18.06.14 – Lezardrieux

So ist das beim Segeln: Manche Orte will man gar nicht ansteuern, und plötzlich ist man doch da! Das gilt für Lezardrieux am Riviere de Trieux, wo wir vorgestern nach einer sehr ungemütlichen Fahrt im tidenunabhängigen Hafen festgemacht haben.

Eigentlich hatten wir eher am Freitag, dem 13. 06. mit Pech beim Segeln gerechnet. Doch die Reise von Saint Malo vorbei am „wilden“ Cap Frehel quer über die Baie de Saint-Brieuc nach St-Quay-Portrieux verlief ohne Zwischenfälle.DSCF9114

 Der Leuchtturm auf Cap Frehel

Auch St-Quay-Portrieux kann gezeitenunabhängig jederzeit angelaufen werden. Es ist ein moderner, sehr gepflegter Fünf-Anker-Hafen (höchster Standard) mit vorbildlichen Einrichtungen (Müllentsorgung, Sanitäranlagen, Restaurants) und – im Gegensatz zu Saint Malo – ausgesprochen hilfsbereitem und freundlichem Hafenpersonal.

Die 26 Euro Hafengebühr plus zwei Euro für die sieben-Minuten-Dusche waren durchaus angemessen für all den Komfort. Wir mussten noch nicht einmal das Hafenbüro aufsuchen , sondern konnten von Bord aus bezahlen, denn der Hafenmeister kam per Schlauchboot vorbei, bot an, zu kassieren, gab uns den Code für das Sanitärgebäude und den Internetzugang.

St Quay Portrieux

Der Hafen von St.-Quay-Portrieux

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 Die Küste bei St.-Quay-Portrieux bei Ebbe

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 Die Aktivitäten der örtlichen Segelschule sorgen für viel Leben auf dem Wasser

Neben uns lag ein knapp neun Meter langes Boot , darauf ein junger, dunkelhaariger Mann. Am Achterstag flatterte die kanadische Flagge. Wir kamen ins Gespräch, und es stellte sich heraus, dass er zwar Spanier war, das Boot aber von Kanada (Quebec) aus über Grönland nach Irland gesegelt hatte. Und zwar einhand! Er gab uns noch ein paar Tipps für Spaniens Nordküste und legte mit dem ablaufenden Wasser in Richtung England ab. Ach ja! Das Boot hatte er im letzten Winter in Grönland gelassen, war dann nach Hause zurück geflogen, weil er auch mal Geld verdienen musste und hatte die Reise in diesem Jahr fortgesetzt. Im Gegensatz zu uns war seinem Boot im Winterlager nichts passiert, obwohl es in Grönland gar keine richtigen Häfen gibt, wie er sagte.

Das kann man vom Yacht Haven in Plymouth nun wirklich nicht behaupten. Ein Hafen mit allem Drum und dran, rund um die Uhr bewacht, aber trotzdem nicht absolut sicher. Dieser Meinung waren auch die beiden netten Gentlemen auf einer englischen Amel, die eine Box weiter lagen. Sie kamen doch tatsächlich aus „unserem“ Hafen in Plymouth. Die diesjährige Segelsaison wollten sie in Frankreich verbringen und das Schiff danach hier im Winterlager lassen, um nächstes Jahr Spanien zu erkunden. Den Winter verbringen sie stets auf Zypern. Sie segelten am nächsten Tag zur Ile de Brehat und hofften, uns bald wiederzusehen, um mehr über das Segeln auf der Ostsee zu erfahren. Später traf noch eine Familie mit zwei kleinen Kindern ein. Sie waren aus der Nähe von Stuttgart und wollten, so wie wir, nach Treguier weitersegeln.

Doch daran war zunächst nicht zu denken. Der kalte Nordostwind blies immer heftiger und so beschlossen wir erstmal, im wenige hundert Meter entfernten Supermarkt einzukaufen. Da er wegen der Mittagspause – sie ist den Bretonen heilig – noch geschlossen war, vertrieben wir uns die Wartezeit in der Creperie nebenan.

Crepe mit Honig und Zitrone

Crepe mit Honig und Zitrone

Am nächsten und am übernächsten Tag blies der Nordost weiter. Doch der Wetterbericht versprach für den 16. Juni östlicheren Wind mit 4 Bf, in Böen 5 Bf. So entschlossen wir uns, nach Treguier zu segeln. Es war mal wieder Springtide, doch anfangs war von der erwarteten Strömung nichts zu spüren. Zwischen den vielen Flachs und Felsen vor dem Hafen war die See sehr ruppig und der Wind eher nördlich als östlich. Mit Motorhilfe bolzten wir durchs Wasser, bis wir einen günstigeren Kurs anlegen konnten. Hoch am Wind ging es immer schneller Richtung Westen. Schließlich mussten wir das Großsegel reffen. Schon tauchte die Ile de Brehat vor uns auf, die wir an Backbord passieren wollten. Doch der Wind, er blies jetzt ständig mit fünf Bf, fiel immer vorlicher ein. Trotzdem schossen wir wegen der Strömung mit über acht Knoten durchs Wasser! Vor uns sahen wir die brechenden Seen links und rechts von der engen Passage, durch die wir jetzt gleich segeln mussten. Doch dazu hätten wir noch höher an den Wind gehen müssen, was nicht mehr möglich war.

So entschlossen wir uns, den Kurs zu ändern. Wir wendeten und liefen vor dem Wind an der Ostseite der Ile de Brehac mit Südkurs nach Lezardrieux. Kräftige Wellen schoben uns an der rötlichen Granitküste mit den bizarren Felsformationen vorbei.

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Die Ile de Brehat mit ihren rosafarbenen Granitfelsen gehört schon zur Cote de Granit Rose

Und so landeten wir hier in Lezardrieux statt in Treguier. Wir bezahlen hier ebenfalls täglich 26 Euro Hafengeld plus 40 Cent Kurtaxe, haben allerdings statt einer Fünf-Anker-Hafendusche/-toilette ein relativ schäbiges Loch für Männlein und Weiblein gemeinsam, da das „Herrenhäuschen“ gesperrt ist. Das Duschen kostet ebenfalls zwei Euro. Es dauert acht Minuten, dafür läuft allerdings nur ein Rinnsal in die Duschtasse.

Zum Ortskern sind es etwa 400 Meter Fußmarsch. Man kommt dabei an der hübschen Kirche mit einem Kalvarienberg (Calvaire) vorbei. Hier beginnt die Einkaufsstraße mit diversen Geschäften, darunter auch einem wunderbaren Bäcker, wo man Schlange steht, um frisches Brot und köstlichen bretonischen Apfelkuchen zu kaufen. Am Ende der Straße findet man schließlich den Supermarche. Zur Ehre der schönen Bretagne und ihrer mit Recht stolzen Bewohner erstanden wir hier neben den notwendigen Lebensmitteln auch eine kleine bretonische Flagge, die nun unter der französischen Gastflagge flattert.

Kalvarienberg in Lezardrieux

 Der Kalvarienberg an der Kirche von Lezardrieux

Da in Frankreich keine Wasserschläuche auf den Bootsstegen vorhanden sind, kauften wir auf dem Rückweg beim Yachtausrüster noch einen „Gardena“-Schlauch für „Camping und Boot“. Er ist 20 m lang. Das ist schon nötig, damit man immer an die Wasserhähne auf den Stegen andocken kann. Der Schlauch besteht aus einem stoffartigen Gewebe, das sehr platzsparend auf einen Halter aufgewickelt wird. Über 80 Euro kostete uns dieses neue Souvenir. Die Anschaffung war jedoch unbedingt notwendig, damit der Kapitän statt des zeitraubenden Befüllens des Wassertanks mit Kanistern auch wieder Muße zum Wandern hat. Im Nu war der Tank voll, und eine schöne Wanderung am Ufer des Trieux konnte beginnen.

Die bretonische Flagge ist gehisst!

 Die bretonische Flagge wurde gehisst, die Schlauchbootverpackung wird von Bord gebracht.

Wir sind ja hier im Lande der Feinschmecker Europas, was sich auf unserer Wanderung durch Wald und Flur mehrfach bestätigte. So kamen wir immer wieder an Artischockenfeldern vorbei, wo das köstliche Distelgemüse vom Setzling bis zur erntereifen Frucht zu bestaunen ist.

Artichocke auf den Feldern bei Lezardrieux

 Fotogenes Gemüse: Die Artischocke

Am Ufer des Riviere de Trieux sahen wir dem Austernzüchter und seiner Frau bei der Arbeit zu.

Austernzüchter bei der Arbeit

Die Austernzüchter bei der Arbeit

Und schließlich entdeckten wir, dass Bretonen offensichtlich Bananen aus eigenem Anbau genießen können.

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 Bananenstaude mit Blüte vor rosa Granit, dem Baumaterial für die Häuser dieser Gegend.

Auf einer gemähten Wiese im Schutz eines Wäldchens mit Kiefern und Esskastanien, die hier in großen Mengen wachsen, machten wir schließlich eine Pause, bei der unserer bretonischer Apfelkuchen den Weg alles Irdischen gehen musste. Er war himmlisch!!!

So himmlisch wie der Blick auf den Fluss:

Wanderung am Riviere de Trieux

Blick auf den Riviere de Trieux

Ja, die Bretagne ist ein Fest für alle Sinne! Der Anblick der roten Klippen, das Pfeifen des Windes, das Gurgeln des auflaufenden Wassers zwischen den Schiffen und Pontons, die duftenden Sommerblumen in den Gärten, der Geschmack des Cidre aus dem Tal der Rance (mein Favorit!) oder die kleinen, würzigen Miesmuscheln, die der Kapitän gestern Abend im Bar/Restaurant „Yacht“ am Hafen mit Genuss verputzt hat, während ich die bisher besten „Chips and Fish“ auf dem Teller hatte.

Heute haben wir beim Checken unserer Emails endlich good news von Nick und Marjorie erfahren. Seit Jersey hatten wir nichts mehr von ihnen gehört, obwohl wir mehrere SMS an sie geschickt hatten und sogar versucht haben sie anzurufen. Nun wissen wir, dass sie eine neue Telefonnummer haben und zur Zeit in Delfzijl auf besseren Wind warten. Auch sie kommen nicht gegen den Nordwind an! Sie haben dort mit einem niederländischen Seglerpaar über ihre Pläne gesprochen, wobei herauskam, dass der Hafen Großenbroder Fähre zu ihren Favoriten zählt. Hallo, liebe Familie Koch. Ihr seid also über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt und beliebt!

Morgen hoffen wir, doch noch nach Treguier zu kommen. Wenn der Wind auf Ost dreht! Aber schön, dass er uns auch nach Lezardrieux geweht hat.

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