22.07.2016 – In die hohen Berge

Gleich am nächsten Tag, es ist Sonntag, der 17.Juli, wollen wir mit der Bahn die „Königstour“ nach Ajaccio machen. An der Strecke liegt Corte, die ehemalige Hauptstadt Korsikas. Zwischen 1755 und 1769 gehörte die Stadt zum unabhängigen Teil der Insel. Der korsische Staatsmann Pascal Paoli sorgte damals für eine demokratische Verfassung, Gewaltenteilung und Volkssouveränität.
Paoli weigerte sich, mit Genua zu verhandeln. Das verkaufte im „Vertrag von Versailles“ 1768 die Insel an Frankreich, was wiederum zu Aufständen führte. Doch letztendlich fiel die Stadt wieder an Frankreich.
Corte liegt auf einem Hochplateau in 436 m Höhe inmitten der gewaltigen Berglandschaft im Innern Korsikas. Wir wollen dort einen zweistündigen Zwischenstopp einlegen und um 13.33 Uhr nach Ajaccio an der Westküste weiterfahren.
Vom Bahnhof ist es noch ein kleiner Fußmarsch bis zur Innenstadt immer Richtung Zitadelle, die wie ein Adlernest auf einem Felsen sitzt.

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Corte

Am Fuße der Stadt liegt das moderne Universitätsgebäude. Korsikas einzige Hochschule trägt den Namen des bereits erwähnten Pascal Paoli, der sie im 18. Jahrhundert gründete.

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Der Campus der Universität

Wir müssen ganz schön schnaufen in der Mittagshitze, denn es geht beständig steil bergan.
Da leuchtet mir ein goldener Brunnen entgegen, der fotografiert werden will. Während ich ihn ins rechte Licht rücken will, spüre ich etwas Weiches unter der rechten Sandale. Gleichzeitig breitet sich eine stinkende Wolke um mich aus. „Oh, Sch…..!“ Ich bin in einen riesigen, frischen Hundehaufen getreten, der nun an meiner Sohle und dem weißen Rand darüber festklebt.

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Der goldene Brunnen

Das eklige Braun lässt sich an den Kanten der Treppe nur unzureichend abstreifen. Auf der Flucht vor mir selber und dem elenden Gestank haste ich weiter hinauf zur Capella Santa Croce.

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Altar in der Capella Santa Croce

Dem Heiligen Herzen sei Dank! Neben dem Kirchlein sprudelt ein Brunnen, wo ich meine stinkende Sandale vom Hundekot befreien kann. Wieder einmal hat mich ein Korsischer Brunnen gerettet! Während der Radtour vor 37 Jahren vor dem Verdursten, jetzt vor dem Erstinken.

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Der rettende Brunnen

Aber sagt man nicht, dass ein solches Malheur Glück bringen soll? – Zuversichtlich ob der Dinge, die da kommen sollen, setzen wir unsere Stadtbesichtigung fort.
An jeder Ecke finden wir Zeugen der wechselvollen Geschichte Cortes. Die Stadt hat viel mitgemacht über die Jahrhunderte, das sieht man ihr heute noch an. Überall grüßt der Verfall, doch irgendwie hat das alles auch ein besonderes Flair. Die Franzosen sind große Meister im „Unten hui und oben pfui“. Während im oberen Teil des Hauses der Putz bröckelt und die Fensterläden windschief in den Angeln hängen, ist die untere Hauswand farbenfroh getüncht. Daran ist eine Markise angebracht, unter der Tische stehen, die einladend eingedeckt auf Kundschaft warten.

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Ganz schön mitgenommen: Der Kontrabass des Straßenmusikanten

Ganz schön rangenommen: Der Stuhl am Aussichtspunkt

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Blick über die Dächer der Stadt

Auch die Casa Arrighi de Casanova war einmal ein nobles Haus, in dem sogar zwei Jahre lang die Eltern des späteren Franzosenkaisers Napoleon lebten. Heute ist es nur noch eine fensterlose Ruine, vor deren Eingang eine moderne Sitzgruppe zum Fotoshooting animiert.

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Casa Arrighi de Casanova

Darunter steht auf dem nach ihm benannten Platz Jean-Pierre Gaffori auf einem Sockel. Als Korsika nach genuesischer Herrschaft mal wieder französisch war, eroberten die freiheitsliebenden Korsen unter ihrem Anführer Gaffori die Stadt. In der Fassade seines Hauses hinter ihm sind bis heute noch die Einschüsse der feindlichen Kanonenkugeln zu sehen.

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Place Jean-Pierre Gaffori

Ihm gegenüber steht die Kirche. Wie fast überall, setzt sie sich mit ihren makellos verputzten Mauern und dem leuchtenden Anstrich von der Umgebung ab. Zur Ehre Gottes oder weil nur noch die Kirche Geld für die Renovierung hat? Vielleicht ja beides.

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Die Kirche am Place Jean-Pierre Gaffori

Das Portal steht offen. Drinnen findet gerade eine Kindstaufe statt. Der Täufling, etwa zwei Jahre alt, interessiert sich selbst am wenigsten für die Zeremonie. Immer wieder muss er eingefangen und zum Taufbecken zurückgebracht werden. Dann hält ihn der Pate über das Taufbecken und das Taufwasser wird über den Hinterkopf gegossen. Applaus! Das kleine Christenkind wird hochgehalten und strahlt in die Runde.

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Taufe

Nun müssen wir uns aber beeilen, um den Anschlusszug nach Ajaccio zu erreichen. Schade, wir wären gerne noch ein bisschen geblieben.
Auf dem Bahnsteig warten schon eine Menge Leute. Die meisten sprechen französisch. Wir setzen uns auf eine Bank. Ich schaue mir aus Langeweile noch mal den Fahrplan an. In der Spalte über der Abfahrtszeit für unseren Zug steht st D, über allen anderen Spalten dagegen TLJ! Eine kleine Schockwelle läuft durch meinen Magen. Hastig suche ich die „Legende“! Da steht es sogar in Deutsch: TLJ = Jeden Tag; st D = außer sonntags und feiertags.Wie soll ich das dem Käptn beibringen?
Halbherzig und ohne Hoffnung auf eine Wendung des Schicksals frage ich den französischen Banknachbarn: „Sie wollen um 13:33 Uhr nach Ajaccio fahren?“ Ja, will er. Und all die anderen Wartenden auch. Leider habe ich mit meiner Frage und dem Hinweis auf die „Zeichensprache“ im Fahrplan all ihre Hoffnungen zerstreut. Der Käptn ist fassungslos, als sich der Bahnsteig zügig leert. Und wo, verflixt nochmal, bleibt jetzt das versprochene Glück???
„Aber eigentlich wollten wir doch noch länger in Corte bleiben“, versuche ich die Situation zu retten. Widerwillig fügt sich der Käptn in sein Schicksal und ist sogar bereit, jetzt einen anderen Weg zurück zur Stadt zu nehmen. Dieser führt über eine moderne Brücke über den Zusammenfluss von Restonica und Tavignano und ist nur Fußgängern vorbehalten.

 

Dann „schnaufen“ wir wieder die Treppen hinauf zur Altstadt. Nach dem kulturellen ersten Teil folgt jetzt der genussvolle zweite Teil unseres Besuchs in Corte. In der Pizzeria Chez Jo gibt es für mich eine hauchdünne, saftig belegte Pizza Margerita und für den Käptn einen „Salade Corse“ mit echtem korsischen Käse und Schinken vom schwarzen Schwein.

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Salade Corse

Zufrieden warten wir um 16:54 Uhr auf den vorletzten Zug zurück nach Bastia. Der Bahnsteig ist voller Wanderer, so dass der Zug proppenvoll seine Wackeltour durch die hohen Berge antreten muss. Doch ich erobere noch einen Sitzplatz für den Käptn und mich.

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Au revoir, ihr hohen Berge!

Ende gut, alles gut!

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