39°51´02N – 0°04´01 W , Burriananova Club de Mar Dienstag, den 21.07.2015 – zwischen Stadt und Sticks

Im Schatten des Großsegels sitze ich auf dem Deck der Anima mea. Der Fahrtwind ist angenehm kühl. Im Schiffsleib arbeitet das „eiserne Segel“ mit monotonem Brummton. Das beängstigende Klappern dringt nicht bis hierher!

Das riesige, blaue Wesen, auf dem wir nach Norden reiten, gurgelt und zischt, während der Schiffsbug  eine Kerbe in den gewölbten Buckel schneidet.

Das Wesen muss sehr alt sein! Seine Cellophanhaut ist übersät von riffeligen Fältchen. Während es atmet, wandert die Luft in rollenden Bewegungen unter der Haut hindurch zum nahen Ufer. Dort ziehen grau-grüne Bergketten an uns vorbei. Die Hitze hat sie in dicke, milchige Dunstschleier gehüllt.

Zwischen Bergen und Sandstrand türmen sich die Hochhausblöcke wie riesige, bunte Legosteine. Die Farbe macht sie auch nicht schöner! Lieber nach vorne schauen, wo der Buckel mit dem Horizont verschmilzt!

Im Cockpit steht der Käpt´n im prallen Sonnenlicht.  Langsam verschwindet Denia hinter der Hecksee. 16 Seemeilen weiter machen wir Halt in Gandia. Auch hier viele Hochhäuser für die Touristen. Keine Lust, da durchzuwandern! Im ruhigen Hafen machen wir eine Nacht Pause. Dann geht es weiter nach Valencia.

Drei Stunden muss auch heute das „eiserne Segel“ arbeiten, dann kommt endlich Wind auf. Von  zwei Bft geht es auf drei und kurz vor der Stadt sogar auf vier Windstärken. Von den drei möglichen Marinas entscheiden wir uns für „La Marina Real Juan Carlos I“.

Hier erinnert alles an Valencias glänzende Gastgeberrolle bei zwei „America´s Cup“ – Veranstaltungen. Diesen welt-ältesten Segelwettbewerb gewann im Jahre 2003 in Auckland/Neuseeland die Schweizer Rennmaschine „Alinghi“. Damit war eine 152 Jahre währende anglo-sächsische Übermacht im Segelsport gebrochen. Mangels Salzwasser im eigenen Land musste die Schweiz als Gastgeber einen Ort für die Ausrichtung des  bevorstehenden 32igsten America´s Cup finden. Aus 56 Mitbewerbern wählten die Eidgenossen Valencia, das sich mächtig ins Zeug legte.

Gründlich, wie die Schweizer sind, gewannen sie dann auch noch diesen Segelwettbewerb und mussten 2010 schon wieder Gastgeber spielen. Den 33igsten America´s Cup gewann dann jedoch „BMW Oracle“ (USA), denen es überhaupt nicht passte, schon wieder im Mittelmeer zu kämpfen, denn die Schweizer hatten sich erneut für Valencia als Austragungsort entschieden. So wurde 2013 der 34igste America´s Cup in den Gewässern vor San Francisko ausgetragen.

Erinnerung auf Schritt und Tritt

                                                                                           Gullideckel: Erinnerung auf Schritt und Tritt

Playa de Las Arenas

Von der Sandburg am Strand „Las Arenas“ fällt der Blick auf das Riesenrad in der Marina Real Juan Carlos I

Nicht nur, dass die neue Marina „Real Juan Carlos I“ entstand, sondern auch die futuristische Ciudad de las Artes y las Ciencias wurde erschaffen.  Die „Stadt der Wissenschaften und der Künste“ wurde von Santiago Calatrava entworfen und umfasst die vier Komponenten „Hemisferic“ (IMAX-Kino), das „Museo de las Ciencias“ (Wissenschaftsmuseum), den „Palau de les Arts“ (Konzert- und Opernhaus), die „Agora“ (Mehrzweckhalle für Modeschauen, Konzerte und Sportevents) und das „Oceanografic“ (Europas größtes Meeresaquarium).

Wir könnten auch per Metro, Bus oder Straßenbahn zu Valencias Sehenswürdigkeiten gelangen, doch wir entscheiden uns mal wieder für die eigenen Füße als Fortbewegungsmittel. „Nur was man sich erläuft, hat man wirklich gesehen!“ ist die Devise.

Durch das trockengelegte Flussbett des „Turia“ geht es durch die „Jardines del Turia“ zu dieser beeindruckenden Ansammlung moderner Gebäude. Der Fluss wurde übrigens nach einer schweren Überschwemmung umgeleitet, die Brücken über das alte Flussbett blieben stehen. So wandern wir durch die grüne, schattige Lunge Valencias zu den strahlenden Bauten zwischen den mit Mosaiksteinchen bedeckten Wasserbecken.

Museo de las Siencias

Hinter dem Spielplatz: Museo de las Siencias

Hemisferic

Hemisferic mit Umbracle (ein erhöhter Fußweg mit Palmen)

Agora

Die Agora, ebenfalls mit Mosaik belegt, hinter einer weißen Brückenkonstruktion

Ich habe schon einige Aquarien gesehen. Sehr eindrucksvoll fand ich das in Plymouth. Aber auch bei Hagenbeck in Hamburg kann man eine tolle Unterwasserwelt bestaunen. Doch dieses Universum aus Seen und Inseln mit den riesigen Becken voller bunter Meeresbewohner ist unschlagbar!

Im größten Aquarium von Europa

Im größten Aquarium von Europa

Seepferdchen im Anemonenbeet

Seepferdchen im Anemonenbeet

Pinienzapfen-Fisch

Pinienzapfen-Fisch

Sogar Belugas drehen hier ihre Runden!

Beluga

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Delphinshow muss sein

Löffler

Rosa Löffler im „Feuchtgebiet“

Wenn man von hier aus weiter durch die Gärten des Turia wandert, gelangt man zur Altstadt von Valencia. Alt ist Valencia wirklich!

Brücke in Jardines del Turia

Brücke in den Jardines del Turia

138 v. C. gründete der römische Konsul Decimus Junius Brutus Callaicus die Stadt. Danach herrschten hier die Westgoten, die Araber, die Amiriden und Dhun-Numiden („Taifa-Königreiche“). 1094 eroberte der kastilische Adelige El Cid die Stadt, dann entrissen die Mauren seiner Witwe das „Privat-Königreich“. 1238 wurden die dann allerdings von König Jakob I von Aragonien vertrieben. Die Stadt gewann an Bedeutung und Wirtschaftsmacht. Heute ist Valencia die drittgrößte Stadt Spaniens.  Der Altstadtkern ist jedoch  überschaubar  mit den Hauptsehenswürdigkeiten Kathedrale, Lonja  de Seda, dem Mercado Central sowie diversen Palacios, Kirchen und Museen.

Die Kathedrale Valencia mit dem achteckigen Glockenturm "El Miguelete"

Die Kathedrale Valencia mit dem achteckigen Glockenturm „El Miguelete“

Madonna mit dem Kind

In der Kathedrale: Madonna mit dem Kind

Nach einem alten Brauch beten hier die schwangeren Frauen von Valencia um Gesundheit für ihr Kind. Nach dem Gebet umwandern sie,  passend zur Dauer einer Schwangerschaft, den Innenraum der Kathedrale neunmal.

Die Kanzel des Hl. Vicent

Die Kanzel des Vicent Ferrer

Dieser Bischof von Valencia wurde heiliggesprochen. Ein unversehrter Arm wird als Reliquie in der Kirche aufbewahrt.

Der Heilige Kelch

Der Heilige Kelch

Dieser Achat-Kelch aus dem 1. Jhd. v. C. ist der größte Schatz der Kathedrale. Nach der Legende benutzte ihn Jesus Christus beim letzten Abendmahl. Über Rom und Saragossa kam er nach Valencia in die Capilla de Santo Caliz (Kapelle des Heiligen Kelchs).

In der Lonja de Seda (Seidenbörse) aus dem 15. Jahrhundert bewundern wir vor allem den kunstvoll verlegten Steinfußboden und die goldbemalte Holzdecke.

Die Lonja de Seda

Die Lonja de Seda

Die Tür zum Obergeschoss der Lonja

Blick durch die Tür zum prächtigen Saal im Obergeschoss

Der Fußboden im Obergeschoss der Lonja

Ein Meisterwerk der Fliesenleger!

Doch auch die Fassade des Gebäudes bietet viel! Unzählige kleine Steinwesen krallen sich an den Mauern fest, grinsen auf das Publikum hinunter und führen dabei allerlei Böses im Schilde. Man darf ihnen nicht zu nahe kommen beim Fotografieren!

Ich bin der kleine, fiese Drache!

Einer von vielen: Der kleine, fiese Drache

Nach so viel Kultur fordert der Magen seine Rechte! Durst haben wir ja immer bei den Temperaturen und so suchen wir uns ein Plätzchen im Tapasrestaurant gleich neben der Lonja. Die vorzüglichen Häppchen werden von einem Niederländer auf den Tisch gebracht. Er stöhnt über die schwüle Wärme und prophezeit ein „Donnerwetter“. Wir wollen das nicht glauben. Doch kaum sitzen wir unter dem Sonnenschirm, geht es tatsächlich los mit Donner, Blitz und Regen.

Tapas variadas: Aioli con Pan, Albondigas, Queso, Jamon, Gazpacho, Tortilla

Tapas variadas: Aioli con Pan, Albondigas, Queso, Jamon, Gazpacho, Tortilla

Mit den Tapas und einer Unterhaltung mit einem jungen Paar am Nebentisch (geboren in Russland, aufgewachsen in Portugal, jetzt wohnhaft in Nürnberg) vergeht  die Wartezeit wie im Fluge. Dann wartet schon das nächste Event!

Es ist wieder mal „Fiesta“ angesagt! Hier heißt es allerdings „Fira“, denn in Valencia wird katalanisch gesprochen. Wie der Name „Fira de Juliol“schon sagt, wird einen ganzen Monat lang gefeiert. Und heute ist die „Gran Nit de Juliol“, der Höhepunkt der Feierlichkeit. Auf 15 Seiten werden in einem kleinen Programmheft alle Darbietungen aufgezählt.

Die Juli-Feier

Wir gehen zum Rathausmarkt. Vor der Bühne finden wir Platz in der ersten Reihe  und schauen uns die spritzige Tanzveranstaltung von „Folclore Valencia“ an. Begleitet vom Orchester und zwei Sängerinnen legt die Tanzgruppe eine schmissige Sohle auf´s Parkett. Die Damen tragen prächtige Trachten mit strahlend-weißen Brustbändern und bunten Röcken. Sie haben eine irre Kondition, tanzen temperamentvoll zu Bolero und Co. und klappern rhythmisch mit den Kastagnetten. Die Herren stehen ihnen in nichts nach. Hacke, Spitze, Hacke, Spitze, drehn, drehn, drehn! So geht es in einem fort. Und die Bermuda-Shorts wurde übrigens auch in Spanien erfunden, wie das Bildmaterial eindeutig beweist!

Folclore Valencia

Folclore Valencia

Die Anmut!

Die Anmut in Person!

Tanz mit Castanetten

Klappern gehört zum Handwerk

Wir streifen durch die Straßen, bis es dunkel wird. 5 ½ Kilometer sind es bis zum Hafen, doch allein sind wir nicht zu der späten Stunde. Ganz Valencia ist auf den Beinen, mit Kind und Kegel ist man bis spät in die Nacht unterwegs. Quengelnde Kinder sieht man selten. Sie sind das Nachtleben gewöhnt und genießen es, dabei zu sein. Als wir an Bord zurück sind, haben wir uns beide eine Blase gelaufen. Dann knallt und zischt es schon wieder! Das große Feuerwerk über dem Strand wird abgefackelt. Klar, nichts geht hier ohne Pyrotechnik!

Am nächsten Tag wird uns Ostwind versprochen. Wir legen ab. Doch der Wind macht dem Wetterbericht einen Strich durch die Rechnung. Es bleibt bei Nordost, 26,7 lange Seemeilen lang bis Burriana.

Hier sind wir wieder „in the sticks“, wie es unser englischer Freund Nick nennt. Wir würden dazu „Hintertupfingen“ sagen. Doch der „Burrinanova Club de Mar“ bietet viel Platz zu Schleuderpreisen (13 Euro!), saubere Duschen und einen nahen Supermarkt. Und besseres Internet als die Metropole Valencia. In dem Punkt ist eher dort „in the sticks“.

Eine Antwort

  1. Hallo Ihr Zwei,
    liebe Grüße aus Kerteminde. Ordentlich Wind und fürs Wochenende mal wieder Boen von 8 und Regen vorhergesagt. So geht er dahin, der Jahresurlaub 2015. Wenn ich in Rente bin, machen wir es wie Ihr.
    Liebe Grüße,
    Crew der SY Squall

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