04.11.2015 – Piep!

ertönt es aus der Windmesseranzeige im Cockpit. Starkwind- Alarm! Der Wind kommt mit sieben Beaufort aus Osten.  Doch reffen müssen wir heute am Abend des 1. Novembers nicht. Gott sei Dank liegen wir im geschützten Hafen. Ich koche weiter, der Käpt´n „studiert“ den  „Spiegel online“ im Schutz der Kuchenbude.

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Während wir „unten“ im Salon zu Abend essen, geht „oben“  die Piep-Show weiter. Immer schneller, immer häufiger fegen die Böen heran. Piep! Hu-u-Hu-u… faucht es  es auf und ab, dazu ertönt ein dunkles, durchdringendes Huohuohuo! Als würde jemand in einen  riesigen Flaschenhals blasen. Piep! Wie ein aufgeregtes Flatterband zischelt es ständig  sirrrr, zirrrr, sirrrr, zirrrrr im Duett mit einem pfeifenden Trirrrr, trirrrr. Piep! Zum Windorchester haben sich schon längst die schwimmenden „Hafenbewohner“ gesellt. Klack, klack, klonk, klonk schlagen die Fallen der großen Schiffe an die Masten. Piep! Kling, kling, kling, kling hämmert es auf den kleinen Booten. Piep! Anima meas Festmacherleinen ächzen abwechselnd  grrriz, grrrruz. Unser Schiff bewegt sich rhythmisch hin und her. Die Flagge am Heck steht steif wie ein Brett. Schnell reinholen, bevor sie uns samt Flaggenstock wegfliegt!

Beim Abspülen ruckt und reißt unser Schiff an den Leinen wie ein armer Gaul, der die Peitsche spürt. Der Sturm drückt das kleinere Nachbarboot an Backbord unerbittlich gegen den Rumpf. Die Fender halten zähneknirschend dagegen. Es schwankt und wankt, als wären wir in Fahrt!

Besorgt stürzen wir an Deck, überprüfen die Fender, hängen den dicken, orangen Kugelfender zwischen uns und das Motorboot an Steuerbord. Lächerlich kleine Fender hat die englische„ Saga Princess“, um die sich schon längst niemand mehr richtig zu kümmern scheint.

Dann bringen wir zur Sicherheit eine zweite Vorleine an. Der Marinero  eilt an uns vorbei, hat gerade den Steg kontrolliert, fragt, ob wir Hilfe brauchen. „Nein, danke!“ Schon rennt er zum nächsten Steg.

Die heftigen Böen stürzen sich immer schneller, immer heftiger auf alles, was ihnen in den Weg kommt. Sie reißen und zerren an den Palmen, deren Wedel wie umgeklappte Regenschirme nach Westen wehen. Ihre Stämme dagegen stehen stramm wie die Wachsoldaten. So leicht kann sie nichts erschüttern!

Kaum sind wir wieder unter die Kuchenbude geschlüpft, prasselt der erste Schauer hernieder. Am Horizont zuckt ein Blitz.

Wir setzen das Schott ein und gehen zu Bett. Ich lausche auf das Piep, auf das Heulen und Fauchen, das Klappern und Klirren, das Ächzen und Stöhnen und schlafe schließlich ein.

Ein wahnsinnig lautes Geräusch reißt mich morgens um kurz nach sechs aus einem Alptraum. Ich stürze aus der Koje, muss mich festhalten, so sehr bewegt sich unser Schiff. Durch das Schott dringt ein Dauer-Piep. Ich rufe laut nach dem Käpt´n, ziehe das Schott heraus und sehe die Acht auf der Anzeige des Windmessers. Heinz stürzt ins Cockpit, zieht sich die Regenjacke über und schlüpft hinaus an Deck.

Draußen tobt der Wahnsinn! Es donnert und blitzt, stürmt und regnet. Der Wind hat gedreht, kommt jetzt mit voller Wucht aus Südwest und drückt die „Saga Princess“  gegen unser Schiff. Den dicken, orangenen Kugelfender hat sie schon zermalmt. Weg ist er! Lediglich seine Fenderleine baumelt noch an der  Reling.

Heinz springt auf den Steg, sieht, dass ein Festmacher unserer aufdringlichen Nachbarin gerissen ist. Auch der Marinero hat es wohl schon entdeckt, eilt mit einer Ersatzleine herbei und verhindert so das Schlimmste. Im Hafenwasser schwimmt allerlei Treibgut, nur unser Fender ist nirgendwo zu entdecken. Dafür findet Heinz einen anderen Fender, der sich irgendwo losgerissen hat. Den hängt er nun an den freigewordenen Platz an unserer Reling.

Gegen Mittag zieht das Gewitter ab. Graue Wolken und einige Schäden an Gebäuden und Booten, besonders an unserem Steg, lässt es zurück. Doch unsere Anima mea hat alles heil überstanden. Wahrscheinlich nur, weil wir noch an Bord waren.

Erleichtert singe ich ihr endlich „Happy Birthday“ vor, denn heute, am 2. November, wird sie 22 Jahre alt. Der Käpt´n grinst und gibt ihr einen zärtlichen Klapps. Dann gehen wir ins Hafenbüro und bitten um einen anderen Liegeplatz mit mehr „Raum“. Die Angestellten sind sofort  zu einer Lösung bereit. „Mein Gott, so ein Unwetter! Und der spanische Wetterbericht hatte es überhaupt nicht angekündigt.“ – Ja, der spanische Wetterbericht haut leider öfters daneben. Aber unsere Grips hatten die Böen von acht Bft angesagt.

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Die Saga Princess  und ihre durchgescheuerte Festmacherleine

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Schäden an Schiffen und Gebäuden                                                                                                Wir sind eingekeilt

Doch zunächst packen wir unsere Reisetaschen. Am Abend ziehen wir ins Hotel „Cano“ um, damit wir in den nächsten beiden Tagen die Anima mea für Oscars Motoreinbau  vorbereiten können.

Wir schlafen sehr gut in der folgenden Nacht. Am Dienstag scheint auch schon wieder die Sonne und nur die gewaltige Meeresbrandung erinnert noch an das Unwetter.

Wellenreiter

 Vor dem Sturm: Diese Wellen ähneln zugerittenen Pferden. Später wurden wilde Mustangs daraus.

Nach dem Frühstück an Bord verlegen wir uns zunächst an unseren neuen Liegeplatz. Dann machen wir uns an die Arbeit. Am Tag vor dem Sturm war der Käpt´n wohlweislich in den Mast gestiegen, hatte die Windex und das defekte Topplicht abmontiert.  Diese anstrengende Kletterarbeit in 13 Meter Höhe ist also schon mal erledigt!

In 13 Meter Höhe

In 13 Meter Höhe

Noch ganz schön gelenkig für sein Alter!

Noch ganz schön gelenkig für sein Alter!

Nun wird zuerst die Bettwäsche gewaschen und getrocknet. Dann verstaue ich sie gemeinsam mit dem vakuumverpackten  Bettzeug  im Vorschiff unter den Betten. Die Matratzen werden Hochkant gestellt. Die Polster aus dem Salon und alles, was in der Hundekoje gelagert wird, wandert auf die Liegefläche ins Vorschiff, bis es bis unter die Decke vollgepackt ist. Dann wird die große Backskiste im Cockpit leergeräumt. Werkzeugkisten, Kanister und all der Krimskrams, den man so braucht auf einem Schiff, landen auf den Salonbänken. Dazwischen thront nun unser Tisch, der ebenfalls seinen Platz räumen muss. Nun hat Oscar drei Möglichkeiten, an den Motor zu kommen: von vorne über den abmontierbaren  Niedergang, von einem Zugang in der Hundekoje und von einem Zugang von der Backskiste aus.

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Wie in der Rumpelkammer: Vorschiff und Salon

Unser letztes Abendessen verzehren wir im Cockpit. Zufrieden schauen wir hinaus. Links haben wir keinen direkten Nachbarn, der uns auf den Pelz rücken könnte. Das Hausboot am Steg ist einige Meter weg und bietet sogar etwas Windschutz. Rechts liegt nur ein kleines Motorboot. Trotzdem fällt es uns schwer, Anima mea bald verlassen zu müssen. Nach jedem Jahr hängen wir mehr an ihr, mögen sie nicht alleine zurücklassen.

Ein Hausboot als Nachbar

Ein Hausboot als Nachbar

Nach dem Abspülen nehme ich mir noch den Teppich vor. Knapp sieben Monate haben ihre Laufspuren hinterlassen. Er wird gründlich abgesaugt und mit Teppichschaum bearbeitet. Nun kann er die Nacht über trocknen.  Dann geht es wieder ins Hotel. Der Käpt´n ist froh, als er im Bett liegt. Er hat Ohren- und Kopfschmerzen, muss zu Hause dringend einen Arzt aufsuchen. Das macht ihm den Abschied hoffentlich etwas leichter!

Dann kommt der Mittwoch. Wir haben den 4. November, strahlend blauen Himmel mit weißen Wolken und 26° C im Schiff.

Der Teppich ist gut durchgetrocknet und kann abgesaugt werden. Dann wird er zusammengerollt und verstaut. Nun geht es an die Frischwassertanks.

Wir haben im letzten Jahr immer wieder mit Algenbildung in den Schläuchen zu kämpfen gehabt. Kleine, schwarze Schleimklümpchen lösten sich regelmäßig beim Wasserpumpen. Dann entdeckten wir „WM aquatec“ (www.wm-aquatec.de ), ein kleines, schwammartiges Netz mit besilberter Oberfläche. Klar, dass das ziemlich teuer  war, aber die Algen blieben aus. So weit, so gut. Aber: Als wir in die Tanks schauten, stand dort eine braun-rote Restbrühe. Genau so sehen hier viele Felsen oder Äcker aus! Offensichtlich gelingt es den Spaniern nicht, das „Erdmaterial“ ganz aus dem Süßwasser zu filtern.

Spanisches Trinkwasser

Spanisches Trinkwasser

Na ja, wegen des hohen Chlorgehalts haben wir ohnehin immer Flaschenwasser für den Kaffee genommen und „Dreck macht Speck“. Es hat uns jedenfalls nicht geschadet.

Um 16:00 Uhr kommen Oscar und sein englischer Mechaniker Simon an Bord. Sie nehmen einen Teil der Deckenverkleidung ab, um festzustellen, ob noch Kabel hineinpassen. Dann kriechen sie in die Hundekoje und in die Backskiste. Sie sind zuversichtlich, dass das neue Werk gelingen wird.

Simon schaut in die große Backskiste

Simon schaut in die große Backskiste

Oscar liegt in der Backskiste und fühlt in den Motorraum

Oscar liegt in der Backskiste und fühlt in den Motorraum

Im Motorraum: Rechts Oscar, links Simon

Im Motorraum: Rechts Oscar, links Simon

Gleich werden wir noch sechs Liter besten spanischen Weinessig in unseren Fäkaltank pumpen. Der Urinstein dort hat jetzt sechs Monate Zeit, sich aufzulösen. Noch scheint die Sonne ins Cockpit. Wir warten, bis sie hinter dem Hausboot versinkt. Dann gehen wir ein letztes Mal zu „Mercadona“, um ein paar Mitbringsel für die Lieben daheim zu besorgen. Wir haben die 20 Kilo Gepäck, die wir bereits bei „Ryanair“ angemeldet haben, noch nicht ausgenutzt. Da geht noch was!

Heute Abend essen wir auswärts, dann schauen wir noch Bayern gegen Arsenal. Egal, wer gewinnt, wir sind für beide. Sind mittlerweile ja schon kosmopolitisch!

Morgen um 13:00 Uhr nehmen wir den Bus nach Alicante und fliegen um 16:45 Uhr direktemang nach Hamburg. Grauer November: Wir kommen!

Genau so ist Spanien!

Hasta pronto!

 

 

 

 

 

 

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