18.08.2018 „Viva Maria“ oder „Eine Wallfahrt für Architekturinteressierte und Gourmets“

Ragusa: Ein Name, der auf der Zunge zergeht.

Der klingt, wie ein stundenlang im Ofen geschmortes Gericht, das nun dampfend und duftend auf dem Tisch steht.

Vorbereitet zu einem hohen Feiertag, wie zum Beispiel „Mariä Himmelfahrt„.

In allen katholischen Ländern des Mittelmeers ist der 15. August ein hohes Fest, verbunden mit Gottesdiensten und Prozessionen, mit genussvollen Essgelagen im Kreise der Familie oder – falls das Meer in der Nähe ist – mit ausgelassenen Strandpartys im Freundeskreis.

Auch hier im Küstenort Marina di Ragusa, in dessen gleichnamigen Sportboothafen wir seit Montag liegen, bereiten sich die Menschen auf das Marienfest am Mittwoch vor.

Laute Kanonenschüsse puffen bereits am Morgen dicke, kugelrunde Rußwölkchen in den blauen Himmel.

Obwohl ein strammer Westwind bläst, wird das Standbild der Heiligen Maria mit ihrem Kind auf einem Schiff aufs Meer hinausgefahren und kehrt kurz danach zur applaudierenden Menschenmenge in den Hafen zurück.

Am Abend wandern wir über Ragusas Flaniermeile, den Lungomare Andrea Doria, ins Ortszentrum.

Der Strand ist mit Zelten gespickt, zwischen denen Gruppen junger Leute bei Kerzenschein zusammensitzen, Ball spielen oder im Meer baden.

Auch der Lungomare ist voller Menschen. An der Hand ihres Begleiters stöckeln die Damen auf hochhackigen Schühchen im figurbetonten Kleid an uns vorbei oder schieben ihr herausgeputztes Bambino im Kinderwagen durch die Menge. Zur Feier des Tages haben die Kleinen einen Leucht-Luftballon bekommen, der in bunten Farben glitzert und das Kind, dem noch eine lange Nacht bevorsteht, bei Laune halten soll.

Auf der Mauer entlang der Straße sitzen Alt und Jung wie die Hühner auf der Stange nebeneinander, halten ein Bier oder einen Aperol Spritz im Plastikbecher in der Hand und unterhalten sich angeregt.

In den Straßen rund um die Kirche und die Piazza Duca degli Abruzzi strahlt üppiger, blau-weißer Lichterschmuck. Die Lokale rund um die Piazza platzen jetzt schon aus allen Nähten und alle Geschäfte haben geöffnet und hoffen auf ein gutes Geschäft mit denen, die sich heute mehr gönnen wollen als ein gutes Essen und einen edlen Tropfen.

Auch wir sind auf der Suche nach einem Speiselokal und können uns nicht entscheiden. Schließlich landen wir an der Piazza in einer Bar und bestellen einen Aperol Spritz. Es dauert ungewöhnlich lange, bevor unser Getränk serviert wird und bald wissen wir auch, warum:

Die Kellnerin schleppt ein großes Tablett mit „Kleinigkeiten“ heran und hat Mühe, sie auf dem Tisch zwischen den beiden Gläsern mit unserem Lieblingsgetränk unterzubringen.

Während wir uns durch den Berg aus Frittiertem, Gesalzenem und Eingelegtem durchknabbern, beobachten wir aus dem Augenwinkel die Menschenmenge hinter uns. Andächtig lauscht sie den Worten des Bischofs, der unter der hell erleuchteten Marienstatue eine Freiluftmesse zelebriert.

Der Gottesdienst endet mit zartem Chorgesang, die Menge löst sich eilig auf und strömt in die Lokale von Marina di Ragusa, wo sich die Tische unter der Last der Speisen biegen.

Wir beschränken uns heute auf den „Knabberkram“ und wandern noch ein Stück auf dem Lungomare weiter, wo uns die feierliche Prozession entgegenkommt. Begleitet von Blasmusik und Gebet werden Maria und ihr Kind wieder zur Kirche getragen, wo der Pastor schon auf der Treppe vor dem Portal wartet.

Er hält eine kurze Ansprache und beschließt sie mit einem dreifachen „VIVA MARIA!“, das von der Menschenmenge wiederholt und anschließend beklatscht wird.

Auch diese Menschen strömen nun in die inzwischen brechend vollen Lokale, wo sich schon wieder die Tische unter der Last der vielen Schüsseln und Platten mit Köstlichkeiten aus der italienische Küche biegen.

Wir genehmigen uns im Marina-Cafe´ noch einen letzten Aperol Spritz und wandern zur Anima mea zurück. Kaum sind wir bettfertig, erschüttert der lauteste aller Kanonenschüsse die Nacht und ein prachtvolles Feuerwerk erleuchtet den Hafen. VIVA MARIA!

 

Den nächsten Tag nutzen wir für einen Ausflug nach Ragusa Ibla.

Während sich „Marina Ragusa“ direkt am Meer befindet, liegt die Hauptstadt der kleinsten und wohlhabendsten Provinz Siziliens 20 km landeinwärts.

Die „Doppelstadt“, die sich in das moderne Ragusa und das alte Ragusa Ibla aufteilt, schöpfte ihren Reichtum im 19. Jahrhundert aus der Gewinnung von Asphalt, aus dem überall in der Welt Straßen gebaut wurden und später aus Erdölvorkommen, die inzwischen erschöpft sind, deren Plattformen aber bis heute noch im Meer vor der Küste zu sehen sind.

In der heutigen Zeit steht wohl der Tourismus als wichtige Einnahmequelle im Vordergrund. In Marina di Ragusa wird dies vor allem durch den gut geführten Sportboothafen befördert, in dem sich im Herbst viele Yachties versammeln, um auf ihren Schiffen zu überwintern.

In Ragusa Ibla sind es die prächtigen Barockbauten, die zwischen den verschachtelten Häusern der Altstadt verteilt sind, und die nach dem verheerenden Erdbeben im Jahre 1693 nach und nach erbaut wurden.

 

Nach einer Dreiviertelstunde steigen wir dort aus dem Bus und wandern durch die engen, verwinkelten Gassen hinauf zum Duomo Di San Giorgio, der dem Schutzpatron der Stadt geweiht ist.

Das Fest des Heiligen Georg wird am kommenden Wochenende mit einer feierlichen Prozession begangen. Dann wird die Statue des „Drachentöters“, die in einer Nische über dem Portal aufbewahrt wird, durch die Straßen getragen. Und sicher wird am Schluss auf der Piazza Duomo ein dreifaches, von der Menschenmenge beklatschtes: „VIVA GIORGIO!“ ertönen.

Auch am schmiedeeisernen Gitter vor dem Aufgang zum Hauptportal darf „San Giorgio“ nicht fehlen.

Natürlich werfen wir vor und nach dem Dombesuch noch einen Blick in verschiedene andere barocke „Chiesas“, zuletzt in die „Chiesa Dei Cappucini“ im Giardini Iblei mit seiner prächtigen Palmenallee und dem schönen Blick in die Schlucht unterhalb der alten Stadt, die zum UNESCO Kulturerbe gehört.

 

Gleich neben der Kirche befindet sich das Antico Convento dei Cappuccini. Darin leben jedoch keine Mönche mehr, sondern vielmehr Hotelgäste, die im dazugehörigen „Ristorante CENOBIO“ speisen können.

Beim Studium der Speisekarte werden wir neugierig: Alle Speisen werden aus Produkten der Region frisch und vom Chef persönlich zubereitet. Die Auswahl ist klein, doch das ist immer ein gutes Zeichen. Wer kann schon 100 Gerichte frisch zubereitet auf den Tisch zaubern?

Wir setzen uns auf die Terrasse und werden bald darauf aufs Köstlichste verwöhnt:

Vorspeise:

Cubo di Raguso (frittierter Käse und Ricotta mit Limette auf Mangold) und Non solo d´Inverno („nicht nur im Winter“ schmeckt ein Linsensalat)

Hauptgang:

Gnocchi di Campagna (fluffige Mehlklößchen in einer feinen Tomatencreme mit feinst geschnittenem Staudensellerie und Möhrchen) und Entrecote di Manzo (Entrecote auf Mangold gebettet)

Anmerkung: Das zarte Entrecote mundete dem Käptn ausgezeichnet, der Mangold war nicht so sein Ding.

Nachspeise:

Profumo d´Estate und Cannolo del Convento

Das Beste zum Schluss! Cannolo del Convento

Anmerkung: Das Profumo – eine aufwändige Komposition aus dünnen Schichten von Schokomasse, Biskuit und Gelee – erinnerte den Käptn (positiv) an den „Kalten Hund“ seiner Mutter.

Getränke:

Wasser, ein edles italienisches Bier und ein hervorragender sizilianischer Weißwein.

Ich, die Hüterin der Geldbörse, war rundum begeistert von diesem Spitzenmenü zum Preis von 68,- Euro.  Zumal das vom Koch „interpretierte“ Cannolo so gar nichts gemeinsam hatte mit der schwergewichtigen Kalorienbombe, die auf Sizilien gemeinhin angeboten wird.

Oder gibt es bei diesem Anblick noch Zweifel?

 

 

 

 

 

 

 

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