24.08.2018 Auf der Flucht

Es ist ätzend!

Jeden Tag kündigt der Wetterbericht spätestens ab Nachmittag Gewitter für Sizilien an. Sightseeing ist jetzt zweitrangig. Allein das Wetter bestimmt die Reiseplanung.

Unterwegs beäugen wir misstrauisch die Wolkenberge, die sich um uns herum auftürmen. Wo kommen sie her? Wo ziehen sie hin?

Was wir am Himmel nicht sehen können, verrät uns unsere Gewitter-App auf dem Smartphone. Die Puzzles aus weißen, gelben, orangen und roten Feldern zeigen in Echtzeit, wie sich die Gewitterzellen bewegen und wo sie gerade ihre „hochspannende Energie“ zur Erde schicken. Tagsüber geschieht das zu unserem Glück meist über dem Land.

Samstag, der 18.08., ist mal wieder so ein Tag, an dem wir auf der Flucht vor dem angekündigten Gewitter in alle Frühe aufbrechen, um rechtzeitig im nächsten Hafen anzukommen.

Deshalb gehe ich bereits am Freitagnachmittag ins Hafenbüro der Marina di Ragusa, um die Liegegebühr für fünf Nächte zu bezahlen. Ganz unverhofft gewährt uns die nette, junge Dame 10 % Preisnachlass, so dass für den Liegeplatz incl. Strom, Wasser, Dusche und WLAN insgesamt 229,50 Euro fällig werden. Da kann man nicht meckern, denn ein Tagespreis von 45,90 Euro ist in einer italienischen Marina während der Hochsaison ein Schnäppchen!

Den Schlüssel für das Gate dürfen wir bis zur Abreise behalten. Die 20 Euro Pfand gibt uns der Pförtner zurück, als wir ihm den Schlüssel abliefern.

Am nächsten Morgen geht es um 5:20 Uhr los.

Es ist noch stockdunkel und erst eine Stunde später geht hinter uns die Sonne auf.

Um zehn Uhr gibt der Käptn Delfinalarm!

Es ist nur ein einzelnes Tier, das dicht neben uns auftaucht, kurz nebenher schwimmt und dann unter dem Bug verschwindet.

Die letzten Delfine haben wir am 12. Juli auf der Überfahrt von Griechenland nach Italien gesehen. Immerhin waren es damals drei der lustigen Gesellen, die beim gemeinsamen Jagen die Fische einkreisten. Wie soll das einem einzelnen Tier gelingen? Und wo sind seine Gefährten geblieben, denn Delfine leben vorzugsweise in Gruppen. In meinem Kopf tauchen sofort Bilder von riesigen Fischernetzen und Plastikmüllschwärmen auf. Es sind tödliche Gefahren für Delfine, die hier vor Siziliens Küste besonders präsent sind, denn es wird gefischt, was das Zeug hält und Müll treibt reichlich im Wasser. Auch für uns sind die zahlreichen Plastiktüten und Planen eine ständige Gefahr, weil sie sich um den Propeller wickeln könnten.

Nach 37 Seemeilen erreichen wir um 12:15 Uhr die Marina di Cala del Sole in Licata.

In dieser Marina kann man nicht nur mit dem Schiff anlegen, sondern auch in Ferienwohnungen Urlaub machen. Es gibt alle Annehmlichkeiten, die man von einer „Fünf Sterne Marina“ erwartet (50 Euro für schöne Sanitäranlagen, Laundry, Wlan, Restaurants usw.) und die Stadt sowie ein Einkaufszentrum sind nicht weit entfernt. Doch als ich auf der Suche nach einem Bankautomaten dorthin gehe, trifft mich fast der Schlag beim Anblick der total vermüllten Umgebung. Zu allem Überfluss spuckt auch der Bankautomat – genau wie seine beiden Brüder in Marina di Ragusa – keinen einzigen Euro aus, so dass ich frustriert wieder an Bord zurückwandere.

Für den nächsten Tag sagt der Wetterbericht natürlich wieder Gewitter voraus, doch wenn wir früh loslegen, könnten wir die 50 Seemeilen (10 Stunden) bis Sciacca schaffen.

Um 5:30 Uhr starten wir den Motor, um 5:55 Uhr können wir ihn sogar stoppen, denn es gibt vier Beaufort Wind aus der richtigen Richtung. Mal ganz was Neues!

Leider dauert das Vergnügen nur eine halbe Stunde bzw. drei Seemeilen, dann muss Oscar wieder ran.

Um zehn Uhr – wir sind gerade an Porto Empedocle vorbei – kommt eine bleigraue Wolkenwand mit Donnergrollen auf uns zu. Wir überlegen nicht lange, machen die Kehrtwende und nehmen Kurs auf die Hafeneinfahrt von Porto Empedocle, die wegen der zwei hohen Schornsteine gut auszumachen ist.

Im Hafen rufe ich „Diporto Sea Assistance“ an. Die männliche Stimme am anderen Ende versteht nur wenig Englisch, aber es scheint einen „Posto“ für unser „Vela“ zu geben.

Schließlich winkt jemand vom Anlegesteg zu uns hinüber und wir können festmachen.

Die Umgebung ist wenig erfreulich, der Preis für den Liegeplatz ebenfalls.

Kein schönes Ambiente

40 Euro knöpft mir der junge Mann in der Bude auf dem Steg ab. Strom und Wasser sind da leider nicht drin. Die kosten 10!!! Euro extra. Eine Dusche gibt es zur Zeit auch nicht. Die ist „rotta„. Und ein Kartenlesegerät ist nicht vorhanden. Also muss das kostbare Bargeld, das noch im Portemonnaie übrig ist, dran glauben.

Erst als ich nachhake, bekomme ich eine Quittung. Aber nur über die 40 Euro. Die 10 Euro „Energiekosten“ wandern wahrscheinlich in die Tasche des jungen Mannes, der auf meine Frage, warum es hier eigentlich so teuer ist, achselzuckend antwortet: „Ich bin nicht der Boss!“

Wie zum Hohn, lösen sich jetzt auch noch die Gewitterwolken auf und die Sonne knallt wieder mit voller Kraft vom Himmel.

Trotz der Hitze machen wir uns auf die Suche nach einem Geldautomaten.

Auf der Straße am Hafen tobt der Verkehr, doch die Innenstadt ist an diesem Sonntagnachmittag wie ausgestorben. An einer der öden, vermüllten Straßen finden wir einen Bankomaten der italienischen Post, der nach zwei gescheiterten Versuchen endlich bereit ist, wenigstens 300 Euro auszuspucken.

Dann machen wir uns auf die Suche nach einer Bushaltestelle. Vielleicht können wir ja den Tag dazu nutzen, um im benachbarten Agrigento das berühmte Valle dei Templi zu besuchen.

Doch schon das zerstörte Wartehäuschen der Bushaltestelle im Fährhafen lässt nichts Gutes ahnen. Ein Fahrplan ist nicht vorhanden und die Nachfrage in einer benachbarten Bar ergibt, dass kein Linienbus nach Agrigento fährt. Vielleicht ein Taxi? – Der Kellner verschwindet in die Bar und kommt mit der Auskunft: „Es gibt auch kein Taxi!“ zurück.

Wir könnten jetzt unseren Frust mit einem Aperol Spritz hinunterspülen, doch die bekleckerten Tische und der Abfall auf dem Boden sind so eklig, dass wir zur nächsten Bar am Fährbahnhof gehen. Aber auch hier der gleiche Anblick: Alles vermüllt und schmutzig!

Fazit: Porto Empedocle, benannt nach dem griechischen Politiker, Philosophen und Dichter Empedokles (493-443 v. Chr.) macht seinem berühmtesten Sohn keine Ehre und wird voraussichtlich als schmutzigster und hässlichster Hafen in unsere Logbücher eingehen.

Am nächsten Morgen liegen „nur“ 27 Seemeilen bis Sciacca vor uns. Da reicht es, um 6:30 Uhr abzulegen, damit wir rechtzeitig vor dem obligatorischen Nachmittagsgewitter ankommen. Die bedrohlichen Wolken über Agrigento quellen Gott sei Dank hinter uns hoch und tun uns nichts mehr.

Gewitterwolken über Agrigento und Porto Empedocle

Nachdem wir das hässliche Empedocle hinter uns gelassen haben, verändert sich auch die sizilianische Küste zum Positiven. Es tauchen Berge auf und etwa fünf Seemeilen weiter die weißen Klippen vor dem Capo Rossello. Auf der Hochfläche der 33 m hohen Kreidefelsen liegen die Reste der antiken Stadt Eraclea Minoa. Wir können von See aus sogar das Theater erkennen, dessen Sitzreihen durch ein Plexiglasdach vor der Verwitterung geschützt werden. Sightseeing aus der Ferne sozusagen!

Der Pfeil zeigt, wo das Theater steht

Zur Mittagszeit erreichen wir Sciacca (sprich: Schakka), dessen bunte Häuserlawine sich den Hang hinunter zum Fischereihafen ergießt.

 

Für Sportboote gibt es hier zwei Möglichkeiten zum Anlegen:

Lega Navale und Circolo Nautico il Corallo

Warum auch immer, hatte ich schon in Porto Empedocle im Circolo Nautico il Corallo angerufen und gleich eine Zusage für einen Liegeplatz bekommen. Lega Navale wäre wahrscheinlich genauso gut gewesen, die Stege der beiden Clubs liegen direkt nebeneinander.

Zur Straße hin schotten sich beide Clubs durch einen unüberwindbaren Zaun und ein verschlossenes Tor ab, das man nur mit einer „Schlüsselkarte“ öffnen kann. So konnte ich auch nicht feststellen, ob Lega Navale im Gegensatz zu Circolo Nautico il Corallo eine Dusche hat. Das WLAN-Signal von Lega Navale jedenfalls war eindeutig besser, doch leider fehlte mir das Passwort.

Aber ansonsten ist unser Liegeplatz in Ordnung. Die Belegschaft ist freundlich und hilfsbereit und das Gelände und die Toilette sind pikobello sauber. Nur die verschiedenen Abfalleimer quellen mal wieder über und Mülltrennung wird zur Farce. Doch der Preis von 35 Euro (Cash!) incl. Strom und Wasser könnte zu einem längeren Aufenthalt in Sciacca verführen.

Unten am Fischereihafen tobt mal wieder der Verkehr, so dass man kaum über die Straße kommt. Über eine lange Treppe gelangen wir auf dem anstrengendsten, aber kürzesten und sichersten Weg hinauf in die vom Barock geprägte Altstadt. Die Blicke hinunter auf den Hafen und aufs Meer hinaus sind die Kletterei wert, doch links und rechts der Treppe türmen sich leere Wasser- und Bierflaschen und auf einer der Stufen liegen sogar zersplitterte Medizinfläschchen.

In den Gassen und auf den Piazzas der schönen Altstadt ist wieder alles sauber und gepflegt.

Flaniermeile in der Altstadt

Schuh-Kunst-Werk

Aus den Küchen der Restaurants mit den einladend gedeckten Tischen strömen verführerische Düfte. Unsere Nasen reagieren prompt und signalisieren dem Magen: “Ich habe Hunger!“

In der Via Giuseppe Garibaldi sind wir im „Le Stranizze“ die ersten Gäste, doch bald sind alle Tische vor dem Restaurant der Soc. Agrigola de Gregorio, die hier ihren eigenen Wein und ihr vorzügliches Olivenöl auf die Tafel bringt, besetzt.

Während wir auf unser Essen warten, beobachten wir die Menschen um uns herum. Schon lange ist klar, was in Italien von größter Wichtigkeit ist: AMORE, FAMIGLIA und MANGIARE.

Zu Letzterem bemerkte schon der bereits erwähnte Empedocles: “Sizilianer essen und trinken als müssten sie am nächsten Tag sterben!“

So sitzen denn auch verliebte Pärchen in lebhafte Gespräche vertieft an ihrem Zweiertisch und schlürfen den köstlichen Grillo zu frittiertem Gemüse oder zur sizilianischen Caponata, die in jedem Restaurant anders, aber immer köstlich schmeckt.

Familien mit ihren ein oder zwei Kindern bestellen stets verschiedene Gerichte und alle picken abwechselnd mit ihrer Gabel in die verschiedenen Schüsseln und Platten. Auch die Kinder – fein angezogen und sehr brav – probieren von allen Speisen und bekommen keine Extrawurst gebraten. Sie nehmen hin und wieder am Gespräch der Erwachsenen teil, bekommen jedoch von ihnen keine übertriebene Zuwendung. Sobald die Kinder anfangen zu nerven, wird ein klares Wort gesprochen und es ist wieder Ruhe am Tisch. So lernen die italienischen Kinder von klein auf die Regeln, die es den Eltern ermöglichen, ihre Kids von morgens bis spät in die Nacht überall hin mitzunehmen.

Auch im „Le Stranizze“ werden wir wieder einmal nach Strich und Faden verwöhnt. Besonders mein Thunfisch im schwarzen Sesammantel ist ein Gedicht und das „Granita Limone“ zum Nachtisch beherrschen die Sizilianer überall in Perfektion.

Thunfisch mit Caponata

Wir bleiben zwei Nächte in Sciacca. Die Zeit reicht leider nicht, ein Auto zu mieten, um die Tempel in Agrigento und Selinunte zu besichtigen. Aber die Gewitterwarnungen gelten jetzt schon ab 12 Uhr mittags und bis Marsala sind es 41 Seemeilen.

Da heißt es am Mittwoch um fünf Uhr: „Raus aus der Koje!“, damit wir unbeschadet im „Hafen Gottes“ ankommen. Diesen Namen verdankt die Stadt mit dem berühmten süßen Dessertwein den Arabern, die das antike Lilybaeum nach der Eroberung in Marsa Allah umtauften.

Der Innenhafen von Marsala mit dem Leuchtturm aus Süd

Um 12:50 Uhr machen wir am Steg der Polaris Cantiere Nautico fest. Die Werft betreibt eine autorisierte Volvo-Werkstatt. Und die braucht unser Oscar, denn er macht uns schon seit Korfu Probleme, die immer häufiger auftreten.

Doch darüber mehr im nächsten Blog.

 

 

 

 

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