11.09.2017 – Piräus mit Aussicht

Kaum zu glauben: Wir sind schon eine Woche in Piräus.

Sicher und geborgen liegen wir am Steg H des kreisrunden inneren Hafenbeckens von Zea Marina bei den „kleineren“ Schiffen. Unsere Nachbarinnen links und rechts sind Motorboote.  Christina Maria, meine Namensvetterin, liegt an Backbord und erhält nur selten Besuch von ihren Besitzern.

Christina Maria mit ihrem zerfetzten Flaggenrest liegt nebenan.

Das Motorboot an Steuerbord gehört Soto.

So stellt sich der junge, „dynamische“ Mann bei uns vor, als er – abwechselnd in Englisch und Griechisch, aber stets sehr laut und temperamentvoll mit seinen Nachbarn kommunizierend, vor ein paar Tagen auf sein Boot springt.

Es ist unmöglich, mit Soto nicht ins Gespräch zu kommen. Er ist ein echter Hans Dampf in allen Gassen, stets Mittelpunkt seiner Clique, Scherzemacher und Kommandeur.

Bevor er mit seinen Freunden zu einer Spritztour ablegt, kommt er kurz zu uns an Bord und stellt sich vor. Er ist das Kind griechischer Auswanderer, die in London als Reeder – „nicht so reich wie Onassis“ – aber doch wohlhabend, ihren Sohn auf die Universität schicken können, wo er Jura studiert. In Sachen „Transport Claims Consultancy“ vertritt er die Interessen seiner Klientel in den Büros in London, Zypern und Hong Kong (www.skinitislaw.com) . Obwohl wir eher nicht als potenzielle Kunden in Frage kommen, steckt er uns seine Visitenkarte zu, „falls wir Hilfe brauchen oder Fragen haben“ und sei es nur, um ein gutes Restaurant in Athen zu finden.

Der junge Mann, er ist 43 Jahre alt, ist unglaublich offen. In kürzester Zeit erfahren wir sowohl , dass und warum er den Brexit gewählt hat als auch, wie es um sein Privatleben bestellt ist. Mit einer kurzen politischen Diskussion endet der Besuch an Bord, weil die griechischen Freunde schon warten. Dann mixt er noch einen Becher Cuba Libre mit viel Eis und reicht ihn dem Käptn mit einem lauten „Cheers, Heinz!“ ins Cockpit.

Wenn wir morgens zum Sanitärgebäude wandern, kommen wir an den kleinen Booten der Fischer vorbei. Einige bieten ihren Fang zum Verkauf an. Unter der großen, altmodischen Waage, die unter dem Bootsdach baumelt, liegen kleine Rochen, Tintenfische und andere Früchte des Meeres auf Eis und warten auf Kundschaft.

Zwischen den Booten schwimmen Plastiktüten, Flaschen und Dosen, vom Meer hereingespült oder nachts von den Partygängern ins Hafenbecken geworfen. Keiner fischt den Müll heraus, während das Marinapersonal das Hafengelände jeden Morgen mit Besen und Schaufel in Ordnung bringt. So kommt es, dass „Luxus“ in all seiner glänzenden Pracht in einer ekligen Brühe schwimmt, in der kleine Fischchen nach Luft und Eßbarem schnappen.

Luxus aus Piräus

Während wir bei unserem morgentlichen Gang zur piekfeinen Dusche an den bunten Fischerbötchen vorbeiwandern, trainiere ich die griechischen Buchstaben, indem ich die Bootsnamen laut vorlese: Del- fi- ni, Ma- ri- a Stel -la, Ak Ni- ko- la-ous und Flo- ra reihen sich bunt und ordentlich aufgeräumt aneinander.  Dazwischen warnt der Käptn vor Hundehaufen, die – zwar nicht flächendeckend, wie in Italien, aber jeden Morgen frisch produziert – an der Wasserkante in der Sonne trocknen.

Nach den Fischerbötchen folgt der Steg mit den Charteryachten. In der Woche ist es dort ruhig, aber am Wochenende ist der Steg voller Gepäck und Menschen, die sich für kurze Zeit ins Segelabenteuer stürzen wollen.

Der Steg mit den Charteryachten

Die Duschen und Toiletten sind stets frisch geputzt. Wie üblich, ist bei den Herren mehr los, denn Wassersportler sind meist männlichen Geschlechts. Aber grundsätzlich ist wenig los. Nicht nur hier, sondern in allen Marinas, die wir im Mittelmeer angelaufen sind. Was habe ich früher in Dänemark und Schweden an der Dusche angestanden oder darauf warten müssen, dass die Toilette endlich frei wurde!

Es liegt wohl daran, dass die Schiffe immer größer werden und die Besatzung lieber ihr komfortables Bad anBord benutzt statt zum Sanitärgebäude zu wandern. 40 Fuß – also mehr als 12 Meter – sind heutzutage fast Standard!

Die Anima (ohne mea) ist mit 41 Fuß wesentlich größer als wir

Aber auch Yachten dieser Größe wirken wie Winzlinge gegen die Megayachten, die sich ab dem Marinaoffice entlang des Kais im äußeren Hafenbecken dem staunenden Publikum präsentieren. George Town, Kingstown, London und Bikini! stehen als Heimathafen am Heck, doch das hat nur steuerliche Gründe. Kaum einer der megareichen Eigner ist an einem dieser Orte zu Hause.

In Bikini registriert

Die Schlüppchen der „feinen Leute“

Das Schiff zu den Schlüppchen

Während die Besatzungen unaufhörlich damit beschäftigt sind, das Metall auf Hochglanz zu halten, die komplizierte Technik zu warten und die Hündchen der Lady an Bord Gassi zu führen, vergnügt sich die Highsociety im Pool der Marina oder sitzt in den Bars und Restaurants, um zu sehen und gesehen zu werden. Ein Reichtum, den wir weder an der Costa Smeralda in Sardinien, schon gar nicht in Lido di Ostia/Rom  und auch nicht im Golf von Neapel gesehen haben. Und Zea Marina (www.d-marin.com) ist noch nicht alles!

Eine der Größten in der Zea Marina: Talisman mit ihrem Tender, von „Proteksan Turquoise“ gebaut, in Georgetown, Cayman Islands registriert

Es gibt allein in Athen vier große Yachthäfen, davon einer – Flisvos Marina nur für Megayachten zwischen 35 und mehr als 180 Metern mit 303 Liegeplätzen.

Irgendwann sind wir regelrecht erschlagen von so viel gigantischem Reichtum und kehren zurück zu unserem Steg. Von hier aus sind es nur ein paar Schritte zu den mehrstöckigen Wohnhäusern, die sich entlang der Hafenstraße mit ihren makellosen Fassaden und bunten Markiesen hinter grünen Bäumen und kleinen Cafes aneinanderreihen.

Wir laufen am Wasser entlang bis zum nächsten Hafen, in dem der Royal Hellenic Y.C. seinen Sitz hat. Vor unseren Augen breitet sich der „Ormos Phalirou“ aus. In der Bucht finden gerade mehrere Regatten statt und uns fällt ein, dass in unserem Heimathafen Großenbroder Fähre gerade die Herbstregatta anlässlich des Hafenfestes durchgeführt wird. Wie wir später von unserem Freund Rolf erfahren, findet sie bei wenig Wind und viel Regen statt. Hier ist es genau umgekehrt: Die Spinnaker blähen sich im kräftigen Südostwind und am Himmel ist kaum ein Wölkchen zu sehen.

Blick über die Bucht Ormos Phalirou

Um einen noch besseren Überblick zu bekommen, beschließen wir, eine der himmelhohen Treppen zu nehmen, um hinauf zum „Kastella“ zu kommen.

Keine Ahnung, ob es oben auf dem Hügel mal ein Kastell gab. Aber es gibt noch einen Park, auf dem vielleicht einmal eins stand und die Kirche „Profitis Ilias„, wo sich im Mülleimer die Reste der letzten Hochzeitsfeier befinden.

Prächtig wie alle Kirchen in Griechenland: Profitis Ilias

Die Reste vom Feste

Doch den Höhepunkt im wahrsten Sinne des Wortes bietet nicht der steile Hügel mit seiner stolzen Kirche sondern der Blick über das Häusermeer von Piräus und Athen, wo wir sie endlich mit eigenen Augen erblicken: Die AKROPOLIS!

Kein gutes Bild, aber sie ist drauf: Die Akropolis schwebt über dem schwarzen Strich der (unvermeidlichen) Stromleitung rechts unterhalb des hohen Hügels.

Am Mittwoch ist für Soto der Urlaub zu Ende. Dann tobt er erstmal nach Zypern, danach muss er nach Monaco. „Wir müssen heutzutage dahin, wo das Geld ist. Das Geld kommt nicht zu uns!“ sagt er lachend, als er gestern von seinem letzten Badeausflug nach Aegina zurückkehrt. Und dann zeigt er hinüber zu einem anderen Motorboot, das gerade einparkt. „Es ist fast doppelt so groß wie meins,“ sagt er, „der Besitzer ist Sachverständiger für Unfallfahrzeuge. Er hat ganz klein angefangen. Heute ist er reich. Ich mag solche Geschichten!“ sagt Soto.

Ob seine Yacht eines Tages auch in Flisvos Marina liegt?

 

 

 

 

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