21.07.2016 Mit der Bahn nach Calvi

Am Samstag, dem 16.07., ist früh wecken. Der Zug von Bastia nach Ajaccio an der Westküste fährt um 9:41 Uhr ab. Doch vorher müssen wir noch ein Ticket kaufen und wir wissen nicht, wie lang die Schlange am Schalter sein wird. Schließlich ist ja Wochenende, da wollen vielleicht viele Wanderer in die Berge. Für Gipfelstürmer ist hier die Auswahl groß. Die gebirgigste Mittelmeerinsel hat allein 70 Gipfel über 2000 m zu bieten. Der höchste Berg, der Monte Cinto, ist 2.706 m hoch, dicht gefolgt vom Monte Rotondo mit 2.622 m.
Um 8:15 Uhr packen wir die vorbereiteten Frühstücksbrote in den Rucksack und marschieren zum Place Saint-Nicolas. Von hier führt die Av. Marechal Sebastian direkt zum Bahnhof. Bei LEONCINI – Maitre Artisan Patissier Chocolatier depuis 1893 wird wegen der köstlichen Croissants kurz abgestoppt. Kurz darauf stehen wir auch schon am Schalter und sind gleich an der Reihe. Die Wanderer sind wohl schon mit dem 7:52 Uhr-Zug in die Berge gestartet.
Wir haben unseren Liegeplatz bis Dienstag bezahlt. Also bleibt genügend Zeit für mehrere Bahnfahrten. Da lohnt es sich, den Pass Liberta zu kaufen. Für 50 Euro kann man sieben Tage lang fahren, wohin und so oft man will.

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Das alles kann man mit dem Zug erreichen

Am Bahnsteig wartet schon ein Zug. Es ist der 9:11 Uhr-Zug nach Calvi. Was sollen wir hier noch lange rumstehen? Schnell eingestiegen und ab geht es an die Nordwestküste in den Hauptort der Landschaft Balagne!

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Der Zug nach Calvi wartet schon

Wir erwischen einen schönen Platz mit gegenüberliegenden Sitzen. In der Mitte ist ein Tisch. Darauf lässt sich gemütlich frühstücken.
Das gleiche Abteil an der anderen Seite des Gangs hat eine schwedische Familie besetzt. Mutter, Vater und zwei hochgewachsene, halbwüchsige Söhne haben dort Platz genommen. Auf ihrem Tisch steht eine große Einkaufstasche.
Dann setzt sich der CFC (Chemin de Fer) http://www.cf-corse.fr in Bewegung. Die Schmalspurbahn mit einer Spurbreite von 1000 mm kann auf gerader Strecke 100 km/h erreichen. Der erste Teil der Strecke zwischen Bastia und Corte wurde am 1.2.1888 eröffnet. 1894 wurde sie bis Ajaccio ausgebaut. Damals zählte sie zu den modernsten Bahnstrecken überhaupt. Diese Hauptlinie ist insgesamt 158 km lang. Bei einer maximalen Steigung von 3% werden 930 Höhenmeter zurückgelegt.
Die Ostküstenlinie von Bastia nach Bonfacio wurde 1935 fertiggestellt. 1943 wurde sie von deutschen Truppen auf dem Rückweg von Afrika zerstört. Die Deutschen leisteten gründliche Arbeit: Alle Brücken, alle Tunnel, fünf Bahnhöfe, 15 Lokomotiven und 230 Eisenbahnwagen fielen ihnen zum Opfer. Danach wurde die Strecke nicht wiederhergestellt. Sie ist heute teilweise Straße, Wanderweg oder Fahrradweg.
Wir wollen aber heute über Ponte Leccia und Ile Rousse nach Calvi. Der erste Teil der Strecke bis Casamozza ist ziemlich unspektakulär. Die schwedischen Jungs schauen lieber auf ihre Smartphones. Die Mutter kramt aus der Einkaufstasche eine Packung Kekse hervor, die in Windeseile von den Söhnen vertilgt werden. Hinter Casamozza geht es zügig in die grünen Berge. Hin und wieder geht es auch durch einen Berg – es gibt insgesamt 36 Tunnel -, dann wieder zwängt sich die Bahn zwischen Steilwänden hindurch, während sich aufgescheuchte Rebhuhnküken an den Felsen festkrallen. Oft genug geht es beim Blick aus dem Fenster steil den Abgrund hinunter! Was, wenn eins von den halbwilden korsischen Schweinen aus dem Steineichenwäldchen auf die Gleise läuft und der Zug aus den Schienen springt?
Beim Anblick der Berge, der Täler und Schluchten ziehen die schwedischen Nachbarn große Plastikbehälter mit Salat aus der Einkaufstasche. Als alles aufgegessen ist, wandert der Vater mit einem ordentlichen Packen Müll durch den Zug und sucht einen Mülleimer. Wir futtern unsere Weintrauben und freuen uns über die sprudelnden Gebirgsbäche. In der Ferne sehen wir den Monte Cinto, auf dessen Gipfel noch einige Schneeflecken leuchten.
Gegen 12 Uhr sehen wir wieder das Meer, das die roten Felsen von Ile Rousse umspült. Die schwedische Mutter und der ältere Sohn finden noch ein belegtes Baguettebrötchen in der Einkaufstasche, dann halten wir in Calvi.
Vom Bahnhof aus ist es nicht weit zum Hafen. Von der Uferpromenade aus blicken wir auf den Golf von Calvi, der von hohen Bergen umrahmt wird. Wir wandern zur Zitadelle.

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Blick auf die Zitadelle

Dort steht ein Denkmal für Christoph Columbus. Angeblich wurde er in der Zitadelle geboren. Könnte sein, denn Calvi gehörte lange zur Seerepublik Genua. Doch es gibt auch andere Städte in Italien, Spanien und Portugal, die Columbus als Sohn ihrer Stadt vermarkten.
Fakt ist jedoch, dass nach dem Verlust der französischen Gebiete in Nordafrika seit 1967 das „2e regiment etranger de parachutistes“ – ein Fallschirmregiment der Fremdenlegion – in Calvi stationiert ist. In der Zitadelle kann man eine interessante Ausstellung zu diesem sagenumwobenen Haufen von Haudegen aller Couleur besuchen, was sich besonders der Käptn nicht entgehen lässt.

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Ausstellung der Fremdenlegion

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Gut getarnt!

Doch das Beste ist der Blick von der Zitadelle auf den Hafen hinunter. Irgendwann in nächster Zeit werden auch wir hier festmachen.

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Blick von der Zitadelle

Es ist noch Zeit für einen kleinen Imbiss, dann müssen wir zum Bahnhof zurück. „Hello!“ grüßt jemand über die Straße hinweg zu uns herüber. Es ist Jennys Sohn mit seiner Familie. Sie sind heute in Calvi angekommen. Jenny ist an Bord geblieben, aber wir haben leider keine Zeit mehr, sie zu besuchen. Den einzigen Zug zurück nach Bastia dürfen wir nicht verpassen.
Am Bahnhof warten dementsprechend schon viele Menschen. Auch die Schweden sind dabei. Die Einkaufstasche ist für die Rückreise prall gefüllt!
Tock, tock..tock,tock hämmert der Zug seine eintönige Melodie auf die Schienen. Dabei schaukelt er gleichmäßig hin und her. Nach und nach fallen den Reisenden um uns herum die Augen zu. Auch der Käptn macht ein kurzes Nickerchen. Der CFC macht seinem Kosenamen „Train a Grande Vibration“, frei übersetzt „Wackelzug“ alle Ehre.

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In den Schlaf gewackelt.

In Ile Rousse steigt ein hagerer älterer Herr ein. Er setzt sich auf den freien Platz neben mich und schaut interessiert in die Landschaft, während ich versuche, die vorbeifliegenden Felsgrate aufs Foto zu bannen. Mit Recht kommt er wohl zu der Annahme, dass ich ein besonderes Interesse an seiner Insel haben muss. Ich gehe davon aus, dass er Korse ist, denn er erklärt mir mit großer Inbrunst, was da gerade an uns vorüberfliegt. „Desert de Agriates!“ ruft er begeistert und deutet mit dem Zeigefinger auf die felsige Mondlandschaft drüben am Meer. Und ebenso begeistert erkläre ich dem erwachten Käptn: „Das ist doch die sogenannte Wüste, die wir während unserer Radtour durchquerten!“ Damals wäre ich fast verdurstet, denn es gab über die ganze Strecke nicht einen Brunnen, an dem ich meine Wasserflasche hätte füllen können. Das Desert des Agriates ist nur zu Fuß, per Rad oder mit dem Geländewagen zugänglich. Es blüht im Frühjahr und glüht im Sommer. Meine Rettung waren damals zwei Mopedfahrer, die wir auf der Fähre kennengelernt hatten und die uns hier, kurz vor meinem Ableben, mit gefüllten Wasserflaschen entgegenkamen.

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Desert de Agriates

In Ponte Leccia müssen wir umsteigen. Der Korse fährt aber nicht weiter bis Bastia. Um 19 Uhr ist unsere erlebnisreiche Bahnfahrt beendet.

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Bergdorf im Grünen

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