18.08.2017 Ein geheimer Ort

Am Mittwoch, dem 16. August verlassen wir den griechischen Nabel der Welt, um uns entlang der Festlandküste dem Kanal von Korinth ein weiteres Stück anzunähern.

Zunächst gestaltet sich die Reise angenehm: Das Himmelsblau teilt sich den Platz mit vielen grau-weißen Wolken, die angenehmen Schatten spenden, wenn sie sich vor die Sonne schieben. Der Wind weht mit vier Beaufort aus östlicher Richtung, was im Moment gut passt, da wir zunächst nach Süden zum Kap Ak Makry-Nikolaos müssen. Dort läuft die hohe, kark bewachsene Steilküste in eine langgezogene, immer flacher werdende, felsige Landzunge aus, über die jetzt der Ostwind ungehindert von den Bergen heruntersaust.

Obwohl mit bereits killendem Segel ganz hoch am Wind, drücken uns die Hammerböen immer wieder auf die Seite.

Wie eine dicke Keule ohne Stiel ragt die bergige Halbinsel Kephali in diese weite Bucht mit den steilen Hängen und zerklüfteten Schluchten. Wir steuern die Bucht Ormos Isidorou an der Südseite an, weil wir uns dort den besten Schutz erhoffen. Aber erst, als wir dicht unter Kephali entlangfahren, lassen die Böen nach und wir können das Segel bergen.

Wir erwarten eine einsame Bucht mit einem Strandcafe´, wo wir auf fünf bis zehn Meter Tiefe ankern können. So wird es in unserem Handbuch „Griechische Küsten“ von Rod und Lucinda Heikell in der neuesten Auflage von 2016 beschrieben. Auch unsere elektronische Navionics – Seekarte zeigt hier eine Bucht ohne Stege oder gar einen Hafen.

Als wir durch das Fernglas an der Westseite der Bucht eine lange Mauer mit einem Segelschiff entdecken, fragt mich der Käptn, ob wir auch wirklich in der richtigen Bucht eingelaufen sind. Das kann ich ohne Zweifel mit „Ja!“ beantworten. Und so gehen wir davon aus, dass auch hier in jüngster Zeit EU-Gelder für den Neubau eines Hafens geflossen sind.

Vorsichtig nähern wir uns der Mauer und gehen hinter dem parkenden Segelschiff mit belgischer Flagge am Achterstag und französischer Flagge am Heck längsseits. Wahrscheinlich gehört das Boot einem Franzosen, der es in Belgien versteuert, weil es dort günstiger ist. Doch im Moment ist niemand an Bord.

Hinter der Mauer befindet sich ein kleiner Fischer- und Sportboothafen. Auf die Mauer, breit wie eine Straße, fährt gerade ein schwarzer Audi mit deutschem Kennzeichen. Ein junger, braungebrannter Mann mit schwarzer Badehose und schwarzem Hut steigt aus und beißt herzhaft in sein Brötchen.

„Aha, ein deutscher Hafenmeister!“ rufe ich mehr zum Scherz und er erwidert: „Nö, hier gibt es keinen Hafenmeister. Der sitzt auf der anderen Seite von Kephali in Antikyra. Hat aber nur an zwei Tagen in der Woche sein Büro geöffnet“. Ich frage den jungen Mann aus Minden, NRW, ob der Hafen neu ist, denn er ist ja auf keiner Seekarte drauf. „Den gibt es, seit ich lebe!“ sagt er. „Und wie lange ist das?“ frage ich zurück. „40 Jahre,“ antwortet er. Dann frage ich noch, ob wir hier bleiben können und bekomme das OK vom jungen Mann, der hier ein kleines Motorboot liegen hat und gerade die letzten Urlaubstage mit der hübschen Freundin genießt.

Nun liegen wir also fest vertäut an der Mauer eines Hafens, den es auf keiner unserer Seekarten und auch nicht in der „Bibel“ der Mittelmeersegler gibt. Die Böen drücken uns heftig an die Mauer, doch den Fendern und vor allem dem schützenden Bezug kann nichts passieren, da wir gleich zwei Fenderbretter hintereinander an die Reling gebunden haben.

Blick über den „heimlichen“ Hafen von Ormos Isidorou. Vorne liegt das belgische Schiff des Franzosen, dahinter die deutsche Anima mea.

Auf dem Hügel mit der kleinen Kapelle flattert die „Blaue Flagge“. Zu Recht! Das Wasser ist so glasklar, dass man jeden einzelnen Stachel der schwarzen Seeigel an der Mauer erkennen kann.

Die kleine Kapelle, wo es auch einen Brunnen mit Trinkwasser gibt.

Hinter dem Hügel ist das Cafe´Annabelle, in dem man sich bestens ins Internet einloggen kann, worauf sich aber keine einzige Seite öffnen lässt. Der junge Mindener hatte ja schon von „eingeschränktem Internetzugang“ gesprochen, doch das war leicht untertrieben.

Im Cafe´ und am vorgelagerten Strand tummeln sich fast ausschließlich Griechen, die hier in den schmucken Wochenendhäusern an den Hängen ihr Feriendomizil aufgeschlagen haben. Wenn sie abends über die Hafenmauer flanieren oder dort ihre Angel ausbringen, würdigen sie uns keines Blickes. Grüßen tun sie uns schon gar nicht, und wenn wir sie freundlich anlächeln, schauen sie schnell weg. Ob sie uns als Eindringlinge betrachten?

Der Besitzer des Segelbootes hinter uns ist nur nachts an Bord. Er kommt in der Dunkelheit und ist morgens wieder verschwunden. Vielleicht arbeitet er in einem der beiden Restaurants am Strand hinter dem Cafe´ Annabelle. Die Tafeln mit der Speisekarte sind hier natürlich nur in griechischer Schrift abgefasst!

Aber ich arbeite dran und kann schon eine Menge lesen, wenn es in Großbuchstaben geschrieben ist. Verstehen tu ich es aber noch lange nicht, es sei denn, es ist ein Ortsname. „AN-Ti-KY-RA“, lese ich wie ein Erstklässler, als wir über die Asphaltstraße um die Halbinsel herumwandern und an einer Gabelung ankommen.

Nach 20 Minuten Fußmarsch haben wir die kleine Hafenstadt erreicht. An der Hafenmauer liegt ein einziges Segelboot mit französischer Flagge. Das Eignerpaar ist an Bord und wir erfahren, dass sie auf dem Rückweg nach Frankreich sind. So wie wir, warten sie hier, dass der Wind nachlässt.

Der Hafen von Antikyra

Mittlerweile ist es schon 18 Uhr und wir kehren in der Taverne Valaouras am Hafen ein. Es ist noch nicht viel los, denn die Griechen essen spät. Der Kellner spricht Englisch und auch die Speisekarte ist zweisprachig. Wir bestellen zwei unterschiedliche Salatteller. Beide Salate und auch das Tsatsiki schmecken köstlich!  Zum Nachtisch gibt es auf Kosten des Hauses einen großen Obstteller mit frischer Melone. Das ist uns lieber als der Ouzo, der auch mal gerne vom Wirt ausgegeben wird.

Gesund und lecker!

Außerdem gibt es bestes Wifi! Deshalb, und weil es so gut geschmeckt hat, wandern wir heute noch einmal nach ANTIKYRA, um einen neuen Wetterbericht runterzuladen. Noch fegen ja die Böen von den Bergen rundum auf uns nieder, aber morgen soll es ruhiger werden. Dann können wir weiter Richtung Kanal von Korinth und die Griechen im „heimlichen“ Hafen von Ormos Isidorou haben ihre Hafenmauer wieder ganz für sich.

Blick über die Bucht. Dorthin müssen wir, wenn es weitergeht.

 

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