38°30.459´N – 0°13.157´W Villajoyosa, den 03.07.15 – Stürmische Zeiten

Eine neue Woche beginnt. Wir wollen endlich etwas anderes sehen und werfen in Torrevieja die Leinen los. Zuerst geht es zur Tankstelle. Der Tankwart spricht deutsch. Als gebürtiger Bremer kam er als achtjähriges Kind nach Spanien, wo er nun seit 29 Jahren lebt. Seine ein Jahr ältere Schwester Anke habe ich schon an der Rezeption im Hafenbüro kennengelernt. Als wir erwähnen, dass wir in der Marina Salinas überwintern wollen, gibt uns der junge Mann ein paar gute Tipps für die sichersten Hafenplätze und die Winter-Mooring:

Mindestens einen Meter vom Steg entfernt sollte das Schiff liegen. Ruckfender aus Stahl sind unabdinglich. Ein Platz ohne Nachbarschiffe sollte angestrebt werden. Was die im Sturm anrichten können, haben wir ja bereits leidvoll in Plymouth erleben müssen!

Dann erfahren wir auch noch, dass ein Weltmeister im Küstenrudern vor uns steht! Vor zwei Jahren hat er sich den Titel im Öresund geholt.

Es ist bereits elf Uhr, als wir die Tankstelle verlassen. Nach einer halben Stunde Motorfahrt ziehen wir die Segel hoch. Alicante liegt genau in Windrichtung. Deshalb  segeln wir zunächst neun Meilen mit Kurs  90° und können dann hoch am Wind unserem  Ziel entgegenlaufen. Mit wenig Welle und Windstärke vier ist es Segeln wie im Bilderbuch. Und unser Motor kann sich sieben Stunden lang ausruhen!

Alicante hat zwei Marinas: Club Nautico Alicante und Marina Alicante. Beide sehen sehr voll aus. Wir machen am Wartesteg der Marina Alicante fest. Die erste Frage an der Rezeption: „Haben Sie reserviert?“ Leider nicht! Aber für ein „kleines“ Schiff ist doch noch ein Plätzchen frei. Sogar mit Burgblick und Aussicht auf das Feuerwerk, das am heutigen Abend die Feierlichkeiten rund um das Johannisfest (Sankt Juan, 24.06.) beschließt.

Marina Alicante bei Nacht

Unser Blick aus dem Cockpit: Castillo de Santa Barbara in Alicante bei Nacht

2.IMG_1243Feuerwerk

 

4.IMG_1303

In den Marinas von Alicante liegt „der Reichtum“. Teure Megayachten aus Spanien und England haben hier an der Mooring oder am „Finger“ festgemacht. Auf den Betonstegen parken die Autos der Eigner direkt neben der Yacht. Billig ist es hier nicht! Immerhin bezahlen wir für unsere 9,87 m pro Nacht 34,59 Euro. Dazu kommen noch 3,50 Euro für drei Tage Internet an Bord. Ich könnte auch kostenlos im Marinabüro surfen, doch bis dahin ist es ein weiter Weg in dieser weitläufigen Anlage. Schön, dass sich das Sanitärgebäude nur ein paar Schritte entfernt auf dem Betonsteg zwischen den parkenden Autos befindet.

Am nächsten Morgen bläst es heftig aus Nordost. Macht nichts, wir wollen ohnehin bleiben. Am Strand „El Postiguet“ finden den Aufzug, der uns zur mittelalterlichen Festung „Castillo de Santa Barbara“ hinauf befördert. 166 Meter über der Stadt eröffnet sich ein grandioser Blick über die Stadt, die Berge, die Häfen und das Meer.

Alicante

Alicante

Alicante

Wir streifen durch die verschiedenen Gebäude, betrachten die archäologischen Funde, die von der frühen Besiedelung dieser Stätte erzählen. Auch die Menschen von Alicante, ob adelig oder von einfachem Stand, werden gewürdigt. Da hängen die Wappen der vielen Adelsgeschlechter gleichberechtigt neben den alten Schwarz-Weiß-Fotos der „kleinen Leute“ an den Wänden und erzählen vom Einfluss der Einwohner auf die Geschichte der Stadt. Jeder hat hier seinen Platz, jeder ist wichtig und wertvoll. Wie die kleinen Tonscherben, die als Wandbild verarbeitet  ein „Hingucker“ sind!

 

Drei Damen aus Alicante

Schwarz auf Weiß: Drei reizende Damen aus Alicante

Fundstücke

Das Scherbenbild

Ritter Gillimouse

Es ist wieder mal sehr heiß geworden. Über 30°C zeigt das Thermometer! Ich denke an Anke aus Torrevieja. „Im August wird es noch schlimmer. Dann ist die Luft heiß und feucht. Daran habe ich mich nach all den Jahren nicht gewöhnt,“ hatte sie mir erzählt. Meine Füße haben jetzt schon ein Problem mit der Hitze. Wenn ich sitze oder stehe, schwellen sie an. Nur Laufen hilft. Also wandern wir den Burgberg hinunter in die Altstadt. In ihren lebhaften Gassen finden wir einen Supermarkt. Vor allem Wasser steht auf unserem Einkaufszettel. Ob in Bewegung oder nicht: Wir sind ständig schweißgebadet und trinken wie die Kamele in der Oase. Zu Hause musste sich der Käpt´n regelrecht  zwingen, ein Glas Wasser zu trinken. Hier ist „Agua con Gas“ zu seinem absoluten Lieblingsgetränk geworden.

Nach zwei Nächten wollen wir unser tolles Segelerlebnis vom Montag wiederholen. Heute nehmen wir Villajoyosa kurz vor Benidorm in Angriff. Mittlerweile habe ich drei Quellen, um mich zur aktuellen Wetterlage zu informieren: Die altbewährten Zy-Gribs, die mehr für´s „Grobe“ taugen und zwei spanische Wetterportale, die auch das Küstenwetter berücksichtigen. Bis auf geringfügige Abweichungen bezüglich der Windrichtung sind sich alle drei einig:

Heute Windstärke drei, später zunehmend auf 4 Bft.

Bis zum Cabo de la Huerta  motoren wir etwa fünf Meilen gegen den Wind durch das relativ ruhige Wasser in Bahia de Alicante. Am Kap wird die See grober. Der Motor soll sich nicht quälen. Deshalb heißt es jetzt: Segel setzen und kreuzen! Ein guter Plan, der leider nicht aufgeht. Die Wellen sind stärker als der Wind. Wir trimmen die Segel, so gut es geht und können den Kurs trotzdem nicht halten. Woher kommt nur diese starke See? Irgendwo da draußen muss kräftiger Wind blasen, der diese Wellen erzeugt! – Wir bergen die Genua, lassen das Großsegel stehen und schmeißen schweren Herzens  das eiserne Segel an. Klappernd aber tapfer arbeitet  der Motor im Schiffsbauch. Anima mea wühlt sich voran. – Wind und Welle nehmen zu. Noch zehn Meilen bis Villajoyosa. Wir schielen zur Windmessanzeige. Da war doch gerade eine „Fünf“ zu sehen? Na ja, eine Böe eben. Das Spiel wiederholt sich, die „Fünf“ steht bald wie festgenagelt. Die Wellen werden höher. Wir müssen „Gas geben“, um durchzukommen. „Wie viele Meilen noch?“ fragt der Käpt´n in regelmäßigen Abständen. Nun blitzt eine „Sechs“ auf der Anzeige auf! Das gibt´s doch nicht! Richtig hohe Wellen rollen von der Seite heran, dahinter schauen die Hochhäuser von Benidorm alias „Klein Manhattan“ hervor. „Wie viele Meilen noch?“ presst der Käpt´n hervor, die Pinne fest im Griff. Noch fünf! Also noch eine knappe Stunde, denn mit dem gesetzten Großsegel machen wir jetzt über sechs Knoten Fahrt. Doch eine Stunde kann unendlich lang sein und unendlich viele Nerven kosten! – Der Käpt´n steuert die Wellen aus. Trotzdem kommt die eine oder andere „über“. Wir erhalten mehrere  24 Grad warme Salzwasserduschen. Doch was erblicken da meine salzwassergeröteten Augen? Eine „Sieben“! Sch…wetterbericht!!! – Anima mea kommt fürchterlich ins Rollen. Das passiert ihr nur selten! Was, wenn jetzt der Motor ausfällt? – Doch er lässt uns nicht im Stich, auch nicht, als die „Sieben“ bleibt und wir im Wellengebirge das Groß bergen müssen. Dann sind wir auch schon im schützenden Hafen, kreisen ein paar Runden, bis ich alle Festmacher angebracht habe. Der Marinero hat uns entdeckt, lotst uns zu einem Platz im Innenhafen. „Mucho viento!“ ruft er mir immer wieder zu, als er beim Festmachen hilft.

Dann will ich die Papiere aus dem Kartentisch holen und ins Hafenbüro gehen. Aber vorher noch schnell auf´s Klo! Dafür war da draußen nämlich keine Zeit. – Alles schwimmt! Die Handtücher tropfen am Haken, die Klopapierrolle ist ein wassergetränkter Klumpen. Die Luke steht offen! Dann der Blick ins Vorschiff: Matratzen und Bettzeug sind durchnässt. Der Behälter mit den Aktenordnern, dem Drucker und der Kamera ist abgestürzt. Ich fass´ es nicht! Auch hier steht die Luke offen. Wie die Anfänger!!! Bei ruhigem Wetter los, für Durchzug gesorgt und dann an nichts mehr gedacht. Der Käpt´n schaut genauso bedröppelt drein wie seine Matratze! Die muss zuerst raus in die Sonne, noch bevor die Anmeldeformalitäten erledigt werden, sonst wird es eine feucht-warme Nacht.

Die Wäscheleinen werden gespannt, alles wird nach draußen gezerrt. Dann mahnt der Marinero zur Anmeldung. Der kann ja nicht ahnen, was wir da angestellt haben! – Wir sind dankbar für die Gluthitze! Alles hat eben zwei Seiten… Am Abend ist bis auf die Papiere im Aktenordner wieder alles trocken. Nun muss ich noch die Betten frisch beziehen und alles mit Süßwasser reinigen. Strafe muss sein! – Bei der Gelegenheit räume ich auch die wassergetränkten Badezimmerschränke aus. Und was kommt jetzt schon wieder? Kakerlakendreck! Eine Putzorgie wird vom Stapel gelassen. Anschließend streue ich Giftpuder in alle Ritzen.

Aktentrockner

Aktentrockner

Am Abend höre ich im Bad das vertraute Knuspern aus dem Schiffsbauch. Seit Lagos ist es da, wenn es ganz still ist. Weidende Fische, die unser Unterwasserschiff beknabbern, ist unsere Theorie. Am nächsten Morgen greife ich verschlafen zur Wasserflasche im Gemüsefach. Iiiiih! Im Waschbecken liegt eine Schabe auf dem Rücken, zappelt sterbend mit ihren sechs Beinen. Der Käpt´n macht mal wieder den Totengräber und befördert sie ins Wasser. Also wirken unsere „Mittelchen“! Nachmittags nehme ich mir ein Sitzkissen aus der Hundekoje. Darunter: Ein Schabe, die sich bereits in ihre Einzelteile zerlegt hat! Mit Kehrblech und Handfeger wird sie sorgfältig entfernt.

Heute, am Freitag, bläst ein etwas kühlerer Wind. Allerdings wieder mit fünf Bft und aus Nordost. Wir spazieren am Strand entlang zur bunten Altstadt von Villajoyosa. Welche Wohltat! Ein Ort mit ursprünglicher Bebauung, die nun alle Ansichtskarten ziert. Wir glauben dem Wetterbericht, der bis Montag keine Veränderung ansagt und verlängern unseren Aufenthalt. Ist ja hier immerhin 43 Cent billiger als in Alicante! Für den Gewinn werden neue Kakerlaken-Köder besorgt!

Die bunten Häuser von Villa Joyosa

Die bunten Häuser von Villa Joyosa

Hallo Nick und Jakob! Die bauen wir auf Mallorca nach!

Hallo Nick und Jakob! Die bauen wir auf Mallorca nach!

Der Strand von Villa Joyosa

Der Strand von Villajoyosa

In unserem Knusperhäuschen ist es ruhig geworden. Waren wohl doch keine weidenden Fische. Eher gefräßige Küchenschaben….

 

 

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