versuche einbauen. Am 10. Dezember 1896 verstarb der Inhaber von 355 Patenten hier an der Blumenriviera. Sein Vermögen vermachte er einer Stiftung, aus deren Zinsen jedes Jahr die Nobelpreise finanziert werden.

Villa Nobel

In der Nähe der Villa Nobel gelangen wir zu der noch größeren „Villa Ormond“, die in einem schönen Park liegt und nach dem Schweizer Tabakindustriellen Louis Ormond benannt ist. Heute ist sie der Sitz des „Internationalen Instituts für humanitäres Recht“, das sich der Entwicklung und Verbreitung des humanitären Völkerrechts widmet.

Villa Ormond

Zur Stille des Parks bietet die stark befahrene Straße ins Stadtzentrum einen unangenehmen Kontrast. Aber da müssen wir durch, wenn wir auch mal über den roten Teppich ins Kasino spazieren wollen. Drinnen ist fotografieren streng verboten. „Rien ne va plus!“ Die Zocker am Roulettetisch und an den Spielautomaten wollen anonym bleiben!

 

In einem der vielen kleinen Restaurants an der Shoppingmeile stärken wir uns mit einem ziemlich teuren Salat, dann nehmen wir die vielen Treppenstufen durch die Altstadt „La Pigna“ in Angriff.

Tor zur Altstadt

Hier finden sich kaum Touristen. Kein Glanz, kein Glamour, keine Andenkenlädchen und Bars. Alles wirkt noch sehr ursprünglich: Hohe Gebäude in engen Gassen, die teilweise wie durch Kellergewölbe führen. Der Putz blättert und man kann den Muff erahnen, der in den alten Gemäuern hängt. Hier gibt es noch jede Menge Potenzial für Bauverliebte!

Auch am nächsten Tag bleibt uns das schöne Wetter treu. Wir werden also bei Sonnenschein das geliebte Italien verlassen und zunächst Frankreich erreichen, dann aber ins zweitkleinste Land von Europa, nach Monaco reisen.

Monaco hat zwei Häfen: Den Port Hercule und den Port Fontvieille.

Im Port Hercule präsentieren sich vor allem die Megayachten der Millionäre, doch auch wir könnten dort zum Preis von 85,20 Euro pro Nacht unterkommen. Etwas günstiger, nämlich 67,20 Euro, wäre es im Port Fontvieille, der gleich unter der Steilwand liegt, auf der die Kathedrale und das fürstliche Schloss im Schatten der dicht gedrängten Hochhäuser stehen. Ganz in der Nähe dieser beiden Sehenswürdigkeiten befindet sich auch noch das Ozeanografische Institut von Monaco, einst geleitet von Jacques-Yves Cousteau, dem berühmten Pionier der Meeresforschung.

Doch in ganz Monaco ist man ausgebucht und auch im direkt benachbarten französischen Hafen Port de Cap d´Ail gibt es keinen Liegeplatz mehr.

Etwas enttäuscht machen wir uns auf den Weg nach Frankreich.

Die beeindruckende Landschaft mit den schneebedeckten Seealpen im Hintergrund tröstet uns über den geplatzten Monaco-Besuch hinweg und vor der Schlucht von Menton erfolgt nach 335 Seemeilen (gut 600 km) seit Rom/Lido di Ostia der feierliche Gastflaggenwechsel:

Der Käptn zieht die zerfetzte und ausgeblichene italienische „Pizza Margherita“ runter und setzt Frankreichs Tricolore, während ich an der Pinne die Melodie der „Marseillaise“ dazu schmettere.

Die Grenze verläuft bei der Schlucht von Menton.

Die Pizza Margherita und das neue Handbuch

Gleich hinter der Grenze passieren wir das schöne Städtchen Menton mit einem großen Yachthafen. Danach runden wir das Cap Martin, hinter der sich die Bucht von Monaco öffnet.

Ansteuerung auf Monaco

Da ist es also: Das „Klein-Manhattan“, auf dessen drei Quadratkilometern sich die Wolkenkratzer drängen.

Uns bleibt nur ein Besuch der „Waterfront“ dieses reichen Zwergstaates, doch traurig sind wir jetzt nicht mehr. Hamburgs Hafencity ist echt schön dagegen! Was sollen wir in dieser Steinwüste?

Das Ozeanografische Institut, dahinter das Schloss (kaum erkennbar) und die Kathedrale.

Eine Motoryacht nach der anderen stürmt an uns vorbei und wühlt das Wasser auf. Wir tanzen durch die Wellen und gelangen in der geschützten Bucht von Fournis nach Beaulieu-sur-Mer.

Es waren Mönche, die hier in dieser fantastischen Landschaft ein Kloster gründeten und es „Santa Maria de bello loco“ nannten, was später zu Beaulieu wurde.

Das angenehme Klima und die Nähe zu Nizza verhalfen dem ehemaligen Fischerdorf bald zu Beliebtheit bei gekrönten Häuptern und wohlhabenden Unternehmern, die im Hotel Reserve und Metropole ihren Winteraufenthalt genossen.

Ob wir hier einen Liegeplatz bekommen?

Wir ändern unsere Strategie und setzen statt auf Telefonate auf die persönliche Anfrage. Wer kann schon einer netten älteren Lady, die um einen Liegeplatz für zwei Nächte bittet, eine Absage erteilen?

Die junge Dame in der Capitainerie von Beaulieu jedenfalls kann es nicht. Obwohl gerade Himmelfahrtswochenende ist, was auch die Franzosen für einen Kurzurlaub nutzen, findet sich ein sehr schöner Platz ganz tief drinnen im Hafen, wo sich eine mächtige Felswand steil und schützend nach Nordosten erhebt. Eine atemberaubende Kulisse!

Port Beaulieu-sur-Mer

Außerdem gibt es im Hafen eine sehr gepflegte Sanitäranlage, viele Restaurants und Bars und sechs Stunden kostenloses WiFi von „Orange“. Und der Preis: 24,- Euro pro Nacht. Da kann man nicht meckern!

Außer, dass dieser Ort in einer wunderschönen Ecke der Cote Azur liegt, gibt es auch noch zwei Sehenswürdigkeiten zu besichtigen.

Über die Uferpromenade gelangen wir zunächst zur Villa Kerylos.

 

Baron Theodore Reinach, ein begeisterter Archäologe mit Faible für die griechische Antike, ließ sich vom Architekten Emmanuel Pontremoli von 1902 bis 1908 auf 2500 Quadratmetern Fläche eine griechische Villa im alten Stil errichten. – Da müssen wir also von Griechenland über Malta, Italien und Monaco nach Frankreich reisen, um endlich zu wissen, wie die „Trümmer“ in Griechenland von innen und außen ausgesehen haben, bevor sie zu Trümmern wurden. Genauer gesagt: Wie ein vornehmes Haus auf Delos im 2. Jahrhundert vor Christus ausgesehen hat.

Die Innenausstattung dieser Villa mit dem kleinen Atrium ist wirklich ein Gedicht: bemalte Holzdecken, Wandmalereien, Mosaikböden, Marmorbäder und Möbel aus edlen Hölzern. Hier konnte der Baron leben wie Zeus in Frankreich!

Das „gute“ Zimmer mit  Carrara-Marmor-Säulen.

Nach der Besichtigung wandern wir auf der Uferpromenade weiter Richtung Cap Ferrat bis zum Hafen St.-Jean-Cap Ferrat.

Blick über die Bucht mit der Villa Kerylos in der Mitte.

In St.-Jean-Cap Ferrat stärken wir uns in einem Hafenrestaurant mit Ratatouille, Hähnchen und Gemüsetarte und wandern dann zur nächsten Villa.

Neben dem belgischen König Leopold II., der Tänzerin Isadora Duncan und viel später auch Somerset Maugham, Charlie Chaplin, Edith Piaf und Curd Jürgens, verliebte sich auch Beatrice Ephrussi de Rothschild in diesen Landstrich auf dem höchsten Punkt des Cap Ferrat. Hier ließ sie sich vor dem Ersten Weltkrieg eine palastartige, rosa-weiße Villa bauen.

Die Villa beherbergt Kostbarkeiten aus aller Welt, die Madame von ihren Reisen mitbrachte.

Lüster in der Eingangshalle

In Madames Schlafgemach

Auf dem sieben Hektar großen Gelände wurden neun Themengärten angelegt, darunter ein „Französischer Garten“ mit Wasserspielen, die von klassischer Musik begleitet werden.

Wasserspiele

Im „Exotischen Garten“ blühen Protea und andere bizarre Gewächse.

Natürlich darf auch ein Rosengarten nicht fehlen!

Am Ende steht für uns fest:

Ein Glück, dass wir in Monaco keinen Platz gefunden haben und statt der Steinwüste ein Pflanzenparadies entdecken konnten.

 

 

 

 

 

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