17.09.2017 Wer die Wahl hat, hat die Qual

Schon vor unserer Abreise im Frühjahr hatte ich beim Wahlamt in Hamburg Briefwahlunterlagen beantragt. Wir wussten damals noch nicht, ob und wo wir unseren Wahlschein zur Bundestagswahl 2017 ausfüllen würden, hatten aber die Hoffnung, zum gegebenen Zeitpunkt an einem Ort zu sein, an den sie uns Tochter Susanne schicken könnte.

Nicht zuletzt aus diesem Grund buchten wir ab Anfang September für einen Monat den Liegeplatz in der Zea Marina in Piräus.

Am Mittwoch, dem 6. September macht sich in Hamburg ein „Priority-Brief“ zum stolzen Preis von 9 Euro auf den weiten Weg nach Griechenland. Nach Auskunft der Deutschen Post soll dies drei Tage dauern.

Die Wartezeit wird durch rege Email- und Telefonkontakte mit zwei Volvo-Werkstätten verkürzt. Nachdem das erste Angebot für die fällige 600-Stunden-Inspektion knapp über 700 Euro liegt, holen wir leicht schockiert ein zweites Angebot ein, bei dem die einzelnen Leistungen kaum von Angebot eins abweichen, eine Anfahrtsgebühr von 100 Euro jedoch der ersten Werkstatt den Zuschlag bringt. Jedenfalls wissen wir jetzt, dass wir nicht über den Tisch gezogen werden.

Am Montag, dem 11.09., frage ich erstmals im Marina-Office nach, ob ein Brief für uns angekommen ist. Nein, leider nicht.

Mit Volvo haben wir an diesem Tag mehr Glück. Herr Balikos hat sich zwischen 13 und 14 Uhr angekündigt, bleibt aber im alltäglichen Verkehrsstau stecken und kommt erst am späten Nachmittag mit Eimern voller Werkzeuge, Putzlappen, Filter, Schläuche und einer Ölabsaugpumpe. Auch zwei 5-Liter-Kanister Volvo Öl zum stolzen Preis von 110 Euro schleppt er an Bord.

Beim Anblick unseres „Oscars“ entfährt ihm gleich ein großes Lob für den guten Einbau, dann macht er sich ans Werk. Heinz ist eingeladen, sich alles genau anzuschauen, denn laut Garantiebestimmung darf er demnächst auch selbst die Filter und das Öl wechseln.

Volvo an Bord: Herr Balikos macht seine Arbeit sehr gewissenhaft!

Auch am Dienstag, Mittwoch und Donnerstag wandere ich nach dem langen Weg zur Dusche weiter zum Marina-Office. Doch jedes Mal stellt man dort mit Bedauern fest, dass keine Post aus „Germania“ eingetroffen ist, bietet jedoch an, mittels der „Tracking Number“ im Internet auf Suche nach dem Eilbrief zu gehen.

Nachdem ich mir die Tracking Number per SMS bei meiner Tochter besorgt habe, mache ich mich auf der Website der Deutschen Post gleich selbst auf die Suche, komme aber nicht weit, weil eine Auskunft frühestens 10 Tage nach dem Absendetag möglich ist. Also nicht vor kommenden Samstag, den 16.09.!

Frustriert über die lahme griechische Post suchen wir Ablenkung. Ein Ausflug nach Athen soll uns auf andere Gedanken bringen.

Das Thermometer zeigt – und das tut es bis heute noch immer – beharrlich 32° C um die Mittagszeit. Wir sind bereits schweißgebadet, als wir am Bahnhof von Piräus ankommen. Am Ticketschalter präsentiere ich unsere Personalausweise, denn EU-Einwohner über 65 Jahre können alle öffentlichen Verkehrsmittel zum halben Preis benutzen. Macht in unserem Fall für eine Fahrt bis zu 90 Minuten 60 Cent. Leider gibt es bei Volvo nicht solche Ermäßigungen!

Wir entwerten vor dem Betreten des Bahnsteigs unser Ticket (Gebrannte Kinder!) und nach etwa 20 Minuten in der vollen Metro Linie 1 steigen wir am Monastiraki-Platz aus.

Hier quirlt das Leben!

Vom Monastiraki-Platz zweigen mehrere Straßen ab. Eine führt zum Dauer-Flohmarkt, eine andere ist die Meile mit den Souvenirshops und eine weitere geht bergauf.

Wir wollen zur Akropolis, die wir von hier aus aber nicht entdecken können. Ein Schild finden wir auch nicht, aber sie liegt ja auf einem Hügel. Also gehen wir am besten bergauf!

Links von uns sehen wir die Säulen- und Mauerreste der Hadrians-Bibliothek, dann geht es erstmal durch enge Gassen an fliegenden Händlern, Bettlern und Tavernen vorbei zur Römischen Agora. Dieser Marktplatz und Versammlungsort entstand, als ab 146 n. Chr. die Römer ihr Reich anschlossen.

Am Ende der Agora steht der achteckige Turm der Winde (1. Jahrh. v. Chr.) mit den Reliefs der griechischen Windgötter. Passend zur Temperatur ihres Windes sind sie rund um den – einst als Wasseruhr genutzten Turm – im warmen Mäntelchen (Nordwind) oder leichten Hemdchen (Südwind) unterwegs.

Römische Agora und Turm der Winde

Auf dem Hügel über der Agora erkennen wir jetzt eine gewaltige Mauer, über die ein helles Gebäude blinzelt. Ist das die Akropolis?

Wir wandern weiter bergaufwärts, müssen in der Hitze zwischendurch eine Pause im Cafe´ machen und erklimmen dann den 115 m hohen Areopagus Hügel, der seinen Namen dem griechischen Kriegsgott Ares verdankt.

Eine Metalltreppe führt von der Straße weg auf ein Felsplateau. Irgendwo hier oben stand in der Mitte des 1. Jahrh. nach Chr. der Apostel Paulus und verkündete das Evangelium. Auch Dionysios, der Areopagite, trat damals zum Christentum über, wurde erster Bischof der Stadt und ihr christlicher Schutzpatron.

Doch von den Resten der Bischofskirche an der Nordseite des Hügels können wir nichts erkennen. Dafür strahlt jetzt hoch oben auf dem Akropolis-Hügel das prächtige „Eingangstor“ zum religiösen Zentrum des antiken Athen: Die Propyläen.

 

Dort oben stritten der Sage nach einst Athena und Poseidon um die Gunst der Athener. Beide wollten ihr Schutzpatron werden, weshalb sie einen Wettbewerb veranstalteten.

Der Meeresgott Poseidon rammte seinen Dreizack in den Fels, aus dem als Gabe für die Athener eine salzige Quelle entsprang. Athene stach mit ihrem Speer ebenfalls in den Fels, aus dem alsbald ein Olivenbäumchen herauswuchs. Und obendrein versprach sie den Athenern auch noch siegreiche Schlachten!

Bei dem gewaltigen Ölverbrauch in diesem Lande der Götter ist ganz klar, für wen sich die Athener entschieden. Mal ganz abgesehen von den Schlachten, die in der Zukunft noch zu schlagen waren!

Richter und womöglich Opfer dieses Wettstreits war König Kekrops, dessen Sarg später in der Nähe des Hofes stand, in dem das heilige Olivenbäumchen den Altar des Herkeios Zeus, Beschützer der Familie, beschattete. Es ist der älteste heilige Ort der Athener und wurde der gehorsamen und liebenswürdigen Königstochter Pandrosos geweiht, die die erste Priesterin der Athena Polias, der Schutzgöttin der Stadt, war.

431-406 oder 421-406 v. Chr. wurde das Erechtheion an das Pandroseion angebaut. Das Dach der Korenhalle stützen die Karyatiden. Die Originale dieser Mädchenstatuen müssen im Akropolismuseum vor Wind, Wetter und Smog geschützt werden. Während der 400-jährigen Besatzungszeit durch die Türken (1453-1830) wurde das Erechtheion zum Harem umfunktioniert.

Der heutige Olivenbaum links vom Erechtheion wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts gepflanzt.

Wie auch die Propyläen – neu erbaut unter Perikles – wurde das frühe Pandroseion 480 v. Chr. von den Persern zerstört.

Dann kommen wir zum Kernstück der Akropolis: Der Parthenon.

Die meist fotografierte Baustelle Europas wird seit 1983 „beackert“. Hier puzzeln die Archäologen, indem sie immer wieder neue Säulenteilchen zusammenfügen und durch neuzeitliche Teile (weiß) ergänzen.

Es ist der Tempel der Göttin Athena, den Meister Phidias von 447 – 438 v. Chr. nach seinen Plänen erbauen ließ. Im Reiseführer steht: Fast alle Linien des gewaltigen Baus sind leicht gekrümmt, sodass die Konturen leichter erscheinen und sich keine perspektivischen Verzerrungen ergeben.

Ich überlasse es dem Betrachter der Bilder, das zu erkennen!

Der Parthenon

Wir wandern lange zwischen den strahlenden Bauwerken der Akropolis umher. Beim Anblick der riesigen Kräne, mit denen heute die Reparaturarbeiten durchgeführt werden, fragt man sich, wie es die Menschen der Antike geschafft haben, hier oben so gewaltige Gebäude zu errichten.

Auch der Ausblick auf die 4,5 Millionen-Metropole ist beeindruckend. Über das Odeion des Herodes Attikus, das noch heute als Theater genutzt wird, schweift der Blick über das Häusermeer bis zum Saronischen Golf.

 

Am nächsten Tag, es ist Freitag, der 15.09., gehe ich nach dem Duschen wieder ins Marina Office. Auch heute ist kein Brief angekommen und der freundliche Mitarbeiter, der inzwischen weiß, worum es geht, wählt sogar die Service-Nummer der Deutschen Post für mich. Ich werde „herzlich willkommen“ geheißen und auf die lokale Nummer verwiesen! Na toll! Das wird wohl nichts mit dem Wählen!

Kaum bin ich an Bord zurück, klingelt das Smartphone!

Es ist das Marina Office. Wir sollen bitte sofort kommen. Der Brief ist da und wir müssen den Empfang bestätigen.

Im Marina Office steht eine junge Frau mit dem Brief und einer Liste in der Hand. Ich bestätige den Empfang und frage, wieso ein Eilbrief neun Tage von Hamburg nach Piräus braucht. Die junge Frau erklärt, dass der Brief „schon“ gestern eingetroffen sei, sie ihn aber nicht mehr ausliefern konnte. Also dauerte es immerhin acht Tage!

Zurück an Bord, simst mir meine Tochter das Ergebnis ihrer Recherche bei der Deutschen Post: Der Brief sei am 13. September in Griechenland angekommen. Was danach geschehen ist, kann man nicht sagen.

Frage: Wieso brauchte der Eilbrief sieben Tage bis zur deutschen Grenze? Vielleicht sollten wir dazu einmal das Orakel von Delphi (http://odysseus.culture.gr)befragen?

Noch vor dem Frühstück – voller Bauch studiert nicht gern – werden die Wahlzettel ausgefüllt und eingetütet. Dann bringen wir sie zur Post in Piräus. Auf den beiden roten Umschlägen ist kaum Platz für die fünf großen Briefmarken, die nötig sind, um sie per Express und Einschreiben nach Hamburg zu schicken. In drei bis vier Tagen sollten sie dort sein! Hoffen wir mal, dass unsere Stimme gegen die Partei mit dem A am Anfang bis zum 24. September ankommt!

Nach diesem umständlichen und aufregenden Wahlgang fahren wir gleich weiter nach Athen, um unser Kombi-Ticket weiter abzuarbeiten. Zum halben Rentnerpreis von 15 Euro beinhaltet es die Akropolis und sechs weitere Ausgrabungsstätten. Eine davon ist der Tempel des Olympischen Zeus.

Wieder starten wir am Monastiraki – Platz und schlendern zunächst durch die malerischen Gassen der Plaka (Altstadt). Hier suchen Juweliere und Kürschner in kleinen Läden Käufer für ihre edlen Produkte. Aber natürlich gibt es auch viele Geschäfte, in denen man für weniger Geld ein Andenken an Athen erwerben kann. Besonders hübsch sind jedoch die Sträßchen mit den geschmackvoll eingerichteten Tavernen, wo einladend gedeckte Tische unter rankendem Weinlaub auf ihre Gäste warten.

Wir werfen einen Blick in die Kathedrale: Viel Gold und Silber funkelt unter der prächtigen Mosaikdecke. Auf den Scheiben der Ikonen erkennt man im Gegenlicht unzählige Lippenabdrücke, denn die frommen Griechen küssen ohne Rücksicht auf Bakterien und Viren immer wieder ehrfurchtsvoll ihre Heiligenbilder.

Dann überqueren wir die verkehrsumtoste Syngrou Ave und stehen am Hadriansbogen. Dahinter liegt die Anlage mit den monumentalen Säulen des Tempels, der dem Vater der griechischen Götter geweiht ist. Es sind die Reste des größten Tempels der Antike. Von hier aus hatte Vater Zeus einen sehr guten Blick hinauf zur Akropolis, wo seine Lieblingstochter verehrt wurde.

Nicht nur den vielen Japanern, die sich von Kopf bis Fuß in lange Hosen, leichte Strickjäckchen, dünne Handschuhe, Riesenhüte und teilweise Gesichtsschutz einhüllen, macht die Hitze der Stadt zu schaffen.

Wir lechzen nach einem kühlen Getränk, gönnen uns noch einen griechischen Joghurt mit Früchten und fahren dann wieder „heim“ nach Piräus.

Die Qual der Wahl ist vorüber!

 

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