09.04.2017 Wir haben ein Rad ab

Wären wir Normal-Urlauber, dann wären wir jetzt schon wieder zu Hause; denn die ersten 14 Tage in Italien sind rum. Aber Gott-sei-Dank sind wir ja nicht im Urlaub sondern reisen mit unserem zweiten Zuhause durchs Mittelmeer. Und normal sind wir schon gar nicht, denn das, was wir bisher gemacht haben, schaffen nur Bekloppte. Oder halt Segler, die sich für nichts zu schade sind, wenn es um ihr Schiff geht.

Wir sind also letztes Wochenende von der „Villa Kunterbunt“ in der Via delle Sirene per pedes einige Straßen weiter ins Vier-Sterne-Hotel „Bacelo Aran Blu“ direkt am Porto di Roma umgezogen. Die Bürgersteige in Lido di Ostia sind zwar übersät von Unebenheiten, Rissen und Löchern, doch kann das nicht der Grund dafür gewesen sein, dass sich der Käptn kurz vor dem Hotel laut fluchend über den neuen Rollkoffer der Marke „Musto“ beugte und eines der beiden Räder in die Luft hielt.

Was? Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Der Koffer, mein Geburtstagsgeschenk mit 100 l Fassungsvermögen, hatte 200 Euro gekostet und war nach nur einem Flug, einer Taxifahrt und einem kurzen Fußmarsch schon im Eimer?

Ich rollte zunächst meinen Koffer ins Hotel und eilte dann zurück. Mit vereinten Kräften trugen wir das unglückselige Gepäckstück bis zur Rezeption.

Im Zimmer wurde der Schaden genauer begutachtet. Die kleine Plastikkappe, die das Plastikrad auf dem Metallstift hält, war abgesprungen und wahrscheinlich in einem Riss, Loch oder gar Hundehaufen verschwunden. Keine Chance, den Schaden zu reparieren! Mal sehen, was die Firma AW.Niemeyer in Lübeck dazu sagen würde, denn dort hatten wir den Koffer gekauft.

Der Käptn streckte sich erschöpft auf dem blütenweißen Doppelbett aus und stellte den Fernseher an, während ich mich ins Internet einloggen und Schiffsausrüster Niemeyer eine Mail schicken wollte. Doch weder das versprochene ZDF konnte empfangen noch ein Zugang zum Internet hergestellt werden. Ähnlich wie das täglich grüßende Murmeltier tauchte nach dem Einloggen erneut die Anmeldeseite auf. Entnervt suchte ich Hilfe bei der Empfangsdame. Auch sie erhielt Grüße vom Murmeltier. Dann suchte und fand sie das Passwort des Hotels in einer Liste, gab es ein, aber: No access! Schließlich telefonierte sie mit (der übergeordneten Instanz?), erhielt ein anderes Passwort und dann: war ich drin!

Schnell zurück ins Zimmer und in die Tasten gehauen! Ein saftiger Beschwerdebrief mit angehängten Fotos und der dringenden Bitte um baldige Antwort wurde nach Lübeck geschickt. Ein Glas Rotwein und eine italienische Unterhaltungsshow, von der man kein Wort verstehen musste (die Bilder sprachen für sich) förderten die Bettschwere. Draußen donnerte und blitzte es begleitet von heftigen Regengüssen.

Am nächsten Morgen war natürlich noch keine Antwort gekommen. Also erst mal zum Frühstück. Auch eine kleine Enttäuschung! Im vergangenen Jahr hatten wir dieses Hotel ja schon einmal gebucht und waren besonders vom Frühstücksbuffet begeistert gewesen. Heute waren einige Platten schon sehr dezimiert, es gab überhaupt keinen Käse und nur Toast und Kuchen. Aber was soll´s: Spiegelei auf Toast hatten wir schon lange nicht mehr auf dem Frühstücksteller. Und Kuchen zum Nachtisch ist mal was anderes.

Dann ging es zurück aufs Zimmer: Gepäck aus dem Unglückskoffer umpacken.

Zunächst wurden unsere beiden Rucksäcke mit Schuhen und Kleidern vollgestopft. Dann kam uns ein weiteres Geburtstagsgeschenk zugute: Die geräumige, gelbe Stofftasche meiner Tochter Susanne. Klein zusammengefaltet wie eine Geldbörse entpuppte sie sich auseinandergefaltet als wahres Raumwunder, das einen Großteil der Utensilien aus dem Koffer aufnahm.

Mit Sack und Pack um die Pfützen

Bepackt wie die Esel wanderten wir dann über die nassen Straßen zur Cantiere Altamarea, wo der Käptn sofort in der Nasszelle abtauchte, während ich mich daran machte, das Deck aufzuklarieren und vom roten Saharastaub zu befreien.

Der Südwind trägt den roten Staub aus der Sahara bis nach Rom

Am Nachmittag war alles vorbereitet: Wir konnten ins Wasser. Mauro, der Chef höchstpersönlich, beförderte unsere Anima mea mit dem Kran ins nasse Element. Dann machten wir am Steg der Cantiere Altamarea fest, bauten die Kuchenbude auf und begannen, das Schiffsinnere in einen bewohnbaren Zustand zu versetzen.

Am Sonntag zogen wir vom Hotel aufs Schiff. Bis zum Abend hatten wir es geschafft, das Vorschiff mit den Betten herzurichten, aber überall stapelten sich noch Gepäckstücke, Werkzeuge und Ersatzteile. Zu allem Überfluss tropfte die neue Toilettenpumpe munter vor sich hin und war durch rein gar nichts zu stoppen. Schläuche und Schellen wurden wieder und wieder ersetzt und angezogen. Eisenwarenläden wurden auf der Suche nach passendem Werkzeug abgeklappert, um das Arbeiten in dem engen Raum zu erleichtern. Aber nichts führte zum durchschlagenden Erfolg.

Auch, als wir am Dienstag unseren Winterplatz bei Mauro verließen und zum Porto di Roma fuhren, wo wir wieder unseren alten Platz vom Vorjahr bekamen, war die Pumpe nicht dicht. Doch einem Ingenieur ist ja nichts zu schwör!

Und so rang sich der Käptn schweren Herzens dazu durch, trotz der blauen Flecken am Rumpf und der schmerzenden Kratzer an Armen und Händen, die neue Pumpe wieder auszubauen, dann die alte, gesäuberte Pumpe aus der Ersatzteilkiste zu kramen und diese wieder einzubauen. Um die Mühsal dieser Arbeit einmal anschaulich zu machen: In der gleichen Zeit schaffte ich es, sämtliche Flugroststellen an unserem „Tafelsilber“ an Deck zu entfernen sowie das gesamte Teakdeck zu schrubben!

Aber: Nun tropft es nicht mehr!!!

Bisher hatte ich nicht ein einziges Mal gekocht. Der Herd war nämlich noch nicht angeschlossen, weil wir im Herbst den alten Gasschlauch abmontiert hatten. Aus Sicherheitsgründen muss dieser von Zeit zu Zeit erneuert werden, was nun, da das Pumpenproblem gelöst war, endlich erledigt werden sollte.

Gleichzeitig sollte der „Brandschutz“ neben den Gasflammen durch Aluschienen und -platten verbessert werden. Wie alle erforderlichen Ersatzteile hatten wir auch diese Dinge in einem 30-Kilo-Paket von Deutschland aus vorgeschickt bzw. im Koffer mitgenommen. Dabei leistete uns die schwere, ebenfalls im Koffer transportierte Flex gute Dienste. Leider mit dem unliebsamen Nebeneffekt, dass die Pantry anschließend von „Silberflitter“ überzogen war, was eine neue Putzorgie zur Folge hatte. Aber der Anblick meiner schönen neuen Kochstelle tröstete mich locker darüber hinweg.

Nun glänzt er wieder!

Gestern konnten wir dann gemeinsam die restlichen Decksarbeiten erledigen: Edelstahl polieren und Gelcoat wachsen.

Der Unglückskoffer liegt vollgestopft mit allen möglichen Dingen in der Hundekoje. Die Firma Niemeyer hat inzwischen auch auf unsere Mail geantwortet: Nach Rücksprache mit „Musto“ ist es erforderlich, dass wir den Koffer vorzeigen, damit der Schaden begutachtet werden kann. Fotos sind dazu nicht ausreichend. Wir können den Koffer auch gerne per Post schicken, dann müssen wir ihn beim Heimflug nicht als (unbrauchbares) Gepäckstück aufgeben. Eine andere Lösung des Problems könne man uns nicht anbieten, man verstehe aber unseren Unmut.

Das bedeutet: Wir müssen jetzt auf unsere Kosten den Koffer auf dem Postweg nach Deutschland schicken, dann einen neuen Koffer für die Heimreise kaufen und bekommen dann (hoffentlich) im Rahmen der Garantie von Musto den kaputten Koffer ersetzt.

Da spielt es auch keine Rolle, dass wir während der Selbstbauphase unseres Schiffes und die 20 Jahre danach tausende von DM bzw. Euros bei Niemeyer gelassen haben.

Aber Törper auf der Teerhofinsel in Lübeck ist auch ein sehr schöner, gut sortierter Laden mit bester Beratung. Da sollte man in Zukunft mal öfter einkaufen gehen.

Und last but not least: Die Cantiere Altamarea (www.cnaltamarea.it) können wir nur wärmstens weiterempfehlen. Mauro und sein Sohn arbeiten professionell und sind sehr hilfsbereit. Wir haben für unser Schiff incl. raus- und reinkranen für fünf Monate 1700 Euro bezahlt. Mauro hat unsere deutschen Gasflaschen zur Füllstation gebracht und wieder an Bord geliefert (50 Euro). Sogar das 30-Kilo-Postpaket hatte man an Bord unseres aufgepallten Schiffes gehieft.

In der Cantiere Altamarea am Tiberufer

  1. Oh je, da hattet ihr wirklich Pech mit dem Rad…und es stimmt, solange es ums verkaufen geht sind alle ganz fix aber wehe hinterher gibt es eine Reklamation…dann wird’s richtig kompliziert…sitze hier gerade mit einer Fotokamera im Wert eines Kleinwagens die alles macht nur keine Fotos:-(
    Wünsch euch ab jetzt eine pechfreie Reise!
    Lieber Gruss aus HH von Jürgen

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