04.05.2014 – Mit Bus und Bahn durch Devon

„Na, arbeitest du gerade an deinem Meisterstück?“ fragte Heinz, als er am vergangenen Montagabend mir gegenüber am Tisch im Salon sitzend kurz von seinem Kindle aufblickte, während ich im Internet unterwegs war und eifrig Abfahrts- und Ankunftszeiten notierte.

Mein Meisterstück:

1. Mein Meisterstück

Am nächsten Morgen brachen wir dann bei schönem Wetter um 10.00 Uhr zu unserer großen Devon-Tour auf. Mit dem „First Day Ticket“ ging es vom Hafen nach Plymouth Breton Side Bus Station. Dort stiegen wir in den Stagecoach X 38 nach Exeter um.

Da wir die Warteschlange anführten, ergatterten wir im Doppeldecker oben die vorderen Plätze,  um mit bestem Ausblick durch die Frontscheibe die schöne Fahrt durch Devons grüne Hügellandschaft entlang des Dartmoors zu genießen. Die gut 1 ½ stündige Fahrt verging wie im Flug.

In Exeter gingen wir zunächst zum Touristenbüro, um nachzufragen, ob wir hier Bahntickets für die „Tarka-Line“ nach Barnstaple buchen könnten. Die nette Dame meinte, das müssten wir selbst im Bahnhof erledigen, sie versicherte uns aber, dass diese Fahrt wirklich „very beautifull“ sei. Als wir dann meinten, dass wir uns vorher noch die Kathedrale anschauen wollten, überreichte sie uns einen Flyer mit Gutschein , mit dem wir beide für ein Eintrittsgeld die Kirche besichtigen durften.

Und dann bekommen wir ja auch noch den „Senior“-Bonus! So waren wir schließlich mit nur vier Pfund dabei! Da nahmen wir dann auch gerne die deutschsprachige, sehr informative Broschüre für ein Pfund obendrauf.

Schon von außen beeindruckt die Kirche durch ihre reich verzierte Fassade mit den beiden normannischen Türmen.

2. Die Kathedrale von Exeter

Das Innere der „St. Peter“ Kathedrale aber ist überwältigend!3. Das Gewölbe mit Orgel
Mit 100 Metern hat sie das längste Kirchenschiff der Welt und damit auch weltweit das längste zusammenhängende gotische Deckengewölbe von einzigartiger Harmonie. Unzählige, beeindruckend gestaltete Grabstätten kirchlicher Würdenträger und weltlicher Herrscher kann man hier bestaunen. Beeindruckend ist aber auch der Chor mit dem 18 Meter hohen Bischofsstuhl, dem geschnitzten Chorgestühl und der imposanten Orgel, die gerade restauriert wird. Als ich einen gerade anwesenden Orgelbauer zu den Orgelpfeifen befragte, meinte er, diese hier erzeuge einen Ton, der wie ein Wal klinge:

5. Klingt wie ein Wal! 6. Grabstätte

8. Die steinerne Kanzel u. die Osterkerze

So verbrachten wir fast die gesamten 1 ½ Stunden Aufenthalt in diesem einmaligen Kirchenbau, zumal es draußen (völlig unplanmäßig) die ganze Zeit regnete. Als wir uns schweren Herzens von dieser Pracht verabschiedeten, schien schon wieder die Sonne und wir wanderten zum Bahnhof. Um 14.17 Uhr stiegen wir in den letzten Wagon der Tarka-Linie. Hier konnten wir zum Lunch unsere riesigen Sandwiches verspeisen, die wir am Bahnhof bei einer deutschen Studentin im Kiosk ihrer spanisch sprechenden Schwester gekauft hatten. (Ich vermute, es handelte sich um eine sogenannte Patchwork-Familie).

8. Die Tarka-Line 9. Lunch

Wieso aber wird dieser Zug „Tarka-Line“ genannt? Dazu steht folgendes in unserem Devon-Cornwall-Reiseführer: „ North Devons Tarka Line (65 km lang) , Tarka-Trail (ein 300 km langer Wanderweg) und Tarka Country beziehen sich auf Henry Williamsons Roman Tarka der Otter. Das 1927 erschienene Buch erzählt von den Abenteuern eines jungen Otters in der schönen Landschaft von North Devon – „ dem Land der zwei Flüsse“. 1979 wurde der Tierroman mit Peter Ustinov als Erzähler verfilmt.“

So lernten wir also die feuchte Heimat des kleinen Otters kennen, indem wir immer wieder Ausblicke auf den River Taw und die daran angrenzenden Wiesen und Wälder erhaschen konnten. Bei dieser flotten Zugfahrt war es allerdings ganz schön schwierig, die Landschaft in scharfen Bildern einzufangen:

10. Blick aus dem Zugfenster

Wer mehr über die Eisenbahnstrecken dieser Gegend erfahren möchte, kann sich hier informieren: www.steamrailwaylines.co.uk und www.nationalrail.co.uk

Um 15.35 Uhr kamen wir in Barnstaple an der Mündung des Taw an.

Über die alte Brücke erreichten wir diesen bereits im 10. Jahrhundert als wichtig erwähnten Ort, der im 12. Jahrhundert Stadtrechte erhielt und 1428 königlicher Hafen wurde. Vom 14. – 16. Jahrhundert wurde von hier aus Wolle und Töpferware bis nach Amerika exportiert sowie Tabak, Gewürze und Wein importiert. 1642 wurde die Entwicklung der Stadt durch den „Civil War“ unterbrochen. Durch den Bau der Eisenbahnlinie mauserte sich Barnstaple später zum beliebten Seebad.

12. Die Brücke in Barnstaple

Mehr durch Zufall fanden wir die erste der beiden Kirchen von Barnstaple mit ihrem wildwüchsigen Friedhof. Ein Meer von Glockenblumen umspülte die windschiefen, alten Grabsteine. Dazwischen zwei geköpfte Engelstatuen! Dieser scheinbar vergessene Ort nahm kuriose Züge an, als die Grabesstille plötzlich von einem sturzbetrunken heranwankenden Mann unterbrochen wurde. In den höchsten Tönen krächzte er eine undefinierbare Melodie und taumelte dann an uns vorbei den schmalen Pfad hinunter. Dann verschwand er hinter der Mauer.13. Der Friedhofs-Pfad 14. Glockenblumen-Meer

Dann bummelten wir in die belebtere alte Innenstadt von Barnstaple mit ihrer zweiten Kirche. Beim Fotografieren machte mich eine vorbeikommende Lady darauf aufmerksam, dass sich der Kirchturm umso mehr nach links neige je mehr man sich von ihm entferne. Stimmte wirklich!15. Der schiefe Turm von Barnstaple

Wer weiß, um wieviel Uhr das Foto geschossen wurde?16. Die Sonnenuhr

Lösung: Um 17:10 Uhr

In Devons berühmtesten „Pannier Market“ (ein überdachter Markt) wurde schon abgeräumt, aber in einem der benachbarten kleinen Läden erstand ich noch ein frisches Baguette und bekam – „end of the day“ – ein zweites dazu geschenkt. Im nächsten Geschäft fanden sich zwei kleine Quiches und im letzten Lädchen die ersten frischen englische Erdbeeren, an denen ich zuerst schnuppern musste, bevor sie mir für 2,50 Pfund überreicht wurden.

Die Köstlichkeiten standen dann später auf unserem Abendbrottisch :17. Köstlichkeiten aus Barnstaple

Nun war es aber Zeit, zum Busbahnhof zu gehen, um mit dem letzten „Beacon-Bus“ nach Tavistock zu fahren. Leider war es für uns zu kompliziert und zeitlich nicht möglich, die wunderschöne Umgebung mit den Bilderbuchdörfern Clovelly und Appledore näher zu erkunden. Doch der Bus streifte zumindest einen Teil von Appeldore und nahm dann eine Strecke, die zum Highlight des Tages wurde. Bergauf und bergab, über kleine Brücken und durch schmale, heckengesäumte Sträßchen kurvte uns der freundliche Busfahrer immer dicht am wilden Dartmoor mit seinen schroffen, kahlen Höhen entlang. Wer sich für die deutschen Mittelgebirge begeistern kann, der ist hier genau richtig, obwohl es ein Dartmoor natürlich nur hier zu bestaunen gibt. Fotos konnte ich leider nicht schießen, da die Scheiben von einem zarten braunen Staubschleier überzogen waren, was die Augen allerdings wirkungsvoll gegen das gleißende Sonnenlicht schützte.

Irgendwann in der Mitte der über zwei Stunden dauernden Fahrt saßen wir allein im Bus. In Tavistock angekommen bedankten wir uns für den tollen Trip, was den Busdriver sichtlich freute. Nebenan wartete schon der Anschlussbus nach Plymouth , danach brachte uns der First-Bus nach Mount Batten. Gegen 22:00 Uhr waren wir zufrieden und glücklich in unserem schwimmenden Zuhause.

Seitdem sind unsere Gedanken und Tätigkeiten überwiegend auf die Abreise gerichtet. Robin, unser sehr sorgfältig arbeitende Bootsbauer, ist sogar gestern (am Samstag) extra gekommen, um den Süllrand weiter zu reparieren, bis ihn dann seine Frau zum „barbecue“ nach Hause rief. Endlich ist mal am Wochenende schönes Wetter! Auch heute Nachmittag (Sonntag) will Robin wiederkommen, denn morgen ist hier „Bankholiday“, ein Feiertag, an dem nicht gearbeitet wird.

Heinz hat die neue Wasserpumpe eingebaut. War ganz schön schwierig und obendrein ´ne schöne Schweinerei, als das ganze Kühlwasser in die Bilge lief. Aber die Pumpe passt! Ob alles funktioniert, wird sich am Dienstag zeigen, denn wir warten noch auf eine neue Dieselleitung und können deshalb den Motor noch nicht starten.

Ich habe mich derweil mit Gezeitenströmen und Tidentabellen befasst. Am Donnerstag ist Nipptide. Um diese Zeit herum läuft das Wasser nicht so hoch auf, entsprechend gemäßigter fallen die Gezeitenströme aus. Die folgende Woche wäre insofern gut geeignet, um die Kanalinsel Guernsey anzusteuern. Allerdings muss das Wetter auch passen! Daher beobachte ich jeden Tag unsere Grip files, die leider schon wieder ein umfangreiches Tiefdrucksystem ankündigen. Hoffentlich zieht es schnell durch, damit wir spätestens Ende der kommenden Woche aufbrechen können.

Drückt uns bitte die Daumen, ihr sonnenverwöhnten Germans!