15.08.2017 Götterdämmerung

Als wir von unserer Trizonia-Jungletour zurückkehren, trauen wir unseren Augen nicht!

Am Kopf der Hafenmauer genau vor uns legt gerade eine große Motoryacht (Voyager 560) mit ukrainischer Flagge an. Ist da nicht gerade Krieg?

Während wir über die Badeleiter an Bord klettern und anschließend Rudi Koster an Deck hieven, ruft der Skipper von seinem „Turmbau zu Babel“ herunter: „Kann ich ihnen helfen?“ In Deutsch wohlgemerkt und es klingt genau so, wie Vladimir Klitschkos „Miiiielch-schniete“.

Noch nie hat uns kleinem Segellicht ein Mensch auf einer so großen Motoryacht Hilfe angeboten! Wir glauben, nicht richtig gehört zu haben und fragen verdutzt: „Wobei?“

„Bei Ihrem Dinghi!“ ist die freundliche Antwort. Wir können leider nicht testen, ob das Angebot ernst gemeint ist, denn wir haben das – wie immer – bereits ganz alleine geschafft.

Ansonsten unternehmen der Motorbootskipper von der „SERTAKI“ und seine Crew (eine junge, hübsche Frau, ein kleiner Junge und ein weiterer Mann) keine weiteren Kontaktversuche.

Wir stehen noch an Deck, da nähert sich eine weitere, noch größere Motoryacht (Princess 72).

„Die werden doch wohl nicht….!“ – Oh doch, sie werden!

Das Ungetüm versucht tatsächlich, in der Lücke hinter uns einzuparken! Gelingt aber nicht. Trotz Bugstrahlruder!

„Glück gehabt!“ denken wir, doch dann wechselt der Skipper die Strategie. Er wirft den Buganker raus und parkt rückwärts mit dem Heck zur Mauer in die Lücke ein.

Passt genau! Und wir schauen nun gegen eine mehrstöckige Wand. Der Generator brummt uns die Ohren voll, doch die „feinen Herrschaften“ – Griechen, die ebenfalls der deutschen Sprache mächtig sind – wollen es in ihren Räumen schön kühl haben und den Champus unter den Strahlern über der Heckterrasse eisgekühlt genießen.

Jedenfalls sind wir jetzt total eingekeilt und brauchen auch keine Kerze im Cockpit, denn die Rundumbeleuchtung unseres Nachbarn reicht für uns mit.

Eingekeilt und zugemauert

Es ist schon stockdunkel, da nähert sich ein weiteres großes Schiff dem kleinen Hafen von Trizonia. Ein kräftiger Strahler sucht die äußere Hafenmauer ab, dann geht das Schiff längsseits. Ein Mann springt  auf die Mauer, ein weiterer folgt. Die Festmacher fliegen von Bord und die Männer machen das Schiff fest. Es ist die griechische Wasserschutzpolizei!

Was wollen die hier?

Wahrscheinlich werden sie Kontrollen durchführen. Da liegt ja zum Beispiel dieses braune Motorschiff mit Glittereffekt an der Mauer. Eingeweihte haben uns erzählt, dass es schon seit Jahren hier liegt. Die Besatzung nimmt jedoch zu niemand Kontakt auf und keiner weiß, warum die hier sind oder woher sie kommen.

Oder sie werden mal auf den beiden Spaßbooten vor und hinter uns nach dem Rechten sehen. Oder sie werden zuerst uns kontrollieren, denn wir sind als einzige nicht in die Taverne essen gegangen. Können sie gerne machen! Unser Schiff ist versteuert, das DEKPA liegt im Kartentisch und außer griechischem Wein sind keine Drogen an Bord.

Aber nichts passiert! Die Polizisten gehen in Richtung Tavernen, und im Morgengrauen verschwinden sie wieder. Nur wir sitzen eingekeilt zwischen den beiden Riesen und warten, bis endlich das Leben auf ihnen erwacht.

Zuerst ist die ukrainische Crew auslaufbereit! Wir folgen ihr auf dem Fuße und legen um 11:20 Uhr ab an der Hafenmauer von Trizonia.

Auf der Suche nach einer schönen Ankerbucht geht unsere Fahrt weiter Richtung Kanal von Korinth. Doch die Berge an der Festlandküste werden öder und öder. Nur einzelne grüne Flecken sprenkeln die steilen Hänge. Und auch die angestrebte Ankerbucht Ormos Anemokapi erweist sich als trostloser Reinfall.

Den Hafen von Galaxeidi lassen wir links liegen. Es soll dort sehr schön sein, aber wahrscheinlich gibt es keine Mooringleinen oder andere passende Anlegemöglichkeiten für uns.

Schließlich erreichen wir tief im Krissaios Kolpos (Golf von Krissa) das Städtchen Itea.

In einer langen Reihe stehen die modernen, mehrstöckigen Häuser der Stadt vor den kahlen Bergen. Die benachbarte Bucht Ormos Salona läd nicht zum Ankern ein, denn hier wird in mehreren Tagebauminen Eisenerz (dunkelroter Hämatit) abgebaut und zudem Fischzucht betrieben.

Aber laut Hafenhandbuch „Griechische Küsten“ von Rod Heikell gibt es in Itea eine neue Marina mit Wasser- und Stromanschlüssen, Duschen und Toiletten.

Am äußeren Wellenbrecher des Hafenbeckens ist noch Platz für uns. Wir gehen gleich hinter einer deutschen Yacht längsseits. Ein guter Platz, wie sich gleich zeigt. Denn wir haben einen von zwei Wasseranschlüssen erwischt. Strom gibt es leider nicht. Die Stromkästen sind alle verschlossen, die Steckdosen sind teilweise herausgerissen. Der Zementsockel der Kästen bröckelt bereits.

Unser Platz an der Mauer

Das Hafenbüro ist verschlossen, Toiletten und Duschen auch. Kein Hafenmeister schaut hier nach dem Rechten oder kassiert gar Geld.

Wir bieten unseren Nachbarn an, unseren Schlauch zu benutzen. Zum Beispiel Eric und Femke aus Holland. Das junge Paar im Alter unserer Kinder ist gerade mit seiner Bavaria „Sunrise“ (www.sailingsunrise.nl) im Mittelmeer unterwegs. Wir kommen ins Gespräch, tauschen Erlebnisse und Erfahrungen aus, und weil wir auf dem Steg nicht damit fertig werden, gehen wir am Abend gemeinsam in der Stadt essen.

Auf den Tisch kommt eine gewaltige Platte mit Gegrilltem und Gebackenem. Auch vegetarische Leckereien sind dabei und obwohl die Kätzchen neben meinem Stuhl ab und an ein Stückchen Fleisch abbekommen, bleibt am Ende noch einiges übrig. Das muss so sein in Griechenland, sonst könnte ja der Eindruck entstehen, die Gäste sind nicht satt geworden.

Nach zwei Litern Wein kommt noch ein Fläschchen Uso auf den Tisch. „Mini“ ist der beliebteste, wissen Eric und Femke. Und so sind wir alle schon ein bisschen beschickert, als wir um halb zwei Uhr nachts den Heimweg antreten. Bezahlt haben wir übrigens für dieses Gelage insgesamt nur 60 Euro! Leider kann ich hier kein Foto von den beiden Holländern präsentieren. Aus irgendeinem Grunde waren alle verwackelt.

Am nächsten Tag verlassen uns Femke und Eric in Richtung Trizonia. Dafür legt sich ein anderes holländisches Schiff mit drei Erwachsenen und vier Kindern (Großeltern, Tochter und Enkelkinder) an ihren Platz. Der Eigner wurde in München geboren, spricht astrein deutsch und lebt (noch) in England. Er hat früher bei der Europäischen Kommission gearbeitet und wird Dank Brexit demnächst wahrscheinlich nach Holland zurückkehren, weil er eine Doppelbesteuerung seiner Rente befürchtet.

Inzwischen hat sich das Wetter verschlechtert. Es gibt mal wieder Sturm aus West, aber wir liegen sicher vertäut an unserem Platz am Wasserhahn. Liegen tut auch der Käptn im wahrsten Sinne des Wortes, denn er hat sich eine Darminfektion eingehandelt und nimmt nur noch Salzstangen, Cola, geriebenen Apfel und Yomogi-Kapseln zu sich.

Auch als am Freitag auf dem großen Parkplatz gegenüber ein Konzert stattfindet, zieht er sich wegen Bauchkneifen bald in seine Koje zurück. So genieße ich allein die Lasershow mit griechischem Popp.

Konzert mit Lasershow

Am Montag haben sich Wind und Bauchkneifen gelegt. Jetzt können wir endlich mit dem Bus nach Delphi fahren!

Der Ort mit dem berühmten Orakel ist nur 19 Kilometer entfernt. Die Busfahrt kostet hin- und zurück pro Person vier Euro und ist schon ein Genuss. Erstens ist der Bus klimatisiert und zweitens blicken wir von unseren Sitzplätzen ganz vorne in eine Wahnsinnslandschaft. Zuerst geht die Fahrt durch Olivenhaine, so weit das Auge reicht. Dann schraubt sich der Bus die Berge hoch und wir schauen zwischen gewaltigen Gebirgen in eine riesige Schlucht. Dann erreichen wir die Ausgrabungsstätte an den knapp 2500 m hohen Hängen des Parnassos.

Blick auf die Schlucht, die Olivenhaine, Itea und das Meer

Um Delphi besser zu verstehen, bedarf es zunächst eines kleinen Ausflugs in die komplizierte griechische Götterwelt!

Hauptwohnsitz der 12 Götter ist der Olymp.

Gefürchteter Obergott ist Zeus, Blitzeschleuderer, Wolkensammler und chronischer Fremdgänger.

Frau Zeus heißt mit Vornamen Hera, wunderschön und sehr eifersüchtig! Wozu sie auch allen Grund hat, wenn man sich das Liebesleben ihres Gatten anschaut. Beispiel: Die schöne, sterbliche Leto. Sie schenkt ihrem Göttergatten gleich Zwillinge!

Zwilling Nummer 1 heißt Artemis und wird Göttin der Jagd.

Zwilling Nummer 2 heißt Appolon und wird Gott der Sonne, der Sehergabe und der Musik. Eines Tages kommt er in Gestalt eines Delphins übers Meer hierher zum Zentrum der Welt! Vater Zeus hatte einst  zwei goldene Adler in zwei verschiedene Richtungen fliegen lassen und dort, wo sich ihre Wege wieder trafen, einen Stein vom Himmel herabgeschleudert. Hier, wo dieser Nabelstein herunterplumpste, entstand der Orakelort Delphi.

Wie hier auf dem Foto vor dem Schatz der Athener standen im Heiligtum Delphi mehrere Kopien von heiligen Nabelsteinen („omphalos“). Der echte omphalos kann im Museum bewundert werden.

Zunächst tötet Appolon den Drachen Python (Namensgeber der Riesenschlange), der am Parnassos die orakelnde Erdgöttin Gaia bewacht. Nun ist Appolon Chef im Heiligtum Delphi.

Grabbeigabe mit Appolo

Zweitwichtigster Vertreter im Heiligtum ist Appolons Halbbruder Dionysos. Er ist der Sohn des Zeus und der Prinzessin Semele. Sein Job: Wein, Weib und Gesang. Wenn es stimmt, was ich gelesen habe, dann hat Appolon den Sohn von Dionysos getötet, denn das war Python. Und er hat die Mutter dieses Sohnes entmachtet, denn das war Gaia. Aber immerhin hat Dionysos, der in der Götterwelt in der unteren Liga spielt, seinen Platz in Delphi behalten!

Was aber ist der JOB der Götter?

Ich glaube, sie müssen den „unwissenden“ Menschen hier unten sagen, was Gut und Böse ist und ihnen „Lebenshilfe“ leisten. Doch nicht jeder Mensch versteht die Sprache der Götter!

Dazu braucht man „Vermittler“, auch „Propheten“ genannt.

Im Gegensatz zu manch anderer Religion hatten die griechischen Götter keine Probleme mit Frauen. Und so beugte sich mitten im Appolotempel die ältliche Jungfrau Pythia über eine Erdspalte, aus der berauschende Dämpfe quollen. Danach konnte sie nur noch lallen, doch die Priester im Heiligtum verstanden die Botschaft der Götter und gaben sie an die Hilfe suchenden Feldherren, ausländischen Herrscher und griechischen Städte weiter, die dann das Beste draus machten, wie z.B. die Athener, die die 490 v. Chr. die Perser in der Schlacht von Marathon besiegen konnten.

Im Apollotempel befanden sich der Nabelstein, das Grab des Python und das Orakel

Überall entstanden Monumente und Schatzhäuser, die aus Dankbarkeit für die Hilfe des Orakels gespendet und errichtet wurden.

Doch weder das Trojanische Bronzepferd, dass die Stadt Argos nach dem Sieg über Sparta spendete noch die 39 Bronzestatuen, die die Spartaner nach der erfolgreichen Seeschlacht gegen die Athener hier aufstellten, haben die Jahrtausende überlebt. Einzig der Wagenlenker (480-460 v. Chr.) verdankt seine Erhaltung einer Naturkatastrophe.

Bei dem Erdbeben 373 v. Chr. wurde er verschüttet und entging der Verarbeitung bzw. Plünderung, nachdem Delphi immer mehr an Bedeutung verlor und das Römische Reich an Wichtigkeit zunahm.

Das Prunkstück des Museums wurde 1896 bei der großen Ausgrabung entdeckt. Der Bronzejüngling war der Lenker einer Quadriga mit vier Pferden und fährt jetzt als Gewinner des Rennens mit dem Siegerband um den Kopf am jubelnden Publikum vorbei.

Ein Meisterwerk bis ins Detail: Feine Bronzewimpern und bernsteinfarbene Augen aus Stein

Nachdem wir die Funde im Museum bestaunt haben, steigen wir höher und höher die Hänge mit den Ausgrabungsstätten hinauf bis zum Stadion.

Modell: Delphi während seiner Blütezeit

Amphitheater mit atemberaubendem Blick auf das Tal des Flusses Pleistos. Hier wurden während der Pythischen Spiele dramatische und musikalische Wettbewerbe ausgetragen sowie religiöse Feierlichkeiten abgehalten.

Auch wenn es nur noch Reste der einstigen Pracht sind: Die Bedeutung dieses Ortes in Verbindung mit der umgebenden Landschaft sind das Beeindruckendste, was wir bisher in Griechenland gesehen haben.

 

 

 

 

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