19.06.2017 The big jump

Es ist Montag, der 12. Juni. Unser letzter Abend auf Sizilien steht bevor. Alles ist für die Abreise vorbereitet und wir wollen uns einen schönen Abend an Bord machen.

Das sizilianische Reisbällchen enthält ziemlich viel Reis und wenig Fleisch. Umgekehrt wäre es dem Käptn lieber! Das gefüllte Brötchen legt er für morgen zurück. Auch vom Pizzabrot packe ich die Hälfte in Klarsichtfolie. Aber die Caponata ist köstlich! Da bleibt nichts übrig.

Caponata

Wir verpicheln noch eine Flasche Wein und werden langsam bettschwer. Heute ist Montag. Also keine Disco, denn wer arbeiten muss, kann ja wohl nicht bis in die Puppen tanzen. Denken wir.

Um 22:00 Uhr wird die Stereoanlage in der Hafendisco gleich nebenan hochgefahren. In der anderen Disco ist man nicht zimperlich und dreht ebenfalls die Lautstärke hoch. Der Käptn schüttelt nur mit dem Kopf, geht ins Bett und kindlt sich in den Schlaf. Ich stopfe mir Ohropax in die Gehörgänge.

Wenn wir von einem schönen Ort Abschied nehmen müssen und nicht wissen, ob wir jemals zurückkehren werden, ist das oft mit Wehmut verbunden. Ganz stark war dieses Gefühl z.B., als die Äolischen Inseln in unserem Kielwasser verschwanden.

Jetzt ist es genau andersherum. Wir können es kaum erwarten, nach Crotone an der Sohle des italienischen Stiefels aufzubrechen. Schuld daran sind vor allem die lauten Nächte in Catanias Hafen. Ich frage mich, was z.B. Eltern mit kleinen Kindern an Bord machen, wenn diese vor lauter Lärm nicht einschlafen können und nächtelang heulen.

Als ich morgens ins Hafenbüro gehe und bezahlen möchte, schreibt der Marinero-Chef in kleinen Zahlen den Betrag von 160 Euro auf ein Zettelchen und schiebt es mir herüber. Ich werfe aber kaum einen Blick darauf, ziehe meine vorbereiteten 150 Euro aus dem Brustbeutel und lege sie auf den Tisch. Der Marinero schaut auf die Scheine, dann zu mir, dann auf das Zettelchen. Oh je, da fehlen ja noch 10 Euro! Was hab´ ich mir denn dabei gedacht?

Der Marinero sieht meinen erschrockenen Gesichtsausdruck und auch, dass der Brustbeutel leer ist. Lächelnd winkt er ab. Geschenkt! Oder Schmerzensgeld für meine traktierten Ohren? Jedenfalls kann ich gehen. – Grazie mille!

Um 8:30 Uhr startet der Käptn den Motor. Um 9:00 Uhr liegt Catanias großer Hafen hinter uns. Das Meer ist ruhig, die Sonne scheint und ein leichter Wind säuselt mit zwei Bft aus Nordost. Vor uns liegen etwa 150 Seemeilen. Das bedeutet, dass wir den ganzen Tag, die kommende Nacht und auch noch morgen bis in den frühen Nachmittag unterwegs sein werden.

Wir frühstücken auf See und hoffen auf etwas mehr Wind. Gegen Mittag schauen braune Rückenflossen aus dem glatten Wasser. Fünf Delfine haben sich in zwei Gruppen aufgeteilt und jagen ihr Mittagessen. Für uns haben sie gerade keine Zeit.

Etwas später tauchen erneut Delfine auf. Sie lassen sich nur kurz blicken, dann verschwinden sie im endlosen Blau. Ein Erinnerungsfoto ist mir nicht vergönnt. Aber das gute Gefühl: Wenn uns diese Freunde der Menschen begegnen, wird es ein guter Tag.

Am Nachmittag wird der Wind stärker. Wir ziehen das Großsegel hoch, machen den Motor aus und laufen bei vier, teilweise fünf Bft platt vor dem Laken. So schaffen wir elf Seemeilen unter Segeln. Dann müssen wir wieder motoren, doch das Groß bleibt gesetzt.

Um 19:00 Uhr erreichen wir das italienische Festland. Wir sind jetzt wieder in Kalabrien, dort, wo bei einem rechten Fuß der dicke Zeh im Stiefel stecken müsste.

 

Um 19:25 Uhr lebt der Wind wieder auf. Wir rollen die Genua aus und schaukeln als „Schmetterling“ unserem Ziel entgegen. Ein anstrengender Kurs, weil der Steuermann höllisch aufpassen muss, dass das Groß nicht auf die andere Seite kommt. Das tut es dann gerne mit einem Schlag, der auch großen Schaden anrichten kann. Deshalb wird es mit einer Leine – einem sogenannten Bullenstander – an Deck festgesetzt.

Schmetterlingssegel

Nach genau 6,6 Seemeilen geht dem Wind wieder mal die Puste aus. Das eiserne Segel wird gestartet, die Genua eingerollt. Das Groß bleibt zur Stabilisierung stehen.

Inzwischen ist es dunkel geworden. Die Luft hat sich angenehm abgekühlt und an Land glitzern die Lichter der Ortschaften. Brauchbare Häfen gibt es an diesem Küstenstreifen kaum. Einer der wenigen Häfen ist Roccella Ionica. Von hier hatten wir in Catania von unseren Schweizer „Crewmates“ Cornel und Evelyn von der WOKINI eine E-Mail erhalten. Ob sie dort drüben wohl gerade in ihrer Koje schlummern?

Keiner von uns will schlafen gehen. Wir schauen in den Himmel zu den Sternen. Immer mehr kommen zum Vorschein, bis das Firmament schließlich wie ein riesiger Diamant glitzert.

Auch auf dem Wasser erscheinen Lichtpunkte in der Ferne. Es sind Fischerboote. Man darf ihnen und ihren Netzen nicht zu nahekommen. Deshalb machen wir unser Radar an. So sehen wir besser, wohin sie sich bewegen.

Aber wo bleibt denn der Mond? Immer wieder suchen wir den Horizont nach ihm ab, bis dort plötzlich eine kleine, rote Kugel aus dem Wasser steigt. Immer höher schraubt sie sich, baumelt wie eine eingeditschte Martinslaterne über dem tiefschwarzen Meer. Nur auf einer Nachtfahrt kann man dieses Naturschauspiel erleben!

Ich hole den Fotoapparat und versuche, die rote Kugel „einzufangen“, doch die Schaukelbewegung des Bootes verpasst dem Erdtrabanten eine rote Bremsspur.

Der Mond ist aufgegangen

Um 22:40 Uhr – der Mond steht als eingeditschter Silberball zwischen den funkelnden Sternen -schnauft es neben der Anima mea. Ein Delfin taucht auf und macht ein paar Sprünge um uns herum. Will er mich vielleicht warnen?

Kurz darauf, ich sitze an der Pinne, sehe ich an Backbord einen dunklen Schatten auf mich zurasen. Er macht Geräusche wie ein Flatterband im Sturm und knallt an die Bordwand. Abwehrend schlage ich nach dem unheimlichen Ding, als mich seidiger Stoff an der Wange streift.

Es entpuppt sich als schwarzes Fischerfähnchen, natürlich unbeleuchtet und gut getarnt in der Dunkelheit. Tausende von diesen Dingern haben wir schon umschifft, diesmal sind wir tatsächlich mit einem zusammengestoßen. Gefährlich, wenn unten dran ein Netz hängt!

Ich brauche einige Zeit, um mich von dem Schreck zu erholen. Die Bemerkung des Käptns: „Hoffentlich ist nichts in die Schraube gekommen!“ lässt den Blutdruck noch eine Weile oben. Doch die Welle arbeitet unverdrossen weiter und der Propeller dreht wie gewohnt.

Kurz vor dem Golfo di Squillace tankt der Käptn zur Sicherheit einen Zehn-Liter-Kanister Diesel nach. Falls es weiter so ruhig bleibt und wir nicht segeln können. Das Großsegel baumelt windlos hin und her und wird geborgen.

„Einer von uns muss jetzt ein bisschen schlafen. Wenn wir irgendwann beide müde sind, wird es anstrengend,“ meine ich. Schließlich ist der Käptn bereit, ein Nickerchen zu halten, während ich bis zum Golfo weiterfahre. Es bleibt alles ruhig, obwohl ich glaube, dass an der Punta Stilo, wo der Golfo beginnt, etwas mehr Bewegung ins Wasser kommt.

Nun werde ich abgelöst und lege mich auf die Salonkoje. Das monotone Motorengeräusch wiegt mich schnell in den Schlaf.

Plötzlich erwache ich, weil ich auf der Koje abhebe. Der Käptn ruft, dass wir hohe Wellen haben und die Segel setzen müssen. In dieser aufgequirlten See ist das gar nicht so einfach und wir hoffen, unser starker Volvo wird es auch so schaffen. Doch der Wind nimmt zu und die Wellen werden immer ruppiger. Jetzt weiß ich auch, warum der Käptn bisher so zögerlich mit dem Segelsetzen war! Das Großfall hat sich hinter zwei Maststufen verhakt und kann nicht aus dem Cockpit heraus hochgezogen werden. Dazu muss Heinz zum Mast turnen. Ich muss jetzt die Wellen so geschickt aussteuern, dass er einhändig (die andere Hand braucht er ja zum Festhalten) das Fall klarieren kann. Der erste Versuch scheitert und er kehrt unverrichteter Dinge zurück. Doch der „Leidensdruck“ Motor gegen Wind und Welle wird so groß, dass er einen neuen Anlauf nimmt.

Jetzt klappt es. Das Fall ist frei und kann gehisst werden. Das Großsegel steht! Gleich zieht das Boot besser durch die Wellen, die mit Macht von Backbord heranrollen, sich teilweise an der Bordwand oder am Bug brechen und uns hin und wieder mit warmem Salzwasser duschen.

Nun fehlt noch die Genua und wir könnten hoch am Wind Marina di Capo Rizzuto anlegen. Doch leider wehrt sich das Fockfall dagegen. Die Genua kann nicht ausgerollt werden.

Trotzdem „reiten“ wir unverdrossen unserem neuen Ziel entgegen. Unser Volvo, die Anima mea und ihr Großsegel erweisen sich als gutes Team und bringen uns sicher bis vor den kleinen Hafen am anderen Ende des Golfo di Squillace, der laut Rod Heikell seinen Namen zu Recht trägt, weil „hier der Wind oft sehr stark ist, wodurch sich eine kurze, ungemütliche See aufbaut“ und weiter „Im Golfo di Squillace wehen nachts von Land her oft starke thermische Winde, die sich nicht ankündigen und Bft 6 erreichen können.“

Vor der Marina, die kein VHF-Rufzeichen hat, hole ich das Handy heraus. Im Küstenhandbuch Italien stehen zwei Telefonnummern. Bei der ersten heißt es: „Telefonnummer existiert nicht“, bei der zweiten geht keiner ran.

Wir trauen uns nicht, ohne Rückmeldung in den Hafen mit der flachen Einfahrt, die eventuell versandet ist, einzulaufen. Das Wasser hat sich inzwischen auch deutlich beruhigt und so setzen wir unseren Weg um Capo Rizzuto nach Crotone am Golfo di Taranto fort.

Am 14. Juni um 14:50 Uhr machen wir im Yachting Kroton Club fest. Kurz darauf die Überraschung: Evelyne von der Wokini steht lachend auf dem Steg und begrüßt uns. Die Schweizer sind gestern hier angekommen.

Am nächsten Abend feiern wir Wiedersehen auf der Anima mea. Seit Lido di Ostia haben wir uns nicht mehr gesehen. Es gibt Spaghetti mit Tomatensoße aus den Cherrytomaten. Sie haben in der Kühlbox gut überlebt und schmecken unerwartet gut. Den Salat kann ich allerdings nur in der Mülltonne entsorgen. Er bietet den Bakterien, die sich inzwischen fröhlich darin entwickelt haben, ein Festmal.

Die Tomatensoße würze ich mit Blättern meiner treuen Basilikumpflanze, die schon seit Wochen wächst und gedeiht. Inzwischen blüht sie mit der Chilli aus Salina um die Wette.

Unser Gärtchen. Die Motoryacht auf der Reling ist nicht unser Beiboot!

Der Wetterbericht meldet für das Wochenende Sturm aus Nord. Wer muss, macht sich jetzt schnell auf die Weiterreise. Andere Yachten suchen dagegen Schutz in Crotone.

Nach einem kräftigen Schauer kurz nach Mitternacht setzt am Sonntag der Sturm ein. Es bläst mit bis zu sieben Windstärken und das Meer schaukelt sich schäumend auf.

Aber hier gibt es einen sicheren, preiswerten (30 Euro) Liegeplatz, gute Einkaufsmöglichkeiten, nette Leute (Cornel u. Evelyne von der Wokini, Klaus u. Moni von der SY Toscadeau) und KEINE HAFENDISCO!

 

 

 

 

 

  1. Und ich dachte schon Ihr hättet die letzten 25 Mille des Lottojackpots in ein neues Schiff investiert 🙂
    Aber wetten die haben keinen Bordgarten…
    Lieber Gruss, Jürgen

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