22.09.2018 Tschüss, Odysseus!

Wir wären gerne noch länger in Pozzuoli geblieben, um Neapel intensiver kennenzulernen. Aber im Gegensatz zu den Megayacht-Besitzern in der Marina di Maglietta sind wir keine Millionäre und sehen es auch nicht ein, für eine weitere Übernachtung 70 Euro zu bezahlen.

Als wir am Mittwoch, den 12.09. um 7:00 Uhr bereit sind zum Ablegen, rufe ich – wie im Office vereinbart – über Funk den Marinero an, um den Universalschlüssel für Dusche und Energiesäule abzugeben. Doch wieder kommt keine Antwort. Und zum Office kann ich auch nicht gehen, denn es ist um diese Zeit natürlich noch nicht besetzt!

Kurzerhand stecken wir das blaue Plastikteil einfach in den Schlitz der Energiesäule. Da wird es schon jemand finden. Gut, dass ich kein Pfand bezahlen musste!

Auch heute ist es fast windstill und wir tuckern unter Maschine dicht am Ufer entlang in Richtung Canale di Procida, der zwischen dem Festland und der Insel Procida verläuft.

Um 9:45 Uhr nimmt der Wind auf 3 Bft zu und kommt auch noch aus der richtigen Richtung. Das Groß steht schon seit der Abfahrt. Also schnell die Genua ausgerollt und Maschine gestoppt!

Herrlich! Nur das sanft plätschernde Kielwasser begleitet Anima meas gemächliche Fahrt durch das leicht gekräuselte Wasser. So kann es die nächsten 24 Seemeilen weitergehen! – Doch leider ist nach 40 Minuten, bzw. 3,5 gesegelten Meilen schon wieder Schluss, weil der Wind einschläft.

Um 15:25 Uhr erreichen wir die hohe, felsige Landzunge, auf der die mächtige Festung von Gaeta thront. Sie hat im Laufe der Jahrhunderte viele Belagerungen erlebt. Am 13. Februar 1861 endete die Herrschaft der Bourbonen unter den Mauern von Gaeta, und ein geeinigtes Italien trat an ihre Stelle.

Im Mai 2017 waren wir hier schon einmal und kennen daher den Weg zur Base Nautica Flavio Gioia, wo wir sofort eine Antwort bekommen, als ich unsere Ankunft über Funk anmelde. Dann braust auch schon das Schlauchboot mit den Marineros heran, und sie geleiten uns zu unserem Liegeplatz in dieser schönen Marina. Mit 60 Euro pro Nacht (Strom, Wasser und Wifi incl.) ist sie aber leider nicht wesentlich preiswerter als die Marina di Maglietta in Pozzuolli.

Während unseres kurzen Aufenthalts lernen wir den Hamburger Skipper Peer kennen, der hier nach einer „Odyssee“ von Korsika nach Gaeta gelandet ist.

Er lag im vergangenen August mit Freundin und Hund in einer Ankerbucht nahe der Straße von Bonifacio, als ihn ein schweres Gewitter überraschte. Was dann geschah, ist mein ganz persönlicher Alptraum und der „worst case“ auf dem Meer (vom Untergang der Yacht einmal abgesehen):

Ein Blitz schlug in den Mast ein und zerstörte die gesamte Bordelektronik. Anschließend gab ein  Kabelbrand der Elektrik den Rest. Glücklicherweise blieben – vom Schock abgesehen – Crew und Hund unversehrt.

Peer gelang es, den Motor per Überbrückung zu starten und nach Ajaccio an der Westküste Korsikas zu gelangen. Er hoffte, in Korsikas Hauptstadt fachkundige Experten zu finden, was jedoch fehlschlug. Dann fuhr er mit dem Segen seiner Versicherung in einem Rutsch nach Gaeta, wo er jetzt auf einen, von der Versicherung beauftragten Gutachter wartet, der den Schaden aufnehmen soll.

Wir drücken Peer ganz fest die Daumen, dass alles ein gutes Ende nimmt und sein zweites Leben auf der SY „Second life“ in Zukunft in ruhigeren Bahnen verläuft!

Es reicht ja, in der gemütlichen Koje mit Kapitän Jack Aubry auf Abenteuerfahrt zu gehen! Diese Geschichten sind so aufregend und fesselnd von Patrick O´Brian aufgeschrieben, dass der Käptn nach Peers Bücherempfehlung gar nicht mehr aufhören kann zu schmökern!

Apropos Odyssee:

Gaeta beansprucht für sich, das mythologische Land der Laistrygonen zu sein. Nach ihrem Stammvater Laistrygon benannt, fraßen diese Riesen neben Tieren auch Menschen.

Ihnen entkam Odysseus mit Mühe und Not, bevor er am Cap Circeo die Zauberin Circe (Kirke) traf. In der Mythologie wird Circes Land Aiaia genannt, nach dem Klageruf der Seelen im Hades, der nicht weit von dort, (vielleicht in den Phlegräischen Feldern?) einen Eingang hatte.

Nach zwei Nächten in Gaeta machen wir uns ebenfalls auf den Weg zum Kap der Zauberin, die Menschen in Tiere verwandelte. Doch nicht, weil die Menschenfresser hinter uns her wären, sondern weil wir das gute Wetter ausnutzen wollen, um möglichst schnell nach Lido di Ostia zu kommen.

Gaeta im Morgengrauen

Unser nächstes Ziel auf dem Weg dorthin ist Nettuno. Der Name verrät: Hier ist Neptuns (bzw. Poseidons) absolutes Hoheitsgebiet!

Sonnenaufgang über Neptuns Reich

Und prompt schickt der Meeresgott uns zehn Seemeilen vor Capo Circeo auch wieder einen Delfinschwarm!

 

Gegen Mittag passieren wir dann das sagenumwobene Kap und sagen:

Tschüss Odysseus!“, denn es ist nun die letzte Station auf unseren Reisen durch´s Mittelmeer, an der wir auf den Helden des Trojanischen Krieges stoßen.

Capo Circeo, zweimal passiert: Am 4.Mai 2017 und am 14.September 2018

Zur Erinnerung:

Nachdem der Trojanische Krieg beendet war, machte sich Odysseus auf die Heimreise nach Ithaka (Ionische Inseln).

Am Cap Malea (Peleponnes) erwischte ihn ein heftiger Nordwind, der ihn zu den Lotophagen nach Nordafrika vertrieb. Der Genuss ihrer „süßen Lotosfrüchte“ bewirkte, dass man seine Heimat vergisst, was fast ein Problem für den Helden und seine Mannschaft geworden wäre. Auch ein Grund (aber nicht der einzige) für uns, nicht dorthin zu reisen.

 Auch uns erwischten am Kap Malea, das wir am 22.05.2018 umrundeten, heftige Winde.

Die Nordwinde pusteten Odysseus und seine Flotte nach Sizilien, dem Land der Zyklopen (heute der Mafia), ebenfalls Menschenfresser. Der einäugige Riese Polyphem bedrohte Odysseus und seine Mannen, fraß sogar einige von ihnen und konnte von Odysseus außer Gefecht gesetzt werden, indem dieser ihn blendete. Das erzürnte Neptun, Vater des Riesen, so sehr, dass er Odysseus ab sofort das Leben zur Hölle machte.

Auf Sizilien trafen wir glücklicherweise nur gastfreundliche Menschen, die uns, statt uns zu fressen, spontan zum Abendessen einluden. Ein paar „müllfressende“ Zyklopen würden sich hier allerdings als sehr nützlich erweisen!

Das erste Mal besuchten wir die Nord- und Ostküste Siziliens vom 04.06.-13.06.17, in diesem Jahr machten wir zwischen dem 31.07. und 01.09.18 unsere Umrundung der größten Mittelmeerinsel komplett.

Die Türkische Treppe/Südküste Siziliens

Nach Sizilien gelangte Odysseus ins Reich des Windgottes Aiolos. Damals hieß es Aiolia, heute Äolische Inseln. Aiolos war Odysseus freundlich gesinnt und schenkte ihm einen Schlauch, in den er alle Winde einsperrte. Nur der Westwind, der den Helden und seine Flotte schnell nach Hause treiben sollte, blieb draußen. Doch die neugierigen Gefährten luscherten in den Schlauch und die Winde entwischten durch die Öffnung. Nun ging die Fahrt leider rückwärts!

Am 30.5.17 mussten wir den „Dieselwind“ bemühen, um von Vibo Valentia zum Stromboli zu gelangen. Am 4.6.17 verließen wir dieses zauberhafte Archipel und kehrten am 1.9.18 wieder zurück. Wir blieben dieses Mal nur eine Nacht auf der „Hauptinsel“ Lipari, der die Äolischen Inseln auch den Zweitnamen Liparische Inseln verdanken.

Der Stromboli raucht

Jetzt wird es schwierig mit der Odyssee: Rückwärts würde bedeuten, dass Odysseus wieder nach Sizilien abgetrieben wurde, und manche Deutungen der Irrfahrt kommen auch zu der Erklärung, dass die Laistrygonen an der Westküste von Sizilien ihr Unwesen trieben und nicht in Gaeta.

Wir fanden auch dort keine Spur von ihnen! Vielleicht, weil die heftigen Gewitterschauer sie verwischt hatten?

Regenvorhang über dem Meer (Marsala, sizilianische Westküste).

Egal, ob Sizilien oder Gaeta. Jedenfalls kam Odysseus als nächstes dorthin, wo wir heute gerade vorbeifahren: Capo Circeo bzw. Aiaia.

Er schickte seine Männer zur Erkundung der Lage an Land. Aber bis auf den vorsichtigen Eurylochos kehrte keiner zurück. Circe hatte sie nämlich in Schweine verwandelt!

Der wütende Odysseus will die Zauberin töten, doch die Liebe verhinderte die Bluttat. Circe machte den Spuk rückgängig und becircte/bezirzte ab sofort ein Jahr lang den griechischen Helden. Nur schweren Herzens ließ sie ihn gehen und versorgte ihn mit guten Ratschlägen für die nächste Herausforderung.

Die Männer ruderten nach Süden über den Golf von Neapel, dann um die Halbinsel Sorrent herum und kamen zu den Sireneninseln. Sie heißen auch „Isolotti Galli„, also „Hahneninseln„. Vielleicht, weil sich die Menschen der Antike die Sirene als schöne Frau mit Hühnerfüßen vorstellten. Diese „Loreleys des Mittelmeeres“ sangen bzw. flöteten so verlockend, dass die Seeleute das Steuern vergaßen und auf die Riffe rund um die Inseln liefen, um dort zu ertrinken.

Circes Rat:

Wachs in die Ohren der Mannschaft und Odysseus, dem sie den schönen Gesang gönnte, an den Mast binden.

Diese antike Vase im Archäologischen Nationalmuseum in Athen stellt die Sirenen-Geschichte dar.

Damit war der Ohrstöpsel erfunden und Odysseus (vorerst) gerettet!

Da die Sirenen aus Wut über ihre Überlistung zu Stein wurden, brauchte ich mir weder Ohrstöpsel in die Ohren stecken noch den Käptn an den Mast binden, als wir am 17.05.17 und am 9.09./10.09. mit unserer Anima mea bzw. dem Ausflugsboot nach Capri an den Isolotti Galli vorbeikamen.

Nun folgte für Odysseus eine ziemlich lange Strecke entlang der Festlandsküste, die wir in mehreren Etappen bereisten, Odysseus jedoch anscheinend „Non Stopp“ hinter sich brachte, bis er die Straße von Messina erreichte.

In dieser Meerenge lauerte an Backbord Skylla und an Steuerbord Charybdis.

Skylla mit ihrem wohlgeformten Frauenoberkörper und den sechs Hundeköpfen als Unterleib schnappte sich gleich mehrere Gefährten aus dem Boot, der schreckliche Strudel Charybdis hielt sich glücklicherweise etwas zurück.

Antike Darstellung der Skylla im Archäologischen Nationalmuseum Athen.

Nach einem Erdbeben hat Charybdis irgendwann ihre Gefährlichkeit eingebüßt und auch uns verschont, als wir am 5.Juni 2017 durch Meerenge zwischen dem italienischen Festland und Sizilien fuhren. Aber spürbar waren die strudelnden Wasser allemal!

Charybdis lebt!

Doch das Schlimmste kommt noch für Odysseus!

Die hungrige Mannschaft schlachtete die Herden des Helios, was die Götter schwer erzürnte. Ein Blitz traf das Schiff, alle Gefährten starben und nur Odysseus rettete sich auf ein Floß. Es dauerte 10 Tage, bis er Gozo, die „kleine Schwester“ von Malta erreichte. Dann schloss ihn die Meernymphe Kalypso in ihre Arme.

Odysseus und Kalypso. Ihre Grotte auf Gozo, wo wir uns vom 7.08. – 10.08.18 aufhielten, konnten wir nicht besuchen. Sie ist wegen Einsturzgefahr leider gesperrt.

Odysseus blieb sieben Jahre bei Kalypso und versuchte dann, mit dem Floß nach Kerkyra (Korfu) zu gelangen. Doch Neptun hegte noch immer Groll gegen ihn und zerstörte das Floß. Nun zeigte sich, was in Odysseus steckt: Er schwamm einfach weiter und erreichte nach 17 Tagen die Ionische Insel, wo die freundlich gesinnten Phaiaken lebten.

Im malerischen Hafen Mandraki/Korfu Stadt trafen auch wir freundlich gesinnte Menschen. Die Crew der SY Naima, inzwischen über die Binnenschifffahrtswege wieder in Berlin angekommen, versorgte uns mit vielen nützlichen Tipps für Griechenland und nahm uns mit auf eine Autotour durch Korfu. Im kleinen Hafenrestaurant von Mandraki haben wir köstlich gespeist und mit Aperol Spritz ein unvergessliches Jahr in Griechenland eingeläutet.

Die Phaiaken beendeten die Odyssee und brachten Odysseus zu seiner unvergessenen Penelope nach Ithaka zurück.

Vor Anker auf Ithaka: Unser „Odysseus“ war eine (geschenkte) Peperonipflanze, die uns seit der äolischen Insel Salina begleitete, grünte, blühte und knallrote Früchte ausbildete. Einige trocknete ich und nahm sie mit nach Hamburg. Leider ging Odysseus im Winterlager auf Aegina ein. Er starb an Hunger, Durst und Einsamkeit…. Vor Ithaka ankerten wir vom 20.07.-29.07.17 und vom 25.06.-27.06.18.

Unsere „Odyssee“ ist jedoch noch nicht zu Ende.

Heute endet der Tag nach 49 langen Meilen in der Marina di Nettuno. Eine Nacht kostet „nur“ 50 Euro, doch hält uns hier nichts. Der Ort und das Ambiente im Hafen sind uns zu „touristisch“. Engländer würden sagen, hier urlaubt die „upper lower class„.

Am nächsten Morgen geht´s „nach Hause“!

27 Seemeilen sind es bis Lido die Ostia. Zunächst ohne Wind und wieder mal ohne Segel. Doch ab 13:20 Uhr ändern sich die Verhältnisse. Ein leichter Wind aus West bläst ins Groß und in die Genua. Sanft gleitet unser Schiffchen durch die Wellen und segelt uns bis zur „Haustür“, wo wir um 15:15 Uhr hinter der Hafeneinfahrt des Porto Turistico di Roma von den Marineros empfangen werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

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