24.07.2016 – Großes Kino

1.IMG_2521Nach einer Ankernacht in der Baie de Macinaggio 16 Seemeilen nördlich von Bastia nehmen wir am 20.07. Cap Corse in Angriff. Dort ist stets mit stärkeren Winden als an der West- oder Nordküste zu rechnen, doch heute ist davon nichts zu spüren. Gleich hinter unserem Ankerplatz passieren wir die Iles Finocchiarola mit dem markanten Turm, wo ebenfalls einige Yachten ankern. Dann steuern wir in das Fahrwasser zwischen der schroffen Ile de la Giraglia und der Nordspitze von Korsika. Hier könnte man auch in Schottland sein, so kahl präsentieren sich die Hügel an der Backbordseite.

 

 

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Iles Finocchiarola

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Ile de la Giraglia

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Cap Corse

Nun sind wir an der „wilden“ Westseite, wo der stürmische Mistral bedrohliche Wellen auftürmen kann. Vor uns liegen noch 20 Seemeilen bis zum Golf de Saint-Florent. Dort liegen viele Schiffe vor Anker, doch wir laufen um halb zwei im Hafen von Saint-Florent ein. Im Handbuch findet sich kein Hinweis auf den VHF Kanal, also können wir die Marina nicht anfunken. Doch ich entdecke eine Marinero auf einem der Pontons und rufe ihm zu, ob noch ein Platz für uns frei wäre. Während er per Funk im Hafenbüro nachfragt, kreisen wir im Hafenbecken. Dann gibt er sein Okay und lotst uns zu unserem Liegeplatz mit schönem Ausblick auf die Altstadt und nur fünf Minuten vom Hafenbüro und den Sanitäranlagen entfernt. An unserem Steg liegen fast nur italienische Yachten, meist Motorboote, die in sechs Stunden von Genua aus hierher brausen können. Im Vergleich zu ihrem Heimatland finden sie hier einen relativ preiswerten Liegeplatz und können auch noch billig tanken.

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Saint-Florent

Info zur Marina Port Saint-Florent: Sehr ordentliche Duschen und Toiletten beim Hafenbüro. Dort bekommt man auch die Duschmünze zu 2,30 Euro. Das Hafengeld betrug für uns 41,31 Euro pro Nacht, Strom und Wasser am Steg eingeschlossen. Gute Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe. Große Auswahl an Restaurants und Cafes in der kleinen, hübschen Stadt.
Wir würden gerne mindestens zwei Übernachtungen buchen, doch während der Hauptsaison vergibt man nicht reservierte Plätze nur Tag für Tag. Da der Wetterbericht für das Wochenende Gewitter mit entsprechenden Böen ankündigt, bleiben wir schließlich vier Nächte. Es kommt allerdings nicht so schlimm wie befürchtet. Außer ein paar Regentropfen und unglaublichen Wolkenwalzen, die sich über die Berge stürzen, passiert wettermäßig nicht viel. Zeit für eine kleine Wanderung ins bergige Hinterland, wo sich in der Kathedrale Santa Maria Assunta du Nebbu eine Reliquie des Heiligen Florian, Schutzheiliger der Stadt und der Feuerwehrleute, befindet. Und wo im Patrimonio die Weintrauben reifen, eine gute Lage, die nicht vor der Autofahrt durch die engen, kurvenreichen Straßen genossen werden sollte.

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Die Kathedrale

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Sankt Florian

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Im Patrimonio

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Reifende Trauben

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Zu schnell, zu voll oder beides?

Dafür erleben wir jedoch von unserem Platz aus jeden Tag ganz großes „Hafenkino“.
Direkt an der Hafenpromenade befinden sich nämlich die Anlegeplätze für die Megayachten. Es sind überwiegend Motoryachten bis zu 30 Metern Länge. Das bedeutet, sie sind dreimal so lang wie unsere Anima mea, kommen aus Hong Kong, Tenerifa, Madeira, Italien und – natürlich- aus dem „Brexit“-Land. Auf jeder dieser Yachten ist rund um die Uhr eine mehrköpfige Crew inclusive einem Kapitän im Einsatz. Die jungen, hübschen Mädels in adretten Uniformen machen beim Ab- und Anlegen mit Funkgeräten bewaffnet Fender- und Leinendienst. Vorne am Bug steht meist ein männliches Crewmitglied mit Sprechfunkgerät und gibt dem Kapitän oben am Steuerstand Rückmeldung darüber, wieviel Platz beim Rangieren noch bleibt. Beim Anlegen muss dieses Crewmitglied später die Mooring belegen. Die Eigner selbst steuern ihre Yacht eher selten selbst. So können sie sich auch nicht blamieren, wenn beim Hafenmanöver etwas schief läuft.
Normalerweise geht auch alles glatt bei den Manövern von „Golden Fight“ und „Lady Hertha“ oder wie sie sonst noch heißen. „Lady L“, die am Mittwochabend die letzte Lücke am „Mega-Steg“ belegen wollte, kam allerdings ordentlich in Bedrängnis bei ihrem gescheiterten Einparkmanöver. Wahrscheinlich war sie doch länger als 30 Meter, aber wenn der schwerreiche Eigner sich nun mal in den Kopf gesetzt hat, dass der Champagner in dem kleinen Fischlokal (mit Michelin-Eintrag) heute Abend auf den Tisch kommen soll, muss der Kapitän den Joystick bewegen, bis ihm die Schweißperlen auf der Stirn stehen. Letztendlich musste man aber wieder zurück in die (friedliche) Ankerbucht. Gut, dass es dunkel war. So blieben einem die hämischen Blicke der „kleinen Leute“ erspart.

9.IMG_2569Lady L

Nicht ganz so glimpflich kam dann gestern die „Beachouse“ davon. Auch sie wollte sich mangels anderer Gelegenheit in die gleiche unglückselige Lücke zwängen, in die auch Lady L wollte. Mehrere Marineros in ihren Schlaubooten geleiteten das große Schiff in den Hafen. Die Eignerfamilie stand schon siegessicher auf der „Terrasse“, als das Einparkmanöver startete. Entweder war der Kapitän auf diesem Schiff noch unerfahren oder er hatte schwache Nerven – oder vielleicht beides? – jedenfalls heulte der Motor, dass der Hafen erzitterte. Die Schraube wirbelte das Wasser zu einer braunen Brühe auf, aus dem Auspuff kam eine mächtige Rauchfahne und das Bugstrahlruder röhrte wie ein Hirschrudel bei der Brunft. Hin und her und her und hin wurde das Schiff bugsiert, bis es sich regelrecht verkeilt hatte. Schließlich konnte es sich doch noch Zentimeter für Zentimeter aus der misslichen Lage befreien, ohne Schaden an anderen Schiffen anzurichten. Inzwischen war schon der halbe Hafen zusammengelaufen, es wurde laut diskutiert, gelacht und fotografiert. Im Rückwärtsgang schob sich die gequälte Yacht durch die Hafeneinfahrt und ….. blieb auf der Stelle stehen! Kein Motorengeräusch war mehr zu hören. Dann ein Schrei von der „Gallionsfigur“ am Bug in Richtung Marineros, die in ihren Schlauchbooten zurückgeblieben waren. „The engine is out!“ klang es ihnen entgegen. Doch von draußen nahte die Rettung. „Leonardo“ aus Madeira kehrte von einem Badeausflug zurück und übergab ein Abschlepptau. Dann wurde „Beachouse“ weit in die Bucht hinaus gezogen, wo sie in der einbrechenden Dunkelheit vor Anker ging.

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Die verkeilte Beachouse

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Zurück in die Bucht

Wahrscheinlich blieb an diesem Abend beim Dinner der Platz des Kapitäns leer. Gut möglich, dass er postwendend entlassen wurde. Menschen, die solche vermeintliche „Traumjobs“ ausüben, sitzen ständig auf dem Schleudersitz und sind dem guten Willen ihrer Dienstherren ausgeliefert. Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass schon kleinere „Vergehen“ zum Rausschmiss führen können.

Ich bin jedenfalls froh, auf der Anima mea angeheuert zu haben. Eine Lebensstellung!

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Anima mea in der Marina Saint-Florent

    • Das ist unser „Fernseh-Ersatz“ und wenn man mal wieder vor Anker liegt, kann man sich vom Hafenkino ausruhen.
      Liebe Grüße vom schönen Korsika, das auch für das Landyachting sehr empfehlenswert ist.

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