14.10.2016 Wir machen weiter

„Was machen wir heute?“ frage ich den Käptn, während ich im Reiseführer blättere. „Ist mir egal!“ und dann schiebt er noch – wie meist – „was du willst“ hinterher.

Ich denke nach: Heute ist Dienstag, der 4. Oktober. Ein ganz normaler Arbeitstag für die Römer. Also stürmen die schon mal nicht die Sehenswürdigkeiten. Alle Museen sind heute geöffnet. Da gehen die Touristen wenigstens nicht verstärkt in die Vatikanischen Museen, die auch montags zugänglich sind. Zudem ist schönes Wetter, da verteilen sich die Besucherströme auf drinnen und draußen. „Vielleicht sollten wir heute mal in den Vatikan gehen?“

Der Käptn ist sofort einverstanden. Schließlich ist die „Schaltzentrale Gottes“ für ihn ein Hauptgrund, Italiens Hauptstadt zu besuchen.1-img_3766

Blick über den Tiber zum Petersdom

Und so machen wir uns nach dem Frühstück auf den langen Weg mit Bus, Bahn und Metro bis zur Station Ottaviano-San Pietro. Tatsächlich ist die Metro A heute nicht ganz so überfüllt wie bei unserem Besuch am Sonntag und der Besucherstrom in Richtung Vatikanstadt ist erträglich.

Da erscheint auch schon die hohe Mauer, die den kleinsten Staat der Welt fast ganz umgibt. Außer am Übergang von der Via della Conciliazione (Straße der Versöhnung), die angelegt wurde, nachdem 1929 die Lateranverträge unterzeichnet wurden. Hier markiert lediglich eine weiße Linie den Übergang zu dem souveränen Staat, Weltkulturerbe von gerade mal 0,44 Quadratkilometern Fläche.2-img_3845

Hochzeitspaar auf der Via della Conciliazione

Wie ausgestreckte Arme recken sich die Kolonnaden des Petersplatzes dem Besucher entgegen und leiten ihn ins Zentrum der Christenheit.3-img_3838

Die  Kolonnaden

Natürlich hat sich auch heute vor der zweitgrößten Kirche der Welt eine Besucherschlange gebildet. Ja, richtig gehört: St. Peter ist nicht (mehr) die größte Kirche auf Erden. Notre-Dame de la Paix in Yamussukro (Elfenbeinküste) hat ihr den Rang abgelaufen.

Während wir uns in die Schlange einreihen und bewundernd über den beeindruckenden Platz schauen, gehen meine Gedanken zurück zu meinem ersten Rombesuch.4-img_3841

Brunnen auf dem Petersplatz

Es war in den Sommerferien 1969. Ich hatte seit einigen Monaten den Führerschein und chauffierte meine Eltern und meine Freundin Sigrid im roten Opel Kadett Coupe´ in das Land, wo die Zitronen blühn. Im Kofferraum war ein gelbes Hauszelt verstaut, das auf diversen Campingplätzen in Südtirol, am Gardasee, in Venedig und schließlich in Ancona an der Adria aufgestellt wurde. Das war auf die Dauer ganz schön lästig, weshalb wir den (irrsinnigen) Beschluss fassten, an einem einzigenTag einen Ausflug von Ancona aus quer über den italienischen Stiefel nach Rom zu machen. Allein die Anfahrt durch die Berge dauerte ewig und als wir die „Ewige Stadt“ (der Name ist allein von daher berechtigt) in der Mittagsglut erreichten, waren wir mangels einer Klimaanlage so „aufgeheizt“, dass wir regelrecht in den kühlen Petersdom flüchteten. In meinem Dumont-Reiseführer steht, dass Rom im August relativ ausgestorben ist, weil die Römer vor der Hitze an den Lido flüchten. Auch der Andrang durch auswärtige Touristen hielt sich damals noch in Grenzen. Jedenfalls gab es keine Warteschlange und auch keine Sicherheitskontrolle. Lediglich ein Schweizer Gardist am Portal stoppte mich wegen meiner entblößten Schultern. Die wurden mit einem dünnen Tüchlein bedeckt, das meine Mutter „Gott sei Dank!“ in ihrer Handtasche fand. Anschließend durften wir hinein in das gewaltige Gotteshaus.5-img_3832

Die Schweizer Garde ist das Ordnungsorgan im Vatican

Damals wie heute war ich beeindruckt von der Größe des barocken Innenraums. Alles ist gewaltig, riesig, mächtig! Für mich gibt es schönere Kirchen, doch vergegenwärtigt man sich, was sich hier im Namen Gottes geschichtlich und politisch abgespielt hat, wird man trotz des Besuchergetümmels andächtig, aber auch nachdenklich.6-img_3795

Innenraum Sankt Petri7-img_3816

Von Petrus bis Johannes Paulus

Beim Anblick der Bronzefigur des hl. Petrus reiht sich der Käptn in die Kette der Pilger ein, die den rechten Fuß des Kirchengründers anfassen wollen. Durch die vielen Berührungen ist der Fuß schon abgeflacht!8-img_3804

1300 anlässlich des ersten Heiligen Jahres von Arnolfo da Cambio geschaffen: Sankt Petrus

Gut in Erinnerung war mir von meinem ersten Dombesuch auch noch der riesige Bronzebaldachin, unter dem der Papst die Heilige Messe zelebriert. Unter dem Altar befindet sich das Grab Petri.9-img_3806

Der Bronzebaldachin

Der Blick in die riesige Kuppel ist schwindelerregend. Wer nicht unter Höhenangst leidet und fit beim Treppensteigen ist, sollte dieses 120 m hohe Meisterwerk der Architektur von Michelangelo erklimmen und die Aussicht über den Innenraum der Kirche und über Rom genießen.10-img_3810

Die Kuppel

Wir setzen uns in eine der Kapellen, vor die Ordner streng darauf achten, dass die Betenden nicht durch profanes Fotoshooting gestört werden. Ich bin weder besonders fromm noch ein eifriger Kirchgänger. Trotzdem sind Kirchen für mich in erster Linie Gotteshäuser und keine Museen. Somit sind es heilige Orte, die Respekt und Achtung verdienen. Mit dem Smartphone am „Ausleger“ durch die Kirche zu wandern und dabei selbstverliebt in die Kamera zu grinsen finde ich unangemessen und befremdlich. Es geht hier nicht mehr um ein Erinnerungsfoto an einen Ort, den ich für mich im Foto festhalten möchte, sondern darum, einen möglichst spektakulären Rahmen zur „Selbstbeweihräucherung“ zu finden. Womöglich wird zeitgleich auch noch über Facebook oder Twitter in die Welt hinausposaunt, wie „geil das hier alles ist“.

Na ja, in der Schatzkammer des Petersdoms tummeln sich nur wenige Menschen. Wahrscheinlich, weil es fünf Euro Eintritt kostet und weil man nicht fotografieren darf. Klar, die Kirche hat, wie jede mächtige Institution, Kunstschätze aller Art angehäuft. Die Vitrinen sind voll mit Gold und Silber. Aber soll man das alles einschmelzen und an die Armen dieser Welt verteilen, wie einige Besucher im Gästebuch fordern? Es sind ja schließlich einmalige Kunstwerke und gleichzeitig geschichtliche Zeitzeugen.

Es gibt jedoch ein Kunstwerk im Petersdom, bei dem sind sich sicher alle Besucher einig, dass es unantastbar und tief berührend ist. Ich spreche von der Pieta in der ersten rechten Seitenkapelle des Petersdoms. Obwohl: Auch dieses Sinnbild des Leidens und der mütterlichen Liebe, geschaffen vom grandiosen Michelangelo, muss heute durch Panzerglas geschützt werden.11-img_3824

Die Pieta

Wir verlassen den Petersdom und wandern einmal ganz um den Petersplatz herum. Immer wieder bleiben wir stehen, schauen auf die Figuren auf den Kolonnaden, auf den Obelisken, die Brunnen und die Petrusfigur. Eine Möwe hat sich keck auf sein Haupt gesetzt.12-img_3837

Lasset die Möwen zu mir kommen!

Die aktuelle Hauptperson im Vatikan – Papst Franziskus – haben wir heute nicht zu Gesicht bekommen. Doch ab sofort lässt den Käptn der Gedanke nicht los, das Osterfest 2017 in Rom zu verbringen. Eine einmalige Gelegenheit, den päpstlichen Segen „Urbi et Orbi“ (für die Stadt und den gesamten Erdkreis) „live“ zu erleben. Ich hab da so meine Bedenken: Die vollgestopfte Metro, die verschärften Sicherheitskontrollen, der Andrang der Besuchermassen….

Dann lernen wir in der Marina ein Seglerpaar aus Deutschland kennen. Charlotte und Volker sind wie wir   in Etappen von Deutschland hierher gesegelt. Sie sind noch berufstätig und nutzen jetzt während der Winterpause jede Gelegenheit, um auf ihrem Schiff zu entspannen und einen Schlag zu segeln. In einer der Bars in der Marina treffen wir uns. Heinz erzählt von seinen Plänen. Charlotte ist sofort Feuer und Flamme für Ostern in Rom. Auch Volker ist nicht abgeneigt.

Ich bin überstimmt! Widerstand zwecklos!13-img_3798

 

 

 

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