14.08.2018 Die große Schwester

Es ist nicht gerade ein friedliches Liegen in der Msida Marina auf Gozo.

Ständig laufen die Fähren nach Malta und Comino ein und aus, so dass das Wasser nur nachts zur Ruhe kommt.

Am Freitag, dem 10. August, beenden wir die Schaukelei und machen uns auf den Weg zu Gozos großer Schwester Malta.

Wir überqueren den North Comino Channel und steuern an Comino, dem kleinen Bruder der beiden Schwestern vorbei. Nur drei Menschen leben auf diesem schroffen Felshaufen, doch Tausende von Ausflüglern stürmen täglich mit Ausflugsbooten oder auf dem eigenen Schiff die „Blaue Lagune„, um dort schöne Fotos zu machen.

Irgendwo zwischen den klobigen Felsformationen liegen jetzt auch Michele und Jean-Francois mit ihrer „Sirios II“ vor Anker.

Bis gestern lag das französische Paar in Gozo neben uns. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, obwohl nur Jean-Francois Englisch spricht und meine rudimentären Französischkenntnisse nicht für eine Unterhaltung mit Michele ausreichten. Aber trotzdem verliefen unsere gegenseitigen Schiffsbesichtigungen sehr lustig, denn auch das Innenleben der Hausbars wurde in Augenschein genommen, bis Jean-Francois schließlich ganz erschöpft von der „Weinprobe“ und dem vielen Übersetzen die temperamentvolle Michele über die Reling auf seine „Gibsea“ hinüberlotste.

Wir haben schon so viel blau-schillerndes Wasser gesehen und überlassen den pausenlos an uns vorbeistürmenden Ausflugsbooten die Blaue Lagune. Durch den South Comino Channel geht es weiter an Maltas Nordküste. Wir sehen dort viel Fels, viele Häuser und wenig Grün.

Je näher wir der Hauptstadt Valletta kommen, je höher werden die Häuser. Erinnerungen an Spanien werden wach. Nur, dass hier die meisten Klötze sehr neu sind und etwas edler wirken.

 

Die Küste ist hier sehr reich gegliedert und wir müssen gut aufpassen, den Meeresarm zu finden, der zur Msida Creek Marina führt.

Im Marsamxett Harbour sieht man schon die mächtigen Mauern des alten Valletta, die ringsum noch vollständig erhalten sind und die Stadt zur größten Festung Europas machen.

Zuerst steuern wir in den Marsamxett Harbour, einem Meeresarm, von dem an Steuerbord der Sliema Creek und hinter Manoel Island der Lazaretto Creek abzweigt. Geradeaus geht es hinter der Steinmole links in den Pieta Creek und geradeaus in den Msida Creek.

Kurz vor der Steinmole rufe ich über Kanal 13 bei der Marina an. Wir werden ja schon erwartet, da ich von Gozo aus um eine Reservierung gebeten hatte. An Steg O direkt beim Restaurantschiff „Black Pearl“ machen wir an Platz 02 fest.

Mit seinem Schlauchboot fährt mich der Hafenmeister zum Office, wo ich einchecke und gegen eine Kaution von 35 Euro den Plastikschlüssel für das Gate, den Wasser- und Stromanschluss sowie die Sanitäreinrichtungen neben dem Office bekomme. Der Liegeplatz kostet 45 Euro pro Nacht, für mindestens fünf Euro zusätzlich wird Strom- und Wasser auf den Plastikschlüssel geladen.

Zunächst schaue ich mir den Raum mit den beiden Duschkabinen und Toiletten an. Sie werden von Männlein und Weiblein gleichermaßen genutzt, was mir ganz schön knapp erscheint für die große Marina. Dann helfe ich noch zwei Russen, die Waschmaschine zu bedienen (4 Euro pro Waschgang) und laufe den recht weiten Fußgängerweg an der Ix-Xatt Ta´Xbiex (Gott bewahre, dass ich jemals nach dieser Straße fragen muss!) zum Ponton O zurück. Gut, dass er von Bäumen beschattet wird, denn es ist irre heiß auf Malta!

Wir haben zwei Tage Zeit für die Insel, denn am Montag bietet das Wetter eine gute Möglichkeit, wieder nach Sizilien zu kommen. Da können wir unmöglich alle Sehenswürdigkeiten, die im Baedeker stehen, abklappern. Aber darauf kommt es uns auch gar nicht mehr an!

Nach dem Motto: „Weniger ist mehr!“ schauen wir uns lieber etwas in Ruhe und ausführlich an, als überall durch zu hetzen, nur, um die „To do Liste“ des Reiseführers abzuhaken.

An den nächsten beiden Tagen gehen wir zur Bushaltestelle und fahren mit der brechend-vollen Nummer 15 ab Haltestelle Embassy oder der ebenso vollen Nummer 22 ab Haltestelle Xatt zum Busbahnhof am Triton Fountain, wo alle Busse ankommen bzw. abfahren.

Triton Fountain

Von hier gelangen wir durch das City Gate auf die Hauptachse der kleinsten Hauptstadt Europas, die Republic Street.

Die Stadt ist weitgehend autofrei, so dass man lediglich darauf achten muss, nicht mit einem anderen Fußgänger zusammenzustoßen, der ebenfalls bewundernd den Blick über die wunderschönen Gebäude schweifen lässt.

Das erste beeindruckende Gebäude liegt direkt rechts hinter dem City Gate. Durch das Baumaterial farblich voll ins alte Stadtbild integriert, sieht das moderne Gebäude äußerlich aus wie ein modernes Bollwerk. Ein gewollter Eindruck! Der Architekt Renzo Piano wollte nämlich, dass das 2015 eingeweihte, neue Parlamentsgebäude den wehrhaften Charakter der alten Stadtmauern und Bastionen aufnimmt. So, wie sie die äußeren Feinde abwehren sollten, sollen heute die Feinde der Demokratie an diesen scheinbar fensterlosen Mauern abprallen. Scheinbar! Denn durch die geschickte Verbauung der Steinblöcke gelangt das gleißende Sonnenlicht nicht nach innen, aber der Blick der Politiker sehr wohl nach außen.

Hinter dem Parlamentsgebäude erheben sich die Ruinen des Royal Opera House, das 1942 bei den Bombenangriffen der Italiener und der Deutschen zerstört wurde und – ähnlich der Nikolai Kirche in Hamburg – als bleibendes Mahnmal nicht wiederaufgebaut wurde. Stattdessen findet sich zwischen den Säulen ein „provisorisches“ Open-Air-Theater mit Stahlgerüsten und Plastikstühlen.

An der Einmündung der St. John´s Street biegen wir rechts ab. Wenn man´s nicht weiß, geht man leicht an der schlichten Fassade der Johannes-Kirche vorbei, die so gar nichts darüber verrät, wie es in ihrem Innern aussieht!

Wir haben schon so viele schöne Kirchen und Klöster gesehen, doch diese hier ist ein weiteres, herausragendes Glanzstück!

Am Eingang erhalten wir einen Audio-Guide, der uns zunächst durch verschiedene Seitenkapellen führt. Jede für sich ist ein Schmuckstück!

Doch atemberaubend schön ist die Decke des Hauptschiffes, die 18 Szenen aus dem Leben Johannes des Täufers zeigt. Das Tonnengewölbe wurde von dem italienischen Maler Mattia Preti zwischen 1662 und 1667 auf eigene Kosten geschaffen, wofür er als Ritter in den Orden aufgenommen wurde.


Unter dem Hochaltar befindet sich das Grabmal von Jean Parisot de la Valette, dem Gründer Vallettas. Leider können wir die Krypta, in der sich die Sarkophage von zwölf Großmeistern des Ordens befinden, nicht besuchen, denn es ist mittlerweile 12:30 Uhr und die Besuchszeit in der Kathedrale endet mit einem energischen „Rauswurf“ für die enttäuschten Touristen. Gut, dass wir nicht am Sonntag gekommen sind, denn da ist die Kirche, die man unbedingt gesehen haben muss, nur für den Gottesdienst geöffnet und kann überhaupt nicht besichtigt werden.

Wir gehen zurück zur Republic Street und stehen gleich am Great Siege Square. Der Platz erinnert an die große und großartig gescheiterte Belagerung durch die Osmanen im Jahre 1565.

Unter dem Standbild mit den Figuren, die Tapferkeit, Freiheit und Glaubendie Ideale der Johanniter – symbolisieren, fällt unser Blick  auf das Foto einer lächelnden Frau hinter Kerzen und Blumen.

 

Es ist die investigative Journalistin Daphne Caruana Galizia, die am 16. Oktober 2017 in der Nähe ihres Hauses auf Malta durch eine Autobombe getötet wurde, weil sie sich bei ihrer Arbeit auf die finanzielle und politische Korruption in Malta konzentrierte.

Was wäre unsere Welt der Fake-News ohne solche Menschen, die im Interesse der Wahrheit ihr Leben aufs Spiel setzen?

Im Fernsehen hatte ich von diesem Anschlag gehört, doch wirklich berührend ist es, am wahren Ort des Geschehens mit dem Ereignis konfrontiert zu werden. Zumal meine Tochter Susanne lange Zeit ebenfalls als Journalistin an nicht ganz ungefährlichen Orten der Welt unterwegs war, während ich zu Hause nur hoffen konnte, sie wohlbehalten wiederzusehen.

Ein kurzes Stück weiter erreichen wir den Republic Square.

Den Platz der Republik ziert ein Standbild der Königen Victoria, die unter dem Motto „Augen zu und durch“ pflichtbewusst viele Kinder zur Welt brachte und sie in allen mächtigen Adelshäusern Europas unterbrachte.

Davor steht ein Gipskopf, der sich den Finger von einem Ohr ins nächste steckt. An allen Ecken der Stadt finden sich zur Zeit solche lustigen Gipsskulpturen, die teilweise schon beschädigt und stets mit einer launigen Frage versehen sind. Ist wohl ein Teil des Kulturprogramms im Bezug darauf, dass Valletta in diesem Jahr zur Kulturhauptstadt Europas gekürt wurde.

Hier folgen wir dem Rat des Baedeker und setzen uns an einen Tisch vor dem Cafe´Cordina, denn „we are hungry and thirsty“.

Wir ordern „typisch maltesisches Essen“: Ftira Maltija = Thunfischsalat auf Brötchen mit Krautsalat und Pommes sowie „Local soft goat cheese salad“ = fritierter Ziegenkäse mit Tomaten und Rucola, dazu ein Glas „La Valette Weißwein“ und ein „Cisk“ Lager-Bier, das dem Käptn etwas zu herb schmeckt.

Es sättigt und ist alles in allem mit 26,10 Euro („Service charge is not includet“), also 30 Euro, nicht zu teuer, doch wirklich empfehlen können wir das Cafe´mit seinen feinen Deckenmalereien höchstens wegen der kunstvollen Törtchen, die in den Vitrinen locken.

Doch die „Hüftvergolder“ verkneifen wir uns heute und marschieren weiter zum Main Guard, wo die Kinder in der Nachmittagshitze durch die überraschend aufspritzenden Fontänen hüpfen.

Großmeisterpalast hinter den Fontänen

Dahinter steht der Großmeisterpalast, der 250 Jahre lang das Machtzentrum des Johanniterordens war, und in dem die gewählten Ordensfürsten auf Lebenszeit residierten.

Heute empfängt hier die maltesische Staatspräsidentin ihre Gäste. Zur Zeit hat sie keinen Besuch, denn die Wachhäuschen vor dem Palast sind leer. Also können wir den Palast besichtigen.

Über den Prinz-Alfred-Hof (der Name erinnert an einen Sohn Victorias) gelangen wir ins Innere.

Im Ratssaal wurden die Ratssitzungen des Ordens abgehalten. Die Vorhänge sind zugezogen und lediglich diffuses Licht beleuchtet die flächendeckenden Teppiche an den Wänden. Sie wurden Anfang des 18. Jh.s in der Hofweberei König Ludwigs XIV. von Frankreich gefertigt. Die Ordensritter konnten darauf eine exotische Welt mit Pflanzen, Tieren und Menschen aus Afrika und Südamerika bestaunen. Fotografieren ist hier nicht erlaubt!

Lange Flure mit Marmorböden voller Intarsien werden von „stummen Rittern“ flankiert und führen zu den diversen Sälen. Im Botschaftersaal posiert der unvergessene Ritter de la Valette auf einem Ölgemälde.

Jean Parisot de la Valette: Großmeister von 1494-1568. Ein Mann voller Entschlusskraft, Besonnenheit und militärischer Erfahrung.

De la Valette kämpfte für den Johanniterorden auf Rhodos und wurde von osmanischen Truppen gefangen genommen. Gegen ein Lösegeld kam er nach einem Jahr als Galeerensklave frei.

Im Jahre 1522 wurde der Johanniter-Ritterorden durch die Türken von der Insel Rhodos vertrieben. Eine neue Heimat fanden die Ritter auf Malta, das sie als „ewiges Lehen“ von Kaiser Karl V. erhielten. Nach ihrer neuen Heimat nannten sie sich nun Malteserritter.

De la Valette baute nach der erfolglosen Belagerung Maltas durch die Osmanen ab 1566 Valletta zur massiv befestigten Residenzstadt aus und führte den Ordensstaat in seine Blütezeit.

1798 übergab der einzige deutsche Großmeister Ferdinand von Hompesch Malta kampflos an Napoleon, was das Ende der Ordensherrschaft der Johanniter auf der Insel bedeutete.

In der Rüstkammer bewundern wir dann noch die prächtigen Rüstungen der Ritter und ihre Waffen, die nach ihrem Tod an den Orden übergingen.

Schaufenster für Ritter

Die Rüstung von Grand Commander Jean Jacques de Verdelain (1590-1673) wurde um 1580 in Italien angefertigt.

Wir beschließen den Tag in den Upper Barracca Gardens mit einem atemberaubenden Blick über die Saluting Battery auf den Grand Harbour und die Three Cities.

 Upper Barracca Gardens

Am nächsten Tag fahren wir wieder in die Stadt. Einziger Programmpunkt: Das National Museum of Archaeology.

So sehen wir wenigstens, was in den neolitischen Tempeln auf Malta gefunden wurde. Besuchen können wir sie nicht mehr. Aber wenigstens haben wir schon einen realistischen Eindruck der Baukunst dieser frühen Kultur durch den Ggantija-Tempel auf Gozo gewonnen.

Die „Venus von Malta“ aus der Zeit zwischen 3600 bis 2500 vor Chr. stammt aus Hagar Qim und zeigt sehr realistische anatomische Merkmale.

An diesem Kopf im gleichen Alter der Venus von Malta erkennt man, welche Haartracht in der Jungsteinzeit auf Malta Mode war.

Und noch etwas finden wir im Museum: Michele und Jean Francois! Sie haben gestern die Blaue Lagune verlassen und sind spät abends in Msida Marina angekommen.

Am Abend treffen wir uns in der Black Pearl zum Aperol Spritz. Es bleibt nicht bei einem, so dass Jean Francois wieder ganz schön müde vom Übersetzen wird. Doch ich verspreche Michele, im Winter ganz viel Französisch zu pauken, um mich demnächst mit ihr unterhalten zu können.

Wo? Vielleicht in Hamburg auf dem Weihnachtsmarkt?

Um fünf Uhr morgens schleichen wir uns am Montag aus der Msida Marina und tuckern hinaus aufs spiegelglatte Meer, das bereits den Sonnenaufgang erahnen lässt.

Dann steigt der rote Ball aus den Fluten und verstärkt das Farbenspiel. Wir tuckern nach Sizilien. Wind und Welle sind schwach bewegt, doch der Himmel bedeckt sich gnädig, bevor wir zur Bratwurst mutieren.

Nach 52 Seemeilen bzw. 10 ½ Stunden erreichen wir die Marina Ragusa an der Südküste von Sizilien.

 

 

  1. Wow, klingt toll! Aber besonders die Johannes-Kirche mit ihrer Decke wirkt wie das absolute Highlight … Nackenstarre, oder? 🙂

    • Hallo, große Schwester!
      Ja, so schön habe ich mir Valletta nicht vorgestellt. Zählt ab sofort zu meinen Lieblingsstädten! Und St John ist der Hammer! Diese Kirche sollte man einmal im Leben gesehen haben.
      Ganz liebe Grüße von der Anima mea Crew

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