16.04.2017 Tivoli

So hieß ein Kinopalast in meinem Heimatort. Als Kind war es für mich in den Fünfziger-Jahren die Spitze des Vergnügens, am Sonntag ins Tivoli zu gehen. Danach beglückten mich meine Eltern mit einer Tüte Pommes mit Senf von der Frittenbude gegenüber, die mir Kraft für den kilometerlangen Heimweg spendete.

Als ich selbst Kinder hatte, führte ich sie während eines Sommerurlaubs ins Kopenhagener Tivoli. In diesem großen Vergnügungspark wanderten wir auf verschlungenen, von Lampions erleuchteten Wegen von Attraktion zu Attraktion, bis meiner kleinen Tochter Silke plötzlich der gasgefüllte Luftballon aus dem Händchen flutschte. Da war es aus mit dem Vergnügen im Tivoli!

Was ich damals noch nicht wusste:

Tivoli,  Synonym für verschiedenste Vergnügungseinrichtungen, hat seinen Ursprung in dem gleichnamigen Ort 35 km östlich von Rom.

In der Antike hieß Tivoli allerdings noch Tibur, woran heute die Metrostation Tiburtina und der Straßenname Via Tiburtina erinnern. In dieses malerisch gelegene Städtchen am Aniene-Fluss zog es Kaiser, Kardinäle und Päpste. Sie ließen sich prächtige Villen errichten, in denen sie den Sommer verbrachten.

In den Park der Villa Nummer 1,  der Villa Gregoriana, flüchtete einst  Papst Gregor XVI. vor der Sommerhitze in Rom. Villa Nummer 2, die Villa Adriana, gehörte Kaiser Hadrian (117-138). Villa Nummer 3 ist die Villa d´Este, in der sich Kardinal Ippolito d´Este verewigte. Zu seinem Verdruss war es dem Sohn der Lucrezia Borgia nicht gelungen, in die Fußstapfen seines Opas, Papst Alexander VI. zu treten. Dafür schuf er hier eine der schönsten barocken Gartenanlagen Europas. Sie wurde Vorbild für die nachfolgenden Gartengestalter und begeisterte auch schon Goethe und Franz Liszt, der sich von den Wasserspielen zu dem Klavierstück „Jeux d´eau a la Villa d´Este“ inspirieren ließ.

Zumindest eine dieser drei UNESCO-Weltkulturerbestätten wollen wir uns an diesem sonnigen Karsamstag ansehen.

Dazu stehen wir früh auf, denn die Reise von Lido di Ostia im Südwesten von Rom nach Tivoli im Nordosten der Capitale ist lang. Wir warten 20 Minuten an der Haltestelle in Hafennähe, dann rumpeln wir mit dem blauen Atac-Bus zum Bahnhof Lido Centro. Die Straßen hier in Italien sind wirklich eine Katastrophe!

Die Stadtbahn läuft gerade ein, als wir Binario 1 (Bahnsteig 1) betreten. Mit ihr fahren wir bis zur Metrostation Magliana. Das ist für uns die erste Möglichkeit, in die Metro B umzusteigen und damit eine gute Chance, einen Sitzplatz zu ergattern. Mit der Metro rauschen wir fast bis zur Endstation. 14 Stationen dauert das Geklapper und Gerüttel, dann sind wir in Ponte Mammolo. Am Kiosk holen wir uns Fahrkarten für einen  Cotral-Bus, der nach Tivoli fährt.

Zunächst geht es durch hässliche, vermüllte Vororte Roms hinaus aufs Land. In der Ferne sieht man schon die Hügel, auf denen auch Tivoli gebaut ist. Wir überqueren den Aniene-Fluss, der in den Tiber mündet. Immer wieder sehen wir Travertinsteinbrüche, die schon früher das Baumaterial für Rom lieferten. Die Landschaft wird allmählich hügeliger. An den grünen Hängen schimmern die silbriggrauen Olivenbäume und die frischen gelbgrünen Blätter der Weinstöcke. Bella Italia!

Im Bus werden die Haltstellen nicht angesagt. So fahren wir eine Station zu weit und müssen dann zur Piazza Garibaldi zurücklaufen. Hier ist der Eingang zum historischen Stadtkern von Tivoli, aber auch der Eingang zur Villa d´Este. Damit ist klar, welche Villa wir heute besichtigen werden.

Am Ticketschalter (Eintritt pro Person 8 Euro)herrscht wenig Andrang. Schnell stehen wir auf dem Vorhof und besichtigen dann die „Gemächer“. Alle Räume sind unmöbiliert, jedoch farbenprächtig bemalt.

Deckengemälde

Kachelboden

Aus den Fenstern und von den Balkonen bieten sich erste, verheißungsvolle Ausblicke auf die  malerische Landschaft, den Ort und den Park.

Mögen die antiken Trümmer von Rom auch noch so interessant, die Palazzos und Kirchen noch so beeindruckend sein: Mir fehlten dort zunehmend das Grün und die Frühlingsblumen.

Hier komme ich voll auf meine Kosten. Alte Bäume, dichte Hecken und grüne Rasenflächen säumen die Wege. Der Blauregen ergießt sich wie ein Wasserfall von den Mauern der Villa und wie gelbe und rote Fontänen schießen die Blüten der Tulpen und Narzissen aus den Blumenkübeln.

Der Gang durch diesen terrassierten Garten, der ein wenig an die Gärten der Alhambra erinnert, wird begleitet vom ständigen Glucksen, Perlen und Rauschen der vielen Brunnen, Wasserbecken und Fontänen.

Wasserwand

Brunnenkaskade

Wer hat, der hat!

Genau zur richtigen Zeit erreichen wir die Wasserorgel, die mehrmals täglich ein Musikstück zum Besten gibt.

Am Ende der Becken hinter den Fontänen: Die Wasserorgel

Gegen 17 Uhr verlassen wir die Villa und kehren auf der Piazza zu einem Kaffee in der Bar ein. Die beiden kleinen Mürbeteigtörtchen mit feiner Creme und Fruchtstückchen schmecken köstlich, der Kaffee ebenfalls. Und abgezockt werden wir hier auch nicht: 4,40 Euro verlangt der Kassierer im New Loft Coffee Drink and Restaurant.

Dann suchen und finden wir die Cotral-Bushaltestelle. Als der blaue Riese hält, frage ich die Busfahrerin, ob sie zur Metrostation Ponte Mammolo fährt. Etwas zögerlich sagt sie „Yes…“. Dann brettert sie los, dass die Heide kracht. Trotzdem überholen uns todesmutige Motorradfahrer auf ihrer Sturzfahrt die Hügel hinunter. Irgendwann kommt uns die Strecke nicht mehr bekannt vor. Wir fahren und fahren, jedoch offensichtlich nicht in Richtung Rom. Aber die Landschaft ist ein Genuss. Dann erreichen wir den kleinen Ort S. Vittorino südlich von Tivoli. Hier steigt ein altes, gebrechliches Mütterchen aus und wünscht allen „Bona Pasqua“. Dann fährt der Bus die gleiche Strecke wieder zurück bis fast nach Tivoli, wo er  auf die Straße nach Rom abzweigt und in Ponte Mammolo die Fahrt beendet. Das war also der Grund für das zögerliche „Yes…“ der rasanten Busfahrerin!

Gegen 19 Uhr sind wir wieder auf der Anima mea. Ein wunderschöner Ausflug, der insgesamt nur 34,80 Euro gekostet hat, liegt hinter uns. Wenn wir wieder nach Rom zurückkehren (müsste ja nach dem Besuch des Trevi-Brunnens klappen), wollen wir uns noch eine der anderen Villen in Tivoli anschauen.

Das war Spitze!

  1. Wieder ein sehr schöner Bericht… wir hatten nicht so viel Zeit in Rom, und so fahren wir mit euch noch einmal mit. 😉 Danke fürs mitnehmen und viele Grüße aus dem verregneten Rheinhessen, wo wir gerade im Weinberg stehen und uns liebend gerne nach Rom beamen würden.
    Weiterhin gute Reise…
    LG Womolix

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