16.05.2017 -The big bang

Bis zum 23. August des Jahres 79 n. Chr. ist in Pompeji und Herculaneum die Welt noch in Ordnung. Die 5000 Einwohner der kleinen Hafenstadt Herculaneum und der doppelt so großen Handelsstadt Pompeji gehen ihren alltäglichen Beschäftigungen nach.

In Herculaneum überwiegt der Fischfang, doch wie in der Nachbarstadt gibt es auch hier Handwerker und Kaufleute. In den Bäckereien drehen die Sklaven und Esel die Mühlen aus Lavagestein. Wer will, kann hier Mehl kaufen oder sich ein frisches Brot mitnehmen. Bis heute sehen die Öfen der neapolitanischen Pizzabäcker so aus wie damals!

Backofen in Pompeji

Pizzabäcker vor seinem Backofen in Castellammare die Stabia

In den zahlreichen Garküchen werden die Speisen in den Tresen warmgehalten und zum Verkauf angeboten. In den Sportanlagen stählen die Athleten ihre Muskeln, um gleich in der Nähe bei den Schenken und Tavernen ihren Hunger und Durst zu stillen.

Am Tresen einer Garküche (caupona)

Wer andere Gelüste verspürt, geht in die Thermen. Männer und Frauen entspannen sich offiziell getrennt, aber oft genug findet sich ein Weg zu einem Tete a Tete. Dringt gar Wolfsgeheul aus einem der Häuser, ist es eine „Lupae“, die einen Freier auf ihr gemauertes Bett mit der weichen Matratze locken will. Auch wenn er aus fernen Landen kommt, die Bilder an den Wänden helfen dem Freier, seine Wünsche zu erklären.

Wolfsgeheul im Freudenhaus

Jetzt, im heißen August, sitzen die Menschen der Oberschicht im Schatten der Bäume im Innenhof ihrer Luxusvillen. Solche Anwesen erstrecken sich manchmal über tausend Quadratmeter Grundfläche mit säulenumstandenen Gärten und Atrien, in denen Wasserspiele und Statuen das Auge erfreuen. Man lustwandelt auf kunstvollen Mosaikböden und erfreut sich an den farbenfrohen Wandmalereien der diversen Zimmer. Im Garten oder im Haus befindet sich stets ein kleiner Tempel zur Verehrung einer Gottheit.

Die Reste einer Villa mit Vesuvblick

 

Egal, ob reich oder arm: Alle erfreuen sich regelmäßig an „Brot und Spielen“. Gladiatorenkämpfe im Amphitheater und Wagenrennen im Circus halten alle bei Laune und bringen Abwechslung ins Alltagsleben. Einer römischen Matrone jedoch wird ihre Schwäche für einen der Gladiatoren an diesem Sommertag zum Verhängnis!

Schon seit zwei Tagen bebt die Erde am Golf von Neapel. Nichts Ungewöhnliches in dieser Gegend. Doch in der Nacht des 24. August ist es ungewöhnlich stark und versetzt nicht nur die römische Dame in den Armen des Gladiatoren in Angst und Schrecken.

Der achtzehnjährige Gaius Plinius Caecilius Secundus beobachtet schon seit den Mittagsstunden in Misenum die besorgniserregenden Naturerscheinungen. Zunächst ist es eine große Wolke, die sich von den Bergen erhebt. Dann sackt sie ab und breitet sich aus.

Nach dem schweren Beben ergreift der junge Mann mit seiner Familie die Flucht aus der Stadt und sieht, wie sich das Meer zurückzieht. Dann nähert sich eine schwarze Wolke, die von Blitzen durchzuckt wird. Plinius flüchtet sich zurück nach Misenum und überlebt.

Die Dame, der Gladiator und tausende weitere Menschen in Pompeji und Herculaneum sterben. Stundenlang schießt eine Säule aus Bimssteinen und heißen Aschen bis zu 30 Kilometer in die Höhe. Der Tag wird zur Nacht, indem es 12 Stunden lang Asche regnet, die vom Wind nach Pompeji getrieben wird. Unter der 2 1/2 Meter dicken Schicht stürzen dort die Dächer ein. Auch das Dach der Gladiatorenkaserne begräbt die darin lebenden Kämpfer und die verliebte Matrone.



Die Menschen in Herculaneum glauben noch, dass sie von der Katastrophe verschont werden, denn endlich, am frühen Morgen des 25. August, bricht die pinienförmige Eruptionssäule in sich zusammen!

Viele haben sich am Strand versammelt und wollen mit Schiffen fliehen. Doch die starke Thermik erzeugt heftigen Wind und starke Wellen, die an den Strand drängen. Die Schiffe können nicht hinaus aufs Meer.

Als sie angsterfüllt zum VESUV blicken, rast eine Glutwolke aus 800° C heißem Gas und Lavatrümmern die Berghänge hinunter und erreicht ihre Stadt nach wenigen Minuten. Da bleibt nur die Flucht in die Bootshäuser!

Die Bootshäuser von Herculaneum

Dicht gedrängt hocken sie hier zusammen und sterben in der Gluthitze. Dann wird die Stadt von einem Lavastrom verschluckt.

 

In diese „heiße Ecke“ von Italien begeben wir uns am vergangenen Freitag, dem 12. Mai. Seefahrer sind abergläubig. Also gut, dass heute nicht der Dreizehnte ist! Denn immerhin könnte jederzeit ein neuer Ausbruch des Vulkans stattfinden, denn die Schlotöffnung ist schon längere Zeit wieder mit verfestigter Magma verstopft.

Um zehn Uhr legen wir in Procida ab. Der Himmel ist wolkenlos, aber das Festland versinkt im Dunst. Als wir es am Capo Miseno erreichen, hat sich die Sicht weiter verschlechtert. Nur schemenhaft erkennen wir die Küstenlinie und hätte Plinius heute hier gestanden, er hätte den Vesuv nicht beobachten können.

Ursprünglich wollten wir die gesamte Golfküste abfahren, aber als wir Neapel erreichen und kaum etwas von der Stadt erkennen können, verwerfen wir diesen Plan und halten direkten Kurs auf Stabia am Anfang der Halbinsel Sorrento. Nun haben wir wenigstens guten Segelwind und rauschen mit sechs Knoten unserem Ziel entgegen.

Um 14 Uhr laufen wir in der riesigen Marina di Stabia ein. Ein Marinero kommt uns im Vorhafen entgegen und lotst uns zu unserem Liegeplatz. Dann bringt er mich mit seinem Schlauchboot zum Hafenbüro im „Glastower“ an der Einfahrt, denn zu Fuß ist es ganz schön weit dorthin.

Marina di Stabia mit dem Glastower

Mit dem Aufzug geleitet er mich in den ersten Stock des Glaskastens. Cristina empfängt mich freundlich und beginnt mit den Anmeldeformalitäten. Eine weitere Angestellte gesellt sich dazu. Es ist momentan halt nicht viel zu tun in der Marina mit 665 Liegeplätzen, von denen jetzt noch jede Menge frei sind. Doch die Preise sind gesalzen!

65 Euro pro Nacht will mir die junge Dame abknöpfen. Da hilft kein Verhandeln! Einzige Alternative: 1500 Euro für einen Monat Liegezeit. – „Nein danke! Da sind wir hoffentlich schon irgendwo auf Sizilien oder auf Malta“, sage ich.

Schweren Herzens bezahle ich für zwei Nächte, denn wir haben ja noch einiges vor im Golf von Neapel. Von hier ist es nämlich nicht weit zu den Ausgrabungsstätten nach Pompeji und Herculaneum sowie zum Vesuv, die wichtigen Stationen der „Grand Tour“. Dieser Begriff entstand im 18. Jahrhundert mit der wissenschaftlichen Erforschung des feuerspeienden Berges und sogar Goethe erkundete all diese Stätten während seines Aufenthaltes in Neapel im Jahre 1787.

Am Abend grüßt der Vesuv im rosa Abendrot

Die sanitären Anlagen und die bequemen Schwimmstege in der Marina sind ja ganz schön. Aber eine Busverbindung (steht im Rod Heikell Küstenhandbuch Italien) gibt es weder nach Castellammare di Stabia noch sonst wohin. Die junge Dame will mir gerne ein Taxi bestellen, aber ich winke natürlich ab. Gibt s hier eigentlich nur Millionäre?

Auch Einkaufsmöglichkeiten fehlen in der Marina. Aber das Restaurant wird uns wärmstens empfohlen. Gut, dass wir uns auf Procida mit Lebensmitteln eingedeckt hatten!

Der Marinero bringt mich an Bord zurück. Er gesteht mir, dass er sich vertan hat. Unser Liegeplatz ist leider schon vergeben und wir müssen uns verlegen. „Nobody is perfect!“ tröste ich den liebenswürdigen Neapolitaner, dem ein Stein vom Herzen fällt.

Nachdem wir uns ein paar Plätze weiter verlegt haben, erzähle ich dem Käptn von dem Reinfall mit dieser Marina. Es wurmt mich gewaltig, dass wir hier die A…..karte gezogen haben!

Am Nachmittag machen wir uns auf den Weg nach Castellammare di Stabia, denn da gibt es ja auch noch Liegeplätze im Handelshafen.

Wir wollen die Marina auf dem kürzesten Wege durch das Südtor verlassen, doch das ist leider verschlossen. Also wandern wir zum Nordtor. Es liegt ca. 500 m in der „falschen“ Richtung. Anschließend müssen wir ca. 2000 m in die richtige Richtung latschen. Also insgesamt 2500 m, um in die Innenstadt von Castellammare di Stabia mit Einkaufs- und Verkehrsmöglichkeiten zu gelangen. Und das durch schäbigste Wohngebiete an der lärmumtosten, vermüllten Einfallstraße! Zum Teufel mit der teuren „Edelmarina“ im Nirwana!

Nachdem wir uns in Castellammare di Stabia mit einem Eis gestärkt haben, gehen wir zum nächstgelegenen Liegeplatz, dem „Porto Davide“. Im kleinen Hafenbüro sitzt der Ormeggiatori, der die Stege verwaltet. Ich erzähle dem schmächtigen, braungebrannten älteren Herrn von unserer Pleite „da drüben“ und er hat vollstes Verständnis für mich. 50 Euro pro Nacht ist sein Angebot. Dann gibt er mir seine Visitenkarte mit der Telefonnummer.

Auf dem Rückweg steht unser Entschluss fest: Wir werden am Sonntag in den Porto Davide umziehen.

Am Samstag wandern wir die fünf Kilometer „unter Lebensgefahr“ an den verkehrsumtosten Straßen entlang nach Pompeji. Wenn dieser schreckliche Verkehr nicht wäre, wenn die schmalen, maroden Gehwege nicht von Unkraut überwuchert wären und nicht überall Müll die Landschaft, den übel riechenden Fluss Sarno und den Strand versauen würden, wäre das hier ein Paradies.

Strandgut besteht hier überwiegend aus Müll

Die Böden sind sehr fruchtbar und überall gedeihen Gemüse und Blumen auf den Feldern, in Gewächshäusern und Gärten. Im Hintergrund grüßen die grünen Hänge der Halbinsel Sorrent und vor uns erhebt sich wie ein riesiger Wegweiser der 1281 m hohe Vesuv in den azurblauen Himmel.

Ernte auf einem Fenchelfeld: Ein unbeschreiblicher Duft macht Appetit auf mein Lieblingsgemüse

Nach knapp zwei Stunden haben wir den Eingang der Ausgrabungsstätte Pompeji Scavi erreicht. Wir kaufen gleich das Sammelticket zu 22 Euro pro Person. Damit können wir innerhalb von drei Tagen auch Herculaneum besuchen und sparen gegenüber dem jeweiligen Einzelpreis zwei Euro.

Nach dem Frühstück werfen wir am Sonntagmorgen den Motor an. Ich sage telefonisch in Porto Davide Bescheid, dass wir jetzt kommen. Die 1 ½ Seemeilen sind schnell geschafft. Der Ormeggiatori kommt uns mit einem zweiten Mann im Schlauchboot entgegen. Er steigt an Bord und steuert persönlich unsere Anima mea an ihren neuen Liegeplatz. Ein Service, den wir noch nie hatten!

Dann wir das Schiff vertäut, ohne dass wir uns die Finger an der schlammigen Mooringleine dreckig machen müssen. Ein weiterer Helfer zeigt mir die Sanitäreinrichtungen. Sie sind einfach, aber das Duschwasser ist warm und Toilettenpapier ist auch vorhanden. Nicht immer selbstverständlich, trotz hoher Preise! Wie schon vorher in der Edelmarina funktioniert auch hier das WIFI an Bord leider nicht. Aber in Nähe des Hafenbüros reicht es wenigstens zum Download des Wetterberichts.

Unser neuer Liegeplatz hat viel mehr Flair als der sterile Steg in der Marina di Stabia. Wir sind mittendrin im Leben der Menschen dieser lebendigen Kleinstadt. Alles wirkt ursprünglich und gar nicht touristisch. Am Wochenende strömt das Volk in den Hafen und genießt einen Cafe oder einen Cocktail in der Bar. Auf dem kleinen Rummelplatz vergnügen sich die fein herausgeputzten Bambinis. Am Sonntagabend will das fröhliche Geschnatter an Land einfach nicht verstummen. Der Käptn schläft bereits, aber ich sitze noch im Cockpit und studiere unseren sehr empfehlenswerten Reiseführer „Golf von Neapel, Kampanien, Cilento“ von REISE KNOW HOW/Peter Amann (Danke, Ute und Günther!), da beginnt es laut zu knallen und zu leuchten.

Fast denke ich: Jetzt ist es so weit. Das schlafende Ungeheuer ist erwacht!“ Doch nein: Es ist (nur) ein prächtiges Feuerwerk, das da, aus welchem Grund auch immer, direkt vor meinen Augen abgefackelt wird.

Castellammare di Stabia in Flammen!

In Castellammare di Stabia hat die „Circumvesuviana-Linie Napoli-Sorrento“ eine Bahnstation. So können wir am Sonntag bequem und preiswert Herculaneum, das heute Erculaneo heißt, erreichen.

Von Erculaneo – Bahnhof aus fahren wir am Montag mit einem Bus hinauf auf den „Vesuvio“. Im Fahrpreis von 20 Euro ist auch der Eintritt in den Parco Nazionale del Vesuvio eingeschlossen. So können wir nach der Busfahrt durch die blühende Landschaft mit Ginsterbüschen und Robinienbäumen die letzten Höhenmeter zum Kraterrand wandern.

Der Vesuv blüht auf

Zwar ist heute die Fernsicht bescheiden, aber der Blick in den Krater, aus dem vor 2068 Jahren heiße Asche und die glühende Lava schossen, um Pompeji und Herculaneum zu vernichten, ist faszinierend. Ganz friedlich sieht es aus, das schlafende Ungeheuer, ständig überwacht von seismologischen Instrumenten des Osservatorio Vesuviano. Aber an einer Stelle des steilen Kraterrands steigt eine Rauchfahne in die Höhe. Das Ungeheuer lebt! Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es sich wieder auf die Menschen zu seinen Füßen stürzen wird.

Rauchzeichen

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