10.07.2017 Mein Gott Walter!

Gestern sind wir nach drei Tagen aus dem „Nirvana“ in die Marina Cleopatra zurückgekehrt und haben wieder Internet. Die Schlagzeilen über den G 20 Gipfel in Hamburg trafen uns wie ein Paukenschlag. Besonders im Schanzenviertel wütete der Wahnsinn, während Putin und Trump in der Elbphilharmonie dinierten und schönen Klängen lauschten.

Unsere erste Sorge galt unserer Hamburger Familie. Sie lebt in Altona, nicht weit weg vom Schanzenviertel. Schon bevor wir nach „Nirvana“ ablegten, bekamen wir per SMS aktuelle Lageberichte. Pausenlos kreisende Hubschrauber, Tatütata ohne Ende und martialische Polizeikontrollen nervten von früh bis spät. „Wie im Krieg!“ schrieb meine Tochter per SMS.

Am Freitag verzog sich die Familie in die Lüneburger Heide. Gestern kehrte sie zurück und fand die Stadt in einem desolaten Zustand. Überall Menschen mit Besen und Schaufeln, die gemeinsam aufräumten. Und alle sind sauer auf unseren Bürgermeister Scholz. Jetzt, wo die Bürger wieder ihre Ruhe haben, wird er schlaflose Nächte haben.

Im „Nirvana“ haben wir jedenfalls nichts von den Tumulten rund um den G 20 Gipfel mitbekommen. Dort, im Ambrakischen Golf, der in Preveza tief ins Land einschneidet und sich auf 500 Quadratkilometer Wasserfläche ausbreitet, gab es nichts als den grellen Ruf der Seeschwalben und das rhythmische Zirpen von Millionen Zikaden in den Zypressen und Kiefern an seinen Ufern.

Die Flüsse Louros und Arachtos speisen den Golf mit Süßwasser, das von einer Schicht leichteren Salzwassers aus dem Ionischen Meer überlagert wird. Wasser, das dunkelgrün und undurchdringlich ist. Voller Fische, die somit im Verborgenen leben. Karettschildkröten, die ihn auf dem Weg zu den Stränden, an denen sie als Baby aus dem Ei schlüpften und die sie nun wieder zur Eiablage aufsuchen, durchschwimmen. Delfine, deren Rückenflossen bei der Fischjagd in der Ferne aus der glatten Wasseroberfläche auftauchen.

In dieses Gewässer tauchen wir für drei Tage und Nächte ein, um die 38 km von Ost nach West und die 25 km von Süd nach Nord zu erkunden. Vorbei an grünen Hügeln, in denen sich traumhafte Häuschen verstecken.

Traumhäuschen

In zweiter Reihe, meist im Dunst nur schemenhaft zu erkennen, die kahlen, grauen Berge im Hintergrund. An Kaps und Inseln vorbei, von denen nur eine einzige – Koronisia – bewohnt ist.

Die Vouvalos-Inseln sind unbewohnt

In den kleinen Städten Vonitsa und Menidion legen wir nicht an. Wir ankern lieber in stillen Buchten wie Ormos Agh Marko und Ak Koprainis. Während auf dem Bordgrill Fetakäse, Halloumi und Gemüse brutzeln, genießen wir den Sonnenuntergang, der nirgends so dramatisch und glutrot ist wie in Griechenland.

Glühender Himmel über Ak Koprainis

Doch der Frieden täuscht! Hier wurden schon mehrere Schlachten ausgetragen. Keine Straßenschlachten wie in Hamburg, wo der Mob sinnlos zerstörte, klaute und abfackelte! Richtige Seeschlachten fanden hier statt, die Weltgeschichte schrieben!

Als wir am Donnerstag die Cleopatra Marina verlassen, werden wir fast selbst zum Rammsporn für die Schiffe an unserem Steg. Nachdem wir ohne Probleme aus unserer „Parklücke“ zurückgesetzt haben und danach vorwärts zur Hafenausfahrt steuern, drückt uns der starke Strom gnadenlos nach Steuerbord. Nur das beherzte Eingreifen eines Belgiers, der von seinem Schiff hinunter auf das Deck der Anima mea springt und mir beim Abhalten hilft sowie die im Schlauchboot hinzueilenden Marineros verhindern eine „Ramming“. Ich bezahle das missglückte Manöver allerdings mit einem dicken „Pferdekuss“ an der linken Wade.

Wir haben den Schreck noch in den Knochen sitzen, da runden wir schon das erste Kap. Wo heute auf dem Flughafen „Aktion“ sonnen- und segelhungrige Urlauber landen, wartete im Jahre 31 vor Christus Markus Antonius mit seiner Flotte und seiner Geliebten Kleopatra und deren Flotte auf seinen ehemaligen Kumpel und jetzigen Feind Octavian. Dieser herrschte über den westlichen Teil des Römischen Reiches, während Markus Antonius den östlichen Part unter seiner Fuchtel hatte. Nun hatte er seine Frau Octavia, die Schwester von Octavian, verlassen und der schönen Kleopatra große Versprechungen gemacht. Gemeinsam wollten sie Schwager und Exkumpel Octavian sein Reich abnehmen und es dem erhofften Nachwuchs vererben.

Dummerweise warteten sie im Innern des Golfes, der zwar Schutz, aber auch viele Sümpfe und damit reichlich Mücken bot. Und auch damals waren die Sommer in Griechenland sehr heiß. Im Gegensatz zu heute gab es in Preveza weder eine Apotheke noch einen Supermarkt, so dass man nicht viel gegen Seuchen und Hunger ausrichten konnte. Viele Soldaten starben, noch bevor die Schlacht begann. Andere suchten das Weite, um nicht das gleiche Schicksal zu erleiden.

Endlich traf auch Octavian mit seiner Flotte ein. Er ließ sich aber nicht in die Falle locken, errichtete sein Lager auf einem Hügel etwa sechs Kilometer nördlich von Preveza und schlug gemeinsam mit Admiral Marcus Agrippa die Gegner in die Flucht. 5000 Männer allerdings starben in den brennenden Schiffen oder in den Fluten, während Markus Antonius und Kleopatra nach Alexandria mit einem Teil ihrer Flotten flüchten konnten. Octavian jedoch gründete umgehend die Siegesstadt Nikopolis genau an der Stelle, von der aus er seine Befehle erteilte.

Leider gelingt es uns nicht, in der Nähe von Nikopolis oder dem, was davon noch übriggeblieben ist, den Anker zu werfen und mit dem Beiboot an Land zu gehen. Zu stark sind gerade Westwind und Strömung in dieser westlichen Ecke des Golfes. Es muss vorerst reichen, in dieser historischen Gegend auf eigenem Kiel die Fluten zu durchpflügen. Nur mit der Genua segeln wir mit über fünf Knoten zurück zu unserer Lieblingsbucht Ormos Agh Marko, wo Baden, Grillen und süßes Nichtstun auf der To-do-Liste stehen.

Ormos Agh Marko

 

Octavian allerdings gab nicht so schnell auf und verfolgte seine Feinde über Syrien bis nach Alexandria. Markus Antonius und Kleopatra konnten die Schmach der drohenden Niederlage nicht ertragen und brachten sich um. Octavian jedoch läutete als Kaiser Augustus das Ende der Römischen Republik ein.

Am Sonntagmorgen läuten wir das Ende unserer Tour durch den Ambrakischen Golf ein. Der Pferdekuss ist deutlich blasser geworden und damit kein neuer hinzukommt, rufe ich vorsorglich in der Marina an, bevor wir an der Tankstelle anlegen. Wir müssen noch ein paar Runden kreisen, dann dürfen wir kommen. Strom und Wind sind heute besonders stark und die Marineros geben lautstarke Anweisungen, wie wir uns dem Ponton nähern sollen. Dann haben sie große Mühe, unsere Leinen dicht zu holen. Erst, als der eine Marinero unser Schiff mit dem Schlauchboot auf den Ponton drückt, kann der andere die Leinen dichtholen. Als wir nach dem Tanken an unseren Liegeplatz fahren, wird es wieder spannend. Aber alles verläuft ohne Probleme und ohne blaue Flecken.

Im Marinarestaurant werden wir wie alte Bekannte begrüßt und als wir nach dem Essen noch bis zum Ende unseres Stegs wandern, läd uns ein dänisches Paar zu einem Drink an Bord ein. Wir erzählen von unseren ersten Segelabenteuern in Dänemark und sind uns sofort einig: Dänemark ist wunderschön, aber……. das Wetter!

Mit dieser Bemerkung enden übrigens alle Gespräche über das „Heimatrevier“, egal, ob man sich mit Franzosen, Engländern oder Dänen unterhält.

Für Hamburgs Oberbürgermeister Scholz ist das Wetter zurzeit wohl das kleinste Problem. Ob Sonne oder Regen: Im Rathaus herrscht bestimmt dicke Luft!

Übrigens: Herr Scholz heißt mit Vornamen Olaf, nicht Walter.

 

  1. Wenn man so auf Reisen ist, von der großen Weltpolitik abgeschnitten, ohne Kontakt zu den Massenmedien und auf seine eigenen Interessen des Entdeckens fokussiert ist, dann merkt man erst einmal wie wenig man von den Egomanenspielchen der Weltpolitiker tatsächlich beeinflusst wird. Es sei denn, man wohnt zufälligerweise in der Nähe des Tagungsortes.

  2. Auf jeden Fall ist es erkquiklicher auf den Spuren von Kaiser Augustus zu wandeln und am Ankerplatz seine Seele baumeln zu lassen. Da würden wir jetzt gerne mit euch tauschen.😉
    LG WoMolix

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