12.10.2016 – Die Schwarzfahrer

Das Wochenende ist vorbei und in Italien wird wieder gearbeitet. Also beschließen wir am Montag, dem 3. Oktober, zum Tiberkanal „Canale di Fiumicino“ zu fahren, um uns dort nach einem geeigneten Landstellplatz für den Winter umzusehen. Der Käptn ist Mitglied im Club Kreuzer- Abteilung des deutschen Seglerverbandes e.V., was unter anderem auch den Vorteil hat, dass man Informationen von anderen Mitgliedern bekommt, die in der Vergangenheit Erfahrungen mit Liegeplätzen, Häfen und Werften gesammelt haben. So besitzen wir die Adresse von zwei empfohlenen Werften, die in diesem Kanal ansässig sind.

Also fahren wir zunächst mit der Stadtbahn bis zur Endstation Piramide und steigen dann in der Metrostation Ostiense um in den „Leonardo Express„. Dieser fährt von hier aus zum Flughafen Leonardo da Vinci, von den Römern kurz „Fiumicino“ genannt, da er in direkter Nachbarschaft zum gleichnamigen Ort liegt. Nach einer halben Stunde erreichen wir den Flughafen. Eine gute Gelegenheit, sich umzusehen, denn irgendwann werden wir von hier aus nach Hause fliegen.

Im Gegensatz zu unserer Hamburger U-Bahn ist es hier so geregelt, dass man jedes Mal durch eine Schranke muss, um zum Bahnsteig zu gelangen. Man steckt seine Fahrkarte in einen Schlitz und die Schranke öffnet sich, sofern die Fahrkarte gültig ist.

Wir sind bis hierher ohne Probleme mit unserer Wochenkarte durch alle Schranken gekommen, doch am Flughafen öffnet sich die Schranke nicht. „Ist die Karte nicht mehr in Ordnung?“, denke ich und versuche es erneut, während sich hinter mir in Nullkommanichts eine Warteschlange aufbaut. In meiner Verzweiflung lasse ich die Dame hinter mir vor und quetsche mich mit ihr durch die Schranke.

Der Käptn ist nicht so „kaltblütig“ und wird prompt bei seinen vergeblichen Versuchen, per Karte durch die Schranke zu kommen, von einem Kontrolleur beobachtet, der in einer Kabine neben den Schranken Wache schiebt.

Ich werde von ihm zurückbeordert und uns wird erklärt, dass wir offensichtlich schwarz gefahren sind und jetzt eine Strafe zahlen müssen. Das kann ich überhaupt nicht verstehen, schließlich sind wir im Besitz einer gültigen Karte, haben mit ihr bisher ungehindert alle Schranken passiert und jetzt erst kommt heraus, dass die Wochenkarte nicht für den Leonardo-Express gilt. Woher sollen wir das wissen?

Der Kontrolleur zeigt auf einen Plan, der im unteren Bereich außen auf seiner Kabine aufgeklebt ist. Darauf erkennt man verschiedene Tarifzonen und ich sehe, dass er Recht hat. „Aber diesen Plan haben wir bisher noch nirgendwo gesehen!“ erkläre ich fassungslos. Auch beim Kauf der Wochenkarte im Bahnhof Ostia sahen wir weder einen Tarifplan noch wurde uns erklärt, wohin wir mit der Karte fahren können und wohin nicht. Wir gingen davon aus, dass der Flughafen von Rom auch zu Rom gehört und nicht, wie uns der Kontrolleur erklärt, zur einer anderen Gemeinde. Es hilft nichts, der Kontrolleur sagt mit strengem Ton: „The passengers have to know the rules!“ und fordert die Strafe fürs Schwarzfahren. Doch irgendwie merkt er doch, dass wir es nicht absichtlich getan haben und erklärt: „Ganz ohne Strafe kann ich Sie nicht laufen lassen. Aber für die Hälfte plus den Preis für eine Fahrt von Ostiense bis hierher wäre der Fall erledigt.“

Zähneknirschend zücke ich meine Maestrocard und zahle 58 Euro. Dafür hätten wir auch bequem mit dem Taxi nach Fiumicino fahren können!

Immerhin begleitet uns der Kontrolleur noch zum nächsten Kiosk und fragt, wohin wir nun weiterfahren wollen. „Mit dem Bus nach Fiumicino-Stadt und dann zurück nach Ostiense“, antworte ich. Der Kontrolleur übersetzt das der Dame im Kiosk und wir erhalten die entsprechenden Busfahrkarten. Dann machen wir uns auf die Suche nach den Bushaltestellen. Das totale Chaos! Keiner kann Auskunft geben, wo welcher Bus hält, klar definierte Halteplätze gibt es nicht. Durch Zufall entdecke ich in dem Gewühle der an- und abfahrenden Busse den nach Fiumicino-Stadt.

Am Ortsrand des Kanalstädtchens steigen wir aus, wandern die Straße entlang, die parallel zum Ufer verläuft und fragen uns durch zur Cantiere (ital. Werft) „3FLs.r.l„. Sie gehört zwei Brüdern. Flavio ist für die Verträge zuständig, aber gerade nicht da. Sein Bruder ruft ihn an. Während der kurzen Wartezeit schauen wir uns das Gelände an. Alles macht einen guten Eindruck. Dann notiert Flavio die Preise für das Kranen, Abspritzen, Aufpallen, den Stellplatz und die Mehrwertsteuer (22%IVA) auf ein kleines Pappkärtchen. Beiläufig erwähnt er noch, dass die Hubbrücke, durch die wir müssten, nur zweimal wöchentlich öffnet und wir rechtzeitig Bescheid sagen müssen, damit er uns die Öffnungszeiten mitteilen kann. „Okay, wir denken drüber nach und melden uns, wenn wir uns entschieden haben!“, sagen wir zum Abschied. „Aber das Unterwasserschiff möchten wir selbst streichen!“ Flavio druckst herum. „Wir werden eine Lösung finden“, meint er dann.

Jetzt haben wir wenigstens einen Preis als Anhaltspunkt für weitere Verhandlungen. Und der Preis ist wesentlich besser als der von Cantiere „BLUE srl“ im Porto di Roma. 3.068,30 Euro wollten sie für fünf Monate Winterlager, davon allein 700 Euro für „Antifouling“!

In Italien ist es nämlich nicht erlaubt, sein Unterwasserschiff selbst zu streichen. Man könnte ja durch unsachgemäßen Umgang mit der Farbe krank werden oder Schadstoffe ins Erdreich bzw. Wasser einbringen! Alles schön und gut, aber beim Anblick der vielen wilden Müllhalden, um die sich kein Mensch kümmert, kann man das nicht so ganz nachvollziehen.img_3955

Keine schönen Bilder am Rande des Vogelschutzgebiets von Ostiaimg_3956

Wir laufen weiter Richtung Stadt und überqueren die Brücke. Am anderen Ufer finden wir die Cantiere Nautico „Albula„. Auch sie erweckt einen guten Eindruck. Der Inhaber macht uns ein noch günstigeres Angebot als Flavio und erlaubt gleich, das Unterwasserschiff selbst zu pönen. Sehr sympathisch an ihm ist: Er gibt offen zu, dass es momentan ein ernstes Problem mit der Hubbrücke gibt. Sie ist defekt und macht Probleme beim Öffnen. Im Winter soll sie erneuert werden. Bis dahin muss man die Öffnung in dringenden Fällen anmelden und kann nur hoffen, dass die Brücke auch aufgeht. Notfalls müssten wir uns dann eine andere Werft suchen.

So verlockend das Angebot auch ist, ein wenig nachdenklich sind wir doch, als wir die Werft verlassen. Schließlich müssen wir langsam mal Flüge buchen. Was, wenn dann die Brücke nicht öffnet und wir nicht zum Winterliegeplatz können? Finden wir dann so schnell eine andere Werft?img_3953

Blick auf die Fußgänger-Hebebrücke und die dahinter liegende Straßen-Hebebrücke, hinter der sich rechts Fulvio´s Bootswerft und links Cantiere Nautico Albula befinden.

Inzwischen haben wir im Porto di Roma einige Bekanntschaften gemacht. Darunter auch Jürgen, der seit Jahren überwiegend auf seiner Ketch im Mittelmeer lebt und ebenfalls auf der Suche nach einem Landliegeplatz ist. Er leiht Heinz eins seiner Bordfahrräder und zusammen fahren sie zum Fiumare Grande, dem nächstliegenden Tiberarm. Dort reihen sich ebenfalls die Cantieres aneinander, aber bei einigen sieht es schon sehr abenteuerlich aus!img_3967

Hier möchten wir unser Schiff nicht überwintern lassen!

Nicht so die Cantiere Nautico „ALTAMAREA“ (www.cnaltamarea.it). Das große Gelände ist aufgeräumt und von einem hohen Zaun umgeben. Auf dem Kiesschotter stehen die Schiffe sicher aufgepallt auf stabilen Stützen. Der Travellift ist wesentlich vertrauenerweckender als die Autokräne auf den anderen Werften. Es gibt ein Häuschen mit sauberer Toilette und Waschbecken sowie Strom und Wasser. Man kann einige Tage an Bord bleiben, wenn man an Land steht. Sehr wichtig hier in dieser Gegend: Das Gelände wird auch nachts bewacht.img_3962

Sieht gut aus!img_3970

Das Angebot, das der Inhaber auf die Rückseite seiner Visitenkarte notiert, ist etwas höher als die beiden letzten. Als wir das ansprechen, erklärt er schmunzelnd:“ Klar, die Hubbrücke funktioniert ja auch nicht. Den Werften dort laufen die Kunden weg. Deshalb machen sie so niedrige Preise!“ – Klare Worte, die unseren Entschluss untermauern: Wir werden keinen Platz hinter der Hubbrücke nehmen.

Ein paar Tage später buche ich die Heimflüge bei Germanwings. Wieder einige Tage später rufe ich bei der Volvo-Vertretung in Fiumicino an. Schnell ist ein Termin zur Durchführung der ersten großen Inspektion vereinbart. Alles auf Englisch, wie auch bei den Werften. Auch wenn man uns vorher etwas anderes erzählt hatte: In Italien sprechen inzwischen viele Menschen relativ gut Englisch. So auch der Volvo-Mechaniker, der heute Morgen zusammen mit einem Gehilfen pünktlich um 10:00 Uhr anrückt. Der Salon wird mit Pappe ausgelegt. Werkzeugkoffer, Kanister, eine Riesenpapierrolle und Ersatzteile werden an Bord geschleppt. Nach knapp zwei Stunden sind Filter und Impeller gewechselt, Ölwechsel gemacht und Schrauben nachgezogen. Alle Arbeiten werden auf Englisch erklärt. Schließlich wird die Wartung im Serviceheft dokumentiert. Das ist wichtig für die Garantie!

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In Spanien wurde er eingebaut und nun in Italien gründlich inspiziert. Unser schwedischer Oscar ist ein echter Europäer!img_3949

Die Nächte sind schon recht kühl und es regnet oft. Doch heute scheint die Sonne. Da spazieren wir gleich noch einmal die 20 Minuten zur Cantiere Nautico „Altamarea“. Wir werden Ende Oktober kommen, wann, richtet sich nach dem Wetter. Aber da ist man hier ganz flexibel. Die Römer sind sehr „relaxed“. Es gibt auch kein festgelegtes Datum, wann wir die Werft verlassen müssen. Auch, wie wir bezahlen – alles im Voraus, monatlich oder alles hinterher, mit oder ohne Anzahlung – bleibt uns überlassen. „Nur eins ist sicher,“ sagt der Inhaber lächelnd zum Abschied, „ohne zu bezahlen, lassen wir euch hier nicht raus!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 responses

  1. Hallo ihr „Schwarzfahrer“. So geht es Wasserratten, wenn sie an Land gehen – „Hilflos werden Sie zu Schwarzfahrern ohne es zu wissen!“ tuscheln die Landratten 🙂

    Im Latium habt ihr den Italienischen Mülläquator schon überschritten. Das musten wir auch feststellen. Nur wenige Kilometer hinter den Regionsgrenzen der Toskana und Umbriens zum Latium tritt eine markante Häufung von achtlos entsorgtem Müll an den Straßenrändern und in der Nähe der der Ortschaftsbebauungen auf. Für uns unerklärlich.

    Wir wünschen euch noch ein paar schöne Herbsttage in der Nähe der „ewigen“ Stadt.

  2. Hallo, ihr Landratten! Ja, da haben wir leider Lehrgeld zahlen müssen. Ansonsten können wir eure guten Wünsche gut gebrauchen. Es ist schon herbstlich kühl und es regnet oft. Für heute und morgen ist auch noch Sturm mit Böen von 8 Bft angesagt. Da müssen wir wieder unser Schiff bewachen. Aber die Zeit im Wasser ist ja absehbar und wir freuen uns schon auf unser Zuhause im „Elbflorenz“.
    Liebe Grüße von den Wasserratten

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