17.06.2017 Jungfräuliche Tränen und „Hölle, Hölle, Hölle“

Nach unserer unfreiwilligen Teilnahme an der Hafendisco können wir am Sonntag, dem 11. Juni, ausschlafen und in Ruhe frühstücken. Dann wandern wir an der „Raserstrecke“ entlang zum Bahnhof von Catania. Stadtauswärts ist kaum Verkehr, auf der Spur stadteinwärts drängeln sich aber schon die Autos.

Nach zehn Minuten sind wir am Bahnhof. Dort kaufen wir zwei „Bigliettos“ für die Fahrt nach Syrakus und zwei für die Rückfahrt nach Catania. Bahnfahren ist in Italien relativ teuer. Während wir für die Busfahrt zum Ätna hin und zurück 6,60 Euro bezahlt hatten, kostet jetzt die einfache Bahnfahrt 6,90 Euro. Dafür macht das Reisen in italienischen Zügen aber auch wirklich Spaß. Sie sind komfortabel ausgestattet, gepflegt und sehr leise.

Auf dem Bahnsteig entwerten wir unsere Rückfahrkarten, sonst sind sie ungültig, wenn wir im Zug vom Schaffner überprüft werden. Schließlich wollen wir nicht noch ein drittesmal als (unfreiwillige) Schwarzfahrer zur Kasse gebeten werden.

Wir stehen auf dem Bahnsteig und warten auf den Zug. Genau wie Lo Presti und seine Frau Marisa es irgendwann in den fünfziger Jahren taten. Lo Presti hatte noch ein fünfig-Gramm-Päckchen Watte in die Handtasche seiner Frau gesteckt, denn die beiden wollten nicht wie wir zur Besichtigung der antiken Ausgrabungen und zum Stadtbummel nach Syrakus. Als gläubige Katholiken war ihr Ziel einzig und allein das Standbild der Madonnenfigur auf der Piazza Euripide.

Ursprünglich stand diese bemalte Gipsfigur im Schlafzimmer eines jungen Ehepaares. Tante Grazia hatte es für ein paar Lire in einem Töpferladen gekauft und dem Paar zur Hochzeit geschenkt. Nun war die zwanzigjährige Antonina Giusto seit ein paar Monaten schwanger. Kein Zuckerlecken für die junge Frau, die seitdem an Sehstörungen und nervösen Krämpfen litt.

Am 29. August des Jahres 1953 nahmen diese Beschwerden so schreckliche Ausmaße an, dass die Tante und die Schwägerin der jungen Frau an ihrem Bett alle Heiligen um Hilfe anflehten. Plötzlich wurde die Kranke ganz ruhig, deutete auf die Marienstatue und sagte: „Die Madonna weint!“

Leider nur auf Italienisch: Die Erklärung zur weinenden Madonna

Tatsächlich! Auch die beiden Frauen sahen die Tränen und waren derartig aus dem Häuschen, dass sie es auf der Straße jedem erzählten, der vorbeikam. Wer die komunikationsfreudigen Italiener kennt, weiß: Die Nachricht verbreitete sich wie ein Buschfeuer im sommerlichen Australien! Und natürlich stürmten die Neugierigen auch das Schlafzimmer der Eheleute Giusto, um sich von dem Wunder zu überzeugen.

So konnte das nicht weitergehen, zumal jetzt auch noch weitere Wunder geschahen. Die Tränen wirkten nämlich wie Medizin, heilten Blinde, Lahme und Taube, was schließlich dazu führte, dass die Madonna auf der Piazza Euripide auf einer Säule aufgestellt wurde.

Noch haben wir von alledem keine Ahnung. Wir denken nur an die alten Trümmer dieses wirtschaftlich-politischen als auch wissenschaftlich-kulturellen Zentrums des antiken Sizilien.

In Syrakus angekommen, ist daher auch unser erstes Ziel der Parco Archeologico della Neapoli am Rande der Neustadt. Hier gibt es ein römisches Amphitheater, einen 198 m langen und 23 m breiten Opferaltar aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. und ein griechisches Theater zu bestaunen. Leider wird im Theatro Greco gerade die Aufführung einer antiken Tragödie vorbereitet. Ein Großteil der Steinstufen ist mit Holz verkleidet. So können die chicken Kleider der Besucher keinen Schaden nehmen, was dem Gesamteindruck der Anlage jedoch nicht zuträglich ist.

Anders beim Ohr des Dionysos. Diese 65 m lange und 23 m hohe künstliche Grotte entstand in der Antike durch Steinbrucharbeiten und diente später als Gefängnis. Alle Kinder, die gerade diesen Raum betreten, testen sofort die außergewöhnliche Akkustik, indem sie gespenstische Töne produzieren. Die früheren Gefangenen, die kaum eine Chance hatten, bei ihren Gesprächen unbelauscht zu bleiben, fanden das bestimmt nicht so witzig!

Ein Ohr, das alles hört!

Es ist heute wahnsinnig heiß und das gleißende Licht über dem hellen Kalkstein schmerzt in den Augen. Wir beeilen uns daher bei unserem Rundgang durch die Ausgrabungsstätte, trinken im Schatten eines Gummibaumes eine erfrischende Zitronengranita und wandern dann zurück in Richtung Altstadt.

„Da ist ja wieder dieser moderne Turm, den wir schon bei unserer Einfahrt in den Bahnhof gesehen haben!“ meint der Käptn. Dieser komische Turm entpuppt sich als Kirchturm des Santuario della Madonna delle Lacrime (Heiligtum der heiligen Jungfrau der Tränen).

Santuario della Madonna delle Lacrime

Nachdem nämlich auch die Kirche auf den anschwellenden Pilgerstrom reagieren musste, wurde zunächst ein Expertenteam aus Ärzten und Ingenieuren beauftragt, die Echtheit der jungfräulichen Tränen zu untersuchen. Ergebnis: Die Flüssigkeit hat die gleiche Zusammensetzung wie menschliche Tränen. Es ist ein reales Phänomen.

Ein passender Rahmen für die wundertätige Madonna sollte bei einem Architektenwettbewerb gefunden werden. Michel Andrault und Pierre Parat gewinnen 1957 mit ihrem Entwurf. 1966 beginnt man mit dem Bau einer Krypta für die Madonnenfigur, 1994 steht das moderne Gotteshaus aus Spannbeton, das 11 000 Besuchern auf 4 000 Quadratmetern Platz bietet.

Der Innenraum

Das Lied „Maria breit´den Mantel aus,“ kommt mir in den Sinn, als ich in dem fast leeren, aufstrebenden Kegel stehe und nach oben in den Lichtpunkt schaue. Trotz der vielen Grautöne wirkt der gewaltige Raum nicht kalt und abweisend. Dafür sorgt das Licht, das durch die Durchlässe in den Betonstreben und die schönen Buntglasfenster fällt. Selten habe ich auch die magische Ausstrahlung des Kreuzes und dem kleinen Marienbild darunter so wahrgenommen wie hier in dieser schlichten Umgebung.

Die Kühle und die Stille des Raumes haben erholsame Wirkung ausgeübt. Gestärkt suchen wir den Weg in die Altstadt, die auf der Insel Ortigia liegt. Seit über 2500 Jahren mit dem Festland durch eine Brücke verbunden kann man dort durch die schönen Gassen kreuz und quer herumwandern, die alten Paläste, die Reste des Apollotempels, den barocken Duomo und die Abteikirche Santa Lucia alla Badia bewundern. Das  italienische Lied „Santa Lucia“ werden sicher viele kennen. In Schweden wird es am 13. Dezember am Luciatag gesungen. Mit dem Luciabrauch – die älteste Tochter der Familie backt das Luciabrot und serviert im Luciakostüm das Frühstück ans Bett der Familienmitglieder – wird dieser Prinzessin aus Syrakus gedacht. Mit ihrer Lichterkrone auf dem Kopf schlich sie sich in die dunklen Katakomben und versorgte die verfolgten Christen mit Essen. Dafür starb sie den Märtyrertod, lebt aber bis heute weiter in den glockenhellen Klängen der Luciasängerinnen, die jedes  Jahr auch im Hamburger Michel auftreten.

Altar der Heiligen Lucia

Der Domplatz

Auch auf der Uferpromenade, die sich außen um die Altstadt zieht, lässt sich prima lustwandeln. Da faszinieren der einmalige Grünton des Wassers, die sprudelnde Quelle der Nymphe Arethusa zwischen Papyrus und Goldfischen und das Badeleben in der Bucht Porto Grande.

Einmaliges Grün

Die Arethusa-Quelle

Badespaß

Hier würden wir gerne noch mehr Zeit verbringen, aber um 18:25 Uhr müssen wir den letzten Zug nach Catania erreichen. Im Gegensatz zu Marisa Presti haben wir kein tränengetränktes Wattebäuschchen in der Handtasche. Es war ihr nämlich gelungen, eine Träne mit dem Wattebausch aufzufangen. Sie hatte ihn dann sorgfältig in der Tasche verstaut und wunderte sich, dass diese während der Fahrt immer schwerer wurde. Als sie sie in Catania öffnete, war die ganze Handtasche einschließlich der Wattepackung ihres Mannes überflutet. Da konnte sicher vielen Kranken geholfen werden!

Als wir dort die „Raserstrecke“ vom Bahnhof zurücklaufen, links abbiegen und unter den Arkaden der Eisenbahnlinie hindurch ins Hafenviertel marschieren, wummert uns schon wieder laute Discomusik entgegen. In der Bar vor dem Fährterminal der Maltafähre präsentieren braungebrannte, knackige Modells die neueste Bademode, aber vor allem ihre Rundungen. 80 Prozent des Publikums sind männlich, wovon 79 Prozent Erinnerungsfotos mit dem Smartphone schießen. Blöde Sprüche oder plumpe Anmache kann ich jedoch nicht erkennen, obwohl alles sehr „hautnah“ abläuft. Erstaunlich, wie dicht tiefe Gläubigkeit und „sündige“ Freizügigkeit beieinander liegen.

Ab zehn Uhr tobt dann wieder das echte „Sodom und Gomorra„. So nenne ich die Musikveranstaltungen im Freien, die sich zu einem stampfenden Techno-Höllenlärm aufschaukeln. Irgendwann knallt und zischt es dann noch, denn ohne Feuerwerk geht gar nichts! So laut, dass das Ohropax im Gehörgang bebt.

 

  1. Herrlich – eure Berichte… Wir waren jetzt einige Zeit offline, und so habe ich heute „zurückgelesen“. Vielen Dank fürs mitnehmen – allein das Lesen ist schon fast wie mitreisen. Ich komme mir dann vor wie eine kleine Schiffsmaus in der Kombüse 🙂

    LG vom WoMolix

    • Hallo, schön, dass ihr wieder dabei seid! Also: Eine Schiffsmaus oder auch zwei, das geht ja gerade noch. Aber bitte nicht zur Ratte mutieren! Dann ziehe ich (Christine) aus und es gibt nichts mehr zu lesen!!!
      Liebe Grüße aus Crotone/Italien

      • Nein, wir sind ganz süße Mäuschen 😉, leben von Krümeln, die vom Tisch fallen und tun niemand was! Und amüsieren kann man sich auch über uns, denn wir sind Schlaumäuse, die sich nicht so leicht fangen lassen. 😉
        LG WoMolix

      • Na gut, ihr Schlaumäuse, ich fang gleich mit dem nächsten Text an. Es stürmt gerade so schön, da hab ich hier im sicheren Hafen Zeit dazu.
        Schönen Sonntag noch!

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