19.09.2018 Auf eine Pizza nach Neapel

Am Montag, den 10. September verlassen wir um 7:00 Uhr morgens Salerno.

Noch einmal geht es an der Amalfi-Küste entlang und an den Sirenen-Inseln vorbei. Doch heute strahlen sie nicht wie am vergangenen Wochenende, denn der bedeckte Himmel legt einen leichten Grauschleier über Land und Meer.

Wir sind ein bisschen wehmütig. Nein, eher nachdenklich.

Seit wir Griechenland verlassen haben, denken wir bei jedem Abschied, dass wir diesen Ort wahrscheinlich nie wiedersehen werden. Wenn früher, als wir noch jung waren, der Urlaub zu Ende ging, hatten wir nie solche Gedanken. Da freuten wir uns bei der Abreise schon auf das nächste, neue Urlaubsziel. Mit zunehmendem Alter ticken wir anders und ertappen uns oft bei Gedanken wie diesen:

Das letzte Mal griechischer Bauernsalat in der Taverne auf Othoni. Das letzte Mal vom Cockpit aus der Blick auf den Stromboli. Das letzte Mal Aperol Spritz in der schönen Marina von Vibo Valencia….

Nun kommt schon Capri in Sicht, aber ich habe keine Muße für einen möglicherweise „letzten Ausblick“ auf diese Insel, die geologisch gesehen zur Halbinsel Sorrent gehört.

Wir haben heute mal wieder Windmangel und der Motor rattert laut, während ich erfolglos eine Marina nach der anderen in und um Neapel herum abtelefoniere, um einen Liegeplatz für die nächsten beiden Nächte zu reservieren.

In der Marina di Maglietta in Pozzuoli finden wir endlich eine Bleibe. Die hässliche Kröte von 70 Euro pro Nacht ohne Wasser und Strom (mindestens 5 Euro extra) schlucke ich angesichts der vorausgegangenen Telefonate, obwohl der Käptn an der Pinne schon böse die Augenbrauen zusammenzieht und ein gedehntes: „Wiiiiiieviiiel?“ ausstößt.

Nun geht der Kurs diagonal über den untermeerischen Teil der Phlegräischen Felder, besser bekannt als „Golf von Neapel„, an dessen NW-Seite die Phlegräischen Inseln Procida, Vivara und Ischia liegen. Sie sind Teil einer Vulkankette, zu der auch die Insel Ventotene und die Phlegräischen Felder gehören.

Blick auf die hübsche Insel Procida im Vordergrund, dahinter – nicht zu sehen und durch eine Brücke mit Procida verbunden – Vivara und das grüne, bergige Ischia (besuchten wir alle im Vorjahr).

Um 14:30 Uhr haben wir die mauerartige Außenmole des Hafens von Pozzuoli erreicht. In der Seekarte steht für diesen Bereich in Magenta-Rot: Wassertiefen veränderlich!

Nun erhebt sich vor uns eine mächtige Steinmole mit je einer Einfahrt am linken und am rechten Ende. Welche führt zur Marina di Maglietta? Was in der Seekarte in Rod HeikellsItalienische Küsten“ nämlich nicht korrekt dargestellt ist:

Hinter dem Steinwall befinden sich zwei Marinas, die durch einen langen Steg mit Zaun voneinander getrennt sind.

Der Anruf über UKW-Kanal 72 bleibt unbeantwortet, und wir entscheiden uns, die linke Einfahrt zu nehmen.

Sie ist sehr eng und als sich dahinter das Hafenbecken öffnet, sehen wir nur Megayachten. Mon dieu, wo sind wir denn hier gelandet?

Der Hafen wirkt wie ausgestorben, und kein Marinero ist weit und breit in Sicht. Also kreisen wir erstmal, bis ich auf einer riesigen Motoryacht einen dieser fleißigen Helfer entdecke, die auf solchen „Objekten“ rund um die Uhr damit beschäftigt sind, Wasser über die Edelstahlteile, das Teakdeck und die Panoramafenster zu schütten, zu wischen und zu polieren.

Is this Marina di Maglietta?“ rufe ich zu ihm hinauf. „No lo se!“ kommt als Antwort, also „ich weiß es nicht„. Er weiß also nicht, in welchem Ort der Schönen und Reichen er gerade putzt!

Plötzlich höre ich, dass sich zwei Stimmen über Sprechfunk auf Italienisch miteinander unterhalten, und wobei auch „Anima mea “ vorkommt. Und dann kommt auch plötzlich ein Schlauchboot mit zwei Marineros angebraust. Sie erklären, nur meinen ersten Anruf gehört zu haben, danach wäre der Kontakt abgebrochen.

Na, hier geschehen ja merkwürdige Dinge! Menschen wissen nicht, wo sie sind. Funkverbindungen ersterben und Wassertiefen sind veränderlich.

Als wir festgemacht haben, gehe ich mit dem einen der Marineros zum Office. Es ist eine halbe Weltreise und wir haben viel Gelegenheit, miteinander zu schnacken. Als wir endlich die „Hafenkante“ erreichen, wundere ich mich, dass dort kaum Wasser über dem Meeresboden steht. „Sieht aus wie die Elbe in Hamburg bei Ebbe!“ bemerke ich, worauf mir der Marinero erklärt, dass hier neben leichten tidenartigen Wasserstandsschwankungen in den letzten 10 Jahren eine „mauerhohe“ Absenkung des Wasserspiegels stattgefunden hat. Der Grund: Die Phlegräischen Felder (Campi Flegrei). 

Ihr Name leitet sich von dem altgriechischen Ausdruck phlegein´= brennen ab, denn in diesem Gebiet rund um Pozzuoli brennt, dampft und gast die Erde auf einer Fläche von 150 Quadratkilometern in Form von Solfataren, Fumarolen, Mofetten und Thermalquellen, die Schwefelwasserstoff, Kohlendioxid und Wasserdampf ausstoßen.

Ein vulkanisches Gebiet also, 20 km westlich des Vesuvs am Rande des Golfs von Neapel, der eigentlich eine eingestürzte Caldera ist.

Hier hebt und senkt sich das Land wie bei einem Erdbeben, das in Zeitlupe abläuft. Und ganz in der Nähe von Pozzuoli, dessen Altstadt-Bewohner wegen besonders heftiger Bodenbewegungen 1970 für immer evakuiert werden mussten, liegt die „Solfatara„, der bekannteste Krater der Campi Flegrei.

Fast auf den Tag genau ist dieses Gebiet seit einem Jahr für Besucher gesperrt, weil am 12. September 2017 ein 11jähriger Junge die Absperrung missachtete und dort tödlich verunglückte. Auch seine Eltern, die ihn retten wollten, bezahlten den Ausflug mit dem Leben, während der jüngere Sohn das Drama mitansehen musste.

Wann hier noch Schlimmeres passiert, können die Wissenschaftler nicht sagen. Dass es aber eines Tages passiert, ist mehr als wahrscheinlich. Und es wird voraussichtlich viel dramatischer als der Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 nach Chr.

Der Vesuv erhebt sich über Neapel

Auf dieser brodelnden Scholle wuchs eine Frau auf, die „vulkanisches Temperament“ besitzt. Sie hieß damals noch Sofia Scicolone und ging von Pozzuoli aus in die große weite Welt, wo sie als Sophia Loren berühmt wurde.

In römischen Zeiten war Pozzuoli der wichtigste Hafen Roms, bis Ostia diese Funktion übernahm. Hier wurden Getreideladungen aus Ägypten gelöscht und Sklaven angelandet. Diese mussten dann im Flavischen Amphitheater die schweren Holzwinden bedienen, mit denen die beweglichen Plattformen aus dem unterirdischen Gewölbe nach oben gehievt wurden. Darauf standen Kulissen mit künstlichen Wäldern, aus denen sich die Löwenrudel auf die Gladiatoren stürzten, während bis zu 45 000 Zuschauer in den Rängen johlten.

Ob sie auch die Löwen anfeuerten, die Bischof Gennaro von Benevent im Jahre 305 in der Arena zerfleischen sollten?

Gennaro war von Kaiser Diokletian zum Tode verurteilt worden. Er sollte „ad bestias“ sterben, doch die Löwen krümmten ihm kein Haar. Von diesem „Wunder“ ließ sich der Kaiser jedoch nicht beeindrucken und ordnete die Enthauptung des Heiligen in spe in der Solfatara an.

Vielleicht hat der eine oder andere Leser schon einmal vom „Blutwunder von Neapel“ gehört?

Es geschieht – wenn alles gut geht – zweimal im Jahr im Duomo San Gennaro, wenn die inbrünstigen Gebete der Neapolitaner im Mai und September erhört werden.

Dann nämlich verflüssigt sich das Blut des Heiligen in den beiden Ampullen, die unter dem Altar der Krypta aufbewahrt werden. Ein Zeichen, dass die Stadt in nächster Zeit vor Unheil bewahrt wird.

Das Kirchenfenster im Duomo San Gennaro erinnert an das Blutwunder

Dorthin pilgern auch wir, nachdem wir am Morgen nach unserer Ankunft in Pozuolli mit der Bahn zur Endstation Montesanto gefahren sind.

Auf der Piazza Montesanto wimmelt es vor Menschen. Wir bahnen uns einen Weg durch die engen Straßen, überqueren verkehrsreiche Straßen und Plätze und finden den Dom, in dem gerade die Mittagspause eingeläutet wurde.

Auch wir spüren plötzlich, dass wir mal wieder was zwischen die Zähne bekommen könnten und das sollte in Neapel unbedingt aus einem simplen, elastischen Teig aus Mehl, Hefe, Wasser und Salz bestehen. Nachdem dieser hauchdünn und kreisrund ausgewalkt ist, kommt obendrauf ein Belag aus Tomaten, Oregano, Gemüse, Wurst und Käse.

PIZZA nennt sich die Köstlichkeit, die aus einem der 450 glockenförmigen Pizzaöfen Neapels kommt!

Mitte des 18. Jahrhunderts wurde sie in Neapel erfunden, nachdem man die aus Amerika importierte Tomate im großen Stil anbaute und auf den Geschmack dieser köstlichen Frucht kam. Zunächst war die mit geschälten, gekochten Tomaten bedeckte Pizza nur billige Volksnahrung im Alltag und so populär, dass die neapolitanischen Bourbonenkönige auf sie aufmerksam wurden. Das berühmte Überbleibsel: Pizza Margherita, für die gleichnamige Königin in den italienischen Nationalfarben weiß (Mozzarella), rot (Tomaten) und grün (Basilikum) kreiert.

Unsere Pizza in Neapel: Funghi für mich und Diavola für den Käptn. Ich trinke „alla tedesca“ lieber Wein dazu, der Käptn nimmt nach neapolitanischer Lokaltradition ein italienisches Bier.

Gestärkt starten wir zu unserem Stadtbummel, auf dem wir allerdings nur einen Bruchteil dieser quirligen, chaotischen und lebenslustigen Metropole Italiens abklappern können.

Zunächst holt uns Friedrich II wieder ein. Nachdem wir in Apulien sein Castel del Monte besichtigt und seine Grabstätte im Dom von Palermo besucht hatten, stehen wir hier vor der ältesten Universität der Welt, die von ihm 1224 als „Studium“ gegründet wurde.

Universität Neapel  

Ein gutes Stück weiter, wir bewegen uns beständig Richtung Wasserkante, stehen wir vor dem Castel Nuovo.

 

Nach nur 56 Wochen Bauzeit wurde es als Residenz der neapolitanischen Könige 1282 fertiggestellt. Im 14. Jahrhundert hielt hier Roberto d´Anjou Hof und bestimmte das politische und kulturelle Leben. Im 15. Jahrhundert wurde das doppelstöckige Triumphtor aus weißem Marmor zwischen den dunklen Rundtürmen eingefügt, das den Einzug der Aragoneser 1443 schildert. Heute dient das Castel als Sitz von Ausstellungen.

Es ist heiß und das Pflastertreten ermüdet kolossal.

Wir sind jetzt nicht mehr weit entfernt vom Castel dell´Ovo auf der kleinen Felseninsel Megaris. Hier liegen die historischen Anfänge der Stadt, hier wurde die Burg des Normannen Wilhelm I von Kaiser Friedrich II ausgebaut, ohne dass dieser ahnen konnte, dass seine Enkel als Gefangene der Anjous hier bis zu ihrem Tode eingekerkert werden sollten. Und hier soll Vergil ein Ei in eine Flasche gezaubert haben, die er in einen Eisenkäfig einschloss und im Kellergewölbe verbarg. Von der Unversehrtheit des Eis soll das Schicksal der Festung und der Stadt abhängen!

Und natürlich auch davon, dass sich Gennaros Blut verflüssigt!

Der Käptn stellt mich vor die Wahl: Entweder zum Ei oder zum Blut!

Schweren Herzens wähle ich Blut.

Auf dem Rückweg überqueren wir die monumentale Piazza del Plebiscito, die vom Palazzo Reale, von halbkreisförmigen Kolonnaden und der Kirche San Francesco a Paolo eingerahmt wird. Eine gewaltige Kulisse für den zierlichen, bereits in die Jahre gekommenen Sänger, der dort – schick angezogen und mit blauem Hütchen gegen die Sonne geschützt – mit bühnenreifer Stimme italienische Canzoni schmettert.

Piazza del Plebiscito

Einige Zuhörer singen sogar mit und spenden am Schluss der Darbietung begeisterten Applaus. Glücklich verneigt sich der Sänger und kann sich ein strahlendes Lachen nicht verkneifen, das – oh Schreck – einen Blick in den fast zahnlosen Mund freigibt. Bleibt nur zu hoffen, dass die Spenden der Zuhörer irgendwann für ein neues Gebiss reichen werden!

Gleich hinter dem Platz stoßen wir auf die Galleria Umberto I.

Wir haben in Hamburg viele prächtige Einkaufspassagen, doch können sie dieser hier nicht das Wasser reichen.

 

Sie wurde nach Mailänder Vorbild 1890 gebaut und sollte damals mit ihrem gewaltigen Dach aus Glas und Stahl das Bauwerk in der norditalienischen Stadt übertrumpfen.

Nachdem wir uns fast den Hals verrenkt haben vom vielen nach oben gucken laufen wir die Einkaufsmeile Via Toledo entlang bis zur Piazza Dante und dann zum Duomo, wo die Mittagspause längst vorbei ist und die Gläubigen in der Krypta andächtig mit dem Geistlichen beten.

Eine Weile setzen wir uns dazu, doch ob sich etwas in den Ampullen tut, können wir leider nicht feststellen. Aber Neapel hat ja noch 19 Septembertage Zeit, das Wunder herbei zu beten!

Der Hauptaltar

Es wird schon dunkel und wir beeilen uns, zum Bahnhof Montesanto zurück zu kommen. Leider gehen dort zwei Bahnlinien ab, doch die Beschilderung ist etwas unübersichtlich. Jedenfalls merken wir nach drei Stationen, dass wir im falschen Zug sitzen und müssen wieder nach Montesanto zurück.

Hinter der Absperrkette vor dem Bahnsteig wartet schon eine ungeduldige Menschenmenge auf den Zug. Wir gehen gleich nach dem Aussteigen zum richtigen Bahnsteig, werden aber von der Bahnhofsaufsicht gebeten, ebenfalls hinter der Kette zu warten. Solche Sitten kennen wir bisher gar nicht. Ob hier mal jemand vor den einfahrenden Zug gefallen ist? In Rom könnte man sich das bei dem Gedränge auf den Bahnsteigen lebhaft vorstellen!

Dann fährt der Zug nach Pozuolli ein. Man sieht es den Wartenden förmlich an, wie in ihren Köpfen der Countdown läuft. Endlich fällt die Kette und alle preschen zum Zug, springen in die Wagen um einen Sitzplatz zu ergattern.

Wir – gestartet von der Pole-Position – gehören auch zu den Gewinnern. Im falschen Zug hatten wir nur einen Stehplatz abbekommen.

Ende gut – alles gut!

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