05.08.2018 Und täglich grüßt der Ätna

Nach einem gemütlichen Abend mit Monika und Klaus von der SY Majunga verabschieden wir uns am letzten Tag im Juli vom italienischen Festland, von Kalabrien und vom Porto delle Gracie in Roccela Ionica.

Es ist kurz nach fünf Uhr morgens, als wir uns bei ganz wenig Wind aus der Marina ins tiefe Wasser hinaustasten. Danach streben wir entlang der kalabrischen Küste der Straße von Messina entgegen. Schon eine Stunde später bekommen wir die harten Fallböen zu spüren, die mit bis zu sieben Beaufort von den Bergen auf dem Festland heruntersausen und ins gesetzte Großsegel knallen.

Schnell Motor aus, Genua ausgerollt und ab geht die Post!

Doch der Druck auf die Segel ist so groß, dass ich die Pinne kaum noch halten kann. Der Käptn verkleinert schnell die Genua und zieht das erste, dann das zweite Reff ins Groß. Völlig aus der Puste bringen ihn die anstrengenden Manöver, während die Anima mea schließlich bei halbem Wind mit gerefften Segeln wieder leicht auf dem Ruder liegt und wie ein Pfeil durchs Wasser rauscht.

Nach einer Dreiviertelstunde und fünf gesegelten Meilen erstirbt der Wind. In entgegengesetzter Richtung stampft ein knuffiger Gaffelsegler an uns vorbei. An seinem Heck lesen wir den Schiffsnamen: Anima V!

Unsere Anima wird bestimmt unsere erste und letzte bleiben…

Um 13:30 Uhr verlassen wir den Schutz durch die Landabdeckung und fahren in die Straße von Messina ein. Wie durch eine riesige Düse beginnt es sofort aus Norden zu pusten. Aus den angenehmen vier Beaufort wird bald ein strammer Fünfer. Derweil strömen die Wassermassen in Form hoher Wellen von Nord nach Süd und bescheren uns einen wilden Ritt hinüber zur sizilianischen Küste.

Um nicht ständig auf den Kartenplotter schielen zu müssen, habe ich mir einen markanten Berg als Ansteuerungsmarke für unser Ziel Taormina ausgeguckt.

Doch plötzlich verschwindet der Berg in einer grauen Suppe. Gleichzeitig wächst uns ein riesiger, bedrohlicher Wolkenpilz am Himmel entgegen. Ein Blick auf die Gewitter-App bestätigt unsere Befürchtungen: Genau dort, wo wir hinmüssen, droht ein Gewitter!

Was tun?

Sollen wir einfach Kurs halten und hoffen, dass das Gewitter abzieht, bevor wir in Taormina ankommen oder den Kurs nach Süden ändern und die Marina Riposto ansteuern?

Schließlich reffen wir nochmals vorsorglich das Vorsegel und halten langsam Kurs auf Taormina, denn auf der Gewitter-App ist zu erkennen, dass dort allmählich wieder die Luft rein wird. Das bestätigt auch der Himmel, der sich zunehmend von Grau in Blau verwandelt.

Nun rufe ich „Boy George“ an.

Der Name dieses „schrägen Vogels“ aus der britischen Band Culture Club steht tatsächlich auf meinem kleinen Zettel mit der Telefon-Nummer +39 335 822 4656! Unser französischer Nachbar in Porto delle Grazie hatte mir nämlich von den Buoys – also Bojen – in der Bucht von Taormina berichtet und dann die „Kontaktdaten“ auf den Zettel geschrieben.

Während ich ins Smartphone lausche, dudelt mir die Melodie von „Karma Chameleon“ durch den Kopf. Endlich höre ich eine männliche Stimme! Es ist tatsächlich „George“, der seinen Lebensunterhalt allerdings nicht mit Gesang, sondern mit der Vermietung von „Buoys“ bestreitet.

Gemeinsam mit seinem „Duty OfficerPieter (Tel. +39 366 2123144) betreibt er ein Unternehmen mit Namen „Taormina Moorings – Yacht Care Management„.

Die beiden freundlichen Herren leben auf ihren kleinen Booten im Bojenfeld in der Nähe des Capo Taormina. Sie warten die Bojen, helfen beim Festmachen, holen den Bordmüll ab und bieten einen Wassertaxi-Dienst an (25 Euro!), falls man nicht mit dem eigenen Dinghi an Land will.

Allerdings entsprechen die aktuellen Preise leider nicht der von Rod Heikell im Küstenhandbuch Italien, 8. Auflage von 2011 versprochenen Kategorie 4!

60 Euro kassiert George für unsere 10 Meter (wahlweise Cash oder per Kartenzahlung), ohne mit der Wimper zu zucken. Kein Wunder, dass trotz Hochsaison noch viele Bojen frei sind!

Der Käptn fühlt sich wie eine Weihnachtsgans kurz vor dem Ausnehmen und beschwert sich über den „Dauerschwell“, der Anima mea pausenlos auf und ab bewegt. Beim „Candle-Light-Dinner“ im Cockpit erfreut er sich dann aber doch noch an der wunderschönen Kulisse des bekanntesten und meistbesuchten Ferienortes Siziliens auf einem Sporn der Peloritani-Berge hoch über dem Meer mit Blick auf den Ätna.

Bojenbucht in Taormina

Der größte Vulkan Europas hüllt sich um diese Stunde allerdings in einen grauen Dunstschleier und ist erst am nächsten Morgen klar und deutlich an seiner Rauchfahne zu erkennen.

Der Kettenraucher

Während wir uns um acht Uhr morgens wieder auf den Weg machen, vernehmen wir deutlichen Schwefelgeruch von dem „Riesenstinker“, dessen Mütze aus Rauch und Wasserdampf mit jeder Meile dicker wird, die wir nach Süden zurücklegen.

Nie wieder Catania!“ hatten wir uns geschworen, als wir im letzten Jahr den Club Nautico verließen.  Die Kakophonie, verbreitet von zwei konkurrierenden Diskotheken in unmittelbarer Nähe, hatte uns während der vier Nächte fast in den Wahnsinn getrieben.

Doch nach Augusta wollen wir auch nicht ausweichen. Dort erwartet uns ein hässlicher Tiefsee-Ölhafen mit Schornsteinen und Industriebauten. Und 57 Seemeilen bis Syrakus sind uns zu viel. Also entscheiden wir uns doch wieder für Catania, wobei wir die Hoffnung haben, im Circolo Nautico (NIC, Tel. +39 34 931 583 78) etwas mehr Ruhe zu finden.

Wir bekommen ein kuscheliges Plätzchen tief im Innern des Vereinshafens zugewiesen. Dafür bezahlen wir 35 Euro pro Nacht, Wasser, Strom, Dusche und gutes WIFI an Bord eingeschlossen. Die Marina ist eingezäunt und wird Tag und Nacht von den Vereinsmitgliedern bewacht. So weit, so gut!

Die von Rod Heikell versprochene Tankstelle existiert allerdings nicht mehr. Deshalb müssen wir gut einen Kilometer weit in Richtung „Centro Storico“ wandern, was wir noch vor dem Frühstück und der Gluthitze zur Mittagszeit erledigen. Beim Tragen der beiden 10-Liter-Kanister wechseln wir uns ab und da die ersten 20 Liter im Tank verschwinden, müssen wir zum Auffüllen der Kanister ein weiteres Mal zur Tankstelle laufen.

Und gleich stellt sich das typische „Catania-Feeling“ ein!

Durch den großen Fähr- und Fischereihafen treiben Unmengen von Plastiktüten und Plastikflaschen. Und alle scheinen nur ein Ziel zu haben: Den Circolo Nautico, wo sie an der Hafenmauer ausgebremst werden.

Dort warten morgens die Müllwerker mit ihren Keschern und fischen den Unrat heraus. Ein Fass ohne Boden! Doch immerhin scheint die Stadtverwaltung in Catania das Problem erkannt zu haben!

Aber außer mir und den Müllwerkern fischt hier niemand sonst diesen Mist aus dem Wasser: Nicht die Vereinsmitglieder im NIC, auch kaum die anderen Wassersportler an den Stegen und schon gar nicht die Fischer. Ihre Boote dümpeln in einem Meer aus Plastik, doch sie flicken seelenruhig ihre Netze, putzen ihre Fische oder palavern einfach nur rum.

Als wir das Hafengelände durch das „Zoll-Tor“ verlassen haben, stehen wir an einer der Hauptverkehrsadern der Stadt. Dicht an dicht brausen große und kleine Fahrzeuge aus beiden Richtungen auf der Straße heran, und kein Zebrastreifen in Sicht. Werden wir das Überqueren der Straße überleben?

Weder hier noch in irgendeiner anderen italienischen Stadt gilt: Wer stehen bleibt und darauf hofft, dass einer hält, wird Wurzeln schlagen.

Mutig auf die Fahrbahn schreiten, den herannahenden Autofahrer von links fest im Blick, dann den Arm hoch zum Dankesgruß und zügig weiter zur Fahrbahnmitte; nach rechts schauen, Arm hoch und schon ist man drüben, denn alle stoppen ab ohne zu meckern!

Nun hangeln wir uns auf dem handtuchschmalen Gehweg zur Tankstelle, die auf einer parkähnlichen Insel zwischen „Signore Kopflos“ und einem beeindruckenden alten Palazzo mit pausbäckigen Putten im überbordenden Fensterschmuck liegt. Während im Palazzo früher reiche Catanier residierten, sind jetzt im Erdgeschoss eine Autovermietung, Geschäfte und Restaurants untergebracht.

 

Der Palazzo gibt bereits einen Vorgeschmack darauf, dass Catania nicht nur schmutziges Hafenwasser, Müll in schmalen, muffigen Gassen und Zigarettenkippen in jeder Gehwegplattenritze zu bieten hat.

Nur ein paar Schritte weiter tritt man durch einen Torbogen auf die Piazza Duomo und bekommt den Mund nicht mehr zu! Denn man blickt auf ein einzigartiges Ensemble von schwarz-weißen Prachtbauten, die den Brunnen mit dem schwarzen Lava-Elefanten umringen. Dazwischen erhebt sich der strahlende Dom, der dem Platz den Namen gibt.

 

Lava ist hier natürlich ein Thema, denn Catania liegt am Fuße des Ätna, der 1669 mit seinem Lavastrom die Stadt fast vollständig auslöschte. Die heilige Agata, deren Reliquien im Dom ruhen, verhinderte angeblich das Schlimmste, denn als die überlebenden Bürger mit Agatas Schleier dem Lavastrom entgegenliefen, kam dieser zum Stillstand. Seither ist Agata die Schutzheilige der Stadt, ihr Patronatsfest am 5. Februar ist eine der größten Feiern auf Sizilien.

Aperol Spritz mit sizilianischen Appetithäppchen im Cafe Duomo

Außer der heiligen Agata ist im Dom auch der Komponist Vincenzo Bellini bestattet. Als wir am Abend im Cockpit sitzen, finde ich bei YouTube zwei Aufnahmen der Arie „Casta Diva“ aus Bellinis Oper Norma. Zuerst ertönt die kräftige Stimme von Anna Netrebko, dann der schwerelose Gesang der Callas, die auch bei der Uraufführung der Oper auf der Bühne stand. Anna Netrebko sieht in ihrem goldenen Kleid umwerfend aus, doch die Stimme der Callas macht für mich das Rennen!

Bellinis Grabstätte

Dann gehen wir zu Bett, doch die Musik geht weiter. Natürlich plärren im Hafenviertel immer noch die Diskotheken, doch die Ohrstöpsel liegen bereit und sorgen für Ruhe.

Das alles beschreibt das „Catania-Feeling“:

Dreck und Diesel im Hafenwasser, Fischgestank bei den Fischerbooten und verlockende Essensdüfte bei den Restaurants, Disco- und Verkehrslärm, bröckelnde Fassaden neben Prachtbauten, Berge von frischestem Obst und Gemüse für die köstliche Caponata. Stille und tiefe Heiligenverehrung im Dom vor dem Altar der Agata. Und Menschen, die häufig von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen sind, uns aber trotzdem lebensfroh, freundlich und hilfsbereit begegnen.

Piazza Duomo am Abend

Wir bereuen es nicht, doch noch einmal nach Catania gekommen zu sein, bleiben zwei Nächte und fahren am Freitag, dem 03.08. weiter nach Syrakus.

Catania am Fuße des Ätna

Da wir diese prächtige, von den Griechen gegründete Stadt bereits im Vorjahr von Catania aus besucht hatten, ziehen wir es heute vor, in der großen Bucht “Porto Grande“ vor Anker zu gehen. Denn natürlich ist auch hier mit nächtlicher Musikbeschallung zu rechnen, ohne die dem italienischen Sommer das Salz in der Suppe fehlt!

Skyline von Syrakus

Wir sind überrascht, dass relativ wenige Boote vor der schönen Skyline von Syrakus ankern und suchen uns einen friedlichen Ankerplatz mit Aussicht auf einen großartigen Sonnenuntergang, gefolgt von einer friedlichen Nacht.

 

Gerne wären wir noch geblieben, doch der Wetterbericht kündigt ein gewittriges Wochenende an. Was bedeutet, dass mangels Sonne die Versorgung mit Solarstrom ausfallen könnte.

In der Marina Marzamemi – 25 Seemeilen südlich von Syrakus – finden wir um 12 Uhr mittags einen geschützten Hafenplatz mit Landstromversorgung.

Wieder hat sich das frühe Aufbrechen bezahlt gemacht, denn bereits um 15:30 Uhr setzt ein so heftiges Gewitter ein, dass uns Hören und Sehen vergeht und sogar die Landstromversorgung kurz ausfällt. Doch mit viel „Stecker rein, Stecker raus; Sicherung ein, Sicherung aus“ kriegt es der Marinero wieder hin und beim nächsten Gewitter heute Morgen wird uns der Saft auch nicht mehr abgedreht.

Für alle, die den ruhigen und preiswerten Hafen Marzamemi an der Südost-Küste von Sizilien einmal ansteuern wollen und dabei auch Rod Heikell, Italienische Küsten als Hafenführer an Bord haben, sei gesagt:

Die Marzamemi Marina befindet sich gleich links hinter der Hafeneinfahrt, Marina Sporting dagegen ist im mittleren Hafenbereich angesiedelt. Auf dem Hafenplan sind offensichtlich die Namen der beiden Marinas vertauscht worden!

Wir sind aber trotzdem dort angekommen, wo wir hinwollten und liegen hier für 40 Euro pro Tag incl. Wasser, Strom, Dusche und WIFI bei sehr erträglicher Beschallung durch die entfernte Taverne inmitten der Einheimischen sicher und trocken.

Der Kurs für Malta ist bereits im Plotter gespeichert. Nun muss nur noch stabiles Wetter ohne „Blitzlichtgewitter“ her! Dann können wir – in Anlehnung an die Kreuzritter– den 62-Meilen-Ritt nach Malta bzw. zur Nachbarinsel Gozo wagen.

 

 

 

 

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